Kapitel 39

Sie hatten ihren Stammplatz ganz hinten am Fenster bekommen und AJ fühlte sich rundum wohl und zufrieden. Wie er Rachel prophezeit hatte, freuten sich alle sie wieder zu sehen, auch wenn Kevin sie ein wenig zu lange an sich gedrückt hielt und ihr irgendetwas ins Ohr flüsterte, woraufhin sie ernst nickte. Kevin hatte gelächelt, ihr einen sanften Kuss auf die Wange gedrückt und sie dann in Nicks Arme geschoben, der bereits ganz zappelig darauf wartete, sie begrüßen zu können.
Die erste Aufregung hatte sich inzwischen gelegt, die Bestellungen für das Essen waren aufgegeben und sie saßen entspannt vor ihren Getränken. Mit halben Ohr hörte er zu, wie Nick Rachel von seinen letzten Schandtaten erzählte. Irgendwie kamen die Worte “Hurrican” und “Spaß” darin vor und AJ wollte lieber nicht genauer nachfragen, was Nick nun schon wieder angestellt hatte.
Er fragte sich, wann wohl der geeignete Zeitpunkt sei, die Tour anzusprechen und wie immer kam im Kevin zu Hilfe.
“Wenn ich das richtig verstanden habe, wolltest du uns doch irgendetwas wichtiges mitteilen, oder?” fragte er und selbst Nick hielt in seiner Unterhaltung inne.
“Uhm … ähm … ,” AJ räusperte sich und ballte die Fäuste unter dem Tisch. Sollte er es wirklich sagen? War es wirklich eine gute Idee die Tour fortzusetzen und wieder in den alten Trott zurück zu kehren?
Er fühlte eine Hand, die sich unter dem Tisch über seine legte und als er aufsah, lächelte ihm Rachel aufmunternd zu.
“Also gut,” nickte er schließlich. “Ich habe mich dazu entschlossen, die Tour wieder aufzunehmen. Vorausgesetzt, ihr habt nichts dagegen.”
Er wartete mit angehaltenem Atem auf eine Reaktion seiner Freunde, doch diese blieb erst einmal aus. Schweigen breitete sich aus und alle schienen ihn ausgiebig zu mustern, was ihn wiederrum noch nervöser machte, als er sowieso schon war.
“Bist du dir wirklich sicher?” fragte Howie schließlich nach. “Ich meine … ich könnte verstehen, wenn du noch eine Weile brauchst.”
“Ja, wir haben mit Johnny gesprochen,” meldete sich nun auch Nick zu Wort. “Er meinte, er könnte die Leute noch eine Weile hinhalten, wenn es dir nicht so gut geht.”
AJ senkte den Blick. Er wußte nicht so genau, ob er sich über die Besorgnis seiner Freunde freuen sollte. Auf der einen Seite war es wirklich großartig von ihnen, dass sie seine Gesundheit und sein Wohlergehen vor das der Band stellten, andererseits wurde er das Gefühl nicht los, dass sie ihm nicht zutrauten, sich wieder auf eine Bühne zu stellen, was ihn auf eine schwer zu erklärende Art wütend machte.
“Und wenn ich euch sage, dass ich mich durchaus fit genug fühle?”
“Du solltest vielleicht bedenken, dass du vor nicht einmal fünf Wochen ein Wrack gewesen bist,” sagte Kevin ruhig. “Wir möchten nicht, dass du dich zu schnell wieder in den ganzen Trubel stürzt und vielleicht … nun ja … ,”
“Rückfällig wirst,” vollendete AJ seinen Satz. “Sag es ruhig. Aber das ändert nichts an meiner Entscheidung. Ich möchte das gerne tun. Ich möchte wieder zurück zur Musik. Sie fehlt mir. Ihr fehlt mir.”
“Und was meinst du?” wandte sich Kevin unvermittelt an Rachel.
Sie zuckte zusammen und AJ sah, wie sie die Lippen kurz aufeinander presste, bevor sie ruhig und bedächtig antwortete.
“Ich denke, AJ muß selbst wissen, was er sich zutraut und was nicht. Wenn er sagt, dass er sich fit genug für die Tour fühlt, solltet ihr ihm jede Unterstützung geben die er braucht und euch darüber freuen.”
Eine kurze Pause entstand nach ihren Worten, dann nickte Kevin bedächtig. “Weise gesprochen,” sagte er und ein Lächeln erstrahlte auf seinem Gesicht. “Na dann … ,” er hob sein Glas und hielt es in die Höhe. “Willkommen zurück.”
“Ja, willkommen zurück,” sagten die anderen vier im Chor. Die Spannung entlud sich mit dem vielfachen Gläserklirren und einem befreienden Lachen der Anwesenden und AJ war der Meinung, sich schon lange nicht mehr so vollkommen gefühlt zu haben.
In diesem Moment schrie Rachel neben ihm urplötzlich auf und sprang so schnell von ihrem Stuhl, dass er nach hinten geschleudert wurde und krachend zu Boden fiel.
“Was ist los?” fragte AJ bestürzt, schnellte ebenfalls in die Höhe und trat neben sie.
Sie hatte sich zusammen gekrümmt und hielt sich den Arm. Ihr Gesicht war schneeweiß geworden und Tränen des Schmerzes glitzerten in ihren Augenwinkeln.
“Rachel?” fragte AJ krank vor Sorge und legte ihr einen Arm um die Schulter. Die anderen waren ebenfalls aufgestanden und umringten sie nun, die Gesichter voller Besorgnis.
“Warum?” brüllte sie plötzlich voller Wut und richtete den Blick Richtung Zimmerdecke. “Warum verdammt noch mal tust du mir das an? Es ist doch noch viel zu früh!”
“Rachel, sag mir sofort was los ist,” forderte AJ, dessen Herz inzwischen wie ein Vorschlagfammer in seiner Brust hämmerte. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.
Doch statt ihm eine Antwort zu geben riss sie sich unvermittelt von ihm los und taumelte los in Richtung Ausgang. Immer wieder stieß sie gegen die Wand, ein Spiegel ging klirrend zu Boden, aufgeregtes Gemurmel erhob sich in dem kleinen Lokal, während Rachel offensichtlich versuchte, die Balance nicht vollends zu verlieren.
AJ hastete hinter ihr her, fasste sie am Arm und bemühte sich, sie irgenwie hinaus aus dem Lokal zu führen. Tränen rannen über Rachels Gesicht und als sein Blick weiter nach unten wanderte, wurde ihm plötzlich eiskalt.
Da war Blut. Jede Menge Blut sogar. Es floss in beunruhigend großen Mengen von Rachels Fingern hinunter auf den Boden und malte einen wilden Zickzack-Kurs durch das halbe Lokal.
“Rachel, rede mit mir!” forderte er erneut.
“Ich muß gehen,” presste sie zwischen ihren zusammengebissenen Zähnen hervor.
“Wie … wie meinst du …” Doch er mußte die Frage nicht wirklich zu Ende stellen.
Plötzlich blieb sie schwankend stehen, ihren Arm immer noch fest an ihren Bauch gepresst. Mitterweile waren sowohl ihr T-Shirt als auch ihre Jeans blutgetränkt und in AJs Kehle ballte sich ein Kloß von den Ausmaßen eines Medizinballs zusammen.
Ihre großen, blauen Augen hefteten sich auf ihn. Aus ihrem Gesicht war sämtliche Farbe gewichen, selbst ihre Lippen schienen blutleer zu sein.
“Hilf mir,” flüsterte sie und er fühlte, wie sei neben ihm gefährlich zu schwanken begann.
Plötzlich tauchte Kevin an seiner Seite auf.
“Der Krankenwagen ist unterwegs,” sagte er. “Wir sollten sie irgendwo hinlegen.”
In diesem Moment sackte Rachel in AJs Armen zusammen.
“Hey, hey, hey,” sagte AJ, der sich mit ihr in die Knie sinken lies. Von irgendwo her wurde ihm ein Kissen und ein Handtuch gereicht.
Er schob das Kissen unter Rachels Kopf, nahm dann ihren Arm und zog ihr vorsichtig die Stulpen aus.
Sein Magen drehte eine schmerzhafte Piourette, als er die klaffende Wunde sah, die sich von ihrem Handgelenk bis fast hinauf zu ihrem Ellenbogen zog. Das Blut ströhmte in Sturzbächen aus ihrem Körper und noch während er verzweifelt das Handtuch um ihren Arm schlang wußte er, dass er sie nicht würde retten können. Ihr Leben zerrann ihm buchstäblich zwischen seinen zitternden Fingern.
Er fühlte eine Hand auf seiner Schulter und als er aufsah, stand Kevin über ihm und Tränen rannen über seine Wangen. “Engel können nicht ewig unter den Lebenden wandeln,” flüsterte er und schüttelte dann den Kopf, als könne er es immer noch nicht glauben.
“NEIN, das werde ich nicht zulassen” begehrte AJ auf, schüttelte seinen Freund ab und beugte sich tief zu Rachel hinunter. “Der Krankenwagen ist gleich da mein Schatz. Dann wird alles wieder gut. Wir werden gemeinsam alt werden und jede Menge Babys bekommen und … ,”
Eine blutige Hand, die sich sanft auf seinen Unterarm legte, stoppte seinen Redefluss.
“Es ist zu spät,” flüsterte sie. “Ich muß gehen. Ich … ,” sie hustete und rang danach sekundelang nach Atem.
“Nein,” flüsterte AJ und begann hemmungslos zu schluchzen. “Nein, nein, nein. Er darf dich mir nicht wegnehmen. Ich habe doch … ,”
“AJ,” hörte er erneut ihre Stimme, doch sie klang, als gehörte sie einer vollkommen fremden Person. “Hör mir zu. Ich liebe dich. Hörst du mich?”
Er nickte, weil er nicht mehr in der Lage war, auch nur noch ein Wort heraus zu bekommen.
“Denk daran, was du mir versprochen hast. Werde glücklich, hörst du?”
“Ich …,”
Erneut verzog sich ihr Gesicht vor unvorstellbaren Schmerzen, dann entspannte sie sich ganz langsam.
“Küss mich,” flüsterte sie.
Er schüttelte in vollkommendem Unverständnis den Kopf, während in seinem Körper ein unvorstellbarere Schmerz tobte. Sanft strich er ihr über die Wange, bevor er sich zu ihr hinunter beugte und seine Lippen unendlich zärtlich auf ihre presste.
Ihr Mund fühlte sich eiskalt an und sie schien größte Mühe damit zu haben, seinen Kuss zu erwidern. Sie brachte lediglich ein kaum merkliches Zucken ihrer Lippen zustande, doch er war der Meinung, noch nie einen ähnlich intensiven Kuss empfangen zu haben.
Als er sich von ihr löste lag ein friedliches Lächeln auf ihrem Gesicht.
“Leb wohl,” hauchte sie, dann erschlaffte ihr Körper in seinen Armen und ihre Hand glitt langsam und beinahe sanft von seinem Arm.
Aus den Tiefen seines Seins stieg ein unkontrolliertes Stöhnen auf, dass sich von Sekunde zu Sekunde zu einem lauten, qualvollen Heulen steigerte.
Das. Leben. War. Nicht. Fair!

Kapitel 40