Kapitel 38

“Also dann, bis heute Abend,” sagte Nick.
“Ja, bis heute Abend. Ich freu mich,” entgegnete AJ und legte auf.
Jetzt hatte er wohl alle informiert und es gab kein zurück mehr. Langsam verließ er die Küche und ging zurück ins Wohnzimmer. Rachel saß auf der Couch und zappte lustlos durch die Kanäle. Wie immer wenn er sie ansah machte sein Herz einen glücklichen Satz in seiner Brust und er beeilte sich zu ihr zu kommen und sich an sie zu kuscheln.
“Und? Kommen sie?” fragte Rachel, während sie ihm sanft durchs Haar streichelte.
“Ja. Selbst Brian hat sich irgendwie frei nehmen können. Jetzt ist es also wohl beschlossene Sache.”
“Es ist erst beschlossen, wenn sie auch wissen, dass du die Tour zu Ende machen willst,” entgegnete Rachel nachsichtig und beruhigte damit ein wenig sein flatterndes Nervenkostüm.
Er lies sich tiefer in die Couch sinken und bettete seinen Kopf in ihren Schoß. Er griff nach ihrer Hand und legte sie auf seine Brust, verschlang seine Finger mit ihren, schloss dann die Augen und genoss einfach ihre Nähe in vollen Zügen.
Wieder einmal fragte er sich, ob es vielleicht doch eine Möglichkeit gab, dass sie bleiben konnte. Hatte er nicht alles dafür getan? Ihm bewiesen, wie ernst es ihm war, sich sogar bei Ihm entschuldigt und schließlich auch sein eigentliches Leben wieder aufgenommen? Dass er wieder bereit für die Tour war, war doch kein schlechtes Zeichen dafür, dass Rachel ihre Sache mehr als gut gemacht hatte, oder? Ihnen beiden stand einfach ein bißchen Glück zu.
Er dachte voraus an den heutigen Abend. Er hatte lange darüber nachgegrübelt, ob er den eventuell letzten Abend, den er mit Rachel verbringen durfte, tatsächlich mit seinen Freunden teilen sollte. Jede Sekunde die ihm mit ihr blieb war äußerst kostbar und auch nur eine davon mit anderen Gedanken oder Menschen zu verschwenden, erschien ihm am Anfang mehr als abwegig.
Inzwischen war er beinahe selbst davon überzeugt, das Richtige zu tun. Es war ihm wichtig, dass Rachel dabei war wenn er seinen Freunden verkündete, dass er wieder ganz der Alte war und seine Pflichten als Mitglied der Backstreet Boys wieder aufnehmen wollte. Außerdem, und das war ein Gedanke, der ihn mehr beunruhigte als er zugeben wollte, waren sie vielleicht ein letztes Mal alle zusammen.
Sollte Rachel morgen früh tatsächlich nicht mehr neben ihm liegen wenn er aufwachte, brauchte er jede Unterstüztung die er bekommen konnte und zusätzlich die Gewissheit, dass er mit seinen Freunden ab und an Gespräche führen konnte die mit dem Satz anfingen “Weißt du noch, damals als Rachel bei uns war …”
Er konnte sich nicht wirklich vorstellen, so bald ohne sie zu sein. Er versuchte sich zwar innerlich darauf einzustellen, aber auf so etwas konnte man sich wahrscheinlich nie wirklich vorbereiten.
Wenigstens hatte er diesmal die Gewissheit, dass es Rachel gut ging. Er stellte sie sich manchmal vor, wie sie wohl als Engel aussah. Ob sie richtige Flügel hatte, so wie man sich das im Allgemeinen vorstellte? Oder sah der Himmel doch ganz anders aus? Sie hatte sich bisher standhaft geweigert ihm mehr über das Leben nach dem Tod zu erzählen. Wahrscheinlich war das ganz gut so, auch wenn ihn die Neugier beinahe zum Platzen brachte.
“Versprichst du mir etwas?” hörte er ihr sanfte Stimme und er schlug die Augen auf.
“Alles was du möchtest,” entgegnete er und lächelte zu ihr auf.
“Wenn … wenn ich nicht mehr da bin … versprichst du mir, glücklich zu werden?”
Er schluckte. Darüber wollte er sich jetzt eigentlich überhaupt nicht unterhalten. “Noch bist du nicht weg und … ,”
“Nein. Hör mir zu,” verlangte sie eindringlich. “Ich werde zurück gehen. Morgen im Laufe des vormittags nehme ich an. Hör auf dich daran zu klammern, dass das nicht passieren wird okay?”
“Ich gebe die Hoffnung nicht auf,” widersprach er, hob ihre Hand und küsste zärtlich ihre Fingerspitzen.
“AJ, das ist kein Spiel. Ich habe Angst um dich, verstehst du? Ich kann dann … nicht mehr auf dich aufpassen. Zumindest nicht mehr so wie in den letzten Wochen. Versprich mir, dass du dich nicht betrinken wirst und dass du dir eine Frau suchst, die dich genau so sehr liebt wie du sie.”
Er seufzte verhalten und richtete sich dann langsam auf. Er stützte sich mit der Hand neben ihrem Knie auf und brachte sein Gesicht nahe an ihres.
“Ich verspreche dir, dass ich mich nicht betrinken werde, aber ich kann dir nicht versprechen, ob ich mich jemals wieder verlieben kann. Ich habe zwei Mal in meinem Leben wirklich geliebt und jedes Mal wurden mir diese Menschen auf grausame Weise genommen. Ich habe keine Lust mehr, mir mein Herz immer wieder heraus reißen zu lassen.”
Rachels Blick wurde weich und er fühlte ihr Hand, die federleicht seinen Rücken streichelte. “In dir ist so viel Gutes und so viel Liebe. Es wäre unheimlich schade, wenn du das nicht weiter geben könntest.”
“Vielleicht behalte ich es einfach ganz alleine für mich,” entgegnete er und der Ansatz eines Lächelns erschien auf seinem Gesicht.
Statt einer Antwort küsste sie ihn. Federleicht strichen ihre Lippen über seine und augenblicklich brannte er lichterloh.
“Ich habe keine Ahnung, was die da oben mit dir angestellt haben,” murmelte er atemlos, während seine Hand unter ihrem T-Shirt verschwand “aber etwas erotischeres als dich habe ich noch nie in meinem Leben getroffen.”
“Das habe ich mir alles für dich aufgespart,” kicherte sie leise, bis dieser Laut in ein unterdrücktes Stöhnen überging, als er ihre Brust umfasste.
“Tatsächlich? Das schafft mich. Ganz ehrlich.”
“Davon merke ich nichts,” entgegnete sie atemlos und gemeinsam ließen sie sich nach hinten auf die Couch sinken. Das hier war vielleicht das letzte Mal, das sie sich lieben konnten und AJ würde dafür sorgen, dass Rachel ihn selbst im Himmel nicht vergaß.

Sie waren auf dem Weg in das Restaurant, in dem er mit den anderen Jungs verabredet war. Früher hatten sie sich oft dort getroffen. Als sie alle noch mit nichts anderem als mit der Band beschäftigt waren und sie noch ihre Träume und naiven Vorstellungen von einem Leben als Popstar hatten.
Die Realität hatte sie recht bald eingeholt, nur das El Torro schien sich seit dieser Zeit kein bißchen verändert zu haben.
Als AJ auf den Parkplatz vor dem Lokal einbog, hatte er ein eigenartiges Gefühl von Dejavù. Das riesige Messingschild mit dem Schriftzug des Restaurants und den beiden Stieren rechts und links, das von zwei roten Strahlern angeleuchtet wurde, hing immer noch über der Eingangstür. Zwei Buchsbäumchen flankierten den Eingang und auch diese mußten nach AJs Meinung schon mindestens zehn Jahre dort stehen.
“Als wäre die Zeit stehen geblieben,” sagte er zu Rachel und lächelte zu ihr hinüber, während er den Zündschlüssel abzog. Sie trug heute Jeans und ein T-Shirt der Foofighters, das sie sich nach einigen Hin und Her von ihm “geliehen” hatte. Ihre schlanken Arme wurden von den Stulpen bedeckt, außerdem hatte sie sich das Haar im Nacken zu einem lockeren Knoten aufgesteckt und AJ konnte seinen Blick kaum von ihr abwenden.
“Es sieht nett aus,” kommentierte sie, während ihr Blick wie hypnotisiert an dem Schild über dem Eingang klebte.
“Alles in Ordnung?” fragte er sanft, da er mittlerweile gelernt hatte in ihr zu lesen wie in einem offenen Buch. Irgendetwas beschäftigte sie. Schon seit sie von zu Hause losgefahren waren war sie einsilbig und in sich gekehrt.
Doch statt einer Antwort zuckte sie nur mit den Schultern und schaffte es scheinbar nicht, ihren Blick von dem Schild zu lösen.
“Na komm schon,” sagte er und fasste nach ihrer Hand, die locker auf ihrem Knie lag. “Irgendetwas ist doch.”
“Ich dachte nur … ,” endlich wandte sie den Blick und sah ihn an. Das schummrige Licht auf dem Parkplatz reichte nicht aus um ihr Gesicht deutlich zu erkennen, aber er meinte darin so etwas wie Besorgnis zu lesen.
“Du dachtest nur?” hakte er nach, nachdem sie wieder verstummt war.
“Glaubst du, Kevin hat es ihnen erzählt?” fragte sie dann und sie schien sich sichtlich unwohl zu fühlen.
Er dachte einen Moment über ihre Frage nach, dann schüttelte er den Kopf. “Nein, ich denke nicht. Er ist der Meinung, genau so wie ich, dass das eine Sache zwischen dir und mir ist.”
“Wie glaubst du, wird er auf mich reagieren? Ich meine … ,” sie senkte den Blick hinunter auf seine Hand, die immer noch sanft ihre Finger umschlossen hielt. “ … er war damals ziemlich wütend auf mich und das kann ich ihm noch nicht einmal verdenken. Vielleicht will er gar nicht mehr mit mir an einem Tisch sitzen und … ,”
“Hey,” unterbrach AJ sie und versuchte ein Stück an sie heran zu rücken, was sich im Innenraum des Wagens etwas schwierig gestaltete. “Er hat dich gern, okay? Genau so wie die anderen Jungs. Was damals passiert … ist Vergangenheit. Zumindest für mich. Ich glaube nicht, dass er irgendetwas sagen oder tun wird, aber falls doch, bin ich ja auch noch da.”
Sie nickte langsam, schien aber noch nicht wirklich beruhigt.
“Wir schaffen das schon,” sagte AJ eindringlich. “Vielleicht wird es im ersten Moment etwas komisch sein, aber du wirst sehen, bevor wir den ersten Drink bestellt haben, ist alles wie früher. Versprochen!”
Der Ansatz eines Lächelns huschte über ihr Gesicht. “Sie stehen dir sehr nache, was?”
“Ich befürchte, das lässt sich nicht wirklich vermeiden, wenn du dreizehn Jahre mit diesen Chaoten verbringen mußt,” grinste er.
“Das ist schön.”
“Ja, das ist es,” nickte er.
Für einen Moment schwiegen sie, dann drückte AJ auffordern Rachels Hand. “Wollen wir?”
“Ja,” nickte sie.
“Gut.” Nur widerwillig ließ er ihre Hand los, öffnete die Tür und stieg aus.
Was seine Freunde wohl davon halten würden, dass er die Tour fortsetzen wollte? Wahrscheinlich rechnete niemand wirklich damit. Nun gut, er war ja schließlich schon immer für Überraschungen gut gewesen.

Kapitel 39