Kapitel 37

Er hat sich verändert dachte Rachel und eines ihrer seltenen Lächeln huschte dabei über ihr Gesicht. Sie saß im Schneidersitz auf dem Bett und beobachtete AJ, wie er versuchte einen Film in den DVD Player einzulegen, der sich allerdings seit geraumer Zeit standhaft weigerte, die CD auch abzuspielen.
Seit drei Tagen hatten sie das Schlafzimmer kaum noch verlassen. Denise war gestern nach Hause zurück geflogen und Rachel vermutete, dass ihr AJ einiges über sie, Rachel, erzählt hatte. Jedenfalls war es ziemlich auffällig gewesen, wie schnell ihr Rückflug und alles andere, was damit zusammen hing, organisiert worden war. Es schien, als wolle AJ sie ganz für sich alleine haben und Rachel hatte nicht das Geringste dagegen.
Seit dem Morgen nach ihrem Streit und der mehr als ausgiebigen Versöhnung, hatte sich AJ merklich entspannt. Sie konnte nicht genau sagen warum und wieso, aber es schien, als hätte er neue Hoffnung gewonnen und in sich eine Stärke gefunden, die vorher nicht da gewesen war.
Er lachte und scherzte viel, hielt sie stundenlang im Arm und erzählte ihr aus seinem Leben. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie ewig mit ihm in diesem Bett verbringen können. Es war zu ihrer einsamen Insel in den stürmischen Weiten des Alltags geworden, ähnlich abgeschottet wie in ihrer Blockhütte, doch mit dem Unterschied, dass sie nun viel eher bereit waren sich aufeinander einzulassen und die Nähe des anderen zu genießen, anstatt sich dauernd zu bekriegen oder anzufeinden.
“Okay, das war’s,” schnaubte AJ in diesem Moment, stand auf, öffnete die Balkontür und warf die CD kurzerhand hinaus.
“Was machst du da?” fragte Rachel entsetzt, stand auf und trat hinter ihn. Sie konnte die CD nicht mehr sehen, aber höchstwahrscheinlich lag sie nun in einer der Blumenrabatten im Garten.
“Das Leben ist viel zu kurz, um es sich von so einem störrischen Mistding vermiesen zu lassen,” grinste er, während er sich zu Rachel herum drehte und sie fest an sich zog.
“Und deshalb mußt du sie gleich in den Garten werfen?”
“Wohin denn sonst?” fragte er den Unschuldigen spielend und küsste sie dann lange und intensiv auf den Mund, bevor sie irgendetwas dazu sagen konnte.
“Hm,” murmelte Rachel schließlich mit geschlossenen Augen, als sich AJ wieder von ihr löste. “Über was haben wir gerade gesprochen?”
Sie hörte AJs leises, raues Lachen und in ihrem Magen begannen tausende kleiner Schmetterlinge mit ihrem Rundflug.
“Ich möchte heute Abend gerne mit dir ausgehen,” hörte sie ihn sagen und etwas erschrocken öffnete sie die Augen.
“Glaubst du, das ist wirklich so eine gute Idee? Warum bleiben wir nicht einfach hier, bestellen uns eine Pizza und … ,”
“… lieben uns bis wir nicht mehr aus dem Bett kriechen können?” Grinste AJ.
“Uhm … so ähnlich,” schmunzelte Rachel.
“Grundsätzlich würde ich dir ja bei soetwas nicht widersprechen, aber … hm … heute Abend ist das anders.”
“So? Warum?”
“Lass es mich so ausdrücken … ,” er legte einen Finger an sein Kinn und tat, als denke er angestrengt nach. “Mit dir hier im Bett zu liegen ist wunderschön und das alles … aber … ich habe durchaus mehr zu bieten und um dir das zu beweisen, werde ich dich heute Abend ausführen.”
“Du mußt mir nichts beweisen,” entgegnete Rachel stirnrunzlend.
“Das weiß ich doch. Es ist nur … uhm … sag einfach ja und du wirst schon sehen, was ich meine.”
Rachel gab sich geschlagen und nickte langsam. Was hätte sie diesem Hundeblick auch entgegen setzen können?
“Wunderbar!” Ein Leuchten glitt über AJs Gesicht, dann umfasst er ihre Taille und schob sie sanft aber bestimmt vor sich her in Richtung Badezimmer. “Du wirst jetzt duschen und ich kümmere mich um den Rest.”
Die ganze Zeit, während sie sich ihrer Kleider entledigte, unter die heiße Dusche stieg und sich danach abtrocknete, eincremte und die Haare föhnte überlegte sie, was er wohl vorhaben könnte.
Sie wollte ihm die Freude sicherlich nicht verderben, aber wenn er sie in irgendeinen lauten Club zerrte, entspräche das sicherlich nicht ihrer Vorstellung von einem schönen Abend. Aber wer wußte schon, was in seinem Kopf vorging? Nun ja … manchmal hatte sie davon schon eine ziemlich genaue Vorstellung, aber gerade im Moment war es ihr unmöglich zu erahnen, was er plante.
In einen weichen Bademantel gehüllt trat sie schließlich wieder zurück ins Schlafzimmer. AJ schien die ganze Zeit die Tür im Auge behalten zu haben, denn er sprang augenblicklich auf, kam ihr ein Stück entgegen und versperrte ihr somit die Sicht auf das Bett.
“Was … ?” setzte sie an, doch er legte ihr sofort einen Finger auf die Lippen.
“Schhhhh. Schließ die Augen,” sagte er sanft.
Sie tat wie ihr geheißen und er quittierte dies mit einem befriedigten Schnauben. Dann fasste er sie sanft am Arm und dirigierte sie durch das Zimmer.
“Okay. Warte … hier rüber … genau. Noch einen Schritt. So … und jetzt stop.”
Sie hielt inne und war der Meinung die Spannung gleich nicht mehr aushalten zu können.
“So und nun … Augen auf … ,” hörte sie ihn nahe an ihrem Ohr.
Vorsichtig öffnete sie die Lider, blinzelte kurz um sich zu orientieren und starrte dann mit weit aufgerissenen Augen auf das Bett.
AJ hatte sie genau davor geführt, nur noch eine Armeslänge trennte sie von der Bettkante. Feinsäuberlich ausgebreitet lag dort ein hellblaues Kleid mit schrägem Ausschnitt, Spaghettiträgern und weitem Rock. Daneben lag, ebenfalls feinsäuberlich drapiert, die passende Unterwäsche und Schuhe mit hohen Absätzen und einem Riemchen, das sich über dem Knöchel schließen lies.
“Wann hast du denn … also … das ist … ich weiß nicht … ,” stammelte sie völlig überwältigt und erntete von ihm ein liebevolles Schmunzeln.
“Gefällt es dir?” fragte er, während sich sein Körper an ihren Rücken schmiegte und sich seine Arme um ihre Taille legten.
“Das ist … wunderschön. Wirklich! Ich … uhm … ich werde es nur nicht … anziehen können.”
“Warum nicht?” hakte AJ nach und drehte sie zu sich herum.
“Weil … ,” sie stockte. Es war ihr einfach zu peinlich es zuzugeben.
“Weil?”
“Weil … das nicht geht,” sagte sie und senkte den Blick.
“Okay. Weil es nicht geht. Hm. Weißt du was, ich glaube ich weiß sogar warum du dieser Meinung bist. Aber … ,” wie ein Magier zog er etwas schwarzes aus seiner Gesäßtasche hervor. “ … das hier sollte helfen.”
Voller Unverständnis sah sie auf die beiden Stoffteile in seiner Hand hinunter.
“Was ist das?”
“Das? Hm … sagen wir mal, das ist der letzte Schrei, wenn es um modische Accesoires geht.”
“Was auch immer das heißen mag,” murmelte sie, während AJ ihren Arm nahm, den Ärmel des Bademantels nach oben schob und somit die lange, rote Narbe auf ihrem Unterarm entblößte. Wie immer war es ihr unangenehm, dieses Mahnmal ihres Versagens so offen und für jeden sichtbar vor sich zu sehen, doch sie widerstand dem Drang ihren Arm zurück zu ziehen.
In ihrer ersten gemeinsamen Nacht in seinem Bett hatte AJ ihren Arm genommen und kleine, zärtliche Küsse auf den unansehnlichen Wulst gehaucht. “Das gehört genau so zu dir wie dein wunderschönes Lächeln und deine tiefen, faszinierenden Augen,” hatte er leise gesagt. “Nichts, wofür du dich schämen müstest.”
Sie fand es zwar wirklich lieb von ihm, dass er so dachte, doch sie konnte sich damit nicht so recht anfreunden und scheinbar hatte er dies gespürt, denn er zog ihr nun eines der schwarzen Stoffteile über den Unterarm.
“Schieb mal den Daumen hier durch,” sagte er und eher fasziniert als abgeschreckt tat sie dies.
Schließlich trat er einen kleinen Schritt zurück und betrachtete sein Werk befriedigt. “Wie findest du es?”
Rachel hob den Arm und besah ihn sich etwas genauer. AJ hatte eine Art Stulpen darüber gezogen, der mit einer kleinen Schlaufe an ihrem Daumen daran gehindert wurde, weiter nach oben zu rutschen. Bis knapp unter ihrem Ellbogen war ihre Haut nun von diesem schwarzen, weichen Stoff bedeckt und fasziniert drehte und wendete Rachel ihren Arm, bis ein leises Lachen von AJ sie in die Wirklichkeit zurück holte.
“Ich werte das jetzt mal als ein klares Ja,” grinste er.
“Da ist wirklich … wunderschön. Vielen, vielen Dank. Ich weiß gar nicht … ,”
“Schon in Ordnung,” lächelte AJ. “Das Leuchten deiner Augen ist mehr als genug Dank.”
Für einen Moment waren sie eins, als sie in den Augen des anderen versanken und sich so nahe fühlten, wie es keine körperliche Vereinigung bewirken konnte. Rachel stellte ich auf die Zehenspitzen und hauchte AJ einen Kuss auf die Lippen.
“Danke. Wirklich. Das ist das schönste Geschenk, das mir jemals jemand gemacht hat.”
“Das ist doch nur ein Stück Stoff,” wehrte AJ ab, doch Rachel schüttelte den Kopf.
“Nein. Für mich ist mehr. Viel mehr. Du … ,” sie biss sich auf die Unterlippe, weil sie nicht wußte, wie sie ausdrücken sollte, was gerade in ihr vorging. Da war eine grenzenlose Liebe zu ihm und Vertrauen, wie sie es noch nie bei einem anderen Menschen gefühlt hatte. Er nahm sie so, wie sie war, mit ihren Fehlern und Unzulänglichkeiten. Er machte sich Gedanken über sie und versuchte, ihr ihre Wünsche zu erfüllen. Mehr konnte sie sich nicht wünschen und aus einem Impuls heraus drückte sie sich eng an seine Brust. “Halt mich fest.” Flüsterte sie.
“So lange du möchtest,” gab er ebenso leise zurück.
Eine ganze Weile standen sie so mitten im Schlafzimmer und keiner war in der Lage, sich aus den Armen des anderen zu lösen.

Rachels Absätze klackten Laut auf dem Asphalt, während sie neben AJ durch die hellerleuchteten Straßen LAs lief. Sie trug das hellblaue Kleid, zu dem die schwarzen Stulpen über ihren Armen einen ansprechenden Kontrast boten. Als sie sich das erste Mal im Spiegel betrachtet hatte, war sie sich nicht sicher, ob sie immer noch die selbe Frau war. Sie sah merkwürdig verändert aus. Erwachsen. Sexy. Eben wie jemand anderes und nicht dieses verschüchterte, kleine Etwas, das sie eigentlich war.
Doch irgendwie hatte sie es so hingenommen. Ihr blieben noch zwei Tage und danach die Ewigkeit ohne ihn. Deshalb hatte sie aufgehört sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die sie sowieso nie wirklich würde begreifen können.
Urplötzlich zog sie AJ nach rechts auf die Drehtür eines hohen Gebäudes zu, das weder nach einem Club noch nach einer Bar aussah. Eher wie ein Bürogebäude oder ein Wohnhaus.
“Wo willst du nur mit mir hin?” fragte Rachel kichernd, während sie hinter AJ die Eingangshalle betrat.
“Nur noch ein paar Minuten,” grinste AJ.
Er winkte einem Nachtportier zu, der mit einem Nicken antwortete, während AJ sie weiter auf die Fahrstühle zu dirigierte.
Dort angekommen zog er erneut ein Stück Stoff aus seiner Hosentasche hervor. Diesmal handelte es sich allerdings um einen dunklen Schal.
“Damit die Überraschung perfekt wird, muss ich dir leider die Augen verbinden. Ist das okay für dich?”
“Habe ich eine andere Wahl?” fragte Rachel grinsend.
“Wenn du mich so fragst … nein,” grinste AJ zurück.
“Na dann …”
Rachel drehte ihm den Rücken zu und hielt den Schal über ihren Augen fest, während AJ an ihrem Hinterkopf einen Knoten machte.
“Und nun Mylady, geht es aufwärts,” hörte sie ihn sagen und gleich darauf ein leises Ping, das ihr verriet, dass der Fahrstuhl unten angekommen war.
AJ führte sie in die Kabine und gleich darauf hob sich ihr Magen, als der Fahrstuhl nach oben sauste.
Keiner von ihne sprach ein Wort und die Spannung in der kleinen Kabine war beinahe mit Händen zu greifen.
Gleich darauf hielt der Fahrstuhl mit einem sanften Ruck, erneut erklang ein leises Ping und sie hörte, wie sich die Fahrstuhltüren öffneten. Ein sanfter Wind spielte mit ihrem Haar und sie hörte die Geräusche der Stadt wie aus weiter Ferne, als sie hinter AJ den Fahrstuhl verließ
“Gleich haben wir es geschafft,” hörte sie ihn sagen, während er sie sanft am Arm weiter führte.
“Das hoffe ich für dich. Ich kann es jetzt schon kaum noch erwarten.”
Sie hörte sein leises Lachen und konzentrierte sich darauf, nicht zu stolpern oder gegen irgendeinen Gegenstand zu stoßen.
Eine Tür wurde geöffnet und AJ führte sie hindurch. Der Geruch nach feuchter Erde, Blumen und Vanille hüllte sie augenblicklich ein und tief sog sie die Luft ein, die sie für einen Moment schwindlig machte.
“Bereit?” hörte sie ihn plötzlich leise sagen. Sein Atem streifte dabei ihren Nacken und sie konnte nur nicken, weil ihr ein Klos aus heißen Tränen die Kehle zuschnürte.
Sie fühlte, wie er den Knoten löste und ihr dann den Schal vorsichtig vom Gesicht zog. Ihre Augen gewöhnten sich schnell an die neue Umgebung und für eine ganze Weile konnte sie nichts anderes tun als vollkommen überwältigt den Anblick, der sich ihr bot, in sich aufzunehmen.
Sie befanden sich in einer Art Gewächshaus, hoch über den Dächern LAs. Die Wände und das Dach bestanden aus Glas, einige Oberlichter waren geöffnet und ließen die sanfte Nachtluft herein.
Unmengen von Palmen, Büschen Orchideen und exotischen Pflanzen vermittelten ihr das Gefühl, mitten im Regenwald gelandet zu sein. In den größeren Pflanzen schillerten vereinzelte, kleine Lichter und verliehen dem Raum damit eine unwirkliche Atmosphäre. Direkt vor ihr befand sich ein runder Platz, der mit kleinen Pflastersteinen gepflastert war. In seiner Mitte standen ein großer, runder Tisch und zwei Ratansessel. Kerzen brannten in ausladend geschwungenen Kerzenständern und zwei Gedecke komplettierten das festliche Ambiente.
“Das ist einfach … atemberaubend,” hauchte Rachel schließlich, als sie ihre Sprache wieder gefunden hatte.
“Für eine schöne Frau nur das Beste,” kommentierte AJ und schob sie sanft auf den Tisch zu.
Er rückte ihr den Stuhl zurecht und setzte sich ihr dann gegenüber. Das sanfte Licht der Kerzen lies seine Augen funkeln und malten weiche Schatten in sein Gesicht.
Wortlos griff er nach einer Flasche, die in einem Sektkühler neben dem Tisch gestanden hatte. Er füllte beide Gläser und reichte ihr dann eines davon.
“Auf uns,” sagte er leise und hob sein Glas.
“Ja, auf uns,” lächelte Rachel und nippte dann vorsichtig an dem kühlen Getränk, das in ihrer Nase bitzelte und ganz leicht nach Apfel schmeckte.
Sie wollte die Zeit anhalten - genau jetzt und hier – und wußte doch gleichzeitig, dass dies nicht möglich war. Dies hier war ihr Abschiedsessen, denn ihr blieben nicht einmal mehr zwei Tage, bis sie zurück zu Ihm mußte. Sie fragte sich, ob AJ dies ebenfalls so deutlich bewußt war, aber wenn dem so war, so ließ er sich zumindest nichts anmerken.
“Woran denkst du?” unterbrach er ihre Gedanken.
Rachel seufzte leise. “Dass ich bald zurück muß.”
“Du wirst nicht zurück gehen,” entgegnete er bestimmt.
“Wie kommst du denn darauf?” fragte Rachel stirnrunzelnd.
“Ich habe … ein Abkommen mit Ihm geschlossen.”
“Auf so etwas lässt er sich nicht ein.”
“Vielleicht doch?”
“Nein,” Rachel schüttelte den Kopf. “Alles passiert, weil es so bestimmt ist. Daran kann nicht einmal er etwas ändern.”
“Das werden wir sehen,” entgegnete AJ. “Lass uns für heute einfach vergessen, dass unsere Zeit nur begrenzt ist. Lass uns so tun, als würde diese Nacht für den Rest unseres Lebens dauern, ja?”
Sie hörte die Verzweiflung in seiner Stimme. Die gleiche Verzweiflung, die sich auch in ihrem Inneren breit machte und trotzdem lächelte sie.
“Ja. Für den Rest unseres Lebens,” sagte sie leise und versank in dem Blick seiner sanften, braunen Augen. Für sie entsprach dieser Satz sogar der Wahrheit, aber das mußte sie ihm wohl nicht erklären.

Kapitel 38