Kapitel 36
AJ erwachte von den hellen Strahlen der Sonne, die von den Vorhängen gedämpft das Schlafzimmer in eine heimelige Atmosphäre tauchten. Sein Blick fiel als erstes auf Rachels nackte Schulter und ihr Haar, das sich über ihren Rücken ergoss und ihn ein wenig in der Nase kitzelte. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und er genoss für einen Moment das Gefühl ihres warmen, nackten Körpers an seinem unter der Decke.
Immer noch fühlte er sich wie erschlagen, wenn er an die Ereignisse der vergangenen Nacht zurück dachte. So vieles war in kürzester Zeit auf ihn eingestürzt und er hatte instinktiv gehandelt, ohne sich über irgendwelche Konsequenzen Gedanken zu machen.
Als er auf Kevins Terrasse saß und schließlich den Aktendeckel schloss, sich die Tränen aus dem Gesicht wischte und danach eine neue Zigarette anzündete, wußte er gar nicht was er fühlen sollte. In ihm brodelte ein Gemisch aus Trauer, Wut und Unverständnis und selbst ihm war klar, dass es nicht gut gehen konnte, wenn er sich jetzt alleine auf den Heimweg machte. Höchstwahrscheinlich hätte er sein zu Hause niemals erreicht
zumindest nicht nüchtern.
Also war er sitzen geblieben, bis Kevin sich wieder zu ihm gesellte. Sie hatten geredet. Zumindest hatte er das versucht. Doch das Chaos in seinem Kopf und vor allen Dingen in seinem Herzen ließ sich damit nicht klären.
Schließlich hatte er Kevin erzählt, dass Rachel einmal angedeutet hatte, sie sei ein Engel. Im Licht der neuen Erkenntnisse wirkte diese Aussage zwar immer noch unbegreiflich, aber es gab inzwischen auch einiges, was dafür sprach.
Kevin hatte erst bedächtig genickt, dann den Kopf geschüttelt und gesagt das würde so einiges erlären. AJ wußte nicht genau, was sein Freund damit meinte, aber alleine dass er ihn nicht sofort für verrückt erklärt hatte, erleichterte ihn ungemein.
Er erinnerte sich an Rachels Nervosität fürher am Tag, als er ihr sagte, er müsse noch einmal weg zu Kevin und ihre Worte klangen in ihm nach. Nicht alles ist so, wie es zu sein scheint. Bitte vergiss das nicht. Ich möchte nur dass du weißt, dass ich dich wirklich sehr gerne habe und niemals bewußt etwas tun könnte, das dir schadet.
Sie hatte gewußt, was Kevin ihr sagen wollte, davon war er überzeugt und mit diesem Wissen war er schließlich lange nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause gefahren, allerdings nicht ohne das Kevin ihm das Versprechen abgenommen hatte, dass er auf schnellstem Wege und ohne zwischendurch in einer Kneipe einzukehren dort hin fuhr.
Er erinnerte sich deutlich an den Moment, als er sie auf der Couch entdeckte, angespannt und verloren in der Dunkelheit. In diesem Moment hatte er nur an Lillian gedacht und was Rachel ihr angetan hatte. Er war so wütend gewesen! Er wollte Rachel weh tun. Er wollte sie bestrafen für das, was sie ihm angetan hatte. Sie hatte nicht nur seine Freundin getötet, sondern sich hinterher in sein Leben zurück geschlichen, sich bei ihm eingeschmeichelt und ihn irgendwie dazu gebracht, sie tiefer in sein Leben hinein zu lassen, als gut für ihn gewesen war.
Als sie schließlich aufstand und ging, war er vollkommen überracht gewesen von dem Bedürfnis, sie bei sich zu behalten. Erst hatte er es damit erklärt, dass es noch so viele offene Fragen gab, doch als sie schließlich ganz nahe vor ihm stand und er in ihre Augen blickte, die in Tränen schwammen, zog sich sein Herz schmerzhaft zusammen.
Sie hatte Lillian getötet, ja. Aber sie war dadurch selbst in der Hölle gelandet. Und so wie sie sich anhörte, war sie auch davor nicht weit davon entfernt gewesen.
Er verstand nicht wirklich, was danach mit ihm passiert war. Als er sich zu ihr setzte und sie ausgiebig betrachtete, hatte er das Gefühl, dass sie auf seltsame Weise von innen heraus strahlte. Etwas an ihr war außergewöhnlich und das hatte er bereits in der kleinen Blockhütte gemerkt. Die Art ihn anzusehen, das Wissen um seine Gedanken und Gefühle und nicht zuletzt die Art und Weise, wie sie ihn zurück ins Leben geholt hatte.
Und plötzlich wußte er, dass sie die Wahrheit sprach. Er konnte nicht sagen wieso und warum und im Grunde war ihm das auch völlig egal. Er wußte nur, dass er nicht noch einmal einen Menschen verlieren wollte und konnte.
Was ihn nun zu ihrer Aussage zurück führte, dass ihnen nur noch fünf gemeinsame Tage blieben. Wenn er ihr tatsächlich glaubte, dass sie ein Engel war, dann mußte er auch davon ausgehen, dasss sie in diesem Fall nicht log und diese Vorstellung schnürte ihm die Kehle zu und brachte sein Herz dazu, ängstlich schneller zu schlagen.
Sein Griff um ihre Taille wurde fester und er versenkte sein Gesicht in ihrem Haar, das so wundervoll nach ihr duftete. Nein, er würde sie nicht wieder hergeben, koste es was es wolle.
Vorsichtig löste er sich von ihr, schlug die Decke zurück und schob sich aus dem Bett. Er suchte seine Kleider zusammen, die verstreut auf dem Boden lagen und er mußte grinsen bei dem Gedanken, wie stürmisch sie übereinander hergefallen waren. Ob es da oben einen schlechten Eindruck machte, dass er einen Engel vernascht hatte? Und das gleich mehrmals hintereinander?
Er stand bereits an der Tür, als er einen letzten Blick zu ihr zurück warf. Sie lag immer noch auf der Seite und schien tief und fest zu schlafen. Das Bild brannte sich in sein Gedächtnis ein, machte ihn friedlich und auch auf eine schwer zu deffinierende Art glücklich. Es durfte einfach nicht so enden, so viel stand für ihn fest.
Als er das schwere Portal aufzog, war ihm dann doch ein wenig mulmig. Er hatte schon ewig keine Kirche mehr von innen gesehen und bis zum vergangenen Abend war er der Meinung gewesen, dass es so etwas wie einen Gott oder auch nur eine höhere Macht nicht gab. Und wenn doch, dann war sie es nicht wert, daran zu glauben.
Als er in das diffuse Dämmerlicht hinter der Tür trat, nahm er den trockenen Geruch nach Staub, Kerzen und Bohnerwachs wahr und sofort fühlte er sich wieder wie ein kleines Kind. Schon damals war er schwer beeindruckt von der Pracht und der Ernsthaftigkeit, die hier drinnen herrschte und er hatte es nie gewagt, seine Stimme über ein Flüstern hinaus zu heben.
Langsam ging er durch das Kirchenschiff nach vorne auf den Altar zu. Die Bankreihen links und rechts von ihm waren verlassen, einige Kerzen brannten zu seiner Rechten und flackerten leicht in dem Luftzug, den das Öffnen der Tür verursacht hatte. Es war beinahe beunruhigend still in diesem laten Gemäuer, was seine Schritte wie Paukenschläge hallen lies. Unbemerkt wurde er immer langsamer, bis er schließlich ganz inne hielt.
Für einen Moment starrte er zu dem überdimensionalen Kreuz auf, das über dem Altar hing. Der gekreuzigte Jesus hatte den Kopf mit der Dornenkrone gesenkt und AJ war sich fast sicher, dass er die Qualen in dessen Gesicht lesen könnte, wenn er sich trauen würde, noch näher zu treten.
Doch anstatt weiter nach vorne zu gehen, schob er sich in die Bankreihe zu seiner Linken und setzte sich, während das alte Holz unter ihm ächzte und knarzte.
Ganz automatisch faltete er die Hände in seinem Schoß und starrte stumm darauf hinunter. War es wirklich eine gute Idee gewesen hier her zu kommen? Was er zu sagen hatte, hätte er sicherlich auch zu Hause los werden können. Immerhin hieß es ja wohl, dass Gott einen überall hören konnte. Doch aus einem Grund, der ihm nicht näher bekannt war, hatte es ihn hier her gezogen. Vielleicht, weil er diesmal mehr zu sagen hatte als ein einfaches Gebet.
Langsam schloss er die Augen und konzentrierte sich auf seine innere Stimme, die versuchte eine Verbindung herzustellen zu der Macht, in deren Händen es lag, ob Rachel bei ihm bleiben konnte oder nicht.
Ich weiß, ich bin lange nicht hier gewesen. Tut mir leid
nein, eigentlich tut es mir nicht leid. Du hast mich enttäuscht, weißt du das? Mit einem Handschlag hast du mir alles genommen, was ich liebte. Und ich verstehe nicht warum. Ich meine
sicher
es gibt bestimmt würdigere Menschen als mich, trotzdem
ich bin wohl der Meinung, das ich das nicht verdient habe.
Aber ich weiß, dass du nichts ohne Grund tust. Zumindest meistens. Glaube ich. Vielleicht hast du mir tatsächlich die Augen dafür geöffnet, was wahre Liebe ist und das man diese manchmal einfach nicht festhalten kann, so sehr man sich auch anstrengt. Du hast mir gezeigt, wie schwach ich bin und mir gleichzeitig meine Stärken vor Augen geführt.
Dafür möchte ich mich bei dir bedanken. Du hast mir Rachel geschickt und wenn ich an Verschwörungstheorien glauben würde, dann könnte ich fast meinen, dass das alles von Anfang an so geplant war.
AJ seufzte und versuchte seine Gedanken zu sammeln. Irgendwie konnte er nicht ausdrücken, was ihm wirklich auf der Seele lag.
Ich möchte mich
vielleicht doch bei dir entschuldigen. Also
ich glaube, ich habe dir ganz schön Unrecht getan und
nun ja
was ich damals zu dir gesagt habe
nun ja
du weißt schon
das mit dem verpiss dich und so. Das tut mir wirklich leid.
Und auch wenn ich weiß, dass ich nicht wirklich in der Lage bin, irgendetwas von dir zu verlange, so bitte ich dich doch hier und jetzt
BITTE
lass sie bei mir. Ich weiß, eigentlich ist sie ein Engel und gehört an deine Seite, aber
ich liebe sie. Vielleicht anders als ich Lillian geliebt habe, aber deshalb nicht minder intensiv. Vielleicht habe ich sie nicht verdient und vielleicht steht es mir nicht zu, deine Entscheidungen in Frage zu stellen, aber
also
meinst du, du könntest in diesem einen Fall eine Ausnahme machen?
Ich werde alles tun, was du verlangst. Das verspreche ich beim Leben meiner Mutter! Ich werde ein besserer Mensch sein, ich gehe jeden Sonntag in die Kirche und ich werde
ich würde wirklich ALLES tun. Nur bitte
nimm sie mir nicht wieder weg. Ich glaube nicht, dass ich das noch einmal ertragen könnte.
Er hielt einen Moment inne. Ob er sehr egoistisch klang? Wahrscheinlich. Aber er wußte einfach nicht, wie er besser ausdrücken sollte, was er fühlte.
Leise begann er zu singen und dachte dabei sowohl an Rachel als auch an Ihn, der plötzlich wieder in sein Leben getreten war und er hoffte, dass er verstehen konnte.
You washed away my sad face
And flooded all my empty space
You take away life's heartbreak
And I know with you it's gonna be okay
You're rushing through me (like water from heaven)
I feel you moving through me (like sand in the sea)
And now I feel so alive (now i'm into something, something real)
So alive (you're the air in my atmosphere)
Finally I feel complete
Cause you have rushed over me
There's no more blindness
When I cry, I'm smiling
You kept me from dying
And I know with you I'll keep on living
You're rushing through me (like water from heaven)
I feel you moving through me (like sand in the sea)
And now I feel so alive (now i'm into something, something real)
So alive (you're the air in my atmosphere)
Finally I feel complete
Cause you have rushed over me
It's not enough (not enough)
Just holding on (holding on)
Before I met you
I was lost
Now that you're standing here
I don't want you to go
Cause I know that your love keeps me alive
You're rushing through me (like water from heaven)
I feel you moving through me (like sand in the sea)
And now I feel so alive (now i'm into something, something real)
So alive (you're the air in my atmosphere)
Finally I feel complete
Cause you have rushed over me
You're rushing through me (like water from heaven)
I feel you moving through me (like sand in the sea)
And now I feel so alive (now i'm into something, something real)
So alive (you're the air in my atmosphere)
Finally I feel complete
Cause you have rushed over me
(Backstreet Boys - You rushing through me)
Er saß noch eine ganze Weile auf der unbequemen Holzbank ohne sich zu rühren und wartete. Auf was oder wen konnte er nicht genau sagen. Schließlich stand er auf und sah noch einmal zu Jesus hinauf.
Drück mir die Daumen Kumpel, flüsterte er, dann drehte er sich um und verließ die Kirche mit dem guten Gefühl, zumindest einen Teil seiner verkorksten Welt wieder in Ordnung gebracht zu haben.