Kapitel 35

Mittlerweile war es kurz vor Mitternacht, AJ war immer noch nicht zurück gekehrt und Rachel stand kurz davor den Verstand zu verlieren. Immer wieder jagte ihr nur ein Gedanke durch den Kopf: Er weiß es!
Als er am frühen Abend in die Küche hinunter gekommen war und sie an sich zog, hatte sie diese Erkenntnis wie ein Hammerschlag getroffen. Kevin hatte heraus gefunden wer sie war und was sie getan hatte und er würde es AJ gleich erzählen.
Jetzt saß sie im dunklen Wohnzimmer auf der Couch, hatte die Arme um die angezogenen Knie geschlungen und wartete darauf, dass AJ das Urteil über sie sprach.
Denise war vor einer ganzen Weile ins Bett gegangen. Sie war beunruhigt, dass ihr Sohn immer noch nicht wieder zu Hause war, doch Rachel hatte versucht sie zu beruhigen. Mit mäßigem Erfolg zwar, aber schlußendlich war Denise nach oben gegangen und Rachel hatte für einen Moment aufgeatmet. Es war ihr von Minute zu Minute schwerer gefallen so zu tun, als hätte sie keine Ahnung, warum AJ zu Kevin gefahren war und sie war sich nicht sicher, ob Denise ihr ihre Lässigkeit tatsächlich abgekauft hatte.
Doch nun saß sie schon beinahe zwei Stunden alleine in der Dunkelheit und obwohl sie versucht hatte sich Mut zuzusprechen, war ihr doch auch klar, dass AJ sie jetzt hassen mußte. Sie hatte Lillian getötet, warum und weshalb spielte keine Rolle.
Als sie hörte, wie ein Schlüssel ins Schloß geschoben, die Wohnungstür geöffnet und gleich darauf wieder geschlossen wurde, rebellierte ihr Magen und ihr Herz fühlte sich an, als würde es vor Angst gleich aus ihrer Brust springen.
Zum ersten Mal wurde ihr bewußt, wie sehr sie ihn brauchte. Vielleicht sogar noch mehr, als er sie. Er hatte ihr den Glauben an sich selbst zurück gegeben. Er vertraute ihr und das Gefühl ihm sein Leben zurück gegeben zu haben, hatte einige Wunden in ihrem Inneren geschlossen.
Doch ihr war auch klar, dass die Wunde, die ihr jetzt sicherlich gleich zugefügt wurde, niemand heilen konnte.
Licht flutete plötzlich vom Flur ins Wohnzimmer, sie hörte, wie AJ in die Küche ging und gleich darauf den Kühlschrank öffnete. Immer noch war sie nicht in der Lage sich zu rühren. Vor Angst erstarrt hockte sie auf der Couch und war sich nicht sicher, ob sie sich nun wünschen sollte, dass er sie nicht bemerkte oder dass er endlich zu ihr ins Wohnzimmer kam.
Gleich darauf hörte sie seine Schritte, die sich ihr näherten. Sie widerstand dem Reflex aufzuspringen und davon zu laufen, sondern schloss stattdessen ihre Arme noch fester um ihre angezogenen Knie.
Sie wagte nicht, sich nach ihm umzudrehen, doch das abrupte Verstummen seiner Schritte sagte ihr auch so, dass er sie entdeckt hatte. Gleich darauf setzte er sich wieder in Bewegung, knipste eine Lampe an, die neben der Couch auf einem kleinen Beistelltisch stand und für einen Moment blinzelte sie gegen die ungewohnte Helligkeit an.
Als sie ihre Umgebung wieder einigermaßen erkennen konnte, stand er direkt vor ihr und erschrocken zuckte sie zurück. Er sah furchtbar aus. Seine Augenlider waren gerötet, sein Gesicht blass und die Lippen hatte er fest aufeinander gepresst.
Keiner von ihnen sagte ein Wort und so zog sich das Schweigen beinahe schmerzhaft in die Länge. Schließlich war es seine Stimme, die die Stille durchbrach, doch sie klang merkwürdig fremd, so dass Rachel ein leichtes Frösteln überkam.
“Du weißt, warum ich bei Kevin war?” fragte er und sein Gesichtsausdruck verriet nichts über seine Gefühle.
Sie nickte langsam.
Er biss sich auf die Unterlippe und nickte dann ebenfalls, so, als hätte er ihre Antwort erwartet.
“Ein Engel, hm?” fragte er dann weiter.
Wieder nickte sie.
“Wie … ,” er schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor seiner Brust. “Wie konntest du nur?”
Sein Gesicht verzog sich zu einer Maske aus Schmerz und Verzweiflung und irgendwo darunter konnte sie den brodelnden Hass spüren, der sich ausschließlich auf ihre Person richtete.
“Es tut mir so leid,” flüsterte sie.
“Es tut dir leid?” Er zog in gespielter Verblüffung die Augenbrauen in die Höhe. “Es tut dir also leid. Das ist einfach, hm? Du sagst lediglich, dass es dir leid tut und schon ist alles wieder in Ordnung.”
“Nein,” sie schüttelte langsam den Kopf. “Ich weiß, dass ich das was ich getan habe nie wieder gut machen kann. Ich wollte nur, dass du weißt, dass … ,”
“NEIN,” unterbrach er sie heftig und trat drohend einen Schritt auf sie zu, was sie noch weiter zurückweichen lies. “Du hast meine Freundin … du hast … Lillian getötet. Einfach so. Und dann schleichst du dich zurück in mein Leben und spielst dich als die große Retterin auf?”
“So war das nicht … ,” setzte sie an, doch er unterbrach sie erneut.
“Doch, genau so war es. Ich habe keine Ahnung wie du es fertig gebracht hast, dass alle Welt glaubt, du seist tot und ehrlich gesagt ist mir das auch scheißegal. Alles was ich will ist, dass du auf der Stelle mein Haus verlässt und mir nie wieder unter die Augen trittst!”
“Wenn du das möchtest,” nickte sie langsam, öffnete vorsichtig ihre verkrampften Finger und stellte die Füße zurück auf den Boden.
“Es geht hier nicht darum was ich möchte,” gab er bissig zurück. “Wenn ich die Wahl hätte, würde ich dich jetzt in klitzekleine Stücke reißen, aber das schickt sich nunmal nicht. Also … bevor ich meine Beherrschung verliere solltest du besser zusehen, dass du Land gewinnst.”
“Sicher,” entgegnete Rachel lahm und während sie sich von der Couch in die Höhe stemmte fühlte sie, wie sich salzige, brennende Tränen in ihren Augenwinkeln sammelten.
Sie durchquerte das Wohnzimmer und hatte die Tür beinahe erreicht, als er sie noch einmal zurück hielt.
“Sag mir nur noch eins,” verlangte er. “Wie hast du es geschafft, rechtzeitig bei meinem Wagen zu sein? War das irgendein perfider Plan, den ich noch nicht durchschaue? Hast du es darauf angelegt? Woher wußtest du, dass ich dort sein würde?”
“Ich habe es gesehen,” gab sie leise zurück ohne sich zu ihm herum zu drehen. Sie konnte den stechenden Blick seiner Augen nicht mehr ertragen und sie wollte nicht die Verachtung darin lesen. Sie wollte einfach nur von hier weg. Zurück zu Ihm und sich dem stellen, was dort auf sie wartete. Selbst das Fegefeuer wäre ihr in diesem Moment recht gewesen.
“Was soll das heißen du hast es gesehen? Also warst du tatsächlich da? Woher wußtest du, dass ich dort entlang fahren würde?” Hörte sie seine Stimme hinter ihrem Rücken.
“Ich wußte es nicht. Auch wenn du mir nicht glaubst, aber ich bin tatsächlich ein Engel. Nun ja. Zumindest so etwas ähnliches. Ich habe … versucht … auf dich aufzupassen. Aber … nun ja … du wolltest weder deinen Schutzengel, noch Ihn in deinem Leben haben. Also war ich gezwungen dich aus der Ferne zu beobachten und ich habe … ich habe gesehen, wie du von der Straße abkamst und ich habe den Vater angefleht, mich zu dir zu lassen um dir zu helfen.”
“Bullshit!” Seine Stimme erklang direkt hinter ihr und sie stieß einen erschrockenen Laut aus, als er sie nun am Arm packte und zu sich herum wirbelte. “Lüg mich nicht an verdammt nochmal! So etwas wie Engel gibt es nicht.”
Die Tränenseen, die sich mittlerweile in ihren Augen gesammelt hatten, quollen nun endgültig über und sie konnte nichts anderes tun, als zu ihm aufzustarren und zu beten, dass es schnell vorbei sein würde. Doch AJ dachte scheinbar überhaupt nicht daran, dem hier ein schnelles Ende zu setzen.
“Sag mir die Wahrheit,” forderte er und umfasste ihren Arm noch etwas fester.
“Aber das IST die Wahrheit!” brach es aus Rachel heraus. “Ich konnte damals nicht mehr … ich wußte nicht wohin. Ich war allein. Verstehst du mich? Ich lebte mit einem Mann zusammen, den ich über alles liebte aber ich war trotzdem allein.” Rachel schluchzte und klammerte sich haltsuchend an AJs Arm fest. “Ich wußte damals nicht was ich tat, das mußt du mir glauben. Ich wollte nur …” Rachel schluckte und holte zitternd Luft. “Ich wollte nur, dass es aufhört wehzutun.” Brachte sie dann beinahe flüsternd heraus.
Die Zeit schien für sie in diesem Moment still zu stehen. Als hätte jemand die Welt angehalten und nur sie würde sich darin weiter bewegen. Sie hörte überdeutlich den Herzschlag in ihrem Kopf pochen und spürte das Zittern ihres Körpers. Wie hypnotisiert starrte sie zu ihm auf. Noch nie war sie sich so deutlich bewußt geworden, was in dieser Nacht tatsächlich mit ihr passiert war und in diesem Moment wußte sie, dass sie sich vielleicht sogar selbst vergeben konnte.
“Du hast mir Lillian genommen,” flüsterte AJ, während er sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrte “… und trotzdem … kann ich dich nicht hassen.”
“Ist alles in Ordnung?” hörten sie plötzlich eine Stimme hinter sich und zu Tode erschrocken fuhren sie herum.
Denise stand im hellen Licht des Flures und blinzelte verschlafen, während sie die Arme fröstelnd um ihren Körper schlang, der in einem bodenlangen Nachthemd steckte.
“Ja,” sagte AJ hastig und Rachel spürte, wie er verstohlen ihren Arm los lies. “Alles okay Mom. Bitte geh wieder ins Bett, es ist schon spät.”
“Bist du jetzt erst nach Hause gekommen?” fragte sie und machte einen Schritt in Richtung Wohnzimmer.
“Ja, Mom,” nickte AJ, schob sich an Rachel vorbei und ging seiner Mutter ein Stück entgegen, bevor er sie in eine feste Umarmung zog.
“Alles in Ordnung?” fragte sie erneut, während sie ihn an sich drückte.
“Ja, alles bestens Mom. Tut mir leid wenn du dir Sorgen gemacht hast.”
Rachel entschied, dass dies der beste Moment für einen Rückzug sei und verließ das Wohnzimmer um sich an AJ und seiner Mutter vorbei zu drücken. Doch bevor sie die rettende Treppe erreichen konnte, packte sie AJ am Arm.
“Warte noch einen Moment. Bitte.” Sagte er eindringlich
“Ich … ,” setzte Rachel an, doch AJ unterbrach sie.
“Bitte.” Wiederholte er.
Seufzend gab Rachel nach. Was auch immer er noch loswerden wollte, nichts konnte schlimmer sein als das, was er bereits gesagt hatte.
Sie ging langsam zurück ins Wohnzimmer und hinüber zur Couch, wo sie AJ nicht mehr sehen konnte, ihn aber hörte, wie er leise mit seiner Mutter sprach.
Wenn er mich nicht hasst dachte sie dann bin ich ihm vollkommen egal. Und sie wußte nicht, was für sie in diesem Moment schmerzhafter war.
“Gute Nacht Mom,” hörte sie AJ plötzlich sagen und gleich darauf Denises etwas leiser gemurmelte Antwort.
Sie starrte auf seinen Schatten, der noch einen Moment reglos im Flur verharrte und sich dann abrupt umdrehte. Langsam kam AJ in den Raum hinein, sein Blick richtete sich auf sie und Rachel schlug das Herz bis zum Hals. Vielleicht konnte es doch noch schlimmer kommen.
Er hielt einen Schritt von der Couch entfernt an, sank dann ganz langsam in die Knie, faltete die Hände in seinem Schoß und sah sie dabei immer noch unverwandt an.
Schließlich neigte er den Kopf ein wenig zur Seite, gerade so, als betrachtete er ein Gemälde in einer Ausstellung. Er schien jedes Detail an ihr aufzusaugen. Sein Blick wanderte über ihre Stirn hinunter über ihre Augen, über die Nase zu ihrem Mund. Dort verharrte sein Blick einen Moment, bevor seine Augen wieder in die Höhe schnellten und sie erneut fixierten.
“Ein Engel?” sagte er leise und seine Stimme schien rauer als sonst.
“Ja,” nickte sie. “Als Klara mich gefunden hatte, war ich bereits tot.”
“Klara,” wiederholte er leise, so als versuche er sich daran zu erinnern, wo er diesen Namen schon einmal gehört hatte. “Ja, ich erinnere mich. Deine Freundin, die sich Sorgen um dich machte und deshalb den Schlüsseldienst kommen lies.”
Rachel nickte langsam.
“Aber wie kann das sein?” flüsterte er dann und es war ihm deutlich anzuhören, dass er noch nicht vollkommen überzeugt war. Wie auch? Er glaubte an gar nichts mehr. Bis heute morgen vielleicht noch an die Liebe, aber selbst das hatte sie ihm genommen.
“Ich werde dich in fünf Tagen verlassen,” sagte sie und wußte selbst nicht genau, warum sie das jetzt sagte. “Ich hatte … ich hatte nur 40 Tage. Es tut mir leid, dass ich es nicht … nicht geschafft habe.”
“Was nicht geschafft?” fragte AJ verständnislos, während er die Beine unterschlug.
“Ich wollte dir helfen. Ich wollte … ich wollte, dass du glücklich bist. Aber ich befürchte … das hat nicht wirklich funktioniert.”
“Weißt du eigentlich, wie … absolut … abwegig sich das anhört?” fragte AJ und lehnte sich ein Stück in ihre Richtung. “Ich meine … du erzählst mir hier allenernstes, dass du ein Engel bist und Gott angefleht hast, er möge dich hier hinunter schicken um MICH glücklich zu machen. Und dafür hattest du nur 40 Tage Zeit?”
“Wenn du das so sagst klingt das nicht … ,” setzte Rachel an.
“Okay … ,” unterbrach AJ sie und hob die Hände. “Stell dir vor, du wärst jetzt an meiner Stelle. Was würdest du tun? Und sei ehrlich!”
Rachel blickte ihn einen Moment an. Sie war komplett verwirrt. Was wollte er von ihr? Machte er sich über sie lustig? Oder versuchte er tatsächlich so etwas wie ein Gespräch mit ihr zu führen? Warum brüllte er sie nicht an? Warum schüttelte er sie nicht, schrie ihr Gemeinheiten ins Gesicht und lies sie dann endlich gehen?
“Ich habe keine Ahnung, was ich an deiner Stelle tun würde,” gab sie also zurück und stand auf. “Aber ich weiß, was ich an meiner Stelle tun würde und das wäre, dich so schnell wie möglich von so einer Verrückten wie mir befreien.”
“Warte,” sagte AJ und sprang auf.
“Was willst du von mir?” fuhr sie ihn an. “Ich kann leider nichts tun, was diese Nacht ungeschehen macht. Gott weiß, dass ich alles dafür geben würde, wenn ich es könnte. Also … was willst du noch?”
“Ich will … Dich,” sagte er und Rachel war sich absolut sicher, sich verhört zu haben.
“Wie meinst du das?” flüsterte sie.
Er machte einen Schritt auf sie zu. “Ich habe … ich weiß nicht … ,” er schüttelte den Kopf, dann nahm er ihr Gesicht vorsichtig in beide Hände und senkte seine Lippen auf ihre hinunter.
“Ich.” er küsste sie unendlich zärtlich auf den Mund.
“Glaube.“ seine Lippen streiften ihr Schläfe.
“Dir.“ flüsterte er in ihr Ohr.
Und erneut stand Rachels Welt still.

Kapitel 36