Kapitel 34

Als AJ das schmiedeeiserne Tor aufdrückte und hinein in den kleinen, kunstvoll angelegten Garten trat, sog er tief die würzige und süß duftende Luft ein. Für einen Zweitwohnsitz war das hier ideal. Er war schon so lange nicht mehr hier gewesen, dass er schon beinahe vergessen hatte, wie schön es hier war.
Er umrundete den Pool, der jetzt in den frühen Abendstunden verlassen da lag und näherte sich Kevins Bungalow. Noch bevor er die Hand nach dem Klingelknopf ausstrecken konnte, wurde die Tür aufgerissen und Kristin erschien im Türrahmen.
“Hey meine Schöne,” lächelte er warm. “Lange nicht mehr gesehen.”
“Das stimmt allerdings. Hallo AJ,” sagte sie und er zog sie gleich darauf in eine feste Umarmung.
“Schön dich zu sehen,” murmelte sie leise an seinem Ohr.
“Gleichfalls,” gab er ebenso leise zurück. “Wie geht es unserem alten Mann? Er klang ziemlich ernst am Telefon.”
Kristin trat einen Schritt zurück, bedeutete ihm einzutreten und schloss dann die Tür.
“Es geht ihm gut,” erwiderte sie.
“Kannst du mir sagen was los ist? Er macht doch sonst nicht so ein Aufhebens.”
“Das solltest du ihn besser selbst fragen,” sagte Kristin und ging AJ voraus durch den langen Flur und das Wohnzimmer hinaus auf die Terrasse.
Kevin saß dort in einem gemütlichen Korbsessel, vor ihm auf einem dunklen Gartentisch standen eine Karaffe mit Eistee und zwei Gläser. Daneben lag ein grauer Aktendeckel, in dem Kevin scheinbar bis eben noch gelesen hatte. Jetzt klappte er allerdings den Deckel zu und stand lächelnd auf.
“Hey. Schön, dass du so schnell kommen konntest,” sagte er und umarmte AJ fest.
“Keine Ursache. Wenn du mir jetzt allerdings noch verraten könntest um was es eigentlich geht, wäre ich sicherlich ruhiger.”
“Setz dich erst einmal,” sagte Kevin und deutete auf den Stuhl ihm gegenüber.
Während AJ sich setzte, verschwand Kristin wieder im Haus und ohne das er etwas dagegen tun konnte, begann sein Herz ängstlich schneller zu schlagen. Er fühlte sich, als würde gleich ein Urteil über seinem Kopf gefällt, das er weder beeinflussen noch abwenden konnte.
“Also?” fragte er, während Kevin nach der Karaffe griff und ihm ein Glas Eistee einschenkte. Dann griff er neben sich auf den Boden und förderte einen alten Blumentopfuntersetzer zu Tage.
“Falls du rauchen möchtest … ,” kommentierte er und schob den Teller zu AJ hinüber.
“Okay, jetzt bin ich wirklich beunruhigt,” sagte AJ im Versuch einen Scherz zu machen, doch er misslang. Weder er noch Kevin brachten auch nur den Ansatz eines Lächelns zu Stande.
Kevin seufzte und verschränkte die Arme auf der Tischplatte.
“Seit ich dich angerufen habe überlege ich, ob ich hier das richtige tue,” sagte er langsam.
“Und? Zu welchem Schluss bist du gekommen?”
“Um ehrlich zu sein, zu keinem wirklichen. Auf der einen Seite denke ich, du solltest es auf jeden Fall erfahren, auf der anderen weiß ich nicht, ob du damit umgehen kannst und, was noch viel wichtiger ist, ob das, was ich heraus gefunden habe überhaupt noch wichtig ist.”
“Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole,” sagte AJ, während er in seiner Hosentasche nach der Zigarettenschachtel suchte und sich gleich darauf eine Zigarette anzündete. “Könntest du mir BITTE endlich sagen, was los ist? Du machst mich noch wahnsinnig mit deinen halbgaren Andeutungen.”
Kevin nickte. “Entschuldige. Es ist leider nicht so einfach.”
“Frag mich mal,” schnaubte AJ, der sich immer mehr über seinen Freund wunderte. Diese Hinhaltetaktik und Unsicherheit passte so gar nicht zu Kevin. Irgendetwas war hier im Busch. Etwas, das ihm garantiert nicht gefallen würde.
Kevin griff leise seufzend nach dem Aktendeckel, starrte einen Moment auf ihn hinunter und schob ihn dann bedächtig zu AJ hinüber.
Als er danach greifen wollte um ihn zu öffnen, legte Kevin eine Hand darauf und fragend sah AJ zu ihm hinüber.
“Lass mich vorher noch zwei Dinge sagen, dann kannst du dich damit beschäftigen so lange du möchtest, in Ordnung?”
AJ nickte langsam, auch wenn er inzwischen vor Neugier beinahe platzte.
“In diesem Hefter befinden sich … Unterlagen über Rachel,” sagte Kevin und sah ihn aus ernsten, grünen Augen an.
AJ hatte das Gefühl, als würde ihm sämtliches Blut aus dem Gesicht weichen. Rachel? Mit allem hatte er gerechnet aber nicht mit … Rachel.
“Seit ich mit ihr ins Krankenhaus gefahren bin wurde ich das Gefühl nicht los, dass ich sie schon irgendwo einmal gesehen habe und … nun ja … es ließ mir einfach keine Ruhe.”
AJ konnte sich nicht bewegen. Seine Zigarette verglühte ungeraucht auf dem Untersetzer und er war sich nicht einmal bewußt, dass er angespannt die Luft anhielt.
“Heute habe ich gefunden, wonach ich die ganze Zeit gesucht hatte. Ich habe … ich habe sie gefunden. Und das, was ich über sie erfahren habe, könnte dein … gesamtes Weltbild ins Wanken bringen. Also … falls du damit leben könntest, den Inhalt dieses Ordners nicht zu lesen, verspreche ich dir, dass ich ihn nie wieder erwähnen werde. Falls nicht … nun ja … ,” Kevin zuckte mit den Achseln, weil ihm scheinbar die Worte ausgegangen waren.
“Und du denkst wirklich,” setzte AJ an, räupserte sich dann, weil seine Stimme viel zu belegt klang und setzte noch einmal neu an. “Du denkst wirklihc, dass ich jetzt einfach wieder gehen könnte, ohne das hier,” er klopfte mit der flachen Hand auf den Aktendeckel auf dem Tisch “gelesen zu haben? Du erzählst mir etwas von Rachel und dass ich das, was hier drin steht gar nicht wissen will und sagst im selben Atemzug ich soll es vergessen?”
“Ich weiß, das klingt total verrückt. Ich wußte nur nicht … also … ,” Kevin seufzte erneut und schüttelte den Kopf. “Lies es einfach.” Mit diesen Worten stand er auf, kam um den Tisch herum und drückte AJs Schulter. “Ich bin drin wenn du mich brauchst.” Und damit verschwand er im Inneren des Hauses.
AJ sah ihm wie betäubt hinterher. Irgendwo in ihm verlangte eine laute Stimme nach einem ordentlichen Schluck Whisky um seine Nerven zu beruhigen und das unangenehme Gefühl in seinem Magen los zu werden, doch er schob sie beseite, drückte die bereits abgebrannte Zigarette aus und zündete sich eine neue an.
Dann griff er mit zitternden Händen nach dem Aktendeckel und zog ihn näher zu sich heran. Für einen winzigen Moment zögerte er und fragte sich, ob es ihm möglich war, tatsächlich jetzt einfach auf zu stehen und zu gehen ohne auch nur einen Blick hinein geworfen zu haben, doch ihm war auch klar, dass es jetzt kein Zurück mehr gab.
Vorsichtig, als könnte ihm aus dem Hefter ein gefährliches Tier entgegen springen, öffnete er den Deckel und starrte für einen ewig scheinenden Moment auf das Gesicht hinunter, das ihm von der ersten Seite entgegen lächelte. Das war Rachel. Seine Rachel. Ganz eindeutig.
So weit so gut. Er blätterte die Seite um und seine Augen hefteten sich auf die Überschrift des kurzen Artikels, der darunter zum Vorschein kam.
Möderin zu Bewährungsstrafe verurteilt.
Ein ersticktes Stöhnen drang aus seiner Kehle, als er die winzigen Fotos am unteren Rand des Artikels bemerkte. Eine Person wurde vor dem Gerichtsgebäude in LA in einen Wagen geschoben. Er sah die Handschellen und das dunkle Haar, das Rachels Gesicht verdeckte.
Ganz langsam begann er die Worte zu lesen, registrierte seinen eigenen Namen darin, Lillians und Rachels.
“Nein,” flüsterte er kaum hörbar, als ihm ganz langsam klar wurde, worum es hier wirklich ging. “Nein, nein, nein.” Wiederholte er noch einmal, doch er konnte selbst vor sich nicht leugnen, was ihm hier schwarz auf weiß entgegen schrie.
Rachel hatte …
Sie war schuld, dass …
Sie hatte …
Sein Herz klopfte ihm schmerzhaft bis zum Hals, seine Hände begannen unkontrolliert zu zittern und seine Eingeweide rebellierten schmerzhaft.
Vorsichtig blätterte er zur nächsten Seite, las auch hier Wort für Wort, besah sich die Fotos und bemerkte dabei nicht einmal, wie ihm die Tränen über die Wangen strömten.
Nach und nach ging er jeden Artikel durch und zwang sich förmlich dazu, kein noch so schmutziges Detail über die Tragödie seines Lebens auszulassen. Immer wieder wurde Rachel als Mörderin betitelt, immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass sie absichtlich an der Kreuzung weiter gefahren war, obwohl sie rot gehabt hatte und immer wieder wurde sie dafür verantwortlich gemacht, dass er, AJ, nicht mehr aus dem Haus ging und ihn seit Wochen niemand mehr zu Gesicht bekommen hatte.
Er erinnerte sich daran, wie das Telefon nicht mehr still gestanden hatte und wie die Aasgeier von der Presse eine Stellungnahme von ihm gefordert hatten, bis er wütend das Kabel aus der Wand riss.
Und bis heute hatte er nicht gewußt, dass Rachel … dass sie …
Er schluckte. Er wagte noch nicht einmal das zu denken, was so offensichtlich vor ihm lag.
Benommen blätterte er auf eine der letzten Seiten und hielt wie erstarrt inne.
Gott hat seinen Engel zu sich gerufen. Wir vermissen dich.
Das konnte doch nicht sein. Er rieb sich über die Augen weil er der Meinung war, dass ihm sein überlastetes Gehirn einen Streich spielte, doch immer noch hatte er hier Rachels Todesanzeige vor Augen.
Hektisch blätterte er zurück auf die erste Seite, nahm das Blatt mit Rachels Foto in seine Hände und hob es sich dicht vor das Gesicht. Dann führte er es immer weiter von sich fort, während Rachels Gesicht vor ihm an Schärfe gewann.
Es konnte einfach keinen Zweifel geben. Das war das Mädchen, das ihm das Leben gerettet hatte, die Frau, die er mit jeder Faser seines Körpers begehrte und für die tief in seinem Herzen eine Liebe inne wohnte, wie er sie erst einmal in seinem Leben erlebt hatte.
Er zog erneut die Todesanzeige aus dem Stapel hervor, überflog noch einmal die Zeilen und bemerkte, dass sie etwa zwei Jahre nach dem Unfall gestorben war.
Nun wandte er sich auch noch den restlichen zwei Seiten zu, auch wenn er sich nicht sicher war, ob er auch nur noch ein zusätzliches Wort erfahren wollte. Die Presse berichtete in allen Einzelheiten über Rachels Tod, so, als seien sie persönlich anwesend gewesen. Er erfuhr, dass sie ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt hatte, in dem sie in die Badewanne stieg und sich die Pulsadern aufschnitt.
Ein Schluchzen entrang sich seiner Kehle. Er dachte an Rachels Narbe, die ihren gesamten Unterarm bedeckte, er hörte ihre Stimme, die davon sprach, dass sie ein Engel sei und nicht ewig unter den Lebenden wandeln konnte und versuchte verzweifelt, das alles mit den Artikeln in seinen Händen in Einklang zu bringen.
Doch sein Gehirn weigerte sich standhaft irgendeine Verbindung herzustellen. Alles um ihn herum begann sich zu drehen und alles was er fühlte, war ein alles verzehrender, kaum auszuhaltender Schmerz, der langsam und stetig von seinem ganzen Körper Besitz ergriff. Zitternd schlang er die Arme um seinen Körper und weinte – um Lillian, um Rachel und um sein Leben, das wieder einmal in Scherben zerbrochen vor ihm lag.

Kapitel 35