Kapitel 33
AJ stand in seinem Schlafzimmer vor dem großen Bett und hielt mit spitzen Fingern ein pinkfarbenes T-Shirt in die Höhe, auf dem eine rote Blüte aufgedruckt war.
Eindeutig nicht sein Geschmack.
Eindeutig nicht seine Größe.
Eindeutig nicht seins.
Er schüttelte den Kopf, während er das Shirt zusammen knüllte und es auf den Berg mit der restlichen Schmutzwäsche warf. Wieder einmal fragte er sich, wie er so lange ein Leben hatte führen können, in dem er sich noch nicht einmal daran erinnern konnte, wie dieses T-Shirt in seinen Koffer gelangt war, geschweige denn, wem dieses Kleidungsstück gehörte.
Dieser Gedankengang führte ihn unweigerlich zurück zu Rachel, die im Erdgeschoss mit seiner Mutter Denise in der Küche stand, um etwas zum Abendessen zu kochen. Die beiden Frauen hatten sich auf Anhieb bestens verstanden und nachdem Rachel sich am vergangenen Abend recht bald mit der Begründung zurück gezogen hatte, dass sie zum Umfallen müde sei, hatte er sich mit seiner Mutter ins Wohnzimmer zurück gezogen und ihr die ganze Geschichte erzählt.
Sie hatte aufmerksam zugehört, ab und an einen erschrockenen Laut ausgestoßen, aber erst einmal keine Fragen gestellt, was er sehr begrüßte. Schließlich hatte er mit seiner Erzählung geendet und für einen Moment war Ruhe eingekehrt. Irgendwann hatte sich seine Mutter aus dem Sessel erhoben, war zu ihm hinüber gekommen, hatte sich neben ihn auf die Couch gesetzt und ihn in eine feste Umarmung gezogen.
Sie hatte etwas davon gemurmelt, dass sie unglaublich stolz auf ihn sei und ebenfalls noch sehr traurig wegen Lillians Tod wäre, dann hatten sie beide ein bißchen geweint und sich schlussendlich anderen Themen zugewandt. Wieder einmal war ihm bewußt geworden, wie sehr er seine Mutter liebte, wie froh er war, dass sie immer für ihn da war und er nahm sich vor, bei den nächsten Anzeichen von Problemen gleich zu ihr zu gehen, anstatt sich in sich selbst zurück zu ziehen und sie damit auszuschließen.
Gerade als er nach einem weiteren Stapel T-Shirts griff und hoffte, dass sich darin tatsächlich nur seine eigene Wäsche befand, klingelte das Telefon. Froh darüber, dass er der ungeliebten Arbeit des Kofferauspackens entkommen konnte, lies er sich auf das Bett fallen und drückte sich den Hörer ans Ohr.
Hier der neue Besitzer eines rosa Mädchen-T-Shirts, wer spricht dort? meldete er sich gut gelaunt.
Er hörte ein Schmunzeln am anderen Ende der Leitung und dann Kevins beruhigende, bedächtige Stimme. Du hast also auch wieder Dinge gefunden, die dir nicht gehören?
Du etwa auch? Also
das würde mich ja schwer beruhigen, grinste AJ.
Sagen wir mal so
ich habe keine Ahnung, wie Nicks Flip-Flops in meiner Tasche gelandet sind, aber sie sind ganz unten aufgetaucht. Meinst du, er vermisst sie?
Nicks Flip-Flops? fragte AJ in gespieltem Entsetzen. Du weißt was das bedeutet?
Uhm
ich nehme an, in deiner Vorstellung kommen ein Benzinkanister und ein Feuerzeug vor?
Exakt. Es tut mir wirklich leid dir das sagen zu müssen, aber du wirst den Inhalt deines Koffers verbrennen müssen. Alles kontaminiert, soviel ist sicher.
Sie lachten beide und AJ durchflutete ein Gefühl der Wärme, als er an seinen Freund dachte, der ihm so vertraut war und auf den er sich immer verlassen konnte. Mit Kevins nächstem Satz und vor allen Dingen der arlamierenden Ernsthaftigkeit in seiner Stimme, verflüchtigte sich allerdings dieses gute Gefühl und machte einer unbestimmten Angst Platz.
Leider habe ich nicht angerufen, um mich mit dir über den Inhalt unserer Koffer auszutauschen.
Sondern? fragte AJ mit klopfendem Herzen.
Kevin schwieg für einen Moment und AJ rechnete mit dem Schlimmsten, auch wenn er keine Ahnung hattte, was das sein sollte.
Könntest du
vorbei kommen?
Vorbei kommen? Jetzt? Klar
ich meine
ist bei dir alles in Ordnung? Stress mit Kristion oder
Nein, unterbrach ihn Kevin. Ich möchte dir gerne etwas zeigen. Ich kann das schlecht am Telefon erklären, aber es
uhm
ist wichtig.
Jetzt mach es doch nicht so spannend, sagte AJ und stand von plötzlicher Unruhe erfasst auf.
Ich kann dir das jetzt wirklich nicht erklären. Du mußt das sehen und
uhm
wann kannst du da sein?
Ich mache mich sofort auf den Weg, sagte AJ und warf einen Blick auf seine Uhr. In einer halben Stunde?
In Ordnung. Dann bis gleich.
Ja, bis gleich, entgegnete AJ und beendete das Gespräch.
Für einen Moment verharrte er mitten im Raum. Er hatte den Arm sinken lassen, hielt das Telefon aber immer noch in seiner verkrampften Hand. Er konnte noch nicht einmal wirklich sagen, warum ihn dieses Gespräch so nervös machte. Vielleicht, weil es normaler Weise nicht Kevins Art war, um den heißen Brei herum zu reden und ein Geheimnis aus allem und jedem zu machen.
AJ zuckte mit den Schultern und warf den Hörer aufs Bett. Wenigstens mußte er sich jetzt nicht mehr mit dem Kofferauspacken herum schlagen.
Er schlüpfte in ein paar weiße Sneekers, griff sich einen Pullover aus dem Schrank und hüpfte leichtfüßig die Treppe ins Erdgeschoss hinunter.
Aus der Küche drang das helle Lachen seiner Mom und mit einem Lächeln auf den Lippen ging er den Flur hinunter, lehnte sich gleich darauf gegen den Türrahmen und beobachtete sie.
Rachel und seine Mutter standen mit dem Rücken zu ihm an der Arbeitsplatte und schnippelten irgendetwas in kleine Stücke.
Und du wußtest tatsächlich nicht wo er war? hörte er Rachel gerade fragen.
Nein, seine Mutter schüttelte glucksend den Kopf. Er hatte sich im Wandschrank eingesperrt und es irgendwie fertig gebracht das Schloss kaputt zu machen. Nun saß er also da drin und wartete, dass ihn irgendjemand raus holt, während ich völlig aufgelöst die Polizei gerufen habe.
Mußt du meine Schandtaten aus Kindertagen so ungeniert vor Rachel ausbreiten? meldete sich AJ schmunzelnd zu Wort und machte ein paar Schritte in die Küche hinein, während die beiden zu ihm herum fuhren.
Ich muß Rachel doch begreiflich machen, auf wen sie sich da einlässt, grinste Denise.
Na, das wird sie hoffentlich auch so schon wissen, lächelte AJ und zog Rachel an sich. Sie zuckte leicht zusammen und augenscheinlich war es ihr ungenehm in Anwesenheit seiner Mutter so vertraut mit ihm umzugehen. Er wunderte sich darüber, sah aber keine Veranlassung sie loszulassen.
Ich muß nochmal weg, sagte er und hoffte, dass man das Bedauern in seiner Stimme hörte, aber den nervösen Unterton darin übersah.
Was soll das heißen? fragte Denise mit missbilligend gerunzelter Stirn.
Kevin hat angerufen. Er möchte mir irgendetwas zeigen und so wie er klang duldet das keinen Aufschub.
Er fühlte, wie Rachel sich in seinen Armen unruhig bewegte, doch er richtete seine Aufmerksamkeit weiterhin auf seine Mutter.
Als ob ihr euch nicht sowieso schon dauernd seht. Was will er denn so wichtiges, was nicht einmal Zeit bis nach dem Essen hat?
Ich habe keine Ahnung. Aber es klang
nun ja
dringend eben.
Aha. Aprupt drehte ihm seine Mutter wieder den Rücken zu und an den hochgezogenen Schultern konnte er deutlich erkennen, dass ihr die Sache gar nicht in den Kram passte.
Ich bin so schnell wie möglich wieder zurück. Trotzdem
uhm
solltet ihr mit dem Essen nicht auf mich warten.
Ja, ja. Schon klar, schnaubte Denise.
AJ beschloss, nicht weiter darauf einzugehen und wandte sich stattdessen Rachel zu. Als er auf sie hinunter blickte, erschrak er. Sie wirkte noch blasser als die letzten Tage und es fiel ihr sichtlich schwer ihn anzusehen.
Was ist? fragte er sanft.
Nichts, antwortete sie sofort und schüttelte auch noch den Kopf.
Hey, ich sehe doch, dass irgendetwas nicht stimmt.
Es ist alles in bester Ordnung, sagte sie und wandt sich nun mit Nachdruck aus seiner Umarmung.
Ist es, weil ich noch mal weg muß? Ich verspreche, dass ich bald wieder da bin. Du
,
Nein, unterbrach sie ihn. Es ist wirklich alles bestens. Fahr du nur. Denise und ich kommen schon klar.
Er war in keinster Weise überzeugt, doch so wie es aussah hatte er im Moment sowieso keine Chance etwas aus ihr heraus zu bekommen.
Nun gut. Dann bis später, in Ordnung?
Sie nickte.
Dann trat er hinter seine Mutter, schlang die Arme um ihre Taille und legte sein Kinn auf ihre Schulter.
Nicht böse sein Mom, okay?
Ist schon in Ordnung. Beeil dich einfach, ja? sagte sie und sie klang bereits wieder etwas besänftigt.
Versprochen, nickte er, dann drückte er ihr einen schmatzenden Kuß auf die Wange und trat einen Schritt zurück.
Bis später ihr beiden. Und es wäre nett, wenn das Haus nachher noch steht wenn ich wieder komme.
Du mußt nicht immer von dir auf andere schließen, grinste Denise und jagte ihn dann mit einer unmissverständlichen Geste ihres Gemüsemessers aus der Küche.
Kichernd brachte er sich in Sicherheit, durchquerte den Flur und öffnete die Haustür. In diesem Moment wurde er am Arm festgehalten.
Warte einen Moment, sagte Rachel und als er sich zu ihr herum drehte, malte das Sonnenlicht von draußen huschende Schatten in ihr Gesicht.
Hab keine Angst, sagte er zärtlich. Ich bin so schnell wieder da, dass du gar nicht merken wirst, dass ich überhaupt weg war.
Sie schüttelte langsam den Kopf. Das ist es nicht, sagte sie leise.
Sondern? fragte er sanft und zog sie vorsichtig an sich.
Sie biss sich auf die Unterlippe und wußte scheinbar nicht, was sie sagen sollte.
Na komm schon. Was geht in deinem hübschen Köpfchen vor, hm?
Ich
es ist
ich möchte nur
, sie seufzte und schüttelte den Kopf. Es mag vielleicht komisch klingen, setzte sie dann noch einmal neu an. Aber nicht alles ist so, wie es zu sein scheint. Bitte vergiss das nicht. Ich möchte nur dass du weißt, dass ich
dich wirklich
sehr gerne habe und niemals bewußt etwas tun könnte, das dir schadet.
Verwirrt runzelte er die Stirn. Was wollte sie ihm damit sagen? Er wußte doch, dass sie ihn gern hatte wobei es natürlich ein angenehmes Gefühl war, es aus ihrem Mund zu hören. Aber ausgerechnet jetzt?
Mach dir keine Sorgen, sagte er, weil ihm nichts besseres einfiel.
Sie seufzte. Sicher.
Sanft streichelte er ihre Wange und fing dabei den ernsten Blick ihrer blauen Augen auf. Darin lag so viel Furcht, dass es ihm für einen Moment das Herz schmerzhaft zusammen zog.
Was ist denn nur
, setzt er an, doch sie stellte sich blitzschnell auf die Zehenspitzen und verschloss seinen Mund mit einem festen, nachdrücklichen Kuß. Als sie sich wieder von ihm löste, atmete sie schwer und bevor er noch irgendetwas sagen konnte hatte sie sich aus seiner Umarmung befreit und lief den Flur hinunter. Gleich darauf hörte er sie die Treppenstufen hinauf hasten.
Für einen Moment blieb er unentschlossen an der Haustür stehen. Sollte er ihr hinterher gehen? Oder lieber zu Kevin fahren? Unfähig eine Entscheidung zu trefffen stand er wie festgewachsen im Flur mit der Türklinke in der Hand, bis plötzlich seine Mutter aus der Küchentür trat.
Geh schon, sagte sie sanft ich kümmere mich um sie.
Weißt du, was mit ihr los ist?
Sie schüttelte den Kopf. Ich habe keine Ahnung, aber je schneller du wieder da bist, um so besser für uns alle.
Er nickte. In Ordnung. Danke.
Nichts zu danken. Und jetzt mach, dass du los kommst. Du weißt doch, Kevin wird etwas unleidlich wenn man ihn warten lässt.
Das stimmt, nickte er und ein angedeutetes Lächeln lag bereits wieder auf seinen Lippen.
Er winkte noch einmal kurz, dann trat er durch die Tür und zog diese hinter sich zu. Rachels blasses Gesicht begleitete ihn allerdings auf dem gesamten Weg durch die Stadt.