Kapitel 32

Am nächsten Tag saß Kevin auf der Terrasse seines Bungalows, nippte an einem Glas Eistee und hatte den Blick in die Ferne gerichtet. Kristin war zum Einkaufen in die Stadt gefahren und er erwartete sie nicht in den nächsten drei Stunden zurück.
Er genoss das Gefühl der Ruhe, das nach und nach jeden Winkel seines Körpers durchdrang. Seitdem er Kristin von seinen Gedanken erzählt hatte und die Entscheidung, die sein restliches Leben bestimmen würde, gefallen war, fühlte er sich wie von einer schweren Last befreit. Sicher, es würde noch schwer werden allen begreiflich zu machen warum er tat, was er tun musste, aber für den Moment war er einfach nur erleichtert, das dunkle, bösartige Gespenst aus seinem Kopf entlassen zu haben.
Hinzu kam, dass er unbeschreiblich froh darüber war, dass AJ heil und gesund zu ihnen zurück gekehrt war. Manchmal mußte er sich regelrecht kneifen um sich wirklich bewußt zu werden, dass dies alles kein Traum war.
Und zu guter letzt lag ein großer Teil der Tour bereits hinter ihm und auch wenn noch nicht fest stand, ob sie damit weiter machen oder vielleicht doch eine längere Pause einlegen würden, hatte er das beruhigende Gefühl, diesem Zirkus für eine Weile entkommen zu sein.
Es hatte schon Touren gegeben, nach denen er fast eine Woche gebraucht hatte, um annähernd wieder runter zu kommen und zurück in ein normales Leben zu finden.
Das fing schon morgens damit an, dass ihn niemand um eine unchristlich frühe Uhrzeit weckte, ging weiter über die Mahlzeiten, von denen er sich plötzlich wieder aussuchen konnte wann und vor allen Dingen was er zu sich nahm und endete bei dem angenehmen Gefühl, wieder Herr seiner selbst zu sein, ohne dass ihm jemand vorschrieb, wann er wo zu sein hatte und was er dort zu tun hatte.
Er konnte jetzt einfach in den Tag hinein leben, sich dem Rhythmus seines eigenen Körpers und Geistes hingeben, ohne Angst haben zu müssen, dass er etwas falsches zum falschen Zeitpunkt tat. Dieser Zustand der Entspannung und des “sich treiben lassens” hielt für gewöhnlich nicht sehr lange an, da er im Grunde ein Mensch war, der immer eine gewisse Bewegung und Anspannung in seinem Leben brauchte, aber die paar Tage die ihm in diesem Konkon der Ruhe blieben, genoss er in vollen Zügen.
Heute war das allerdings etwas anderes. Unter der Ruhe und Gelassenheit, die ihn hier in diesem Haus überkommen hatte, brodelte eine Frage, auf die er noch keine Antwort gefunden hatte. Wie ein lästiger Stein in seinem Schuh quälte ihn der Gedanke, woher er Rachel kannte.
Täuschte er sich? Sah sie nur jemandem sehr ähnlich, mit dem er keine guten Gefühle verband? Oder gab es tatsächlich einen Grund, warum ihn ihr Gesicht nicht los lies?
Das dunkle Haar, die blauen Augen, die etwas zu spitze Nase, die vollen Lippen … das alles kam ihm gleichzeitig vertraut und doch wieder völlig fremd vor. Er ertappte sich immer wieder dabei, wie er über diese Frage nachgrübelte. Länger, als ihm gut tat, das merkte er gerade jetzt wieder. Anstatt sich zu entspannen und die freie Zeit zu genießen, hatte er Rachels Gesicht vor Augen und seine Gedanken drehten sich dabei nur um eine Sache: Woher kenne ich dich nur?
Diese Unruhe trieb ihn schließlich aus seinem gemütlichen Sessel hinein ins Haus. Er ging den langen Flur hinunter, von dem Türen ins Schlafzimmer, Badezimmer, in die Küche, dem Haushaltsraum und schließlich in sein Büro abgingen.
Er betrat den hellen Raum, der eindeutig seine Handschrift trug. Dunkle, schwere Eichenmöbel vermischten sich mit buschigen Grünpflanzen und einer cremefarbenen, bequemen Couch. Auf dem alten, teilweise schon etwas abgenutzten Dielenboden lag ein heller Teppich aus sündhaft teurer Wolle. Die Wände waren in einem hellen Beige gestrichen. Die Wand gegenüber den großen Sprossenfenstern war über und über mit Familienfotos bedeckt, alle hinter Glas in matt schimmernden Alumiumrahmen. An der Wand zur Linken des ausladenden Schreibtisches verliefen Regale bis unter die Decke, die mit allerhand Ordnern, Büchern und Papierkram vollgestopft waren. Rechter Hand hingen diverse Auszeichnungen und Preise, die er zusammen mit seinen Freunden für ihre Arbeit als Band erhalten hatte und wie immer durchflutete ihn ein Anflug von Stolz, als sein Blick diese kurz streifte.
Doch sein Zeil war etwas ganz anderes. Er nahm hinter dem wuchtigen Schreibtisch Platz und schaltete seinen Laptop ein. Während dieser hochfuhr, ging er zu einer kleinen Stereoanlage, die in mitten der Papierberge in dem Regal leicht zu übersehen war und drückte auf Play. Die anmutige Stimme von Vonda Sheppard durchflutete augenblicklich den Raum und mit einem zufriedenen Seufzer lies er sich wieder in seinen Ledersessel hinter dem Schreibtisch fallen.
Für einen Moment überlegte er, wie er vorgehen sollte. Er hatte nicht einmal den Ansatz einer Ahnung, wo er suchen sollte. Er kannte weder Rachels vollen Namen, noch wußte er zu welchem Zeitpunkt seines Lebens sie sich begegnet waren. Wenn überhaupt.
“Nun gut,” murmelte er schließlich. “Irgendwo muß ich ja wohl anfangen.”
Er öffnete zu erst sein Adressbuch und ging nach und nach sämtliche Einträge durch. Er stieß auf ein paar Rachels, doch keine konnte er mit der Person in Verbindung bringen, die seinem Freund das Leben gerettet hatte.
Er schüttelte den Kopf, schloss mit einem kurzen Klick auf sein Mousepad das Adressbuch wieder und wählte sich ins Internet ein.
Seine Finger verharrten einen Moment über der Tastatur, so als wartete er auf eine göttliche Eingebung. Als ihn diese schließlich überraschend traf, erfasste ihn augenblicklich eine unbändige Erregung.
Er wußte vielleicht nichts über sie, aber er wußte genug über sich und die Medien. Wenn er Rachel schon einmal begegnet war, mußte unweigerlich sein Name mit ihrem in Zusammenhang stehen.
In einer Suchmaschine gab er also ein: Kevin Richardson+Rachel.
Dann klickte er auf Suchen und wartete voll gespannter Erwartung. Es fanden sich ganze 237 Einträge zu diesen Suchbegriffen und etwas enttäuscht schüttelte er den Kopf. Das konnte ja heiter werden. Doch so schnell würde er nicht aufgeben. Entschlossen rieb er sich die Hände und machte sich an die Arbeit.

Zwei Stunden später war er zwar genau darüber im Bilde, wieviele Rachels er bisher in seinem Leben getroffen hatte und zu welchem Anlass, aber er war “seiner” Rachel noch keinen Schritt näher gekommen. Inzwischen war von seiner ursprünglichen Erregung und seinem Elan nicht mehr viel übrig, aber er hatte sich geschworen, nicht aufzugeben bevor er nicht jeden der 237 Einträge durchgegangen war.
Erneut klickte er auf eine Betreffzeile und wartete, ungedulig mit den Fingern auf die Tischplatte trommelnd, bis sich die entsprechende Seite aufgebaut hatte.
Sein Blick huschte kurz zu der Wand mit seinen Erinnerungsfotos. Vielleicht sollte er die Suche einfach aufgeben und sein unbestimmtes Gefühl als Einbildung abtun. Machte es überhaupt einen Sinn sie zu finden? Was auch immer damals passiert war, wenn überhaupt etwas gewesen war, hatte mit heute wahrscheinlich überhaupt nichts mehr zu tun. Sie war ein liebenswertes Mädchen und AJs Leben war inzwischen so eng mit ihrem verknüpft. Machte es da einen Unterschied, ob er sie schon eimal getroffen hatte oder nicht?
Seine Augen wandten sich wieder dem Bildschirm seines Laptops zu und augenblicklich war alles vergessen, was er sich gerade eben noch versucht hatte einzureden. Wie elektrisiert richtete er sich in seinem Sessel auf, sein Mund wurde augenblicklich knochentrocken und seine Händen begannen kaum merklich zu zittern. Er hatte sie gefunden!
Das Bild war verschwommen und im Grunde viel zu winzig, als dass er irgendetwas hätte erkennen könne, doch bereits die Überschrift des zweispaltigen Artikels, der sich auf der Homepage der Sun befand, bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen. Er wußte wieder woher er sie kannte, daran gab es für ihn absolut keinen Zweifel mehr.
Möderin zu Bewähungsstrafe verurteilt schrie ihm die Überschrift direkt ins Gesicht und mit einem unterdrückten Stöhnen überflog er den Artikel. Dabei entstanden endlich die Bilder in seinem Kopf, nach denen er so verzweifelt gesucht hatte.
Der Gerichtssaal war überfüllt gewesen. Überall drängten sich Menschen zusammen. Die Presse hatte sich mit unbändigem Vergnügen auf die Geschichte gestürzt und so herrschte eine geschäftige Unruhe, während alle Welt darauf wartete, dass das Urteil gegen Rachel McCarthy verlesen wurde. Die Fahrerin des Wagens, der Lillian getötet hatte.
Als die Tür im hinteren Teil des Gerichtssaals schließlich aufschwang und Rachel hinein geführt wurde, mußte er sich beherrschen um nicht einfach auf sie loszugegen. Wußte sie überhaupt, wie viel Leid sie verursacht hatte? War ihr bewußt, dass sie in dieser Nacht nicht nur ein Leben zerstört hatte, sondern auch das einer seiner besten Freunde?
Sie wirkte ruhig und gefasst, während sie einer der Gerichtsdiener zur Anklagebank führte. Sie trug Jeans, einen grünen Pullover, der ihr viel zu groß zu sein schien und um ihren schmalen Körper schlackerte und chromglänzende Handschellen. Ihr Gesicht war unnatürlich blass, die Wangen eingefallen und ihre Augen hatten jeglichen Glanz verloren. Doch das nahm er nur am Rande wahr. Zu sehr brannte die Wut in ihm. Eine Wut, die sich ausschließlich und punktgenau auf die Frau richtete, die jetzt mit dem Rücken zu ihm regungslos vor ihm saß. Die gesamte Verhandlung über konnte er seinen Blick nicht von ihr abwenden. Er wollte sie bestrafen auch wenn das im Moment nur mit dem kalten Blick seiner funkensprühenden Augen möglich war.
Als das Urteil verlesen wurde und das Wort “Bewährungsstrafe” ganz allmählich in sein Gehirn einsickerte, hätte er am liebsten aufgeschrien und irgendetwas in winzig kleine Stücke gehauen. War das der Preis für ein Menschenleben? Man konnte einfach so durch die Gegend fahren, unschuldige Menschen töten und kam mit einer Bewährungsstrafe davon?
Die Verhandlung wurde geschlossen und die Reporter drängten nach draußen um die sensationellen Neuigkeiten in die Welt zu verbreiten. Kevin jedoch blieb reglos sitzen, unfähig sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. In diesem Moment drehte sich Rachel zu ihm herum, so, als hätte sie die ganze Zeit gespürt, dass er sie anstarrte und ihre Blicke trafen sich.
Die tiefe Leere, die in ihrem Blick lag, erschreckte ihn ein wenig, aber doch nicht genug, um ihm die alles verzehrende Wut auf diese Frau zu nehmen, die immer noch durch seine Adern schoss. Er wollte aufspringen, mit einem Satz über die Absperrung hechten und seine Hände um ihren Hals legen. Für einen winzigen Moment stellte er sich vor, wie er ganz langsam zudrückte, wie sie unter ihm zuckte und sich wandt, dabei seine Handgelenke umfasste und ihre Augen um Gnade bettelten.
Doch diese Vision verflüchtigte sich genau so schnell, wie sie gekommen war. Der Gerichtsdiener nahm Rachel am Arm und schob sie langsam vor sich her. Als sich die Tür hinter den Beiden schloss, atmete Kevin einmal tief durch und erhob sich dann mit zitternden Knien von der Zuschauerbank. Dabei fragte er sich, wie er AJ nur beibringen sollte, dass die Mörderin seiner zukünftigen Frau auf freiem Fuß war.
Kevin schüttelte kurz den Kopf um wieder zurück in die Gegenwart zu finden. Er war mittlerweile am Ende des kurzen Artikels angekommen. Schnell druckte er die Seite aus und begann dann damit, sich weiter durch die diversen Seiten des Internets zu wühlen. Jetzt, nachdem er wußte wonach er suchen mußte, fand er unzählige Berichte und Artikel zu Rachels Person. Er erfuhr mehr über sie, als ihm lieb war und als er schließlich eine der letzten Seiten öffnete erstarrte er mitten in der Bewegung.
Eine Todesanzeige baute sich langsam vor seinen Augen auf. Ein Robert McCarthy betrauerte den Verlust seiner Tochter, Rachel McCarthy, die laut der Anzeige freiwillig und viel zu früh aus dem Leben geschieden war.
Gott hat seinen Engel zu sich gerufen. Wir vermissen dich.
Er schüttelte voller Unglauben den Kopf. Das konnte nicht sein. Rachel war genau so lebendig wie er. Hier konnte es sich unmöglich um die gleiche Rachel McCarthy handeln.
Er suchte weiter und mußte bald darauf feststellen, dass hier kein Irrtum vorlag. Die Zeitungen hatten auf Grund von Rachels Ableben die Geschichte über den Unfall und Lillians Tod wieder ausgegraben und etwas gehässig fragte man sich, ob Rachel nun endlich die Strafe bekommen hatte, die sie verdiente.
Wie versteinert griff Kevin nach den Artikeln, die sich mittlerweile in seinem Drucker stapelten. Seine Augen suchten die Fotos ab. Konnte es sein, dass er sich irrte? Sah sie dieser Rachel nur unglaublich ähnlich?
Doch es konnte kein Zweifel bestehen. Die selbe Rachel, die AJ das Leben gerettet hatte war gleichzeitig dafür veantwortlich, dass AJ überhaupt in diese Lage geraten war.
Ohne noch einmal darüber nachzudenken griff er zum Telefon. AJ mußte erfahren, mit wem er sich da eingelassen hatte. Todesanzeige hin oder her.

Kapitel 33