Kapitel 31
Kevin stieg aus dem Taxi vor dem Gebäudekomplex, in dem sein Zweitwohnsitz lag, bezahlte den Fahrer und warf sich dann die Reisetasche über die Schulter, während er den Griff an seinem Koffer herauszog. Langsam ging er auf den Hauseingang zu, den Koffer hinter sich herziehend.
Er hatte sich schon vor einigen Jahren hier in LA eine Wohnung gekauft, die er allerdings recht selten nutzte. Meistens wohnte er hier, wenn er wegen neuer Studioaufnahmen gezwungen war, längere Zeit hier zu verbringen. Außerdem war seine Frau öfter hier, wenn sie einen Film drehte oder für ein Fotoshooting gebucht worden war.
Kristin. Ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Er hatte sie so sehr vermisst, dass es ihn jetzt beinahe schmerzte, wenn er daran dachte, dass er sie absichtlich auf Abstand gehalten hatte. In den letzten Tagen hatte er sie zudem telefonisch nicht erreichen können, da sein Handy keinerlei Netzverbindung aufwies und alle anderen Verbindungen zur Außenwelt bekanntermaßen gekappt waren.
Er ging durch das schmiedeeiserne Tor, das Neugierige und Schaulustige aus dieser kleinen, exklusiven Bungalow-Siedlung heraus hielt und lief dann über den schmalen Weg, der ihn durch einen kleinen, mit Grünpflanzen vollgestellten Vorhof in eine lauschige Oase der Ruhe führte.
Das Wasser in dem nierenförmigen Pool glitzerte smaragdgrün und wurde von kleinen Bungalows mit roten Dächern und weißen Fassaden umstanden. Es war angenehm ruhig hier, ein paar Vögel zwitscherten und in der Ferne konnte er einige Kinder lachen und schreien hören, die sich scheinbar in einem anderen Pool auf der Rückseite der Häuser vergnügten.
Tief sog er den Geruch nach feuchter Erde ein, der sich mit dem exotischen Geruch der Pflanzen vermischte, die in großen Terrakotta Töpfen die Eingänge der Bungalows säumten. Er war zu Hause. Irgendwie.
Als er den Schlüssel ins Schloss von Hausnummer 10 steckte, überlegte er kurz, ob Kristin wohl schon auf ihn wartete. Er war sich nicht sicher, ob sie bereits in LA gelandet war.
Schlußendlich hatte sie sich nicht mehr davon abbringen lassen, noch länger auf ihren Ehemann zu verzichten und er hatte nicht mehr die Kraft, um sich gegen sie zur Wehr zu setzen. Vielleicht war es jetzt ja an der Zeit, mit jemandem über seine Gedanken zu reden und wenn nicht mit ihr, mit wem dann?
Flüchtig tauchte der Gedanke an dieses seltsame Mädchen in seinem Kopf auf, das so unvermittelt in ihr Leben getreten war. Immer noch war Rachel ihm mehr als unheimlich und er ärgerte sich über sich selbst, dass er ihr in den letzten zwei Tagen absichtlich aus dem Weg gegangen war. Er war doch ein erwachsener Mann, Herrgottnochmal!
Doch das alles hatte nichts genützt. Sie hatte seine Gedanken laut ausgesprochen, hatte ihm auf den Kopf zugesagt, mit was er sich in seinen dunkelsten Stunden beschäftigte und noch heute fragte er sich, wie sie darauf gekommen war. Hatte er sich durch irgendetwas ein Wort, eine Geste verraten? Es mußte einfach so sein, denn eine andere Möglichkeit lag so weit von dem was er fassen konnte entfernt, das er sie bereits im Ansatz weit von sich schob. Sie konnte keine Gedanken lesen. Basta!
Er hatte den Schlüssel noch nicht vollständig herum gedreht, als die Tür bereits mit Schwung aufgerissen wurde. Seine Frau kam dahinter zum Vorschein, das blonde Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, ihre blauen Augen strahlten mit dem Himmel um die Wette und das liebevolle Lächeln, das nun auf ihrem Gesicht erschien, trieb ihm eine wohlige Gänsehaut auf die Unterarme.
Hallo Fremder, begrüßte sie ihn, zog ihn ohne Umschweife ins Innere des Hauses und noch bevor er richtig seine Tasche abgestellt hatte, schlang sie ihre langen Arme um seinen Hals und zog ihn fest an sich.
Hey mein Schatz, flüsterte er nahe an ihrem Hals und fühlte, wie sich sein von Sehnsucht geschundenes Herz fast augenblicklich erholte.
Er lies seine Hände ihren Rücken hinauf und wieder hinunter wandern, während seine Lippen hungrig nach ihren suchten. Sie stolperten mehr als das sie gingen weiter in das Haus hinein. Noch bevor sie das Schlafzimmer erreichten, hatte er sich bereits seine Schuhe von den Füßen gestreift, ungeduldig an den Knöpfen seines Hemdes genestelt und es sich schließlich einfach vom Körper gerissen. Das leise klicken der Knöpfe auf dem Dielenboden begleitet sie, während sie engumschlungen auf das Bett sanken.
Lass mich nie wieder so lange allein, flüsterte Kristin mit kehliger Stimme, während sich seine Lippen besitzergreifend um die Knospen ihrer mittlerweile ebenfalls entblösten Brust schlossen.
Wenn ich jedes Mal so einen Empfang bekomme, überlege ich mir das nochmal, grinste er und sog dann scharf die Luft ein, als sich ihre Hand fest um seine errigierte Männlichkeit schloss.
Pass bloß auf was du sagst Mr. Richardson, grinste sie frech.
Alles was du willst Mrs. Richardson, gab er mit rauer Stimme zurück und dann hörten sie für eine ganze Weile auf zu reden.
Mittlerweile hatte sich eine samtige Nacht über LA gelegt. Kevin saß auf der kleinen Terrasse, vor sich in seinen Armen seine Frau, die sich vertrauensvoll an ihn schmiegte und neben sich ein kleiner Tisch, auf dem einige Kerzen in Windlichtern flackerten und zwei Gläser Rotwein neben einer exquisiten Flasche Bourgolais standen.
Nachdem sie sich so heiß geliebt hatten, als wäre es das erste Mal, hatten sie gemeinsam geduscht und sich dann gemeinsam auf die Liege gekuschelt. Während sie den Sonnenuntergang genossen, eine kleine Mahlzeit verzehrten und sich den hervorragenden Wein schmecken ließen, hatte er Kristin auf den neusten Stand der Dinge gebracht.
Er berichtete ihr von AJ und wie froh er war, dass er heil und unversehrt zurück zu ihnen gefunden hatte. Er berichtete von den vielen, quälenden Stunden des Wartens, von ihrer Suche im meterhohen Schnee und von der Bedenkzeit von einer Woche, die sie AJ eingeräumt hatten, bevor sie endgültig wußten, ob sie die Tour nun fortsetzen würden oder nicht.
Schließlich kam er auf Rachel zu sprechen.
Sie würde dir bestimmt gefallen, sagte er und nahm einen Schluck von seinem Wein. Sie hat so etwas
hm
ernsthaftes an sich. Und sie kann scheinbar mühelos in dich hinein blicken.
Klingt interessant. Wie
steht denn AJ zu ihr? fragte Kristin, während sie zärtlich seine Unterarme streichelte.
Hm
ich glaube, er ist ganz schön in sie verknallt, auch wenn er das nicht wirklich zugeben würde. Es ist schon beinahe beängstigend, wie sehr er ihre Nähe sucht. Manchmal habe ich den Eindruck, dass er ohne sie gar nicht existieren könnte.
So wie du das sagst klingt das tatsächlich beängstigend, stellte Kristin fest, richtete sich in seinen Armen auf und drehte sich zu ihm herum. Augenblicklich begannen tausende von kleinen Schmetterlingen in seinem Magen zu tanzen, als sie ihm einen ihrer liebevollen Blicke aus ihren blauen Augen schenkte.
Ich weiß auch nicht
, er schüttelte leicht den Kopf weil er meinte, seine Gedanken so besser ordnen zu können, doch es half recht wenig. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich ihr schon einmal begegnet bin. Kennst du das, wenn du jemanden siehst, du weißt, dass du diesem jemand schoneinmal gegenüber gestanden hast, weißt aber nicht mehr wo und wann? Aber du fühlst tief in dir, dass es ein nicht sehr angenehmes Treffen war.
Ich denke, ich kann es mir ungefähr vorstellen.
Nun, dieses Gefühl habe ich bei ihr. Es ist
ich meine .. es ist totaler Schwachsinn, weil sie augenscheinlich ein sehr lieber und netter Mensch ist. Ich meine
Himmel, sie hat AJ das Leben gerettet. Alleine dafür stehen wir auf ewig in ihrer Schuld. Und trotzdem
ich werde dieses Gefühl einfach nicht los.
Ihr habt alle sehr viel mitgemacht in den letzten Wochen, sagte Kristin sanft und küsste ihn zärtlich. Ich glaube, es ist ganz normal, wenn da ein bißchen Misstrauen aufkommt und
naja
ein bißchen Chaos da oben herrscht. Sie tippte ihm vorsichtig gegen die Stirn und er mußte grinsen.
Ein bißchen Chaos ist gut.
Was beschäftigt dich noch? fragte sie weiter und er war erleichtert, dass sie sich wieder herum drehte und ihren Kopf gegen seine Brust sinken lies.
Ich befürchte, jetzt kommt der unangehme Teil, gab er zu.
Seine Worte veranlassten Kristin scheinbar dazu, sich erneut aufzurichten. Diesmal rückte sie allerdings ein Stück von ihm ab und schlug die Beine unter.
Ich bin ganz Ohr.
Das
ist nicht
so einfach, gestand er, umfasste ihre Knie mit seinen Händen und genoss das vertraute Gefühl, ihr so nahe zu sein.
Ich weiß, sagte sie sanft.
Er blickte ihr direkt in die Augen, nahm seinen gesamten Mut zusammen und würgte dann hervor. Was würdest du davon halten wenn ich dir sage, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, mich zu verändern?
Sie runzelte die Stirn. Inwiefern verändern?
Er seufzte und lies den Blick über den kleinen Garten schweifen, als würde er dort die Worte finden, die ihm im Moment noch fehlten.
Ich
möchte
vielleicht
ich meine
ich weiß nicht so genau, ob ich das wirklich möchte aber
ich denke
also
ich denke darüber nach die Band zu verlassen.
Jetzt war es heraus und als hätte er sich einen unangenehm schmerzenden Stachel aus dem Fleisch gerissen, fühlte er sich augenblicklich um Welten besser.
Die Band verlassen? echote sie und sah ihn mit großen Augen an.
Ja, er nickte. Ich weiß, das hört sich im ersten Moment total abwegig an, aber
,
Nein, tut es nicht, unterbrach sie ihn und überrascht sah er zu ihr hinüber. Auch wenn du immer der Meinung bist, Mr. Ich-habe-alles-im-Griff spielen zu müssen, so kannst du doch vor mir nicht verbergen, was offensichtlich ist, lächelte sie. Du quälst dich seit einer ganzen Weile. Nein, korrigierte sie sich gleich darauf quälen ist das falsche Wort. Du bist nicht mehr so zufrieden wie früher. Dein Job ist zu einer Belastung für dich geworden. Sicher, irgendwo genießt du es natürlich auch, aber du warst noch nie ein Mensch, der gerne auf der Stelle getreten ist. Ich glaube, du hast ein bißchen
wie soll ich sagen
deine Zukunft aus den Augen verloren.
Kevin schluckte. Hatte er wirklich gedacht, sie würde aus allen Wolken fallen? Ihm vielleicht sogar Vorwürfe machen? Ihn nicht verstehen?
Auffordernd streckte er die Arme nach ihr aus. Komm her, flüsterte er heiser. Schnell.
Ihr Lächeln wurde noch breiter und gleich darauf kuschelte sie sich wieder an ihn.
Ich denke jetzt schon so lange darüber nach. Wir wollen eine Familie, ich möchte etwas anderes machen, mehr Zeit mit dir verbringen, einfach raus aus dem ganzen Trubel, der mich auf Trab hält.
Auf der anderen Seite weiß ich nicht, ob ich die Jungs einfach so hängen lassen kann, verstehst du?
Ja, das verstehe ich, entgegnete sie und er spürte ihr leichtes Nicken an seiner Brust aber so wie ich die Jungs kenne, werden sie es verstehen. Zumindest werden sie deine Entscheidung akzeptieren, auch wenn sie
nun ja
du weißt ja wie sie sind.
Oh ja, nickte Kevin und ein leichtes Lächeln huschte über sein Gesicht.
Brian würde ihn sicherlich zu erst einmal über seine Gründe ausfragen, versuchen, jedes seiner Argumente zu widerlegen und schließlich einsehen, das er keine Chance hatte und ihm nur das beste wünschen.
Howie würde nicken, ihm auf die Schulter klopfen und so etwas sagen wie was immer für dich das beste ist, ist auch für uns das beste.
Nick würde sich sicherlich erst einmal fruchtbar aufregen, laut werden, mit den Türen knallen und später weinend in seinen Armen liegen. Doch schlussendlich würde er seine Entscheidung ebenfalls akzeptieren.
Blieb nur noch AJ.
Ich weiß nicht, wie AJ es aufnehmen wird, sprach er seine Gedanken laut aus.
Glaubst du, er ist noch zu labil?
Ich weiß nicht. Ich habe Angst davor, ihm auch noch die letzte Sicherheit zu entziehen. Die Band ist sein Leben und auch wenn er im Moment ein paar Schwierigkeiten damit hat, so wird ihn mein Ausstieg wahrscheinlich am härtesten treffen. Noch dazu in seinem momentan
uhm
nicht gerade gefestigten Zustand.
Aber du kannst doch nicht einfach nur dabei bleiben, weil AJ es vielleicht nicht verkraftet, gab Kristin zu bedenken.
Nein, sicherlich nicht, sagte Kevin und schüttelte den Kopf. Aber vielleicht sollte ich noch etwas damit warten, bevor ich es ihnen sage.
Das liegt ganz bei dir, aber
nun ja
, sie stockte und er neigte den Kopf um ihr ins Gesicht sehen zu können.
Aber? hakte er nach.
Aber
es scheint so, als stünde dein Entschluss bereits fest.
Verdutzt hielt er inne und lies diese Feststellung noch einmal auf sich wirken. Hatte Kristin recht? Er horchte in sich hinein, um nach dem kleinsten Anzeichen eines Zweifels zu suchen, doch jetzt, hier, mit dem bruhigenden Gefühl seiner Frau in seinen Armen, vielleicht etwas lockerer durch den Wein in seinen Blutbahnen, mußte er sich eingestehen, dass Kristin recht hatte. Die Entscheidung war gefallen.
Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen und er fühlte Tränen in sich aufsteigen. Würde er tatsächlich die Kraft finden, um dem ganzen den Rücken zu kehren? Konnte er diese Welt, die ihm mittlerweile so vertraut war, hinter sich lassen. Seine Freunde verlassen und ein neues Leben beginnen?
Die Frage war wohl nicht ob er das tatsächlich konnte sondern nur noch, wie er es so anstellte, das möglichst niemand dabei zu schaden kam. Am allerwenigsten Kristin oder einer von seinen Brüdern.