Kapitel 30
Sie waren auf dem Weg nach Hause. Für AJ bedeutete zu Hause Los Angeles und die widersprüchlichsten Gefühle stritten sich in ihm, während er den Kopf gegen das kleine Fester des Privatjets gelehnt hatte. Sein Blick war starr auf die weißen Wattewolken gerichtet, die unter ihm dahin zu schweben schienen, doch er sah sie nicht wirklich.
Er dachte daran wie es sich wohl anfühlen würde, wieder den Boden seiner Heimat zu betreten. Als er vor gut vier Monaten von dort aufgebrochen war, hatte seine Welt in Trümmern vor ihm gelegen. Damals hatte er versucht die tiefen Bruchstellen mit Drogen und Alkohol zu flicken, oder sie zumindest so weit zu übertünchen, dass er sie nicht mehr Tag für Tag sehen mußte. Wie er heute wußte, war ihm das nicht wirklich gelungen.
Er war heute ein anderer Mensch. Vielleicht immer noch nicht wirklich komplett wieder hergestellt, aber doch zumindest wieder mit beiden Beinen in der Realität.
Wenn er später aus dem Flugzeug stieg, würde ihn seine Mutter erwarten und alleine der Gedanke an ihr liebes Gesicht und das Gefühl ihrer festen Umarmung zauberte ein Lächeln auf seine kalten Lippen. Ja, er hatte sie vermisst und er wußte, dass es ihr genau so ging. Sie hatte auf Grund des Sturms nicht zu ihm kommen können, immer noch war es schwierig einen Flug in den Teil des Landes zu ergattern, den er gerade verließ. Er hatte ihre Selbstvorwürfe ganz deutlich heraus gehört, auch wenn er ihr immer wieder versicherte, dass es okay war.
Sie würden gemeinsam in sein Haus am Meer fahren und er würde sich dort erneut seinen Dämonen stellen müssen.
Lillian.
Der Name tauchte ungefragt in seinem Kopf auf und sofort hatte er ihr hübsches Gesicht vor Augen. Ihre sanften, braunen Augen, ihr warmherziges Lächeln, ihr ansteckendes Lachen und ihre verführerische Stimme, die sich in sein Ohr zu schmeicheln schien. Er sah sie klar und deutlich vor sich, auch wenn er das Gefühl hatte, dass sie auf unangenehme Weise verblasst war. Nichts, was er wirklich greifen konnte, aber nichtsdestotrotz eine unumstößliche Gewissheit. Er war dabei sie zu verlieren.
Für einen Moment schloss er die Augen, in denen salzige Tränen brannten. Er vermisste sie immer noch so schmerzhaft, dass er manchmal das Gefühl hatte, jemand risse ihm sein Herz heraus und der Gedanke, sie nie wieder in den Armen halten zu können hinterlies einen bitteren Geschmack auf seiner Zunge.
Einige Zeilen, die er vor gar nicht all zu langer Zeit in der Hütte geschrieben hatte, rasten mit der Geschwindigkeit eines D-Zugs durch seinen Kopf.
Somedays I feel broke inside but I wont admit.
Sometimes I just want to hide cause its you I miss.
And its so hard to say goodbye when it comes to this.
Would you tell me I was wrong?
Would you help me understand?
Are you looking down upon me?
Are you proud of who I am?
Theres nothing I wouldnt do,
to have just one more chance,
to look into your eyes and see you looking back.
Im sorry for blaming you for everything I just couldnt do.
And Ive hurt myself.
If I had just one more day, I would tell you how much that
Ive misssed you since youve been away.
(Christina Aguilera Hurt)
Was würde sie zu ihm sagen, wenn sie jetzt noch bei ihm wäre? Würde sie ihn darin bestärken sein Leben fortzusetzen, auch wenn das bedeutete, dass sie ihn an eine andere Frau verlor?
Er öffnete langsam die Augen und wandte den Kopf. Neben ihm, die Lehne des Sitzes beinahe in der Waagerechten, lag Rachel und schlief. Sie sah immer noch unnatürlich blass aus und selbst im Schlaf schien sie sich nicht wirklich entspannen zu können. Ihre Augen zuckten hektisch hinter den geschlossenen Lidern und ab und an bewegten sich ihre Mundwinkel, als wolle sie etwas sagen, wäre aber zu kraftlos um irgendeinen Ton hervor zu bringen.
Vorsichtig hob er die Hand und strich ihr zärtlich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht. Was hätte Lillian von ihr gehalten? Hätte sie sie gemocht? Erneut flammte ein zaghaftes Lächeln auf seinen Gesichtzügen auf. Ja, Lillian hätte sie vergöttert. In vielen Dingen waren sie sich unglaublich ähnlich. Die Beharrlichkeit, mit denen die beiden Frauen vorgingen, die Sanftheit, mit der sie ihm begegnet waren und nicht zu letzt ihre erotische Ausstrahlung, die sein Herz schneller schlagen lies.
Er vermisste manchmal Lillians Stärke an Rachel. Es gab so viel Dunkelheit in ihr. Ihre Seele war so tief und gut vergraben, dass es ihm manchmal beinahe Angst machte. Er hatte am eigenen Leib erfahren wie weit man sich in sich selbst zurück ziehen konnte und sich nun einem Kalliber ähnlicher Art gegenüber zu sehen machte ihn unbestreitbar nervös. Er war noch nicht so weit um die Verantwortung für einen anderen Menschen zu übernehmen. Was, wenn Rachel gerade im Moment am Rande eines Abgrundes entlang taumelte und er machtlos war, etwas dagegen zu tun? Würde sie ihn mit sich hinab ziehen?
Auf der anderen Seite
war er im Moment überhaupt fähig, ohne Rachel an seiner Seite zu bestehen? Er brauchte sich nichts vormachen. Wenn Rachel nicht gewesen wäre, wäre er nun tot. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Er war ihr dankbar und auch der Meinung, er schulde ihr etwas.
Aber das alleine konnte es nicht sein, warum er immer noch wie gebannt auf ihr schlafendes Gesicht hinunter starrte. Irgendetwas an ihr - etwas, das er bisher noch nicht hatte fassen könne - machte sie einfach unwiderstehlich und auch einzigartig.
Die Art, wie sie scheinbar mühelos seine Gedanken lesen konnte, die Selbstlosigkeit, mit der sie sich unbeirrbar um ihn gekümmert hatte und nicht zuletzt der eindringliche Blick aus ihren blauen Augen, der ihn regelmäßig um den Verstand brachte, hatte etwas ganz tief in ihm berührt. Eine Region, von der er der Meinung gewesen war, dass niemals wieder ein Mensch - und schon gar keine Frau in sie vordringen könnte.
Er seufzte leise, wandte sich von Rachel ab und starrte wieder aus dem Fenster. Der Anblick hatte sich nicht wirklich verändert. Immernoch schwebten sie über den Wolken dahin. Hinter ihnen strahlte die Sonne, als gäbe es so etwas wie schlechtes Wetter gar nicht und sie wärmte seine Wange, während er den Kopf in die Hand stützte und seine Gedanken ein letztes Mal zurück zu ihrer Hütte schweifen lies.
Wie ein Film liefen die letzten Wochen vor seinem geistigen Auge ab. Er durchlebte noch einmal die Verzweiflung, den Schmerz und zum Schluß auch noch einmal die Freude, als er erkannte, dass er stark genug war, um einem ganzen Alkoholdepot zu trotzen.
Er dachte an Lillian und wie stolz sie auf ihn gewesen wäre. Er hörte ihre sanfte Stimme, die ihm zuflüsterte, dass es in Ordnung war, dass es ihr gut ging und dass es Zeit wurde, sich wieder seinem eigentlichen Leben zu zu wenden.
Ich werde dich nie vergessen, flüsterte er kaum hörbar, dann schloss er die Augen und stellte sich vor, wie sei beide Hand in Hand am Strand entlang liefen. Ihre Füße malten tiefe Spuren in den feuchten Sand, eine leichte Briese streichelte sein Gesicht und ein leichtes Lächeln legte sich auf seine Lippen.
Leb wohl, flüsterte sie in seinem Kopf.
Leb wohl, flüsterte er in der Realität, dann spürte er, wie sie seine Hand los lies.
Er sah sie vor sich, wie sie sich immer weiter von ihm entfernte. Ihre Füße hinterließen nun einsame Spuren im Sand, die bis zum Horizont führten, wo sie sich ganz langsam wie in einer Art Nebel aufzulösen begann.
Er widerstand dem Drang sie zurück zu rufen, sie erneut an sich zu binden. Ihre Beziehung war jetzt, in diesem Moment zu Ende. Sie würde weiter leben. Tief in seinem Herzen und in seinen Gedanken, aber er würde den Rest seines Lebensweges ohne sie gehen.
Er hatte erwartet, dass er in Tränen aufgelöst zusammen brechen würde, wenn dieser Tag einmal kam, doch stattdessen fühlte er eine unglaubliche Ruhe die ihn erfasste. Er wußte plötzlich mit unumstößlicher Gewissheit, dass er das Richtige getan hatte. Sicher, es schmerzte, aber er würde mit diesem Schmerz leben können und irgendwann würde er zu einer kleinen Narbe in seinem Herzen werden. Immer da, immer in seiner Nähe, aber nicht mehr schmerzhaft, nicht mehr zerstörerisch und ohne, dass davon sein Leben bestimmt wurde.
Zufriedenheit erfasste ihn und tief atmete er einmal ein und wieder aus. Sein Kopf wurde schwer, bis er mit einem dumpfen Laut gegen die Scheibe stieß. AJ war eingeschlafen. Er atmete regelmäßig und die leere Stelle, die Lillian in ihm hinterlassen hatte, begann sich langsam und unbemerkt mit neuer Kraft zu füllen.
Es würde noch eine ganze Weile dauern, bis er endgültig genesen war, aber die Wunde hatte begonnen zu heilen und gewährte ihm somit eine neue Chance auf ein glückliches, zufriedenes Leben.