Kapitel 29
Es war bereits spät am Abend und AJ fühlte sich wie erschlagen. Seitdem sie die Hütte verlassen hatten, war er keine Sekunde mehr alleine oder unbeobachtete gewesen.
Als sie in dieses kleine, abgelegene Hotel gekommen waren, konnte er erst gar nicht glauben, welcher Aufwand tatsächlich betrieben worden war, um ihn zu finden und nachdem er sich von den Jungs und seinem Management hatte anhören müssen, wie schlimm die vergangenen Wochen für sie gewesen waren, plagte ihn sein schlechtes Gewissen.
Er fragte sich, wie es hatte passieren können, dass ihm plötzlich alles und jeder egal geworden war. Er hatte ohne Rücksicht auf Verluste viel länger in der Hütte verbracht, als nötig gewesen wäre. Er legte sich jede Menge guter Rechtfertigungen zurecht, doch so wirklich konnten ihn diese auch nicht überzeugen. Er hatte die halbe Welt in Angst und Schrecken versetzt und das nur, weil er sich genau dieser Welt nicht mehr gewachsen fühlte.
Selbst jetzt, in der Abgeschiedenheit dieses Ortes, der noch dazu ohne Strom und Telefon auskommen mußte, fühlte er sich eingeengt. Er fürchtete, dass er seine neu gewonnene Gelassenheit, den Abstand, mit dem er inzwischen gewissen Dingen aus seiner Vergangenheit begegnen konnte und die Ruhe, die jeden Winkel seiner Persönlichkeit ausfüllte, schneller verlieren könnte, als ihm lieb war.
Spätestens als man auf die unterbrochene Tour zu sprechen kam hatte er das Gefühl, als würde ihm ganz langsam die Luft abgeschnürt. Er war noch nicht bereit dazu, wieder hinaus ins Rampenlicht zu treten. So sehr er es auch genoss, auf einer Bühne zu stehen und damit alle Probleme hinter sich zu lassen, so sehr ängstigte ihn der gesamte Rest darum herum.
Doch er konnte seine Bedenken nicht in Worte fassen. Er war der Meinung, seinen Freunden, seinem Manager und nicht zu letzt seinen Fans etwas schuldig zu sein und diese Zwickmühle, in die ihn diese Gedanken führten, ließen sein Herz ängstlich schneller schlagen.
Kevin war es schließlich, der dieser Diskussion, die AJ mehr oder weniger schweigend über sich ergehen ließ, ein Ende setzte und bemerkte, dass sie alle eine ganze Menge Schlaf nachzuholen hätten und das nicht alle Entscheidungen jetzt sofort gefällt werden mußten.
Dankbar für diese Atempause und der Möglichkeit, sich endlich an einen ruhigen Ort zurück ziehen zu können, hatte er sich sofort erhoben, den Anwesenden eine gute Nacht gewünscht und hatte dann fluchtartig den Speisesaal verlassen.
Er wußte genau, was er jetzt brauchte. Rachel hatte sich recht bald nach ihrer Ankunft entschuldigt und er wurde das Gefühl nicht los, dass jeder darüber erleichtert war, außer ihm selbst. Sicher, sie hatte bei den Interna der Band nichts zu suchen und sicherlich hätte es sie sowieso nur gelangweilt, aber es kam ihm so vor, als hätte sie einen großen Teil seiner Stärke und Zuversicht mit sich genommen. Es wurde Zeit, dass er sie sich zurück holte.
Er stieg die schmale Treppe in den ersten Stock hinauf und ging den engen Flur bis zu ihrer Zimmertür hinunter. Er zögerte einen Moment, bevor er anklopfte. War es wirklich eine gute Idee, jetzt zu ihr zu gehen? Sollte er sich nicht besser in sein Zimmer zurück ziehen und noch einmal ausführlich über alles nachdenken? Entscheidungen für sich und sein zukünftiges Leben treffen? Doch gleichzeitig wurde ihm klar, dass ihm genau das im Moment nicht möglich war und ohne noch einmal darüber nachzudenken klopfte er an.
Als er ihr leises Herein, es ist offen, hörte, zog sich sein Magen freudig erregt zusammen und ein feines Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht. Ja, er brauchte sie. Zum Teufel mit allem anderen.
Langsam schob er die Tür auf und trat in das schummrige Halbdunkel dahinter. Sie hatte anscheinend geduscht, denn der süße Duft nach Duschgel und Seife hing schwer und feucht in der Luft. Sie saß im Schneidersitz auf dem Bett und bürstete ihr feuchtes Haar. Sie trug einen dünnen Pullover und Pyjamahosen und Ihr Gesicht wurde von einigen Kerzen erhellt, die auf einer Kommode flackernd brannten. Augenblicklich kampfte sich sein Herz beinahe schmerzhaft zusammen und er war der Meinung, dass sie niemals schöner ausgesehen hatte als gerade in diesem Moment, als ihr Blick seinen traf.
Hey, begrüstete sie ihn lächelnd.
Hi, gab er zurück und machte einige weitere Schritte in das Zimmer hinein. Störe ich? fragte er dann noch, weil er sich plötzlich nicht mehr sicher war, ob sie ihn tatsächlich jetzt sehen wollte. Vielleicht war es ihr ganz recht, wenn sie endlich einmal alleine sein konnte. Doch sie zerstreute seine Bedenken mit einem leisen, warmen Lachen.
Als ob du mich je stören könntest, sagte sie und klopfte dann auffordernd neben sich auf das Bett.
Während er die kurze Distanz überwandt und sich leise seufzend auf das Bett sinken lies, legte sie die Haarbürste beiseite und wandte sich ihm dann wieder zu.
Für eine ganze Weile sahen sie sich einfach stumm in die Augen und er mußte sich eingestehen, dass er sich den ganzen Tag noch nicht so wohl gefühlt hatte wie gerade jetzt in diesem Moment.
Wie geht es dir? durchbrach ihre sanfte Stimme schließlich die Stille.
Ohje, frag mich was leichteres, lächelte er, streifte dann seine Schuhe von den Füßen und lies sich wohlig seufzend nach hinten auf das Bett sinken.
So schlimm? fragte sie und legte sich wie selbstverständlich neben ihn. Sie faltete die Hände wie zum Gebet unter ihrer Wange und der Blick ihrer blauen Augen heftete sich mitfühlend auf ihn. Er drehte sich ebenfalls auf die Seite und war somit ihrem Gesicht ganz nahe.
Nun ja, was heißt schlimm? Im Moment stürzt irgendwie alles ziemlich geballt auf mich ein.
Zum Beispiel?
AJ schwieg einen Moment. Zum Beispiel
die Jungs möchten die Tour wieder aufnehmen. Natürlich nur, wenn es mir soweit gut geht.
Was hast du ihnen gesagt?
Nichts.
Warum nicht?
Weil
, er schüttelte den Kopf und drehte sich wieder auf den Rücken. Sein Blick heftete sich auf die Lampe an der Decke, ein uraltes Monstrum aus Holz, das eigentlich nicht so aussah, als könne es von den alten Deckenbalken wirklich getragen werden.
Weil? hakte Rachel nach.
Weil ich noch nicht weiß, ob es mir gut geht. Weil ich nicht möchte, dass ich in den alten Trott zurück falle. Weil ich nicht weiß, ob ich wirklich schon so weit bin. Weil
es gibt tausende von diesen weil.
Warum sagst du ihnen das dann nicht?
Wieder schwieg er. Warum wußte er selbst nicht so genau. Vielleicht weil sie ihn mit ihrer sanften Stimme und ihrem bedingungslosen Vertrauen in eine Art Konkon einhüllte, in dem er sich eigentlich nicht mit der restlichen Welt beschäftigen wollte.
Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, sagte sie plötzlich und sein Kopf ruckte zu ihr herum.
Wie kommst du
, doch er unterbrach sich. Was frage ich eigentlich? Sagte er kopfschüttelnd und wandte den Blick wieder von ihr ab.
Du hast deine Zeit gebraucht und brauchst sie noch. Mach ihnen das klar. Keiner kann von dir verlangen, dass du dich, deine Gesundheit und die Band aufs Spiel setzt.
So einfach ist das nicht.
Wieso nicht?
Weil es hier um mehr geht als nur um mich und meine Befindlichkeiten. Hinter all dem steht eine riesige Maschinerie von Menschen. Und natürlich auch Geld. Ich kann nicht so einfach beschließen, dass mir das alles im Moment zuviel ist und die anderen hängen lassen.
Aber was ist denn die Alternative? Du gehst zurück, spulst dein Programm ab und in ein paar Wochen bist du wieder am selben Punkt wie vor deinem Unfall.
Ich weiß, seufzte er.
Erneut senkte sich Stille über den Raum. Die Kerzen flackerten in einem unsichtbaren Luftzug und AJ spürte, wie er schläfrig wurde.
Zerbrich dir nicht den Kopf, hörte er ihre leise Stimme, kurz bevor sich ihre Hand auf seinen Brustkorb legte. Die Stelle begann sofort angenehm zu prickeln und er schloss die Augen. Es wird sich alles regeln. Aber nicht mehr heute. Genieße, dass du zurück bist. Freu dich darüber, dass du deine Freunde wieder hast und
nun ja
entspann dich ein bißchen.
Das ist leichter gesagt als getan, murmelte er, auch wenn er fühlte, wie ganz langsam die Anspannung von ihm abfiel. Es war beinahe unheimlich, wie sehr ihn ihre Nähe beruhigte.
Immer noch hatte er die Augen geschlossen und fühlte dabei die Wärme ihrer Handfläche überdeutlich auf seiner Brust. Plötzlich spürte er eine sanfte Berührung in seinem Gesicht. Er schlug die Augen auf und sofort löste sich ihre Hand von seiner Brust und legte sich über seine Augen.
Nein, lass sie zu, flüsterte sie.
Er konnte überdeutlich ihr frisch gewaschenes Haar riechen und er fühlte einen schwachen Lufthauch, als sie sich nun über ihn beugte und ihre Lippen ganz sanft seine berührten.
Seine Hände, die er bis eben noch unter seinem Kopf verschränkt hatte, tasteten vorsichtig nach ihr und legten sich gleich darauf um ihre Taille, während der Druck ihrer Lippen fester und fordernder wurde. Er zog sie näher zu sich heran, schlang die Arme um ihren warmen, anschmiegsamen Körper und ein leichtes Seufzen entrang sich seiner Kehle, als sich ihre Zunge zwischen seine Lippen schob.
Es fühlte sich an, als würde er sie zum ersten Mal küssen: Angenehm ungewohnt und aufregend vertraut zugleich. Er fühlte ihre Hände auf seinem Gesicht und er genoss die zärtlichen Berührungen, die immer wieder über seine Wange und sein Haar streichelten.
Ich habe dich vermisst, hauchte er, als ihre Lippen sanft die weiche Haut seiner Halsbeuge liebkosten.
Ich dich auch, gab sie flüsternd zurück, während sich ihre Hand federleicht unter seinen Pullover schob.
Und DAS wird nicht lange gut gehen, gab er atemlos zu, als sie eines ihrer langen Beine über seine Hüfte legte, um ihm noch näher sein zu können.
Wer sagt, das ich das möchte? gab sie zurück und er konnte ihr Grinsen an seinem Hals spüren.
Seine Arme zogen sie noch fester an sich, seine Lippen suchten hungrig die ihren und als er sie erneut küsste, entbrannte ein Feuer in ihm, wie er es noch nie zuvor gespürt hatte. Er rollte sich mit ihr auf die Seite, öffnete dabei wieder seine Augen und zwang sich dazu, einen Moment inne zu halten. Zärtlich betrachtete er ihr Gesicht. Die großen, teifgründigen Augen, die geschwungenen Augenbrauen darüber, ihre langen Wimpern, die nun sanfte Schatten auf ihre Wangen malten, ihre vollen Lippen und das Lächeln, das nun auf ihren Lippen erschien und ihn die letzte Zurückhaltung vergessen ließ. Würde er es jemals wieder aushalten können, ohne sie zu sein?