Kapitel 28
Das knatternde Geräusch der Schneemobile hallte durch den Wald, während sie über die unberührte Schneedecke dahin jagten. Rachel saß hinter einem jungen Polizisten, der sich als Mike vorgestellt hatte und klammerte sich an seinen dunklen Schneeanzug, in dem er steckte. Sie selbst hatte sich vor einer Stunden in einen ähnlichen Overall gezwängt und war jetzt mehr als froh darüber, da der Wind schneidend um ihre Ohren pfiff und ihr Gesicht vor Kälte brannte.
Sie versuchte sich zu orientieren und überlegte, in welcher Richtung AJs Autowrack und in welcher die Hütte lag. Immer wieder beugte sie sich nach vorne, um Mike zu erklären, wo er hin fahren sollte.
Alles sah hier gleich aus. Die Bäume standen dicht an dicht, wurden immer mal wieder von einer kleinen Lichtung unterbrochen und Rachel war sich inzwischen nicht mehr wirklich sicher, ob sie noch in die richtige Richtung fuhren. Doch wie schon heute morgen hatte sie eine so feste Überzeugung überkommen, die sie unmöglich beiseite schieben konnte. Es war, als hätte ihre innere Stimme das Kommando übernommen und sämtliche Zweifel, Überlegungen oder auch ihren gesunden Menschenverstand hinter eine undurchdingliche Mauer verband.
Gerade lichteten sich wieder die dicht an dicht stehenden Baumstämme und gaben den Blick auf eine breite Schneise frei, die links von ihr nach einigen Metern wieder zwischen den Bäumen verschwand, zu ihrer Rechten allerdings den Blick auf das Dach einer winzingen Blockhütte freigab.
Rachel hätte am liebsten die Arme hochgerissen und laut gejubelt, doch sie benötigte ihre gesamte Konzentration dafür, sich an Mike festzuhalten um nicht einfach hintenüber von dem Schneemobil zu fallen, das jetzt nach rechts schwenkte und über den Schnee der Hütte entgegen raste.
Neben ihr tauchte Nick auf. Er hatte sich weit nach vorne über den Lenker gebeugt und auch wenn sie sein Gesicht durch das Visir nicht sehen konnte, da sich die Sonne darauf brach und das Plastik in einen undurchdringlichen Spiegel verwandelte, so hätte sie schwören können, dass er ein breites, glückliches Grinsen auf seinen Lippen lag.
Mike hielt direkt vor der Hütte an. Deutlich war der Graben zu erkennen, den Rachel freigeschaufelt hatte um an die Holzscheite an der Rückseite zu gelangen. Vorsichtig stieg sie von dem Gefährt ab, dessen Motor noch ein letztes Mal aufheulte, bevor sich endlich wieder wohltuende Stille über den Wald senkte.
Dunbar und die Jungs waren ebenfalls bereits abgestiegen und versammelten sich nun vor der Hütte, in der es beunruhigend still geblieben war. Eigentlich hatte Rachel damit gerechnet, dass AJ die Tür aufreißen würde, noch bevor sie richtig zum Stillstand kamen, doch nichts rührte sich.
Ich werde erst einmal alleine nach ihm sehen, okay? wandte sie sich an die umstehenden Männern, doch während Dunbar direkt zum Protest anhob, nickte Kevin. Er schien immer noch verwirrt über ihr Gespräch zu sein und er hatte es ganz offensichtlich vermieden, ihr noch einmal zu nahe zu kommen. Gerade deshalb rechnete sie es ihm hoch an, dass er sie nun tatsächlich gehen ließ, auch wenn ihn die Sehnsucht nach seinem Freund im Moment überwältigen mußte.
Vorsichtig lies sie sich über die Kante des Schnees nach unten gleiten, bis sie in dem tiefen Graben stand. Sie blinzelte noch einmal zu den Männern auf, die über ihr standen und aufgeregt und auch nervös auf die Haustür hinter ihr starrten.
Beeil dich, ja? sagte Nick. Ich kann gleich für nichts mehr garantieren.
Verstanden, nickte sie lächelnd, wandte sich um und öffnete die Tür, trat hindurch und schloss sie gleich darauf wieder.
Der Wohnraum schien verlassen, das Feuer im Kamin war herunter gebracht und nur ein paar glühende Brocken befanden sich noch zwischen dem Berg grauer Asche. Geschirr stapelte sich sauber gespült auf der Ablauffläche der Spüle und auf dem kleinen Couchtisch lagen einige Blätter Papier, sorgsam auf einen Haufen gestapelt.
Rachel fühlte sich, als sei sie nach langer Abwesenheit wieder nach Hause zurück gekehrt. Alles hier drin war ihr vertraut. Jedes Möbelstück, jede Kerbe in dem schiefen Dielenboden, selbst der Geruch nach muffigem Stoff und brennendem Holz war wie ein stummer Willkommensgruß. Langsam zog sie ihre Mütze vom Kopf und entledigte sich der Handschuhe. Achtlos warf sie diese Auf die Rückenlehne der Couch, während sie sich unaufhaltsam der Tür zum Schlafzimmer näherte.
Vorsichtig legte sie ein Ohr an das raue Holz, doch kein Laut drang zu ihr. Konnte es wirklich sein, dass AJ noch schlief?
Plötzlich hatte sie Angst, diese Tür zu öffnen. Sie wußte nicht, was sie dahinter erwartete und ihre Fantasie malte ihr Bilder, die AJ immer wieder mit einer Falsche im Arm zeigten.
Schließlich riss sie sich zusammen. Egal was auf der anderen Seite auf sie wartete, sie würde damit umgehen können. Alles war besser als hier weiterhin wie festgewachsen herum zu stehen und sich sinnlose Fragen zu stellen, die sie sowieso nicht beantworten konnte.
Unendlich langsam drückte sie die Klinke hinunter und schob die Tür auf. Ihr Blick fiel zu erst auf das riesige Bett und den Kissenberg, der sich darauf türmte. Sie war sich nicht ganz sicher, ob AJ darin lag, denn sie konnte ihn von ihrem Posten an der Tür nicht ausmachen. Doch dann fiel ihr Blick auf die einzelne Flasche, die am Fußende des Bettes auf dem Boden lag. Der Korken war entfernt worden und eine kleine Pfütze klarer Flüssigkeit breitete sich um sie herum aus. Scharf sog sie die Luft ein und registrierte erst jetzt den überwältigenden Alkoholgeruch, der in diesem Zimmer hing.
Nein, nein, nein, flüsterte sie. Sag mir, dass du das nicht getan hast. Bitte, sag, dass das alles nur
,
Im Bett rührte sich etwas, die Decken bewegten sich und urplötzlich tauchte ein dunkler, verstrubbelter Haarschopf darüber auf. AJ wirkte verschlafen, das Gesicht verknittert und alles in allem brauchte er eine ganze Weile, in der er sie blinzelnd anstarrte und offensichtlich versuchte, richtig wach zu werden.
Bist du wirklich hier? hörte sie ihn flüstern, während er sich die Augen rieb.
Ja, nickte sie und war nicht fähig, ihren Posten an der Tür zu verlassen.
Sie dachte, er würde noch etwas sagen, doch stattdessen schwang er die Beine über die Bettkante und stand auf. Er trug noch immer die Kleider, die er auch am vergangenen Tag getragen hatte. Sie waren zerknittert, sein T-Shirt hing ihm aus der Hose und lugte unter seinem Pullover hervor, lediglich den Gürtel der Jeans schien er geöffnet zu haben und dieser klirrte nun leise, als er langsam auf sie zukam.
Ich habe dich vermisst, sagte er leise, während er dicht an sie heran trat. Ist alles in Ordnung?
Das sollte ich vielleicht dich fragen, gab sie mit gerunzelter Stirn zurück, was ihn offensichtlich verwirrte.
Wie meinst du das?
Statt einer Antwort zeigte sie an ihm vorbei und auf die Flasche, die immer noch vor dem Bett lag und wie ein stummes Mahnmal wirkte.
Oh
das
, nickte er langsam, dann seufzte er. Es ist nicht so, wie es aussieht, sagte er.
So? Wie sieht es denn aus? Und wie ist es wirklich?
Es sieht sicherlich so aus, als hätte ich alle meine guten Vorsätze über den Haufen geworfen und mir nen schönen Abend mit meinen Kumpels Whisky und Wodka gemacht, gestand er leicht beschämt. Aber
so war es nicht. Auch wenn ich zugeben muß, dass die Versuchung eine ganze Zeit ziemlich groß gewesen ist.
Und was macht dann die Flasche hier? fragte Rachel misstrauisch nach.
Kann ich dir das erklären, wenn du mich in den Arm genommen hast? fragte er leise und sah ihr sehnsüchtig in die Augen.
Ehrlich gesagt
wäre mir vorher lieber, gestand Rachel, die immer noch nicht wußte, was sie von dieser Situation zu halten hatte.
AJ seufzte und fuhr sich mit beiden Händen hilflos durch das Haar. Ich bin runter in die Speisekammer gestiegen, erklärte er schließlich. Und habe den Alkoholvorrat entdeckt. Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich dir so einfach abgenommen habe, dass hier nichts ist.
Ich
dachte es wäre besser
, setzte Rachel an, doch AJ unterbrach sie.
Ich weiß, nickte er lächelnd. Ich mache dir auch keinen Vorwurf. Es war nur
nur
, er schüttelte den Kopf und suchte offensichtlich nach Worten. Es war nur ein
riesiger Schock
irgendwie. Da stehe ich vor meinen Dämonen obwohl ich dachte, gerade hier gäbe es sie nicht. Ich habe mir gewünscht, dass du bei mir wärst, aber
nun ja
dem war ja nicht so. Er seufzte erneut. Dann trat er einfach einen Schritt auf sie zu und schlang seine Arme um sie. Bitte halt mich fest, flüsterte er nahe an ihrem Ohr und sie hatte dieser sanften Stimme und dem überwältigenden Gefühl seiner Näher nichts mehr entgegen zu setzen. Sie zog ihn fest an sich und schloss die Augen.
Ich habe keinen Tropfen getrunken, sagte er mit Nachdruck. Ich habe
eine Flasche nach der anderen mit nach oben genommen, bin um die Hütte herum gegangen und habe sie hinten in den Schnee gekippt. Ich befürchte, wenn der Besitzer dieses Etablissements hier wieder auftaucht, wird er ganz schön sauer auf mich sein. Da waren ein paar ganz schön edle Tropfen dabei. Aber ich konnte nicht
ich meine
alleine der Gedanken daran, dass diese Flaschen da unten stehen und
und
meinen Namen rufen
das ging nicht.
Rachel wußte nicht was sie sagen sollte. Ihr Blick glitt über seine Schulter zu der einzelnen Falsche, die auf dem Boden lag.
Und was
ist mit der da? fragte sie, während sie eine knappe Kopfbewegung machte.
Die? AJ richtete sich auf und folgte ihrem Blick. Das ist das Symbol für meinen größten Triumph. Ich habe eine Nacht mit ihr verbracht. Eine lange, endlose Nacht in der wir ein sehr produktives Gespräch geführt haben. Ich will das nicht mehr. Ich will
, er wandte sich wieder Rachel zu und sie schluckte, als sie in seine ernsten, braunen Augen aufsah. Ich will dich.
Sie schüttelte den Kopf, unfähig auch nur einen Ton hervor zu bringen.
Sag jetzt nichts, grinste AJ, dann senkten sich seine Lippen auf ihre hinunter und während sie federlicht darüber strichen fühlte Rachel, wie ihre Knie weich wurden. Sie zog ihn wieder eng an sich und war sich nicht sicher, ob sie ihn jemals wieder würde gehen lassen können.
Doch ein Poltern, das von der Eingangstür zu ihnen herüber drang und damit ihre kleine Welt, die für eine ganze Weile nur ihnen beiden gehört hatte, in winzig kleine Splitter zerbersten lies, holte sie zurück in die Wirklichkeit.
Ich habe dir noch jemanden mitgebracht, lächelte Rachel und versuchte das aufkommende Gefühl von Panik zurück zu drängen. Es war doch klar gewesen, dass hiermit das Ende ihrer engen Beziehung eingeläutet wurde. Warum traf sie das dann so?
Doch sie kam nicht dazu, sich weiterhin darüber Gedanken zu machen, denn mit einem undefinierbaren Laut stürzte Kevin gefolgt von Nick ins Schlafzimmer und ehe sie sich versah, hatten sie ihr AJ entrissen und klammerten sich an ihn.
Verdammt Mann, hast du uns einen Schrecken eingejagt, hörte sie Kevin murmeln.
Es tut soooo gut, dich wieder zu sehen, sagte Nick.
Brian, Howie und Johnny drängten ebenfalls ins Schlafzimmer und hinter ihnen konnte sie Dunbar erkennen, der seinen Blick interessiert durch die Hütte schweifen lies. Sie beschloss, dass sie nicht länger hier bleiben konnte. Sie schob sich an Kevin und Nick vorbei, die immer noch AJ in ihrer Mitte umramten, griff sich dann ihre Sachen vom Sofa und trat hinaus in eine strahlenden Tag, der den Schnee glitzern und die Schneemobile wie vorsinnflutliche Tiere erscheinen lies, die hier nicht hin gehörten.
Kurz überlegte sie, ob sie einfach weiter in den Wald hinein laufen und ihr Schicksal in Seine Hände legen sollte, doch im Endeffekt war auch ihr klar, dass sie das nicht konnte. Ihre Tage hier waren vielleicht gezählt, aber sie würde sich keine Sekunde, die sie mit AJ verbringen konnte, nehmen lassen, auch wenn sie ihn jetzt mit seinen Freunden und der restlichen Welt teilen mußte.