Kapitel 27

Der nächste Morgen begann mit strahlendem Sonneschein. Obwohl Rachel zum Umfallen müde gewesen war, hatte sie in der vergangenen Nacht nicht viel Schlaf gefunden und war schließlich von Unruhe getrieben aufgestanden. Nun saß sie in einem alten Ohrensessel am Fenster und hatte die letzten Stunden versucht, die Sonne mit purer Willenskraft zum Aufgehen zu zwingen.
Sie gestand es sich nur ungern ein, doch sie machte sich riesige Sorgen um AJ. Die Vorstellung, dass er ganz alleine in der Hütte eingesperrt war trieb sie beinahe in den Wahnsinn und der Gedanke, dass ein nicht gerade kleines Alkoholdepot direkt unter seinen Füßen schlummerte, machte es nicht gerade besser.
Sie fragte sich, was wohl passieren würde, wenn er es entdeckte, war aber zu keinem wirklichen Ergebnis gekommen. Auf der einen Seite hoffte sie, dass er inzwischen stark genug war, um sich gegen die Anziehungskraft des Alkohols zu wehren, doch auf der anderen konnte sie sich auch nicht wirklich etwas vormachen. Er stand noch lange nicht mit beiden Beiden wieder auf festem Boden. Da war immer noch genug Verzweiflung und Schmerz in ihm um ihn zu einer solch unbedachten Handlung wie das Hinunterstürzten eines Whiskys zu verleiten.
Dementsprechend erleichtert war sie, als sich der Himmel allmählich zu einem schmutzigen Grau verfärbte und dann am Horizont langsam aber sicher die ersten Strahlen der Sonne zu sehen waren. Die Stadt erwachte nach und nach zum Leben, die Kirchenglocken schlugen sechs Mal und ein kleiner Lieferwagen bog auf den Parkplatz vor dem Hotel ein. Interessiert verschränkte sie ihre Arme auf dem Fensterbrett, presste die Stirn gegen das kalte Glas der Fensterscheibe und sah dabei zu, wie direkt unter ihrem Fenster unzählige Kisten mit Lebensmitteln ausgeladen wurden.
Als der Lieferant die Hecktüren des Wagens zuschlug und sich mit einem kurzen Gruß verabschiedete, begab sie sich ins Bad, genehmigte sich eine ausgiebige Dusche und wählte dann sorgfältig iher Kleidung aus.
Nachdem alles, was sie gestern am Leib getragen hatte, durchnässt gewesen war, hatte sich die Frau des Hotelbesitzers erbarmt und ihr einige Sachen ihrer Tochter überlassen. Dabei hatte sie Rachel mit stolzgeschwellter Brust erzählt, dass ihr Mädchen die erste aus der Familie sei, die tatsächlich studierte und aus ihr einmal etwas ganz großes werden würde.
Rachel hatte höflich gelächelt, sich artig für die Kleider bedankt und war froh, als sich die Tür hinter der redseligen Frau wieder schloss. Es schmerzte sie nach wie vor, wenn sie von dem Glück anderer Menschen hörte. Sie dachte an ihre eigene Mutter, an ihre Vergangenheit und ihr Leben, das leider gar nicht so verlaufen war, wie sie sich das vorgestellt hatte und stellte erneut fest, dass es besser war, dass ihr Aufenthalt unter den Lebenden nur noch von kurzer Dauer war.
Während sie sich für einen Moment mit widerwilliger Faszination im Spiegel betrachtete, das dunkle Haar zu einem festen, dicken Zopf flocht und sich noch einmal das langärmlige Shirt unter dem Dicken Wollpullover in die Jeans stopfte, dachte sie an AJ.
Sie hätte wirklich gut damit leben können, wenn sie für den Rest ihres Lebens mit ihm in dieser Hütte hätte verbringen können. Die Welt mit ihren vielen Wirren und Hindernissen, die ihr immer noch Rätsel aufgaben, war dort so weit von ihnen entfernt und genau wie sie, schien er dies zu genießen. Sie hatte in ihm einen Teil ihres eigenen Selbst entdeckt und auch wenn es sie manchmal erschreckte, wie viel er von dem zu verstehen schien, was in ihr vorging, tat doch genau dieses Verständnis ungeheuer gut.
Sie fragte sich manchmal, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie ihm früher begegnet und bei ihm geblieben wäre. Hätte er sie retten können?
Sie schüttelte den Kopf und riss sich von dem Spiegel los, der ihr doch nur ins Gesicht schrie, dass sie nicht wirklich hübsch, nicht wirklich klug und nicht wirklich für dieses Leben geschaffen war, nahm den dicken Anorack, Schal, Handschuhe und AJs Wollmüzte vom Haken neben der Tür und machte sich auf den Weg hinunter in den Speisesaal. Es war noch nicht einmal sieben Uhr und sie rechnete eigentlich nicht damit, dass schon irgendjemand aufgestanden war, doch sie täuschte sich.
Als sie den großen Raum betrat, war er bereits zur Hälfte gefüllt und in einer der hinteren Ecken entdeckte sie Kevin, der an einer Tasse Kaffee nippte und nun kurz in ihre Richtung winkte, als er sie entdeckte.
Sie bahnte sich einen Weg durch die eng beieinander stehenden Tische und lies sich ihm gegenüber auf einen Stuhl fallen.
“Guten Morgen,” begrüßte er sie freundlich. “Gut geschlafen?”
“Nicht wirklich. Und du?”
Er schüttelte den Kopf. “Ich auch nicht. Am liebsten wäre ich gestern Nacht noch losgefahren um AJ zu suchen.”
“Ja, das Gefühl kenne ich,” lächelte sie.
Kevin griff nach der Kaffeekanne und schenkte ihr etwas von dem dampfenden Getränk in eine Tasse, die er dann über den Tisch zu ihr hinüber schob.
“Wie wird es denn jetzt weiter gehen?” fragte Rachel, während sie nach einer Scheibe Tost und der Marmelade griff.
“Dunbar hat ein paar Schneemobile organisiert,” berichtete Kevin. “Sobald wir wissen, wo diese Hütte liegt, wird er einen Schneepflug ordern. Dann können wir AJ ohne Gefahr mit nach Hause nehmen.”
Rachel nickte langsam. Bei Kevins Worten war, ohne dass sie das gewollt hätte, die Leere vor ihr aufgetaucht, die sie erfüllen würde, wenn AJ wieder sicher bei seiner Familie war und sie somit nicht mehr gebraucht wurde. Natürlich war ihr auch klar gewesen, dass sie sich irgendwann von ihm verabschieden mußte, doch nun spürte sie das erste Mal diesen Verlust körperlich. Das Brötchen schmeckte plötzlich nach nichts, die Geräuschkulisse um sie herum verblasste zu einem leisen Summen und sie mußte sich beherrschen um die Tränen hinunter zu schlucken, die in ihre aufstiegen.
Reiß dich zusammen schalt sie sich in Gedanken. Hier geht es nicht um dich. Freu dich für ihn, dass er bald wieder in Sicherheit ist und vergiss ein enziges Mal dein riesiges Ego.
“Alles in Ordnung?” fragte Kevin in ihre Gedanken hinein.
“Sicher,” log sie.
“Es sieht aber nicht danach aus.”
“Ich komme schon klar. Mach dir keinen Kopf.”
“Wie wir gestern bereits festgestellt haben, mache ich mir immer Sorgen,” lächelte Kevin. “Das kann ich gar nicht abstellen.”
“Dann konzentriere dich auf AJ und unsere Suche und nicht auf mich. Das hat keinen Sinn.”
“Na, das werde wir ja noch sehen.” Kevins Lächeln wurde breiter und Rachel fragte sich, ob Er ihr womöglich einen Heiligen an die Seite gestellt hatte um sie zu unterstützen, doch sie verwarf diesen Gedanken ganz schnell wieder, als Kevin plötzlich aufsprang und durch den gesamten Raum brüllte “Nick, verdammt noch mal, was soll das werden, wenn es fertig ist?”
Rachel fuhr auf ihrem Stuhl herum und erspähte Nick, der einen Skioverall trug, dessen Ärmel er allerdings im Moment noch um seine Taille geschlungen hatte. Das dunkle Langarmshirt darunter betonte seinen breiten Brustkorb und den blonden Haarschopf, der sich jetzt ganz langsam in Kevins Richtung drehte. Er war augenscheinlich in eine Diskussion mit Dunbar vertieft gewesen, der ihm jetzt einen Helm in die Hand drückte, ihm noch einmal auf die Schultern klopfte und dann aus dem Speisesaal verschwand.
“Dir auch einen wunderschönen guten Morgen,” grinste Nick, während er auf sie zukam. “Ich darf eins von den Schneemobilien fahren, was sagst du dazu?”
“Nur über meine Leiche,” gab Kevin bestimmt zurück und Rachel mußte sich ein Grinsen verkneifen.
“Tut mir leid alter Mann, aber das hier ist immer noch mein Leben und damit kann ich tun und lassen was ich will,” grinste Nick frech. “Guten Morgen Rachel. Gut geschlafen?” fragte er dann, während er sich an den Tisch setzte, den Helm neben sich auf den Boden legte und sich die Kaffeekanne heran zog.
Rachel zog es vor darauf nichts zu erwidern, da Kevin anscheinend mit seiner Gardinenpredigt noch nicht fertig war.
“Nick,” versuchte er es jetzt etwas sanfter, während er sich ebenfalls wieder setzte. “Sei doch vernünftig. Das hier ist etwas anderes als mit einem Auto durch die Gegend zu fahren. Wir suchen AJ, schon vergessen? Da können wir uns nicht auch noch um dich kümmern, wenn du mit dem Ding gegen einen Baum fährst.”
“Na vielen Dank für dein Vertrauen,” schnaubte Nick.
“Ich meine das ganz ernst!” ereiferte sich Kevin und Rachel konnte nichts weiter tun als mehr als erstaunt zu ihm hinüber zu blicken. Vernünftig, sturköpfig und besorgt zu sein war eine Sache. Aber das hier war Bevormundung und damit eine ganz andere Kategorie.
“Kev, hör mir mal zu,” sagte Nick, stellte die Kaffeetasse ab und wandte sich mit ernstem Gesichtssausdruck seinem Freund zu. Rachel hatte das deutliche Gefühl, dass sie bei diesem Gespräch nicht dabei sein sollte, doch sie konnte einfach nicht aufstehen, also blieb sie wie festgewachsen sitzen. “Meistens bin ich dir ja wirklich sehr dankbar, dass du so etwas wie mein wandelndes Gewissen bist, aber jetzt gehst du ein bißchen zu weit. Wir alle wollen AJ so schnell wie möglich wieder bei uns haben und ich verspreche dir, dass ich auf mich acht geben werde. Also tu nicht so, als wärst du mein Vater. Ich bin erwachsen … nun ja … zumindest versuche ich das manchmal zu sein und dein Gemecker macht das nicht wirklich einfacher.”
“Du verstehst das nicht … ,” setzte Kevin an, doch Nick unterbrach ihn.
“Doch, ich verstehe sehr gut.” Er legte ihm vertraulich einen Arm um die Schulter. “Das hier hat uns alle ganz schön mitgenommen und du machst dir Vorwürfe wie wir alle. Aber es bringt nichts, wenn wir uns jetzt auch noch gegenseitig anmachen. Wir sollten zusammen arbeiten und das bedeutet, dass du mir ausnahmsweise mal vertrauen solltest.”
“Ausnahmsweise?” fuhr Kevin auf. “Ich vertraue dir doch, verdammt noch mal. Aber ich kenne dich auch ziemlich gut, okay? Wenn du dich auf dieses Ding setzt, wird irgendetwas schreckliches passieren, das weiß ich jetzt schon und …,”
“Dann lass es eben passieren,” sagte Nick und nahm den Arm von Kevins Schluter. “Du kannst nicht die ganze Welt retten, auch wenn du sie am liebsten in Watte packen und wegsperren würdest.”
Kevin schien noch etwas sagen zu wollen, doch stattdessen stand er auf und verließ ohne ein Wort den Speisesaal. Nick sah ihm traurig hinterher. “Irgendetwas stimmt nicht mit ihm,” murmelte er mehr zu sich selbst.
“Wie meinst du das?” fragte Rachel leise.
Nick zuckte mit den Schultern. “Er ist müde,” sagte er schlicht und Rachel vermutete, dass diese drei Worte wesentlich mehr umfassten als Kevins momentane Schlaflosigkeit.
“Ist es okay für dich, wenn ich mal kurz nach ihm sehe?” fragte Rachel vorsichtig. Sie wollte sich eigentlich nicht in den Streit einmischen, aber eine innere Stimme drängte sie dazu, Kevin hinterher zu gehen.
“Sicher,” sagte Nick achselzuckend. “Aber du wirst nichts aus ihm heraus bekommen. In letzter Zeit … ,” er zuckte erneut mit den Schultern. “Geh nur,” sagte er dann und angelte sich einen Marmeladentoast von ihrem Teller.
Ohne ein weiteres Wort stand Rachel auf und machte sich auf die Suche nach Kevin.

Sie fand ihn schließlich im Wagen vor dem Hotel sitzend. Er hatte das Fenster heruntergekurbelt, den Kopf nach hinten gegen die Kopfstütze gelehnt und leise Musik drang an ihr Ohr, während sie sich langsam näherte.
“Hey,” sagte sie als sie ihn erreicht hatte und lehnte sich an den Wagen.
Kevin wandte scheinbar widerwillig den Kopf in ihre Richtung und musterte sie mit unergründlicher Miene.
“Was ist?” fragte er.
“Das wollte ich eigentlich gerade dich fragen,” entgegnete Rachel.
“Mit mir ist alles in bester Ordnung,” gab er zurück, doch der Ton in seiner Stimme machte klar, dass rein gar nichts in Ordnung war.
“Diese ganze Geschichte macht dich ganz schön fertig, was?”
Kevin schnaubte. “Es macht uns alle fertig. Und das seltsame ist, dass es schlimmer wird, je näher wir ihm kommen.”
“Viellleicht … ,” Rachel stockte, weil sie plötzlich ein so überwältigendes Gefühl der Erkenntnis durchströmte, dass sie sich für einen Moment zitternd an den Rahmen der Tür klammern musste.
“Hey,” Kevin hatte sich in seinem Sitz aufgerichtet und seine warme Hand legte sich über ihre. “Alles okay bei dir?”
“J-Ja … sicher. Ich dachte nur gerade … ,” sie verstummte erneut und richtete dann ihren Blick auf Kevins Gesicht, der sie besorgt musterte.
“Du dachtest gerade … ,” half ihr Kevin auf die Sprünge nachdem sie nicht weiter sprach.
Rachel schüttelte für einen Moment den Kopf, weil sie hoffte, so die Spinnweben darin vertreiben zu können, die sie daran hinderten, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Doch so wirklich half das nicht.
“Wir … haben uns doch gestern … über Geheimnisse unterhalten,” meinte sie dann vorsichtig.
“Ja,” nickte Kevin und sie bemerkte, wie er unbehaglich auf seinem Sitz herum zu rutschen begann. Weiße Atemwölkchen tanzten vor seinem Gesicht und je länger sie hier stand, umso hektischer stieß er sie hervor.
“Ich glaube ich weiß, was dein Geheimnis ist.”
Die Wölkchen verdampften augenblicklich, als er den Atem anhielt.
“Das hier wird dir langsam aber sicher zu viel,” stellte sie fest.
Keuchend stieß Kevin die angehaltene Luft aus. “Ich glaube nicht … ,”
setzte er an, doch Rachel unterbrach ihn.
“Du denkst darüber nach, die Band zu verlassen.”
Vollkommen entsetzt starrte Kevin sie an. “Wie … wie kommst auf den Gedanken? Das ist nicht wahr!”
“Ich weiß, das hört sich jetzt komisch an, aber manchmal weiß ich einfach … Dinge. Das ist … das hat … ,”
“Stop!” Kevin hob eine Hand, als wollte er ihre nächsten Worte daran hindern ihm zu nahe zu kommen, dann richtete er sich auf, öffnete die Wagentür und stieg aus.
Heftiger als nötig schlug er die Tür hinter sich zu, dann wandte er sich um und baute sich vor Rachel auf.
“Lass mich eines klar stellen junge Lady. Du kennst mich nicht, ich kenne dich nicht. Du hast AJ geholfen und dafür bin ich dir wirklich dankbar, aber du solltest dich nicht in Dinge einmischen, die dich nichts angehen.”
“Ich möchte mich doch gar nicht einmischen. Ich möchte dir nur sagen, dass du mit deinen Freunden darüber reden solltest. Sie merken doch, dass mit dir irgendetwas nicht stimmt.”
“Ich weiß überhaupt nicht wovon du redest,” ereiferte er sich, dann stieß er sich vom Wagen ab und marschierte an ihr vorbei zurück ins Haus. Rachel blickte ihm lange nach und schüttelte dann den Kopf. Resigniert wandte sie den Blick gen Himmel. “Also wenn das die Vorteile eines richtigen Engels sein sollten, will ich sie gar nicht haben.”
Sie schüttelte erneut den Kopf, weil sie wie immer keine Antwort bekam, dann wandte sie sich ebenfalls um und strebte zurück ins Haus. Sie wollte sich endlich auf die Suche nach AJ machen. Damit wäre ihre Aufgabe hier erfüllt und sie mußte sich nicht mehr mit der Welt der Lebenden herumschlagen, in der sie immer noch nicht gelernt hatte, wie man sich darin bewegte.

Kapitel 28