Kapitel 26
Rachel mußte einen ganzen Stapel Formulare unterschreiben und unzählige Ermahnugnen über sich ergehen lassen, bevor der behandelnde Arzt sie schließlich unter Protest gehen lies. Kevin hatte währenddessen mit der örtlichen Polizeidienststelle gesprochen, da er telefonisch nicht bis zu dem Suchtrupp durchgekommen war. Man informierte ihn, dass die Suche nach AJ aufgrund des Schneefalls für diesen Tag eingestellt worden war, aber dass die Suchmannschaften am nächsten Morgen wieder ausrücken würden.
Schließlich waren sie tatsächlich auf dem Weg zurück in den Mystic National Park und Kevin lenkte den Grand Cherokee vorsichtig durch den dichten Schneefall. Die Sonne war hinter dicken, grauen Wolken verschwunden und so senkte sich ein früher Abend über den Wald.
Immer wieder warf er einen kurzen Blick zu seiner Beifahrerin hinüber, die den Kopf an die Fensterscheibe gelehnt hatte und gedankenverloren hinaus in die Dunkelheit starrte.
Ich glaube, sagte er schließlich ich habe dich noch nicht einmal nach deinem Namen gefragt.
Sie schien sich nur widerwillig von der vorbeiziehenden Landschaft lösen zu können, doch schließlich wandte sie sich ihm zu und mit einem Lächeln sagte sie. Rachel. Mein Name ist Rachel.
Freut mich, dich kennen zu lernen, entgegnete er und erwiderte ihr Lächeln. Erzähl mir ein bißchen von AJ. Wie geht es ihm?
Es geht ihm gut, sagte Rachel knapp und wandte ihren Blick wieder von ihm ab.
Ich weiß, das sagtest du schon. Ich möchte nur wissen
, er verstummte. Sollte er sie direkt nach AJs Drogensucht fragen? Und wie würde sie darauf reagieren? Immerhin hatte er überhaupt keine Ahnung, wie die beiden zueinander standen und was in den letzten Wochen geschehen war.
Er hat eine ziemlich harte Zeit hinter sich, sagte Rachel leise und sah ihn dabei immer noch nicht an. Der Entzug, die Sache mit Lillian
das alles hat ihn
doch sehr mitgenommen.
Entzug? fragte Kevin überrascht, so dass Rachel sich nun wohl doch veranlasst sah, zu ihm hinüber zu blicken.
Du wußtest es nicht?
Doch
doch irgendwie schon
ich dachte nur nicht
also
, Es passierte ihm selten, dass ihm die Worte ausgingen, aber Rachels Nähe machte ihn ganz eindeutig nervös. Irgendetwas hatte sie an sich, etwas, das in seinem Inneren sämtliche Alarmglocken zum schrillen brachte. Vielleicht war es wirklich dieses überwältigende Gefühl in ihm, dass sie sich schon einmal begegnet waren, vielleicht war es aber auch nur der Gedanke, dass sie AJ hatte helfen können und seine Freunde dabei kläglich versagt hatten.
Du dachtest nur nicht, dass er es alleine schaffen würde, vollendete sie seinen Satz.
Nun ja, augenscheinlich war er ja nicht ganz alleine, stellte er fest.
Das stimmt allerdings, nickte sie und wieder war da dieses sanfte Lächeln auf ihrem Gesicht, das seine Mundwinkel automatisch ebenfalls in die Höhe zwang.
Sie schwiegen eine Weile, während sie immer tiefer in den Wald eindrangen.
Und jetzt? Ist er wirklich okay? fragte er schließlich weiter.
So okay, wie man unter diesen Umständen sein kann, denke ich. Er hatte sich ziemlich schlimm am Bein verletzt, aber das ist inzwischen gut verheilt. Die Sache mit Lillian beschäftigt ihn noch, aber ich denke, so langsam kann er es zumindest
ich weiß auch
akzeptieren.
Das ist gut, nickte Kevin und er fühlte, wie ihn eine unglaubliche Erleichterung durchflutete.
Ich kann förmlich die Felsbrocken hören, die dir gerade vom Herzen gefallen sind, schmunzelte sie.
Ja, er nickte grinsend. Ich habe mir einfach sehr große Sorgen um ihn gemacht. Mache ich mir im Grunde noch.
Es ist sicherlich schwierig, wenn man immer in dieser Rolle steckt, entgegnte sie und überrascht blickte er zu ihr hinüber. Wie kam sie jetzt darauf?
Ich weiß nicht so genau, was du meinst, wehrte er ab und wandte seine gesamte Aufmerksamkeit wieder der Straße zu, die ganz langsam unter einer weißen Schneedecke verschwand.
Nun ja
korrigiere mich, wenn ich falsch liege, aber du wirkst auf mich so, als wüßtest du immer ganz genau wo es lang geht. Du hältst die Fäden in der Hand. Du kümmerst dich um alle, machst dir pausenlos Sorgen um alles und jeden und fragst dich, wie du das alles zusammen halten sollst.
Okay. Jetzt wirst du mir unheimlich. Lass uns das Thema wechseln, meinte er unbehaglich.
Er hörte ein verhaltenes Lachen neben sich und mit gerunzelter Stirn sah er zu ihr hinüber. Was ist so komisch?
Man merkt eindeutig, dass du ziemlich viel Zeit in deinem Leben mit AJ verbracht hast. Er hat auch so eine Art
uhm
unangenehmen Themen aus dem Weg zu gehen.
Mich und AJ zu vergleichen hat glaube ich auch noch niemand fertig gebracht, entgegnete er schmunzelnd.
Ich denke, auf den ersten Blick seid ihr sehr verschieden. Natürlich, ich meine
er ist der tätowierte Rebell, der meistens eine Traube an Ärger hinter sich herzieht und du
nun ja
du scheinst der vernünftige Dickschädel zu sein.
Kurz, prägnant und klischeehaft, aber es kommt ungefähr hin, kommentierte Kevin.
Tja
aber im Grunde sind alle Menschen in einem, winzigen Punkt gleich.
Der da wäre?
Jeder schützt sich und seine Geheimnisse auf die ein oder ander Art.
Geheimnisse? Sein Herz begann etwas schneller zu schlagen und seine Hände krampften sich um das Lenkrad.
Ganz ruhig machte er sich selbst Mut sie kann nicht in dich hinein sehen. Sie weiß nicht, was du denkst. Sie kann nicht wissen, dass du tatsächlich über einen Ausstieg aus der Band nachgedacht hast. Sie philosophiert ein bißchen herum und hat dabei unglücklicher Weise deinen wunden Punkt getroffen. Alles im grünen Bereich.
Ja, Geheimnisse. Jeder trägt mehr oder weniger viele davon mit sich herum. Und ich wage jetzt mal zu behaupten, dass du ein Geheimnis in dir trägst, das ziemlich groß ist.
Was hat dir AJ über mich erzählt? fragte er und seine Stimme klang dabei härter, als er es beabsichtigt hatte.
Ich glaube, es ist weniger das, was AJ mir erzählt hat als die Art, wie du auf mich und meine Worte reagierst, sagte sie und er spürte ihren durchdringenden Blick auf seinem Gesicht, während er sich weigerte auch nur noch einmal zu ihr hinüber zu sehen. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass sie vielleicht doch in ihn hinein blicken konnte und er wollte um nichts in der Welt, dass seine Gedanken, die immer wieder wie schmerzhafte Splitter in seinem Kopf auftauchten, laut ausgesprochen wurden. Es ging sie schlicht und ergreifend nichts an.
Es tut mir leid, sagte sie plötzlich ich
es geht mich ja nichts an. Entschuldige bitte.
Er schwieg und wagte es dann doch noch einmal zu ihr hinüber zu schauen. Sie hatte sich wieder dem Fenster zugewandt und starrte hinaus, als sei er gar nicht anwesend.
Die nächsten Minuten schienen sich endlos in die Länge zu ziehen. Verwirrt fragte er sich, wie sie denn eigentlich an diesen Punkt des Gespräches gekommen waren. Und dann dachte er an AJ. Er hatte vier Wochen mit Rachel verbracht, eingesperrt in einer kleinen Blockhütte. Plötzlich fand er den Gedanken gar nicht mehr so abwegig, dass AJ mit Rachels Hilfe den Weg zurück zu ihnen gefunden hatte.
Du bist wirklich gut, formte er seine Gedanken in Worte.
Danke. Nur merken das die meisten Menschen erst hinterher.
Hinterher?
Nachdem ich weg bin, sagte sie und zuckte mit den Schultern.
Wirst du denn
weg gehen, fragte er überrascht.
Sie nickte langsam. Ich muß. Auch wenn ich
, sie verstummte und biss sich auf die Unterlippe.
Auch wenn du was? hakte Kevin nach.
Sie schwieg lange und er hatte sich bereits damit abgefunden, dass sie nichts mehr sagen würde, als er ihr leises Flüstern vernahm. Auch wenn ich lieber bei ihm bleiben würde.
Was hindert dich daran?
Die Gesetzmäßigkeiten des Kosmos, gab sie ganz ernst zurück und er schüttelte den Kopf. Mit solchen Aussprüchen konnte er gar nichts anfangen. Ich weiß, das ist schwer zu verstehen. Auch AJ kann das nicht. Aber er wird müssen, wenn es soweit ist.
Aha, konnte er nur sagen und fragte sich im selben Augenblick, ob sie wirklich schon wieder so fit war, wie sie behauptete. Immerhin war sie vor ein paar Stunden tatsächlich tot gewesen. Der Gedanke lies ihn frösteln und er wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich bei ihrem Hotel anzukommen.
Als sie die ersten hellerleuchteten Fenster der Ortschaft passierten, seufzte Kevin erleichtert auf. Die letzten Meilen waren sehr anstrengend gewesen. Zum einen, weil die Straße kaum noch zu erkennen war und die schlechte Sicht das Vorwärtskommen noch zusätzlich erschwerte, zum anderen, weil ihn Rachels Gegenwart mit jedem Meter nervöser machte.
Sie konnte scheinbar stundenlang schweigen, ohne sich dabei unwohl zu fühlen und er hatte sich mehr als einmal gewünscht, er hätte sie einfach im Krankenhaus zurück gelassen. Allerdings mußte er sich dabei auch eingestehen, dass er im Grunde keine andere Wahl gehabt hatte.
Sie fuhren die breite Hauptstraße entlang, die um diese Uhrzeit wie ausgestorben wirkte und hielten bald darauf auf dem Parkplatz vor dem Hotel an.
Als er den Motor abgestellt hatte, lehnte sich Kevin für einen Moment mit geschlossenen Augen zurück und atemte tief durch. Das war schon einmal geschafft.
Noch bevor sie die Wagentüren ganz geöffnet hatten, wurde bereits die Eingangstür des Hotels aufgerissen und mehrere Menschen drängten auf den Parkplatz hinaus.
Ah, das Empfangskomitee, grinste Kevin und stieg aus. Er hörte, wie Rachel die Beifahrertür geräuschvoll zuschlug und gleich darauf um den Wagen herum an seine Seite trat.
Sie wirkte nervös und beruhigend legte er ihr einen Arm um die Schulter.
Keine Sorge. Sie beißen nicht. Manchmal vielleicht, aber ich werde dich großmütig wie ich bin, beschützen.
Er entlockte ihr damit ein angedeutetes Lächeln und schob sie dann ein paar Schritte auf die Gestalten zu, die den Wagen nun fast erreicht hatten.
Hey, da bist du ja wieder, rief Nick schon von weitem und zog ihn gleich darauf in eine feste Umarmung. So ein beschissenes Wetter, das kann ich dir sagen. Nix mit Spuren im Schnee und so. Nach ner Stunde mußten wir die Suche abbrechen und zurück. Dunbar hat
, dann fiel ihm scheinbar auf, dass Kevin nicht alleine zurück gekommen war und hielt mitten im Satz inne.
Oh Hallo. Ich bin Nick, stellte er sich vor, während er Rachel seine Hand entgegen streckte und dabei sein breitestes Kleinjungen-Grinsen zeigte. So lebending gefällst du mir viel besser.
Danke, entgegnete Rachel leise und zog ihre Hand so schnell wie möglich wieder zurück.
Das ist Rachel, stellte Kevin sie vor. Und dieser Wasserfall hier ist Nick, aber das hat er ja schon gesagt. Das da sind Brian und Howie, stellte er seine beiden anderen Freunde vor, die hinter Nick hinaus in die Dunkelheit getreten waren.
Freut mich, dich kennen zu lernen, lächelte Brian und schüttelte ihr ebenfalls die Hand.
Und du weißt wirklich, wo AJ ist? fragte Nick, während Howie Rachel umarmte, was diese etwas steif erwiederte.
Ja Nick, es sieht ganz so aus, beantworte Kevin an ihrer Stelle die Frage. Aber lasst uns doch erst einmal hinein gehen. Hier draußen ist es nass und kalt und Rachel ist noch nicht wirklich wieder fit.
Mir geht es gut, gab Rachel unnachgiebig zurück und von ihrer anfänglichen Schüchternheit war nichts mehr zu spüren.
Natürlich, nickte er amüsiert. Aber mir ist kalt und ich gehe jetzt da rein, wenn du nichts dagegen hast.
Sicher, sagte sie und zuckte mit den Schultern.
Nacheinander betraten sie die hellerleuchtete Lobby und augenblicklich hüllte Kevin eine angenehme Wärme ein. Johnny kam auf sie zu, begrüßte erst Rachel und dann Kevin und führte sie in den großen Speisesaal hinüber, der im Gegensatz zu heute Morgen verlassen wirkte.
Im hinteren Teil saß Dunbar mit ein paar Männern zusammen und als sie jetzt herein kommen sah, stand er auf und kam auf sie.
Ah, unser Lawinenopfer, sagte er mit dröhnender Stimme. Es freut mich, sie wohlauf zu sehen.
Mein Name ist Rachel, sagte Rachel und runzelte dabei die Stirn.
Sicher, sicher. Entschuldigen sie. Bitte nehmen sie doch Platz und erzählen sie uns alles der Reihe nach.
Kevin warf Rachel einen kurzen Seitenblick zu. Sie wirkte in dem hellen Licht auffallend blass. Dunkle Ringe hatten sich unter ihren Augen eingegraben und sie wirkte unsagbar müde.
Vielleicht wäre es besser, wenn Rachel sich erst einmal ein wenig ausruht, gab Kevin deshalb zu bedenken und fing für diese Bemerkung einen dankbaren Blick von Rachel auf.
Nun ja
. , Dunbar schien unentschlossen.
Im Groben kann ich sie aufklären und die Details können sie morgen früh mit Rachel selbst klären, was meinen sie?
Dunbar zögerte noch einen Moment, doch dann nickte er. In Ordnung. Heute Nacht können wir sowieso nichts mehr tun. Mistwetter. Wirklich. Es macht mich ganz trübsinnig.
Ich zeig dir dein Zimmer, bot Nick sich an und überrascht sah Kevin zu ihm hinüber. Ja, guck nicht so. Wir haben vorsichtshalber dafür gesorgt, dass sie einen Platz zum Schlafen hat.
Genau genommen war das Howies Idee, mischte sich Brian grinsend ein.
Wie auch immer, winkte Nick ab. Kommst du mit? fragt er dann Rachel gewandt.
Sie nickte langsam und warf Kevin noch einmal einen langen, fragenden Blick zu, der diesen veranlasste, ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter zu legen. Ich wohne in Zimmer 12. Wenn es Probleme gibt, kannst du jederzeit bei mir vorbei kommen, in Ordnung?
Sie nickte erneut, dann drehte sie sich herum und ging neben Nick her, der sie aus dem Spiesesaal hinaus führte und dabei die ganze Zeit auf sie einredete. Wie geht es ihm denn? Ich hoffe, es geht ihm gut. Wir haben uns wirklich große Sorgen um ihn gemacht. AJ war ja schon immer
,
Kevin seufzte leise. Noch eine Nacht, bevor er AJ wieder in die Arme schließen konnte und Rachel gab ihm dann doch einige Rätsel auf. Das würde eine weitere, schlaflose Nacht für ihn werden, so viel stand fest.