Kapitel 25

Rachel hatte das Gefühl zu schweben. Eben war ihr noch unsagbar kalt gewesen und sie war einen steilen Abhang hinunter gestürzt und jetzt fühlte sie sich warm und geborgen.
Interessiert sah sich um. Doch da war nichts. Um sie herum herrschte kompakte Schwärze. Sie konnte weder einen Schatten noch irgendwelche Konturen darin ausmachen. Alles was sie sehen konnte, war ihr Körper, der seltsam schwerelos dahinschwebte.
Sie trug ein langes, wallendes Gewand, doch als sie etwas genauer hinsah stellte sie fest, dass das kein Stoff oder Gewebe im eigentlichen Sinne war, sondern ihr schmaler Körper von dünnen, silbrigglänzenden Nebelschwaden umhüllt wurde, die sich weicher als Samt und leichter als Luft anfühlten.
Und noch etwas war anders, doch sie kam nicht sofort darauf, was es war. Etwas stimmte mit ihr nicht. Es war nichts, was sie tatsächlich sehen konnte, doch sie fühlte es mit jeder Faser ihres Körpers. Sie hatte sich verändert.
Aufmerksam lauschte sie in sich hinein und während sie eine Bestandsaufnahme ihrer Körperteile vornahm, fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen. Sie bewegte sich vorsichtig, fühlte Sehnen, Muskeln und Knochen, wo vorher lediglich ihr Rücken gewesen war.
Mit einem leisen und dennoch mächtigen Rascheln breitete sie ihre vollendet geschwungenen, perlmuttschimmernden Flügel aus. Für einen Moment fehlte ihr die Luft zum Atmen, wohl wissend, dass sie so etwas wie Luft nicht mehr brauchte, doch der Anblick der Schwingen, die nun links und rechts neben ihrem Kopf aufgetaucht waren, ließen sie mit offenem Mund staunen.
“Du hast sie dir verdient,” hörte sie plötzlich Seine Stimme und erschrocken zuckte sie zusammen.
Aus der Dunkelheit schälte sich eine Silhouette. Sie kam immer näher und gewann dabei an Konturen. Langsam senkte sie den Blick und starrte auf ihre Füße hinunter, die im endlosen Nichts zu baumeln schienen.
“Warum bin ich hier?” fragte sie leise. “Ich habe doch noch acht Tage.”
“Nun ja,” antwortete Er und klang dabei so, als lächelte er. “Manchmal machen mir die Menschen einen Strich durch die Rechnung. Wer konnte auch ahnen, dass du dich einen Abhang hinunter stürzen würdest?”
“Aber,” ihr Kopf ruckte nach oben und geblendet kniff sie augenblicklich die Augen fest zusammen. “Ich kann nicht hier bleiben. Noch nicht. Meine Aufgabe ist noch nicht beendet.”
“Du hast deine Sache sehr gut gemacht. Besser, als ich anfangs dachte,” gab Er statt einer direkten Anwort zurück.
“Aber er ist noch nicht so weit. Er braucht mich. Wengistens so lange, bis er wieder im sicheren Schoß seiner Freunde ist. Danach … danach werde ich ohne mich zu beschweren hier her zurück kehren. Aber … aber … nicht jetzt. Bitte!”
“In diesem Fall ist bereits entschieden worden,” entgegnete Er sachlich.
“Was bedeutet das?” fragte Rachel ängstlich. Sie wollte einfach nicht glauben, dass sie AJ gerade jetzt alleine lassen sollte.
“Nun … Alexanders Bande, die er in der Vergangenheit geknüpft hat, sind sehr stark. Seine Freunde sind bereits auf der Suche nach ihm … und nach dir.”
“Nach mir? Aber sie wissen doch gar nicht, dass es mich gibt?”
“Glaub mir, sie wissen es vielleicht noch nicht, aber sie werden dich finden.”
“Aber … was mache ich dann hier?”
“Du hast ein Talent zum Sterben,” entgegnete ihr Gegenüber und er klang beinahe amüsiert.
“Die Flügel … ,” sagte Rachel leise und bewegte vorsichtig die riesigen Schwingen, die dabei ein trockenes Rauschen von sich gaben.
“Was ist damit?”
“Bedeutet das … bedeutet das, dass ich … nun ja … jetzt ein richtiger Engel bin?”
“Sagen wir … ein Engel auf Probe. Noch steht Alexander mit einem Bein in der Dunkelheit. Er wird erfahren müssen, wer du wirklich bist und er muß dir aus freien Stücken vergeben.”
Rachels Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Wie sollte sie das anstellen? Und was noch viel wichtiger war … wie sollte ihr AJ jemals vergeben, dass sie Lillian getötet hatte? Diese Möglichkeit war etwas, das in ihrer bisherigen Vorstellung nicht vorgekommen war.
“Keine Sorge. Du wirst wissen was zu tun ist, wenn es soweit ist.” Sagte Er nachsichtig. “Aber jetzt wird es Zeit für dich zu gehen.”
“Gut,” nickte Rachel langsam und spürte bereits, wie etwas unaufhaltsam an ihr zog und zerrte um sie zurück in die Welt der Lebenden zu katapultieren.
“Wir sehen uns wieder,” lächelte Er, dann verblasste er langsam vor ihren Augen, die Schwärze begann sich erst dunkelgrau und dann immer heller zu verfärben und ehe sie es sich versah, wurde sie von einem kräftigen Sog erfasst, der sie herumwirbelte und unaufhaltsam nach unten zog.
Sie spürte, wie sich ihre neugewonnen Flügel in Luft auflösten, wie die Nebelschwaden, die bis eben noch ihren Körper bedeckten davon gewirbelt wurden und wie die Temperatur um sie herum unaufhaltsam ins bodenlose sank.
Kurz bevor sie in ihrem Körper wieder aufschlug blendete sie ein letztes Mal ein helles, alles überstrahlendes Licht, das so schnell verschwand, wie es aufgeflammt war und gleich darauf fühlte sie nichts anderes mehr als die alles druchdringende Kälte und Schmerzen an beinahe jeder Stelle ihres Körpers.

Sie mußte eine ganze Weile bewußtlos gewesen sein, denn als sie die Augen das erste Mal wieder öffnete, war sie sich im ersten Moment nicht sicher, ob sie tatsächlich zurück in der Welt der Lebenden war.
Ihr war unsagbar warm, während sie gleichzeitig am ganzen Körper zitterte. Etwas lag weich und schwer auf ihr und als sie mühsam die Lider etwas weiter anhob, sah sie eine blütenweiße Bettdecke, die ihren Körper bedeckte.
Ein Bett dachte sie überrascht. Und dann Wo bin ich?
“Hallo,” vernahm sie plötzlich eine dunkle Stimme zu ihrer Rechten und erschrocken ruckte ihr Kopf herum, was ihr Nacken mit stechendem Schmerz quittierte.
Neben ihr stand ein Mann, den sie nicht kannte. Sein dunkles Haar fiel ihm in die Augen, die von einem alles durchdringenden Grün waren. Kräftige Hände schlossen sich um das Metallgitter ihres Bettes und hinter ihm stand ein Stuhl, auf dem er wohl bis eben noch gesessen hatte.
“Wo …,” krächzte sie, befeuchtete ihre rauen, ausgedörrten Lippen mit der Zunge und setzte noch einmal neu an. “Wo bin ich? Was ist mit AJ?”
“Frage eins ist leicht zu beantworten,” lächelte der Mann. Er sprach langsam und gedehnt, so, als überlege er vor jedem Wort, ob er es auch wirklich aussprechen sollte. “Du bist in einem Krankenhaus. Du bist einen Abhang hinunter gestürzt und wir haben dich … nun ja … gefunden.”
Er wirkte, als habe er etwas anderes sagen wollen, es sich aber im letzten Moment anders überlegt. Sicherlich hielt er es nicht für angebracht ihr in ihrem derzeitigen Zustand zu erzählen, dass sie für kurze Zeit klinisch tot gewesen war.
“Was deine zweite Frage betrifft … ,” er löste seine Hände von dem Metallgitter und strich sich in einer langsamen, bedachten Geste das Haar aus dem Gesicht. “Ich hatte eigentlich gehofft, dass du mir dazu etwas sagen könntest.”
Rachel sah mit großen Augen zu ihm auf. Ihr Verstand schien noch nicht ganz wieder der alte zu sein, denn er arbeitete sehr langsam, als müsse sich jeder Gedanke durch eine zähe Wand aus Spinnweben kämpfen.
“Wer bist du?” fragte sie, weil sie sich im Moment nicht wirklich richtig konzentrieren konnte und Zeit gewinnen wollte.
“Mein Name ist Kevin. Ich bin ein guter Freund von AJ.”
In diesem Moment durchfuhr es sie heiß und kalt. Natürlich! Sie hatte diesen Mann schon einmal gesehen. Allerdings hatte er damals im Zuschauerraum gesessen, während sie auf der Anklagebank dem Urteil lauschte, das der Richter verkündete. Sie war damals bereits der Welt entrückt gewesen, hatte kaum etwas um sich herum wahr genommen.
Aber Kevins eisiger Blick hatte sie die gesamte Verhandlung über verfolgt. Sie hatte ihn zwischen ihren Schulterblättern brennen gespürt und er hatte sie bis ins Mark getroffen, als sie sich nach dem Ende der Verhandlung zu ihm herum gedreht hatte. In seinem Blick lag so viel Schmerz und so viel Verachtung. Es schien ihr, als hätte ihr jemand einen Spiegel vorgehalten. Der gleiche Schmerz und die selbe Verachtung waren auch in ihren Augen zu lesen und bei ihnen beiden bezogen sich diese Gefühle auf die gleiche Person.
“Wie du dir sicherlich vorstellen kannst, machen wir uns alle sehr große Sorgen um ihn,” fuhr Kevin vorsichtig fort. “Er ist jetzt seit vier Wochen wie vom Erdboden verschwunden und du … du bist die erste Spur, die wir finden konnten.”
Von einem auf den anderen Monent wirkte er äußerst angespannt, so, als koste es ihn sehr große Mühe weiterhin ruhig zu bleiben.
“Es geht ihm gut,” brachte Rachel leise hervor.
Kevin atmete hörbar aus und wieder ein, schloss für einen Moment die Augen und ein kurzes Lächeln blitzte auf seinen Gesichtszügen auf.
“Das ist gut,” sagte er dann langsam und richtete seinen durchdringenden Blick wieder auf sie. “Kannst du mir sagen, wo er ist?”
“Nicht … nicht genau. Ich habe ihn … nach seinem Unfall … also … er ist mit dem Wagen von der Straße abgekommen und … ich … habe ihn gefunden. Ich habe ihn aus dem Wrack gezogen und zu einer Hütte gebracht. Ich dachte eigentlich, sie würde nahe bei der Straße liegen aber ich befürchte, da habe ich mich etwas verschätzt.
Der Sturm hat es eine Weile umöglich gemacht von dort fort zu gehen und danach … ,” sie verstummte. Sie wußte nicht, ob sie Kevin erzählen sollte, was AJ in dieser Hütte durchgemacht, was sie besprochen und gemeinsam erlebt hatten. Sie kam zu dem Schluss, dass AJ selbst entscheiden mußte, wie viel er davon seinen Freunden erzählen wollte. Also biss sie sich auf die Unterlippe und senkte den Blick.
“Alles was mich im Moment interessiert ist, dass er heil und gesund zu uns zurück kehrt,” sagte Kevin und sie glaubte ihm das ungesehen.
Sie nickte langsam.
“Vielleicht … vielleicht könnte ich die Hütte wieder finden, wenn ich dort wäre.”
Kevin schüttelte den Kopf. “Keine Chance. Die nächsten Tage wirst du niergendwo hingehen. Du … ,”
“Bin ich schwer verletzt?” unterbrach ihn Rachel und untersuchte dabei verstohlen den Rest ihres Körpers. War irgendetwas gebrochen? Hatte sie offene Wunden? Doch abgesehen davon, dass ihr Körper sich anfühlte, als hätte sie den fiesesten Muskelkater ihres Lebens, schien noch alles dran zu sein.
“Nicht direkt verletzt,” räumte Kevin sichtlich widerwillig ein. “Aber … ,”
“Ich weiß,” unterbrach sie ihn erneut. “Ich war … tot.”
Kevin erstarrte und blickte überrascht auf sei hinunter. “Du weißt … ,”
Sie nickte langsam.
“Na, dann ist dir ja sicherlich auch klar, dass du in der nächsten Zeit unbedingt Ruhe brauchst. Erzähl mir alles, was du weißt und ich werde mich darum kümmern dass … ,”
“Nein,” Rachel schüttelte entschieden den Kopf und war bereits dabei, die Decke von sich herunter zu schieben.
“Was tust du da?” fragte Kevin entsetzt.
“Wonach sieht es denn aus?” fragte Rachel, während sie an der Seite des Bettes nach dem Knopf tastete, der das Metallgitter entriegelte.
“Du wirst auf gar keinen Fall … ,” setzte Kevin erneut an, doch da klappte das Gitter bereits zur Seite, Rachel schwang die Beine über den Bettrand und blieb einen Moment mit gesenktem Kopf darauf sitzen. Um sie herum drehte sich alles, der Raum schien sich auf unheimliche Weise vor ihren Augen auszudehen, um dann sofort wieder auf seine ursprüngliche Größe zurück zu schrumpfen.
“Wow, das nenne ich einen Kater,” murmelte sie und vergrub ihr Gesicht in den Händen.
“Eben, sag ich doch. Du kannst nicht aufstehen und hier heraus spazieren.”
Er war mittlerweile um das Bett herum gekommen und ging vor ihr in die Hocke, um in ihre Augen blicken zu können.
“Sag mir einfach ungefähr, wo du ihn vermutest. Den Rest machen wir und die Polizei.”
“Nein,” sie schüttele erneut den Kopf. “Du verstehst das nicht. Ich habe AJ versprochen, dass ich ihn da heraus hole. Er braucht mich und ich werde sein Vertrauen nicht enttäuschen.”
“Aber du bist … krank,” versuchte Kevin es noch einmal.
“Ich bin vielleicht erschöpft, aber nicht krank.” Gab sie unnachgibig zurück und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf.
Kevin schüttelte den Kopf und öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch Rachel war schneller. “Ich mache das hier mit dir oder ohne dich. Du kannst es dir aussuchen. Ich werde dir nicht sagen wo er ist, solange du mir nicht hilfst, hier heraus zu kommen.”
Kevins Mund klappte auf und sie konnte förmlich sehen, wie ihm eine forsche Bemerkung auf der Zunge lag, doch im letzen Moment schluckte er sie hinunter und stand auf.
“Wenigstens wurde AJ von einem ebenso großen Dickschädel gerettet, wie er einer ist,” mumelte er und ging hinüber zu einem Einbauschrank. Er zog einige Kleider hervor und kam damit zurück zum Bett, auf dem Rachel immer noch hockte und ihn beobachtete.
“Du gehst nicht ohne mich, dass das klar ist,” sagte er und versuchte dabei streng auszusehen, doch so ganz gelang ihm das nicht.
“Was immer du möchtest, aber ich will, dass AJ mich zu erst sieht, wenn wir die Hütte erreichen.”
Kevin seufzte. “Du bist ne harte Nuß.”
“Ja, und Gott sei Dank nicht klein zu kriegen,” entgegnete sie und der Ansatz eines Lächelns erschien auf ihrem Gesicht.
“Na, das kannst du wohl laut sagen,” entgegente Kevin und begann dann zu grinsen. “Ich glaube, es war Schicksal, dass ausgerechnet du ihn gefunden hast.”
“Da könntest du sogar recht haben,” nickte Rachel unbehaglich und nahm ihre Kleider an sich. Wenn Kevin wüßte, wie nahe er der Wahrheit mit diesem Ausspruch gekommen war …

Kapitel 26