Kapitel 24
AJ stand im Schlafzimmer, hatte seine Stirn gegen die kühle Fensterscheibe gelehnt und starrte unbeweglich hinaus in einen immer grauer werdenden Tag. Es hatte wieder begonnen zu schneien und die dicken Flocken wirbelten vor seinen Augen herum, bis ihm davon schwindlig wurde.
Langsam richtete er sich auf und fuhr sich mit den Händen über seine müden Augen. Einen halben Tag war Rachel bereits unterwegs und er konnte nicht aufhören an sie zu denken. Wie es ihr im Moment wohl erging? Hatte sie den Weg zurück zur Straße gefunden und war sie dort auf Hilfe gestoßen?
Ihm war klar, dass es eventuell bis morgen dauern konnte, bis sie kamen um ihn hier heraus zu holen, doch der Gedanke allein erzeugte ein unangenehmes Gefühl in seiner Magengegend und so verbot er sich daran zu denken. Er fühlte sich auf seltsame Weise eingesperrt. Er hatte keine Möglichkeit diese Hütte aus eigener Kraft zu verlassen, zumindest würde er mit seinem verletzten Bein nicht sehr weit kommen, und der Gedanke, dass er gerade jetzt auf andere, ihm fremde Menschen angewiesen war, schnürte ihm die Kehle zu.
Er fühlte sich allein und verlassen und die letzten Wochen kamen ihm schon beinahe unwirklich vor. Als hätte Rachel seine gesamte Stärke, Zuversicht und Hoffnung mit sich genommen, als sie aus der Tür trat.
Eine kleine, ihm nur all zu vertraute Stimme meldete sich leise in seinem Hinterkopf. Sie flüsterte ihm zu, dass es ein Heilmittel für seine Ängste und Bedenken gab. Nur ein kleiner Schluck, eine kleine Line, etwas, das ihm die verlorene Stärke wieder zurückgab, und schon wäre er ein neuer Mensch.
Er schüttelte den Kopf um diese Stimme zu vertreiben und drehte sich dann langsam einmal im Kreis. Er brauchte irgendeine Beschäftigung. Irgendetwas, das in ablenken würde, bis Rachel endlich wieder bei ihm war und nur mit einem Blick aus ihren sanften, unergründlichen Augen die Stimmen in seinem Kopf zum Schweigen brachte.
Sein Blick fiel auf den Berg von zusammen geknülltem Papier in der Ecke des Zimmers. So viele Stunden hatte er auf seinem Block herum gekritzelt und sich dabei mit sich, seinem Innenleben, der Außenwelt und auch Rachel beschäftigt.
Langsam ging er zu dem Stapel hinüber, kniete sich davor auf den Boden und begann nach und nach die Seiten an sich zu nehmen, sie glatt zu streichen und noch einmal zu lesen. Je tiefer er in den Papierberg vordrang, um so düsterer wurden die Worte, die ihm in brutaler Deutlichkeit vor Augen führten, in welchem Zustand er hier angekommen war und wie er sich heute fühlte.
Wieder huschte der Gedanke an Rachel durch seinen Kopf. Wäre sie nicht gewesen … er wollte sich gar nicht vorstellen, was dann aus ihm geworden wäre. Abgesehen davon, dass er dann den Unfall höchstwahrscheinlich nicht überlebt hätte. Und selbst wenn … er war zu diesem Zeitpunkt so tief gefallen, dass er sich nicht alleine hätte aus diesem tiefen Loch retten können.
Er kramte einen weiteren Zettel hervor, der weit hinten gelegen hatte. Als er ihn vorsichtig öffnete, stellte er mit einem Blick fest, dass es noch gar nicht so lange her war, dass er diese Zeilen geschrieben hatte. Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht, als er die Worte las und er fragte sich, warum er das Blatt vernichtet hatte, anstatt es bei dem kleinen Stapel von Texten zu belassen, die er mit sich nehmen wollte wenn er von hier fort ging.
Vor seinem geistigen Auge tauchte Rachels Gesicht auf. Ihre tiefen, blauen Augen, ihr warmes Lächeln, wie sie die Stirn runzelte, wenn sie angestrengt nachdachte, wie sie nervös an ihrer Unterlippe knabberte, wenn er mal wieder in Regionen ihrer Vergangenheit vorgedrungen war, die sie versuchte vor ihm zu verbergen und das Gefühl ihrer Arme, die sich um ihn schlossen und ihm damit den Halt gaben, den er so dringend brauchte.

When I'm down on my luck and I'm searching for my soul
When I'm feeling too much and I start to lose control
When I'm down so low that even enemies don't wanna know
You still care for me, say a prayer for me, and I know

Oooh, I like you hangin' around
'Cause you lift me up when I am upside down
Oooh, you are my favorite sound
'Cause you're always down for

Lifting me up like an angel when I hit the ground
Feel your arms all around me when I'm feeling down
Lift me up like an angel when I hit my low
When your arms are around me
I don't wanna let you go

When I'm lost along the way and I can't face another day
And if I stumble on the road and if I can't carry the load
And if I lose my faith, and kindness, and generosity
Would you hold my hand?
Say you understand my pain

Oooh, I like you hangin' around
'Cause you lift me up when I am upside down
Oooh, you are my favorite sound
'Cause you're always down for

Lifting me up like an angel when I hit the ground
Feel your arms all around me when I'm feeling down
Lift me up like an angel when I hit my low
When your arms are around me
I don't wanna let you go

It's been a long hard road, and it's only just begun, my friend
And this I know
You helped me carry the load
'Cause you're always down for

Lifting me up like an angel when I hit the ground
Feel your arms all around me when I'm feeling down
Lift me up like an angel when I hit my low
Well, you're always around
You're my favourite sound

Lift me up like an angel when I hit the ground
Feel your arms all around me when I'm feeling down
Lift me up like an angel when I hit my low
When your arms are around me
I don't wanna let you go
I don't wanna let you go

'Cause you lift me up now
Well, you're always around
You're my favourite sound
Lift me up now

(Lift me up - Backstreet Boys)

Er fühlte, wie in ihm so etwas wie Freude aufstieg. Ganz langsam begann es in seinem Magen zu kribbeln und sein Lächeln wurde breiter. Plötzlich freute er sich tatsächlich darauf, bald nach Hause zu können, seine Freunde wieder zu sehen und vor allen Dingen darüber, dass er wieder in der Lage war, seine Gefühle in Worte zu kleiden und sie somit aus ihrem dunklen Gefängnis befreien zu können.
Urplötzlich war da eine Melodie in seinem Kopf - noch ganz leise und unvollständig - und leise summend erhob er sich. Ein mächtiges Gefühl von Befriedigung schoss durch seine Blutbahnen, bemächtigte sich nach und nach seines Körpers und hielt dann Einzug in sein Herz. Scheinbar hatte er es wirklich geschafft und dieser Gedanke, der ihn in den letzten Tagen noch geängstigt hatte, weil er seiner inneren Stimme nicht mehr vertraute, hüllte ihn jetzt ein wie eine warme, weiche Decke.
Langsam ging er hinüber in den Wohnraum, legte den Text auf den kleinen Couchtisch und griff dann immer noch summend nach einem der Holzscheite, die in einem großen Weidenkorb neben dem Kamin standen. Funken stoben davon, als er das Holz in den Kamin warf und augenblicklich begannen die Flammen in die Höhe zu wachsen. Sie erhellten damit den Raum, der mittlerweile fast vollständig im Dunkeln lag und spendeten eine angenehme Wärme, die ihm eine Gänsehaut vor Wohlbehagen auf die Arme zauberte.
Suchend sah er sich um, während sein Magen auffordernd zu knurren begann. Ja, essen wäre jetzt nicht schlecht. Rachel hatte ihm einige Reste von gestern auf dem Herd stehen lassen, doch so wirklich konnte er sich dafür im Moment nicht begeistern. Ihm war nach feiern und wie es sich für eine ordentliche Feier gehörte, brauchte er hierfür etwas anständiges zu essen.
Er nahm die Streichhölzer vom Kaminsims, ging hinüber in die Ecke, in der die kleine Luke nach unten in die Speisekammer führte und öffnete sie. Er hatte Rachel schon unzählige Male dabei zugesehen, wie sie dort hinunter gestiegen war, doch er selbst hatte immer wieder sein Bein vorgeschoben um die steilen Treppenstufen nicht hinunter steigen zu müssen. Doch heute würde er es wagen. Sein Magen hatte die Führung übernommen und er überlies sich nur zu gerne dem Rumoren, das ihn unaufhaltsam vorwärts drängte.
Vorsichtig stieg er in die Tiefe und hielt sich dabei an dem schmalen, wackligen Geländer fest. Ein Wunder, dass sich Rachel noch nicht das Genick bei einem ihrer Abstiege gebrochen hatte. Das hier war mehr als gefährlich. Schließlich erreichte er unbeschadet den unteren Treppenabsatz und tastete in dem diffusen Licht nach der Gaslampe, die von der Decke hing. Gleich darauf entzündete er den Doch und ein warmer Lichtschein flackerte augenblicklich über die Wände.
Staunend betrachtete er die deckenhohen Regale, hielt die Laterne nahe an die diversen Verpackungen, Einmachgläsern, Kisten und Schüsseln und konnte sich ein seliges Grinsen nicht verkneifen. Das war ja wie im Schlaraffenland.
Langsam ging er weiter in den Raum hinein. Die Regale schienen gar kein Ende nehmen zu wollen und er konnte sich überhaupt nicht entscheiden, was er denn nun für sein Festmahl mit nach oben nehmen sollte.
Der Lichtkreis der Gaslampe wanderte ihm voraus in die hinterste Ecke des Kellerraums und als sein Blick auf das letzte Regal fiel, hielt er mitten in der Bewegung inne. Seine Augen wurden groß und sein Herzschlag beschleunigte sich. Hatte Rachel nicht gesagt, es gäbe in dieser Hütte keinen Alkohol?
Wie in Zeitlupe machte er einige weitere Schritte vorwärts, bis er schließlich direkt vor dem Regal zum Stehen kam. Um ihn herum verblasste der Raum, lediglich das Regal und die unzähligen Flaschen darauf blieben überdeutlich in seiner Wahrnehmung vorhanden. Da stand ein zwanzig Jahre alter Whisky neben unzähligen Flaschen Rotwein, selbst gebrannter Schnaps zwischen Wodka und Gin und süßer Likör neben bauchigen Rumflaschen.
Beinahe ehrfürchtig streckte er eine Hand aus, hob die Gaslaterne etwas höher und strich sanft über das kalte Glas der Whiskyflasche. Er konnte es fast nicht glauben. Die ganze Zeit hatte er auf diesem riesigen Alkoholvorrat gesessen und nichts davon gewusst.
Und jetzt? Fragte eine biestige Stimme in seinem Kopf und er erschrak vor sich selbst, als er ohne zu zögern antwortete Feiern!
Als hätte er sich verbrannt zog er seine Hand zurück. Er war bis hier her gekommen, hatte erst kürzlich das ganze Gift aus seinem Körper gespült, wie konnte er dann nur jetzt bereits wieder darüber nachdenken, das alles über den Haufen zu werfen?
Seine Hände begannen zu zittern, sein Herzschlag hämmerte in seiner Brust und wie hypnotisiert starrte er auf die Flaschen. Er konnte sich von diesem Anblick nicht losreißen, wollte aber auch keine Flasche an sich nehmen. In ihm stritten sich die widersprüchlichsten Gefühle und er wünschte sich beinahe schmerzhaft Rachel an seine Seite. Sie hätte ihn resolut am Arm gepackt, hinter sich her wieder nach oben geschleift und dabei beruhigend auf ihn eingeredet. Dass er dieses Zeug nicht brauchte um glücklich zu sein, dass er doch stark war und diese Phase ja nun wohl eindeutig hinter ihm lag.
Doch so wie es aussah, lag sie hier sichtbar vor ihm und während sich seine zitternden Finger um den Flaschenhals des Whiskys legten, entschuldigte er sich innerlich bei Rachel.
„Es tut mir leid, aber ich … kann nicht anders.“

Kapitel 25