Kapitel 23
Seit drei Stunden waren sie nun damit beschäftigt AJ zu suchen. Allerdings hatten sie sich das alle wohl etwas anderes vorgestellt. Kevin hatte eigentlich gedacht, sie würden in Gruppen durch den Wald streifen und mögliche Hütten oder Gebiete genauer untersuchen. Stattdessen hatte Dunbar jedem von ihnen einen etwa zwei Meter langen, biegsamen Stab in die Hand gedrückt und gemeinsam mit etwa fünfzig Polizisten hatten sie sich in einer Reihe aufgestellt. Nun durchkämmten sie Schritt für Schritt, ausgehend von AJs Autowrack, den Wald. Immer wieder versenkten sie den Stab tief im Schnee und kontrollierten, ob er auf Widerstand stieß.
Eine Hundestaffel der Polizei suchte zusätzlich die Umgebung ab. Kevin hatte geschluckt, als er hierfür eines von AJs T-Shirts aus seiner Reisetasche hevor gezogen hatte. Für einen Moment blickte er wie erstarrt darauf hinunter, drückte es sich dann ins Gesicht und sog tief den ihm so vertrauten Duft seines Freundes ein. Augenblicklich wurde die Sehnsucht in ihm übermächtig. Sie mußten ihn finden, eine andere Möglichkeit ließ er einfach nicht zu.
Doch inzwischen bezweifelte er, dass ihre Suchaktion überhaupt irgendetwas ergeben würde. Sie hatten sich noch nichteinmal eine halbe Meile von dem Wagen entfernt, ihm war unglaublich kalt und Nick, der einen Meter entfernt von ihm schweigend vor sich hinarbeitete, wurde von Minute zu Minute unruhiger.
Das ist doch kompletter Blödsinn, schimpfte er in diesem Moment verhalten. Als ob AJ sich im Schnee eingebuddelt hätte. Und ne Lawine ist hier auch nicht runter gekommen. So ein Schwachsinn.
Kevin stimmte ihm im Stillen zu. Das Ganze hier erschien ihm mehr als sinnlos, andererseits traute er sich aber auch nicht, einfach alles stehen und liegen zu lassen und auf eigene Faust los zu ziehen. Der Wald war hier schon sehr dicht und er befürchtete, dass er sich verlaufen würde, noch bevor er auch nur eine Spur von AJ gefunden hatte. Abgesehen davon machte Dunbar immer wieder seine Runden um nachzusehen, ob bei ihnen alles in Ordnung war und was wahrscheinlich der eigentliche Grund war um nachzusehen, ob sie alle noch da waren.
Er überlegte gerade zum hundertsten Mal, ob er nicht zu den warteten Jeeps zurück gehen sollte, um sich mit einem Tee etwas aufzuwärmen, als plötzlich, nicht sehr weit von ihnen entfernt, ein ungeheures Krachen und Getöse zu hören war. Gleichzeitig erscholl ein markerschütternder Schrei, der Kevin das Blut in den Adern gefrieren lies.
Wie auf Kommando erstarrten sie alle, Nicks und Kevins Blicke trafen sich und noch bevor einer der Polizisten reagieren konnte, hatten sie ihre Stäbe achtlos fallen lassen und stürmten los.
Das kam von da drüben, keuchte Nick und deutete nach rechts.
Kevin nickte, da er sämtliche Kräfte benötigte, um sich in dem tiefen Schnee vorwärts zu kämpfen.
Hinter ihnen erscholl die ärgerliche Stimme von Dunbar. Bleiben sie gefälligst stehen! rief er. Das ist Sache der Polizei verdammt nochmal. Wenn ihnen was passiert, kann ich meinen Job gleich an den Nagel hängen.
Doch Kevin und Nick kümmerten sich nicht um ihn. Kevin sah schon vor seinem geistigen Auge, wie er AJ gleich in die Arme schließen würde und diese Hoffnung übernahm für einige Zeit sein komplettes Handeln und Denken. Hinter sich konnte er weitere Männer hören, die sich ebenfalls zu der Geräuschquelle kämpften. Sicherlich waren auch Brian, Howie und Johnny unter ihnen.
Sie sahen die Unglücksstelle schon von weitem. Eine kleine Lawine hatte sich von einem Berghang gelöst. Erde, Felsbrocken und Unmengen von Schnee türmten sich am Fuße des Abhangs und inmitten des ganzen Chaos konnten sie eine Gestalt ausmachen.
Kevin mobilisierte seine letzten Kräfte und lies Nick langsam aber sicher hinter sich, während ihm immer wieder ein und derselbe Gedanke durch den Kopf ging: AJ, ich komme. Halte durch. AJ, ich komme. Halte
Doch es war nicht AJ, der da inmitten der Schneemassen lag und auch wenn er sich sogleich für den Gedanken schämte, so verfluchte er doch innerlich die schlanke Gestalt, die immer noch reglos auf dem Rücken lag.
Er machte noch zwei mühsame Schritte, dann hatte er das Mädchen erreicht. Er ließ sich neben sie in den Schnee auf die Knie fallen, zerrte die Handschuhe von seinen klammen Fingern und wischte ihr vorsichtig den Schnee aus dem Gesicht.
Hallo? Können sie mich hören? fragte er, bekam aber keine Antwort.
Mit zitternden Händen faste er nach ihrem Handgelenk, registrierte verwundert die Stoffbandagen um ihre Finger und tastete nach ihrem Puls.
Nichts.
Verdammt, murmelte er.
In diesem Moment lies sich Nick neben ihn fallen. Was ist mit ihr? fragte er atemlos.
Wir müssen sie wiederbeleben, stieß Kevin hastig hervor, während er schon dabei war, den Reißverschluss des Parkers aufzuziehen.
Wiederbeleben? Nick klang entsetzt.
Mund zu Mund Beatmung Nick. Jetzt mach schon. Ich übernehme die Herzmassage.
Aber
,
Jetzt gleich, verdammt noch mal!
Nick zuckte zusammen, krabbelte aber nach kurzem Zögern an ihm vorbei und kniete sich neben den Kopf des Mädchens.
Und jetzt? fragte er.
Bieg ihren Kopf nach hinten. Genau so. Jetzt halt ihr die Nase zu, nickte Kevin und jetzt tu das, was du angeblich am besten kannst. Weder Kevin noch Nick fanden diesen Spruch besonders witzig, doch Nick beugte sich ohne ein weiteres Wort über das Mädchen und presste seine Lippen auf ihre.
Der Brustkorb des Mädchens hob sich, Kevin bedeutete Nick inne zu halten, legte seine Hände übereinander und presste sie auf den schmalen Brustkorb.
Eins
zwei
drei
, zählte er, während er versuchte, das kleine Herz uner seinen Fingern wieder zum Schlagen zu bringen.
In diesem Moment erreichte sie Dunbar.
Fuck, murmelte dieser, als er sah, was Kevin und Nick gerade taten. Der Arzt ist bereits unterwegs, aber es kann noch einen Moment dauern.
Kevin antwortete nicht, stattdessen gab er Nick ein Zeichen und dieser beugte sich erneut über das Gesicht des Mädchens.
Sie arbeiteten schweigend, während sich immer mehr Polizisten zu ihnen gesellten. Einer von ihnen wechselte Nick ab, doch als jemand Kevin auf die Schulter klopfte, schüttelte er diesen ungeduldig ab.
Komm schon Süße, murmelte er, während er erneut auf ihren Brustkorb drückte. Du kannst das, ich weiß es.
Als hätte sie nur auf diese Aufforderung gewartet, rief der Polizist an ihrem Kopfende plötzlich sie atmet wieder!
So etwas wie Jubel brandete um sie herum auf und Kevin konnte sich ein erleichteretes Lächeln nicht verkneifen. Er rutschte ein Stück näher an ihr Gesicht heran und beugte sich über sie.
Hey Schönheit. Wach auf. Komm schon. Doch diesen Gefallen tat sie ihm nicht. Ihr Gesicht wirkte blass, ihre Lippen hatten sich zu einem ungesunden Blau verfärbt und ihr Brustkorb senkte sich kaum merklich auf und ab.
Endlich erreichten die Sanitäter den Unglücksort. Sie zogen eine Bahre hinter sich her, die auf zwei mächtigen Kuven ruhten.
Kevin und Nick traten ein Stück zurück, während sie dabei zusahen, wie das Mädchen auf die Bahre gehoben, an ein EKG angeschlossen und erste Infusionen gelegt wurden. Dann wurde eine schimmernde Folie über ihren Körper ausgebreitet und ohne Umschweife machten sie sich auf den Rückweg.
Kevin folgte den Männern, während Dunbar ein Stück hinter ihm mit Nick zurück blieb und ihn darüber ausfragte, was da gerade passiert war.
Der Weg zur Straße war nicht sehr weit. Mitten auf dem schwarzen Asphalt stand bereits ein Krankenwagen, dessen Blaulicht stumm rotierte. Kevins Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Er hätte alles dafür gegeben, wenn AJ jetzt auf dieser Bahre liegen würde. Vielleicht verletzt, aber doch sicher wieder bei ihnen.
Er griff nach der eiskalten Hand des Mädchens, während die Sanitäter sie die letzten Meter zu den offen stehenden Hecktüren trugen.
Es wird alles gut, murmelte er ihr beruhigend zu, auch wenn er sich ziemlich sicher war, dass sie ihn sowieso nicht hören konnte.
Die Augenlider des Mädchens begannen unvermittelt zu zucken und ihre Lippen formten lautlos ein Wort.
Moment, rief er den Sanitätern zu und beugte sich dann tief über ihr Gesicht. Was? Was hast du gesagt? fragte er.
AJ, hörte er sie flüstern und er hatte augenblicklich das Gefühl, als hätte ihm jemand mit einer stahlharten Faust in den Magen geschlagen.
Was?
Wo?
Wo ist er? fragte er aufgeregt.
Doch sie wiederholte nur immer wieder seinen Namen. AJ.
Wir müssen sie ins Krankenhaus bringen, ermahnte ihn einer der Sanitäter.
Aber sie hat seinen Namen gesagt, fuhr Kevin auf. Ich muß wissen, wo er ist.
Dann fahren sie im Krankenwagen mit. Wir können hier auf keinen Fall noch länger herum stehen. Sie braucht ärztliche Hilfe.
Gut, nickte Kevin und wandte sich dann zu Nick um. Brian, Howie und Johnny hatten sich zu ihm gesellt und starrten ihn gespannt an.
Sie hat AJs Namen gesagt, informierte er seine Freunde.
Sofort redeten alle ducheinander.
Was?
Wo ist er?
Geht es ihm gut?
Ruhe! fuhr Kevin auf und hob die Hände. Er hatte das ungute Gefühl, dass ihnen nicht mehr viel Zeit blieb. Augenblicklich verstummten die Stimmen um ihn herum.
Sie ist nicht richtig wach. Ich fahre mit ihr ins Krankenhaus und versuche etwas heraus zu kriegen. Ich rufe an, wenn ich mehr weiß, in Ordnung?
In Ordnung, nickte Johnny.
Wir werden die Suche währenddessen fortsetzen, meldete sich Dunbar zu Wort, der sich gerade ein paar Schneeflocken von der Jacke klopfte. Wir werden sehen, ob uns ihre Spuren irgendwo hin führen.
Gute Idee, nickte Kevin. Dann verabschiedete er sich von seinen Freunden und kletterte in den Krankenwagen, wo er sich auf eine schmale Bank fallen lies.
Die Türen schlossen sich mit einem lauten Knall hinter ihm und fast augenblicklich setzte sich der Wagen in Bewegung.
Ein Arzt und ein Sanitäter kümmerten sich bereits um das Mädchen. Jemand hatte ihr den Parker, die Mütze und den Schal ausgezogen und als Kevin nun in ihr Gesicht blickte, hatte er das verwirrende Gefühl, diese Frau schon einmal gesehen zu haben.
Hatte sie Papiere bei sich? fragte er deshalb den Sanitäter, doch dieser zuckte mit den Schultern und deutete dann auf den Parker. Sehen sie doch mal darin nach.
Ohne Umschweife griff Kevin nach dem olivgrünen Kleidungsstück und ging nach und nach sämtliche Taschen durch. Doch er fand nichts. Nicht einmal ein Taschentuch oder Kleingeld befand sich in der Jacke, was er mehr als merkwürdig fand. Wer irrte schon durch den Wald und hatte buchstäblich nur das dabei, was er am Leib trug?
Noch einmal beugte er sich über das Mädchen. Über ihrem Mund war mittlerweile eine Sauerstoffmaske befestigt worden und er stellte beruhigt fest, dass diese mit jedem Atemzug des Mädchens von innen beschlug.
Bitte, flüsterte er. Wach auf. Du mußt mir sagen wo er ist.
Doch sie schien ihn nicht zu hören. Frustiert lies er sich wieder nach hinten gegen die Wagenwand sinken. Verdammt. Er war seinem Ziel so nahe wie nie zuvor und es machte ihn beinahe wahnsinnig, dass sie nicht weiter kamen.
Er griff nach der Hand des Mädchens und begann vorsichtig damit, die Bandagen zu lösen. Dabei murmelte er ein leises Gebet. Er mußte einfach wissen, was dieses Mädchen über AJ wußte.