Kapitel 22
Rachel fühlte sich, als sei sie bereits Ewigkeiten unterwegs. Sie war der Schneise durch den Wald gefolgt, weil sie dachte, so am ehesten auf die Straße zu treffen, die sie hoffentlich in eine Ortschaft oder ähnliches führen würde. Doch so wie es aussah, hatte sie sich getäuscht.
Anstatt geradeaus auf die Straße zu führen, wandt sich der behelfsmäßige Weg in Schlangenlinien durch den Wald. Nicht, dass wirklich so etwas wie ein Weg zu erkennen gewesen wäre. Je weiter sie sich von der Hütte entfernte, um so dichter standen die Bäume beieinander und manchmal konnte sie nur noch raten, in welche Richtung sie sich wenden sollte. Der Schnee lag überall meterhoch und sie hatte große Mühe überhaupt vorwärts zu kommen. Immer wieder sank sie knietief ein und mußte ihre ganze Kraft aufbringen, um den nächsten Schritt vor den anderen zu setzen.
Irgendwann schien es ihr, als hätte sie sämtliche Orientierung verloren. Der Weg vor ihr war auf unheimliche Weise verschwunden, verlor sich zwischen den immer näher rückenden Bäumen und dem alles überstrahlenden, unberührten Schnee. Ihre Atmung ging abgehackt, ihre Lungen brannten und die Muskeln in ihren Beinen schienen bis zum Zerreißen angespannt.
Hinzu kam, dass sie zwar vor Anstrengung schwitzte und ihr unter ihrem dicken Parker viel zu warm war, sie allerdings ihre Hände, Füße und das Gesicht vor Kälte kaum noch spürte.
Ich muß weiter, murmelte sie keuchend. Ich muß weiter und Hilfe holen.
Sie dachte an AJ und dass er ihr vertraute. Sie konnte ihn doch unmöglich in dieser Hütte sitzen lassen. Wie hatte er noch gesagt? Vergiss mich bloß nicht. Nein, vergessen würde sie ihn ganz bestimmt nicht. Sie würde sein Bild mit sich nehmen, wenn es Zeit für sie wurde zu gehen. Sie würde sich daran erinnern wie es sich anfühlte, wenn er sie im Arm hielt und küsste und sie würde seine Stimme im Ohr haben und sein Lächeln vor sich sehen. Und irgendwie würde sie darüber hinweg kommen, dass sie nicht mehr bei ihm sein konnte, weil sie wußte, dass sie ihm die Hoffnung zurück gegeben und er ein langes und erfülltes Leben vor sich hatte.
Doch so wie es im Moment aussah, war noch gar nicht sicher, ob sein Leben tatsächlich so lang sein würde. Sie fühlte mit jedem, kräftezehrenden Schritt, wie ein weiters Stückchen ihrer Zuversicht schwand, wie ihr Überlebenswille dahinschmolz und einer dumpfen Ernüchterung Platz machte.
Vielleicht hatte sie gar keine acht Tage mehr. Vielleicht war der Zeitpunkt schon jetzt gekommen, an dem Er beschlossen hatte, dass sie nun lange genug ihre Zeit unter den Lebenden vertrödelt hatte.
Verärgert über sich selbst schüttelte sie den Kopf. Noch atmete sie, noch war da ein letzter Rest Kraft in ihrem Körper und so lange würde sie weiter gehen, immer wieder einen Fuß vor den anderen setzen, bis sie irgendwann auf die Straße und damit auf Rettung stieß.
Sie umklammerte einen Baumstamm und zog und zerrte an ihrem Bein, dass malwieder tief in den Schnee eingesunken war, dabei fiel ihr Blick auf ihre bandagierten Hände. Dicke Eisklumpen hingen an dem dünnen, völlig durchnässten Stoff und ihre Fingerspitzen waren feuerrot.
Nur nicht darüber nachdenken, sage sie sich selbst, schloss die Augen, mobilisierte noch einmal alle Kraftreserven und zog keuchend und stöhnend ihr Bein aus dem Schnee. Sie verharrte einen Moment mit geschlossenen Augen und schwer amtend, die Wange an die raue Rinde des Baumes geschmiegt und das Knie locker auf den nachgiebigen Schnee gestützt. Nur einen Moment verschnaufen. Nur für einen Augenblick ausruhen und wieder Kräfte sammeln.
Sie fühlte, wie Müdigkeit von ihrem Geist Besitz ergriff und wunderte sich nicht wirklich darüber. Sie hatte in der vergangen Nacht kaum geschlaffen. Zu viele Gedanken hatten sich in ihrem Kopf gejagt und das Gefühl, dass AJ auf der anderen Seite der Tür lag und doch meilenweit von ihr entfernt war, hatte es nicht besser gemacht.
Schließlich öffnete sie widerwillig die Augen, fuhr sich kurz mit ihren eiskalten Händen über das Gesicht und stieß sich dann von dem Baumstamm ab. Es half ja nichts. Sie mußte diese Straße erreichen, koste es was es wolle.
Sie machte ein paar zaghafte Schritte, bis sie erneut einsank. Diesmal verschwand ihr linkes Bein beinahe bis zur Hüfte, während das andere halb verdreht oben auf dem Schnee festhing.
Ich mag nicht mehr, sagte sie laut und spürte, wie Tränen der Erschöpfung in ihr aufzusteigen begannen. Soll das meine Buße sein, hm? fragte sie und wandte dabei den Blick nach oben. Sie konnte den Himmel nicht sehen, da ihr das dichte Blätterdach die Sicht versperrte, doch sie wußte auch so, dass Er jetzt dort oben am Rande des Sees saß und ihr dabei zusah, wie sie sich quälte. Nur ein Mensch. Nichts weiter.
Habe ich nicht alles versucht? Alles getan, was ich konnte? Er lebt wieder. Er hat neue Hoffnung geschöpft und vielleicht wird er auch irgendwann einsehen, dass du für ihn da bist. Aber das braucht seine Zeit. Warum bestrafst du mich? Warum machst du es mir so schwer?
Die Tränen strömten inzwischen unaufhaltsam über ihre Wangen, wo sie in Bruchteilen von Sekunden zu Eis erstarrten. Warum? piepste sie kläglich und schluckte schwer.
Gleichzeitig flammte Zorn in ihr auf. Sie würde es allen zeigen. Sie würde nicht noch einmal sinnlos sterben. Wenn sie schon gehen mußte, dann wenigstens mit der Gewissheit, dass AJ in Sicherheit war. Und daran konnte selbst Er nichts ändern.
Unter ungeheurer Kraftanstrengung kämpfte sich aus dem Schnee heraus, krabbelte auf allen Vieren weiter und merkte, dass dies wesentlich besser funktionierte, als wenn sie den Schnee mit ihrem kompletten Gewicht belastete.
Ich
werde es
dir
zeigen, keuchte sie, während sie immer weiter robbte. Ich werde
, ihre Hand griff ins Leere und während sie sich noch fragte, was nun schon wieder passiert war, gab unter ihr der Schnee nach. Sie versuchte noch verzweifelt wieder zurück zu kriechen, doch es war bereits zu spät. Knirschend brach der Überhang, auf dem sie sich bis eben noch befunden hatte ab und sie rauschte mit Unmengen von Schnee, Steinen und gefrorenem Waldboden in die Tiefe. Sie schrie, war sich aber nicht sicher, ob dieses Schrei wirklich aus ihr herausbrach, oder nur in ihrem Kopf wieder hallte, während sie sich mehrmals überschlug und wie ein verrückt gewordener Gummiball hin und her geschleudert wurde.
Der Aufprall raubte ihr das letzte Bißchen Atemluft, das noch in ihren Lungen verblieben war und wie ein Fisch auf dem Trockenen riss sie den Mund auf, in den sofort der Schnee eindrang. Sie hustete und spuckte, versuchte sich in die Höhe zu stemmen, doch sämtliche Kraft schien sie verlassen zu haben. Der Wald um sie herum begann zu taumeln und zu tanzen, zog sich zusammen, nur um sich gleich darauf auf die doppelte Größe aufzublähen, der Rand ihres Gesichtfeldes begann zu flimmern und sie spürte, wie sich gnädige Dunkelheit über sie zu senken begann.
Ihr letzter bewußter Gedanke galt AJ und dass sie erneut versagt hatte. Dann wurde es endgültig still.