Kapitel 21
Kevin sah sich noch einmal prüfend in dem winzigen Hotelzimmer um, in dem er für die nächsten Tage untergekommen war. In der vergangenen Nacht hatte er dem Ganzen nicht mehr viel Beachtung geschenkt, weil er totmüde direkt ins Bett gefallen war, doch jetzt, während die ersten, kräfigen Strahlen der Sonne durch das kleine Fenster fielen, erhielten die Einrichtungsgegenstände scharfe Konturen.
Die Laken auf dem Bett waren zerwühlt und die aprikotfarbene Tagesdecke lag zusammengeknüllt am Fußende, da er sich in der Nacht unruhig hin und her gewälzt hatte. Auf einem kleinen Nachtisch stand noch die unberührte Flasche Wasser, die er sich mit auf sein Zimmer genommen hatte. Direkt daneben führte eine schmale Tür in ein winziges, aber sauberes Badezimmer. Eine Kommode, auf der kleine, gehäkelte Deckchen lagen, und die ebenfalls aprikotfarbenen Vorhänge an den Fenstern komplettierten die Einrichtung.
Und auch wenn dieser Raum eher eine feminiene Ausstrahlung hatte, so fühlte er sich hier doch richtig wohl. Hier war nichts von der Anonymität von Hotelzimmern zu spüren, die er sonst gewohnt war. Eine kleine Pension auf dem Land. Weit weg von dem ganzen Stress und der Hektik der vergangenen Tage. Und AJ so nahe wie nie zuvor.
Der Gedanke an seinen Freund lies ihn schließlich herumfahren und die Zimmertür öffnen. Über seinem Arm trug er eine dicke Daunenjacke, seinen Schal und Handschuhe. Der wollene Rollkragenpullover würde ihn sicherlich eine Weile warum halten, was er bei den Jeans allerdings bezweifelte.
Er ging den kurzen Flur mit den knarrenden Dielen entlang, bis er am Ende auf eine schmale Treppe stieß. Alles hier schien irgendwie unproportional, wie eine Puppenstube - klein und winzig - und er hatte die ganze Zeit Angst, dass er irgendetwas kaputt machen könnte.
Als er die Lobby erreichte, hörte er bereits Nicks Stimme aus dem Speisesaal. Hier unten herrschte rege Geschäftigkeit. Polizisten in Zivil wuselten hin und her und am Ende der Rezeption sah er Johnny, der in eine angeregte Diskussion mit dem Hotelbesitzer vertieft zu sein schien.
Als Kevin den Speisesaal betrat, fühlte er sich von der Geräuschkulisse beinahe erschlagen. Etwa vierzig Mann tummelten sich in dem kleinen Raum und die unzähligen Stimmen brachen sich an den Wänden, so dass man sein eigenes Wort kaum verstehen konnte.
Mit langen Schritten bahnte er sich einen Weg durch die Tische, die bis auf den letzten Platz besetzt waren. Es wurde auf Laptops herum getippt in Satelitentelefone gesprochen, Akten gewälzt und heiß diskutiert. Kevin wurde es warum ums Herz als er daran dachte, dass all dies nur dem einzigen Zweck diente, seinen Freund zu finden. Sie alle schienen sehr engagiert bei der Sache zu sein. Trotz, oder gerade wegen der widrigen Umstände. Strom und Telefon waren immer noch ausgefallen, so dass die Polizei als erstes einen Generator hier her geschafft hatte. Handys funktionierten hier, am Ende der Welt auch nicht, und so stellten die wenigen und sündhaft teuren Satelitentelefone im Moment die einzige Verbindung zur Außenwelt dar.
Im hinteren Teil des Speisesaals erblickte er die blonden Haarschöpfe von Brian und Nick und mit einem feinen Lächeln auf den Lippen gesellte er sich zu ihnen.
Morgen Kev, begrüßte ihn Nick. Du mußt diese Pfannkuchen probieren. So etwas gutes hast du in deinem ganzen Leben noch nicht gegessen.
Selbst der Kaffee ist einigermaßen geniesbar, nickte Howie, der neben Nick mit dem Rücken zur Wand saß.
Eigentlich war Kevin nicht nach einem ausgedehnten Frühstück. Viel lieber hätte er sich gleich auf die Suche nach AJ gemacht, doch da selbst ihm klar war, dass er zum einen eine kräftige Stärkung gebrauchen konnte bevor es los ging und zum anderen sich hier der Organisation der Polizei unterwerfen mußte, füllte er sich notgedrungen eine Tasse mit Kaffee und probierte zumindest eine Gabel der Pfannkuchen, die zwar wirklich köstlich schmeckten, ihm aber wie ein Stein im Magen zu liegen schienen.
Johnny sagt, dass wir in einer halben Stunden aufbrechen, informierte ihn Brian.
Das ist gut, nickte Kevin und spürte, wie Nervosität und Aufregung von ihm Besitz ergriffen.
Ich kann mir das immer noch nicht ganz vorstellen, meinte Nick, während er einen unverschämt großen Berg von Pfannkuchen in sich hinein stopfte und genüsslich kaute, während ihm ein feiner Faden Ahornsirup das Kinn hinunter lief.
Ich mir auch nicht, gestand Kevin. Aber alles ist besser als nutzlos herumzuhocken und zu warten, dass er wieder auftaucht.
Hoffentlich ist ihm nichts passiert, meinte Brian und seine blauen Augen schienen vor Besorgnis einen Nuance dunkler zu werden.
Das hoffe ich auch, nickte Kevin zustimmend.
Gleich darauf wurde seine Aufmerksamkeit von einem Mann angezogen, der sich mit festem Schritt einen Weg zu ihnen bahnte. Er war groß, fast zwei Meter schätzte Kevin, hatte ein rundes Gesicht das ein rötlicher Schnauzbart zierte und eine dunkle Wollmütze auf dem Kopf. Seine Hände erinnerten an riesige Pranken, als er diese auf Brians Stuhllehne abstützte und sie begrüßte.
Guten Morgen meine Herren. Mein Name ist Dunbar. Eigentlich Sergant Dunbar, aber diese Förmlichkeiten können wir uns gerne schenken.
Die Jungs nickten und stellten sich ihrereseits vor.
Ich leite hier das Kommando, informierte sie Dunbar. Das bedeutet, dass alle hier tun, was ich ihnen sage, dabei warf er einen strengen Blick erst zu Nick und dann zu Kevin hinüber.
Verstanden, nickte Kevin.
Gut. Wir versammeln uns um neun draußen vor der Tür. Jeeps werden uns bis zu der Stelle bringen, an der der Wagen ihres Freundes gefunden wurde. Von dort aus machen wir uns auf die Suche. Ich möchte keine Alleingänge sehen, kein in den Wald hinein gerenne oder ermitteln auf eigene Faust. Wir haben unsere Methoden und wenn es ihnen auch so vorkommen wird, als kämen sie nicht vom Fleck, so werden sie sich gefälligst an meine Regeln halten, ist das klar?
Die vier nickten andächtig.
Dann wäre das ja geklärt. Jetzt genießen sie ihr Frühstück. Wir sehen uns gleich. Mit diesen Worten drehte er sich herum und rauschte davon.
Wow. Ein Diktator ist ein Weisenkind dagegen, oder? grummelte Nick.
Zumindest macht er den Eindruck, als wüsste er, von was er spricht, gab Howie zu bedenken.
Kein ermitteln auf eigene Faust, äffte Nick den Seargent nach. So ein Schwachsinn.
Na ich weiß nicht, sagte Brian mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Mir kam es so vor, als wüsste er genau, was für ein Früchtchen er sich mit dir an Land gezogen hat.
Blitzschnell griff Nick nach einer Scheibe Toast und warf sie nach seinem Freund. Doch dieser duckte sich gerade rechtzeitig, das Brot flog durch den Raum und landete im Nacken eines junge Polizisten, der erschrocken hinter sich griff, den Toast hervorzog und sich dann mit ärgerlich gekräuselter Stirn zu ihnen herum drehte.
Er wars, sagten Brian, Howie und Kevin gleichzeitig und deuteten dabei auf Nick, der kurz entschuldigend die Hand hob und dann versuchte, sich so klein wie möglich auf seinem Stuhl zu machen.
Nicht gerade die beste Idee sowas in einem Raum voller Cops zu machen, oder? flüsterte Howie kichernd und erntete dafür einen bösen Blick von Nick.
Kevin schüttelte grinsend den Kopf. Manche Dinge änderten sich scheinbar nie.