Kapitel 20

AJ erwachte von einem Scheppern, das aus dem Wohnraum in sein Schlafzimmer drang. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, doch ein schmutziges Grau erhellte bereits das kleine Zimmer und das Bett, in dem er alleine lag und dabei das Gefühl hatte, es sei so groß wie der Ozean.
Rachel hatte sich standhaft geweigert, sich wieder zu ihm zu legen und so hatte er sie schließlich alleine auf dem Sofa im Wohnraum zurück gelassen, während er sich selbst auf eine endlose, einsame Nacht einstellte.
Seltsamer Weise mußte er wohl sofort eingeschlafen sein. Er konnte sich zumindest an keinen wirklichen, bewußten Gedanken mehr erinnern.
Immer noch hörte er Geräusche aus dem Wohnraum. Es klang so, als versuche Rachel möglichst leise zu sein, hätte aber wenig Erfolg damit. Das Gespräch der vergangenen Nacht fiel ihm wieder ein und mit vor Schreck klopfendem Herzen setzte er sich im Bett auf. Sie wollte hinaus und Hilfe holen. Dieser Gedanke ängstigte ihn heute, im Licht des anbrechenden Tages genau so sehr wie in der vorangegangenen Nacht.
Warum hatte er Lillians Namen ausgesprochen? Es war ihm immer noch ein Rätsel. Ohne es zu wollen spürte er wieder Rachel in seinen Armen, schmeckte er ihre Küsse, fühlte er ihren Körper, der sich auffordernd an ihn drängte und leise stöhnend schüttelte er den Kopf.
Er mußte sie aufhalten. Jetzt!
Er robbte aus dem Bett und machte sich nicht die Mühe sich etwas anzuziehen. So schnell sein verletztes Bein ihn tragen konnte humpelte er zur Schlafzimmertür und riss sie auf.
Rachel stand in der Mitte des Zimmers. Sie trug bereits ihren dicken Parker, einen Wollschal und seine Mütze, die sie sich tief in die Stirn gezogen hatte. Sie war gerade dabei ihre Hände mit den Resten des Geschirrhandtuches zu umwickeln, die sie scheinbar genau für diesen Zweck aufbewahrt hatte. Sicherlich war dies eine gute Idee, denn ihre Hände würden als erstes zu Eis erstarren, wenn sie erst einmal hinaus in die mörderische Kälte gegangen war, doch immer noch hielt sich in ihm die Hoffnung, dass er sie vom Gegenteil überzeugen konnte.
“Guten Morgen,” sagte sie freundlich, als sie ihn entdeckte, schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln und wandte sich dann wieder ihren Händen zu.
“Bitte geh nicht,” gab er als Antwort zurück und humpelte schwerfällig auf sie zu.
“Das haben wir doch alles schon gestern Nacht besprochen,” sagte sie nachsichtig, während sie mit den Zähnen eine weiteren Knoten zuzog.
“Ich weiß. Trotzdem … ,” er hatte sie erreicht und berührte sie leicht am Arm. “Bitte, lass uns noch eine Weile hier bleiben. Ich verspreche auch … ,”
Doch sie unterbrach ihn. “Das geht nicht AJ. Und das weißt du genau so gut wie ich.”
“Aber warum? Ist es wegen gestern Nacht? Wirklich, es tut mir leid, ich … ,”
“Nein,” sie schüttelte den Kopf. “Vielleicht hat mir gestern Nacht gezeigt, dass wir schon viel zu lange hier sind, aber … es wird einfach Zeit, verstehst du das nicht? Du kannst dich nicht bis in alle Ewigkeit hier verstecken.”
“Wer spricht denn von der Ewigkeit? Ich bitte dich nur um ein paar wenige Tage,” gab er unbeirrt zurück.
Sie schüttelte den Kopf und seufzte dann leise. “Nein.”
“Warum tust du mir das an?” Seine Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern und er spürte die Angst, die ganz langsam von jeder Faser seines Körpers Besitz ergriff, während er nach ihrem Arm griff, als könne er sie mit bloßer Muskelkraft aufhalten.
Hier war Sicherheit. Hier ging es ihm gut. Da draußen lauerten alle möglichen Gefahren auf ihn, angefangen bei einer herkömmlichen, unschuldig aussehenden Flasche Whisky bis hin zu seinen Freunden, die sicherlich Unmengen von für ihn unbequeme Fragen parrat hatten.
“Ich möchte dir helfen,” erklärte sie und beendete dabei die Bandagierung ihrer Hände, ohne sich um seine Hand zu kümmern, die immer noch ihren Arm umklammerte. “Nur aus diesem Grund bin ich hier. Dir geht es inzwischen besser und es wird Zeit, dass du zurück in die Realität gelangst.”
“Aber warum ausgerechnet jetzt? Die Realität läuft uns nicht davon.”
“Doch,” entgegnete sie zu seiner Verblüffung. “Sie zerrint mir gerade zwischen den Fingern. Wenn du möchtest, dass ich mit dir zurück gehe, dann muß ich jetzt gehen.”
“Das verstehe ich nicht,” sagte er kopfschüttelnd.
Sie seufzte erneut und er erkannte, dass er keine Chance hatte. Egal was er sagte, sie war fest entschlossen dort hinaus zu gehen und ihn zurück in die Wirklichkeit zu zerren.
Für einen winzigen Moment flutete so etwas wie Hass durch seine Blutbahnen. Wie konnte sie ihm das nur antun, nach allem was sie zusammen durchgemacht hatten? Doch dieses Gefühl verflüchtigte sich genau so schnell wie es gekommen war und machte einer dumpfen Erkenntnis platz.
Die Realität begann nicht dort draußen. Nicht hinter der Eingangstür, nicht in dem Wald dahinter, nicht dort, wo Rachel Hilfe finden würde und auch nicht bei seinen Freunden, seinem Job oder seinem Leben, das er dort zurück gelassen hatte.
Die Realität begann genau jetzt, in diesem Moment, in dem er erkannte, dass Rachel gehen würde, egal was er sagte. Es war, als würde dieser Hütte plötzlich der Zauber genommen. Plötzlich sah er das zerschlissene Sofa, die zerbeulten Töpfe und das knisternde Feuer im Kamin mit anderen Augen.
Er war ein Eindringling, der hier eigentlich nicht hin gehörte. Er war vorübergehend hier aufgenommen worden, hatte sich hier auf eine schwer erklärbare Art zu Hause gefühlt. Zu Hause und vor allen Dingen sicher.
Doch jetzt begann dieses heimelige Gefühl zu weichen. Er sah die Hütte als das, was es war: Ein Unterschlupf für kurze Zeit. Nicht wirklich komfortabel, nicht wirklich sicher. Ein Teil der neuen Realität.
“Bleib nicht zu lange weg,” hörte er sich sagen und er mußte all seine Willenskraft aufbringen, um Rachels Arm loszulassen und einen Schritt zurück zu treten.
Ihre blauen Augen ruhten auf seinem Gesicht, während sie langsam nickte. Dann machte sie einen Schritt auf ihn zu und verblüfft sah er ihr entgegen, ohne sich auch nur einen Millimeter rühren zu können.
“Es wird alles gut werden,” flüsterte sie, während sie so nahe vor ihm stand, dass sich ihre Nasen beinahe berührten. “Ich werde dich nicht alleine lassen. Dort draußen warten sie und freuen sich auf dich. Das Licht am Ende des Tunnels, verstehst du?”
Er nickte langsam, auch wenn er noch nicht wirklich verstand. Sie schien das zu spüren, denn sie lächelte dieses sanfte, beruhigende Lächeln, das ihn von innen wärmte und ihm so viel Stärke verlieh, wie er es niemals für möglich gehalten hatte.
“Ich bin bald wieder da,” mit diesen Worten stellte sie sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen federleichten Kuss auf die Lippen, die seine Beine weich wie Pudding werden ließen.
Bevor sie vor ihm zurückweichen konnte, hatte er seine Arme und ihre Taille geschlungen und zog sie noch etwas näher zu sich heran.
“Nur noch einmal,” flüsterte er. “Damit ich weiß, auf was ich mich freuen kann, wenn du zurück kommst.”
Sie verstand, das sah er in ihren Augen und so kam sie ihm sogar ein Stück entgegen, als er sich nun zu ihr hinunter beugte und seine Lippen die ihren berührten.
Er ließ sich Zeit, genoss das Gefühl ihres weichen Mundes an seinem, ihrer Hände in seinem Nacken und ihrer überragenden Präsenz und Nähe, die er trotz des dicken Parkers spüren konnte.
Schließlich löste er seine Lippen von ihren, gab sie frei und trat einen Schritt zurück. “Vergiss mich bloß nicht,” scherzte er und zwang ein schiefes Lächeln auf sein Gesicht.
“Ganz bestimmt nicht,” gab sie sanft zurück, dann drehte sie sich ohne ein weiteres Wort herum, öffnete die Eingangstür und zog sie gleich darauf wieder hinter sich zu. Augenblicklich fühlte er sich allein - allein und verlassen - und er mußte sich zusammen reißen um nicht auf der Stelle loszuheulen wie ein kleines, verstörtes Kind.
“Sie wird wieder kommen,” flüsterte er, während er immer noch wie festgefroren an der Stelle stand, an der sie ihn hattes stehen lassen. “Sie wird wieder kommen und dann wird alles gut.”
Er glaubte dies nicht wirklich, aber es hörte sich gut an. Also wiederholte er die Worte wie ein Mantra noch ein paar mal, während er ins Bad schlurfte, um sich für den Beginn der Realität vorzubereiten.

Kapitel 21