Kapitel 19
Draußen senkte sich bereits eine frühe Nacht über die ersten Ausläufer des Mystic National Parks, während sich der schwarze Van, in dem Kevin, Nick, Howie und Brian saßen, einen Weg zu dem kleinen Ort bahnte, der für die nächsten Tage der Ausgangspunkt für die Suche nach AJ sein sollte.
Die schmale Straße war tatsächlich freigeräumt, links und rechts türmten sich Berge von Schnee in den Nachthimmel und die einzige Lichtquelle waren die Scheinwerfer des Wagens, die helle Kreise in die Dunkelheit schnitten.
Marcus, AJs persönlicher Bodyguard und langjähriger Freund lenkte den Wagen, während Kevin neben ihm saß und die Karte studiert, in der ihr erstes Ziel mit einem dicken, roten Kreuz markiert war.
Wie weit ist es denn noch? meldete sich Nick von der Rückbank.
Nicht mehr weit, informierte ihn Kevin, ohne seinen Blick von der Straße zu nehmen. Er stellte sich vor, wie AJ hier vor fast vier Wochen entlang gefahren war. Damals hatte der Schneesturm angefangen zu toben. Sicherlich hatte er schlechte Sicht gehabt und war zudem noch müde von seinem anstrengenden Tag gewesen. Kevin fand es schon anstrengend neben Marcus zu sitzen und in die Nacht hinaus zu starren, wie mußte es dann erst AJ ergangen sein?
Ihm fröstelte bei dem Gedanken, dass sein Freund ganz alleine gewesen und später hier verunglückt war. Kevins Blick wanderte aus dem Seitenfenster hinaus. Weit und breit nichts weiter als Bäume und Schnee. Was AJ wohl gedacht und gefühlt hatte, als sein Wagen von der Straße abkam?
Hier müsste es sein, oder? drang Marcus dunkle Stimme plötzlich zu ihm durch. Der Wagen wurde langsamer, bis er schließlich einfach mitten auf der Straße anhielt. Es gab einfach keinen Platz um den Van weiter zur Seite zu fahren.
Könnte gut sein, nickte Kevin, auch wenn dieser Abschnitt der Straße genau so aussah, wie die letzten Kilometer die bereits hinter ihnen lagen. Er öffnete die Tür und stieg aus. Sofort drang die Kälte durch seinen dicken Mantel und fröstelnd griff er nach seinem Schal und der Mütze, die bisher zu seinen Füßen gelegen hatte. Er schlang sich den Schal mehrmals um den Hals und setzte sich dann auch noch die Mütze auf sein dunkles Haar.
Das hier ist ganz schön unheimlich, hörte er Nick zu seiner Linken sagen.
Und verdammt kalt, fügte Howie hinzu.
Schließlich standen sie alle mehr oder weniger vermummt vor der riesigen Schneewehe, die der Schneepflug aufgehäuft hatte und die ihnen die Sicht auf den Abgrund dahinter versperrte.
Und jetzt? fragte Brian.
Kevin zuckte mit den Schultern und griff dann prüfend in den Schnee. Er war fest wie Stein, zusammen gedrückt vom eigenen Gewicht und so unnachgiebig wie eine solide Mauer.
Du willst doch hoffentlich nicht
, setzte Nick an, doch da hatte Kevin bereits ein paar Schritte zur Seite gemacht, wo er einen Abschnitt vorfand, der ihm nur bis zur Brust ging. Er griff nach der oberen Kante und wollte sich daran hinauf ziehen, doch dort oben war der Schnee lange nicht so fest wie weiter unten und so stolperte er gleich darauf mit einer ganzen Menge Schnee in den Händen zurück auf die Straße.
Mist, fluchte er hörbar.
Warte, ich helfe dir, sagte Marcus und stellte sich mit dem Rücken zu der Schneewand, verschränkte die Finger und heilt sie Kevin als eine Art Baumleiter hin.
Danke, sagte dieser, setzte einen Fuß in Marcus Hände und stemmte sich dann in die Höhe. Vorsichtig stützte er sich ab und lies seinen Blick über den Wald dahinter gleiten. Direkt hinter der Schneewehe ging es steil in die Tiefe. Kleine, verkrüppelte Bäume schauten aus meterhohem Schnee heraus und hier und da konnte er schroffe Felsbrocken dazwischen ausmachen.
Dass er hier heil heraus gekommen sein soll, grenzt fast an ein Wunder, murmelte er mehr zu sich selbst. Seine Augen erfassten eine Spur von Abdrücken, menschliche Spuren, die sich ein ganzes Stück weiter zu seiner Linken den Abhang hinunter gearbeitet hatten und dann in der Dunkelheit unter den Bäumen verschwanden.
Ich glaube, da drüben ist es, informierte er seine Freunde und zeigte dabei in die entsprechende Richtung, auch wenn er wußte, dass sie wegen dem hohen Schneeberg nichts sehen konnten.
Er lies sich wieder hinab und lief eilig die Straße entlang. Tatsächlich fand er einige Meter weiter einen Abschnitt, an dem die Schneewehe aufgebrochen worden war. Dicke Schneebrocken lagen noch auf der Straße, teilweise von Reifenabdrücken zerdrückt.
Vorsichtig schob er sich durch das Loch in der Schneemauer und blickte den Abhang hinunter.
Da gehst du mir auf keinen Fall hinunter, sagte Marcus neben ihm und griff auch noch nach seiner Schulter, so als hätte er Angst, dass Kevin einfach losstürmen würde.
Ich muß aber da runter, sagte Kevin und sah Marcus dabei fest an. Die anderen drei gesellten sich ebenfalls zu ihnen und warfen unsichere Blicke hinunter in das dichte Unterholz.
Das sieht echt gefährlich aus Mann, meinte Nick und rieb seine Hände aneinander, die von der Kälte schon ganz rot angelaufen waren.
Ich weiß. Aber ich will seinen Wagen sehen. Ich will wissen, was da unten passiert ist und ob ihn wirklich jemand da raus gezogen hat. Ich muß es wissen!
Marcus seufzte neben ihm laut und vernehmlich. Du bist ein verdammter Dickschädel.
Ich weiß, lächelte Kevin nachsichtig.
Warte, ich sehe mal nach, ob wir sowas wie ein Seil im Wagen haben. Versprich mir aber, dass du nicht einfach da runter kletterst, sondern auf mich wartest.
In Ordnung, nickte Kevin, auch wenn es ihm schwer fiel, auch nur eine Sekunde länger hier oben nutzlos herum zu stehen.
Gott, ist das kalt, sagte Brian und begann auf der Stelle auf und ab zu hüpfen. Ihre Atemwolken vermischten sich über ihren Köpfen zu einer einzigen, großen und es sah von weitem so aus, als würden die vier dampfen.
Ich hoffe nur, dass dieser Jemand, der AJ zu Hilfe kam, schnell gewesen ist. Sehr lange hält man es hier doch nicht aus, oder? gab Howie zu bedenken.
Kevin nickte. Er hatte sich bereits ähnliche Gedanken gemacht. Wenn tatsächlich jemand AJ aus dem Wagen gezogen hatte, warum hatte er ihn dann nicht irgendwo hin gebracht, wo es ein Telefon gab? Zumindest mußten sie doch wohl in den nächsten Ort gefahren sein, doch da war niemand aufgetaucht, der auf AJs Beschreibung passte, soviel hatte die Polizei bereits heraus bekommen. Es war und blieb merkwürdig. Als ob AJ vom Erdboden verschluckt worden war und sein ominöser Retter gleich mit.
In diesem Moment kam Marcus mit einem dicken Abschleppseil zurück.
Hier, das sollte reichen. Bind es dir um den Bauch und ich halte dich, während du da runter steigst.
Kevin nahm das eine Ende des Seils, schlang es sich um die Taille und machte einen festen Knoten, dann begann er langsam mit dem Abstieg.
Der tiefe Schnee machte es ihm leichter, trotzdem stolperte er einige Male, viel auf die Knie oder konnte sich in letzter Sekunde an einem Ast festhalten, bevor seine Füße den Halt verloren und er auf die Nase fallen konnte. Von der Anstrengung begann er zu schwitzen, während sich sein Gesicht vor Kälte so anfühlte, als würde es verbrennen.
Schweratmend kam er schließlich unten an. Bei jedem Schritt versank er fast knietief im Schnee und so kämpfte er sich mit einiger Anstrengung immer weiter in das Dickicht hinein. Der Schnee reflektierte das bißchen Licht, das von Himmel auf ihn hinab viel und so hatten seine Augen keine Mühe die Silhouette des Wagens zu entdecken, der offensichtlich vor nicht all zu langer Zeit vom Schnee befreit worden war.
Er lag auf dem Dach, sämtliche Fenster zersplittert und zu einer unwirklichen Form zusammengedrückt. Kevin fröstelte bei dem Anblick. Jetzt, wo er das Wrack wirklich vor sich hatte konnte er kaum glauben, dass AJ dort lebend heraus gekommen sein sollte.
Vorsichtig trat er näher, lies sich dann auf alle viere hinunter und blickte angestrengt in das Innere des Wagens. Eine dunkle Pfütze gefrorenen Blutes befand sich direkt vor seinen Augen und er schluckte schwer.
Der Airbag hing schlaff, wie ein Luftballon aus dem die Luft entwichen war, vom Lenkrad herab, der Sicherheitsgurt baumelt ganz leicht im aufkommenden Wind und alles in allem wirkte das Wrack so verlassen und tot, wie es hier in dieser Umgebung nur möglich war.
Obwohl alles in ihm nach einem schnellen Rückzug schrie, robbte er noch ein Stückchen näher. Die Polizei hatte recht. In dem eingedrungenen Schnee konnte er Schleifspuren erkennen und als er genauer hinsah, fand er sogar den Abdruck einer Hand, gleich neben dem völlig zerschmetterten Resten des Außenspiegels. Vorsichtig legte er seine eigenen Hand darüber, ohne den Schnee zu berühren. Der Abdruck war wesentlich kleiner als seine langgliedrigen Finger und ganz sicher auch kleiner als AJs Hände. Also war tatsächlich jemand hier gewesen und auch wenn die Polizei ihm dies bereits mitgeteilt hatte, so war es doch noch einmal etwas ganz anderes, dies jetzt alles schwarz auf weiß vor sich zu sehen.
Neu gewonnene Hoffnung flutete durch seine Blutbahnen. AJ lebte, dies war für ihn nun eine umunstößliche Gewissheit und mit einem Lächeln auf den Lippen, das sein inzwischen vor Kälte schmerzendes Gesicht unangenehm verzog, tauchte er aus dem Wagen wieder auf. Sie würden ihn finden. Ganz bestimmt!