Kapitel 18
Rachel fror und das lag nicht nur an der Kälte, die ihr Innerstes in Besitz genommen hatte. Nachdem sie Hals über Kopf aus dem Schlafzimmer gestürmt war und danach ihr Höschen und den Pullover wieder übergestreift hatte, hatte sie einen Moment inne gehalten und festgestellt, dass sie nicht hier bleiben konnte.
Ohne darüber nachzudenken hastete sie zur Eingangstür und riss sie auf. Unvermittelt sah sich einer riesigen Schneewehe gegenüber und ein frustiertes Schluchzen entrang sich ihrer Kehle. Sie konnte nicht weg. Sie war hier eingesperrt mit ihm. Mit dem Mann, den sie mit jeder Faser ihres Körpers begehrte und der in ihr nur einen billigen Ersatz für die großartige Frau sah, die er verloren hatte.
Sie begann unkontrolliert zu zittern, schlang die Arme um ihren zierlichen Körper und spürte, wie die Tränen ihre Wangen hinunter liefen, kurz an der Rundung ihres Kinns verharrten und dann lautlos in die Tiefe fielen.
Tränen aus Eis, schoss es ihr durch den Kopf.
Verzweifelt wandte sie den Blick gen Himmel, an dem millionen von Sternen glitzerten und funkelten und sie damit beinahe zu verhöhnen schienen. Das Gefüge des Kosmos hatte sich nicht verändert. Die Zeit war nicht stehen geblieben, während sie immer noch auf der Stelle trat.
Warum tust du mir das an? fragte sie halblaut mit erstickter Stimme und wußte nicht, ob sie Ihn, AJ oder sich selbst damit meinte.
Sie hörte, wie hinter ihr die Schlafzimmertür aufgerissen wurde und sie wappnete sich innerlich gegen die Ausflüchte und lahmen Entschuldigungen, die jetzt garantiert kommen würden.
Leider hatte sie nicht mit den intesiven Gefühlen gerechnet, die AJs Nähe in ihr auslösten. Er trat ganz nahe an sie heran, gerade so weit, dass er sie nicht berührte und sie hörte seine raue Stimme in ihrem Rücken. Ihr Herz machte einen Satz in ihrer schmerzenden Brust und das Zittern ihres Körpers verstärkte sich.
Es tut mir so leid, sagte er leise.
Sie traute ihrer Stimme nicht, also schwieg sie.
Wirklich. Ich
ich weiß auch nicht, wie das
also
wie das passieren konnte. Ich schwöre, ich habe nicht an sie gedacht. Ich wollte dich. Nur dich und
ich weiß auch nicht. Er seufzte frustriert.
Sie wollte etwas sagen, wußte aber nicht was. Ihre Kehle war wie zugeschnürt und sie konnte nur immer wieder daran denken, dass sie hier weg wollte. Weg von ihm. Weg von diesem Gefängnis, in das sie sich freiwillig begeben hatte. Weg von den vielen Erinnerungen, die sie Tag und Nacht heimsuchten.
Ich werde morgen früh Hilfe holen gehen, sagte sie und war entsetzt über die Kälte in ihrer Stimme.
Bitte. Rachel, eine warme Hand legte sich auf ihre verkrampfte Schulter und wie unter einem Stromschlag zuckte sie zusammen. Mit einer heftigen Geste schüttelte sie ihn ab.
Nein. Ich werde gehen. Ich kann nicht mehr.
Es tut mir so leid, hörte sie ihn erneut sagen und auch das Zittern in seiner Stimme entging ihr dabei nicht.
Ich weiß, seufzte sie leise.
Sieh mich an, forderte er.
AJ das hat doch alles
, setzte sie an, doch er unterbrach sie, in dem er sie sanft am Arm faste und zu sich herum drehte. Sie hatte keine Kraft mehr sich gegen ihn zur Wehr zu setzen und so stand sie schließlich zitternd und frierend vor ihm. Als sie in sein Gesicht aufsah, wirkte es unnatürlich blass. Sein Brustkorb hob und senkte sich hektisch unter seinen schnellen Atemzügen und er blinzelte immer wieder gegen die Tränen an, die seine Sicht behinderten.
Ich weiß nicht, sagte er beinahe flüsternd wer oder was du bist. Ich weiß nur, dass ich mich in deiner Gegenwart so wohl wie seit Jahren nicht mehr fühle. Ich brauche dich, auch wenn das vielleicht seltsam klingen mag.
Ja, ich habe Lillian geliebt und ja, sie fehlt mir unglaublich. Aber
, er schüttelte den Kopf. Wenn ich dich ansehe, dann ist da wieder dieses Gefühl in meinem Herzen. Verstehst du? Da ist Hoffnung und Liebe und
so etwas wie Glück. Ich will in deiner Nähe sein. Ich will dich bei mir haben. Ich weiß, ich habe einen Fehler gemacht und vielleicht kann ich ihn nie wieder gut machen, aber ich möchte
ich möchte dass du weißt, dass ich dich nicht benutzt habe. Keine Sekunde.
Sie schüttelte den Kopf, weil sich ein riesiger Kloß in ihrem Hals gebildet hatte. Das Verrückte an der ganzen Sache war, dass sie ihm tatsächlich glaubte, wobei sie nicht unterscheiden konnte, ob sie es nur glauben wollte oder ob er wirklich die Wahrheit sprach.
Unendlich langsam und vorsichtig zog er sie an sich, bis ihr Oberkörper gegen seine Brust stieß. Er legte seine Arme um sie und zog sie dann noch ein Stück näher. Während er sein Gesicht in ihrem Haar vergrub und sie immer noch unbewegt wie eine Puppe in seinen Armen verharrte, flüsterte er Verlass mich nicht. Bitte. Ich brauche dich. Ich
wenn du das möchtest, halte ich mich von dir fern, aber bitte
bitte geh nicht einfach so weg.
Sie fühlte sich hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, einfach hier in seinen Armen zu bleiben und das Gefühl der Verbundenheit zu genießen und dem inneren Drang, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und ihn zu bringen. Was sollte sie nur tun?
Für einen flüchtigen Moment schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass sie sehr wohl ein Mittel hatte, um ihn für immer los zu werden. Sie brauchte ihm nur von der Nacht erzählen. Dass sie den Wagen gefahren hatte, der seine Freundin tötete. Dass er sich hier mit dem Feind eingelassen hatte - mit dem Teufel höchstpersönlich.
Doch genau so schnell wie der Gedanke gekommen war, verscheuchte sie ihn wieder. Sie wollte ihn nicht leiden sehen, auch wenn alles in ihr im Moment danach schrie ihm wehzutun und ihn somit spüren zu lassen, was er ihr in dieser Nacht angetan hatte.
Stattdessen sagte sie meine Zeit mit dir ist leider begrenzt. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit.
Überrascht schob er sie ein Stück von sich und sah auf sie hinunter. Wie meinst du das?
Das wirst du vielleicht verstehen, wenn es soweit ist. Jetzt wird es auf jeden Fall Zeit, dass wir uns beide den Realitäten stellen. Wir können nicht länger hier bleiben und ich befürchte, das hat noch nicht einmal etwas mit heute Nacht zu tun. Du mußt zurück. Zurück zu deinen Freunden. Zurück in dein Leben.
Noch während sie das aussprach wurde ihr bewußt, dass sie dies schon sehr lange spürte. Er hatte sich hier seiner Vergangenheit gestellt, den Weg zurück ins Leben gefunden und jetzt wurde es Zeit, dass er sich wieder der Gegenwart und vor allen Dingen seiner Zukunft widmete. Und so sehr es sie auch schmerzte so wußte sie doch, dass sie in dieser keine Rolle mehr spielte.
Ich bin aber noch nicht bereit wieder zurück zu gehen, sagte er und ein beinahe flehender Ausdruck war auf seinem Gesicht erschienen.
Denkst du denn nicht manchmal an deine Freunde und deine Familie? Sie machen sich sicher riesige Sorgen um dich. Du mußt ja nicht sofort zurück zu der Tour. Im Moment geht es doch lediglich darum der Welt zu zeigen, dass du tatsächlich noch lebst. Alles weitere wird sich finden.
Wirst du
wirst du bei mir bleiben? fragte er beinahe flüsternd.
Sie nickte langsam. Nicht sehr lange, aber ein paar Tage ganz sicher.
Warum? Ich meine
wohin mußt du?
Sie seufzte und schüttelte den Kopf. Engel sind nicht dafür gemacht ewig zwischen den Lebenden zu wandeln.
Das verstehe ich nicht, sagte er traurig.
Ich weiß, nickte sie, dann löste sie sich langsam von ihm, schloss die Tür und fühlte sich, als hätte sie zusammen mit dem strahlenden Sternenhimmel auch jede Hoffnung ausgesperrt.