Kapitel 16

Kevin verstaute den letzten Rest seiner Habseligkeiten in einer großen Reisetasche und hielt dann inne, die Hand bereits an den Reißverschluss gelegt. Wenn er diese Tasche jetzt schloss und sie zu seinen beiden Koffern stellte, dann war dies das Ende. Vielleicht nicht das Ende der Hoffnung, denn die würde niemals vergehen bis er nicht genau wußte, was mit AJ passiert war, aber doch das vorläufige Ende des Wartens, des Bangens und des Glaubens daran, dass man AJ schnell finden würde.
Er schüttelte den Kopf und schluckte die aufkommenden Tränen hinunter. Es hatte keinen Zweck noch länger hier zu bleiben. Die Polizei war hunderten von Hinweisen nachgegangen und jedesmal hatten sie sich als Sackgasse heraus gestellt. Sie wußten jetzt, 25 Tage nach AJs Verschwinden, immer noch nicht viel mehr als am ersten Tag. Er war fort. Niemand wußte, ob er überhaupt noch lebte, auch wenn sich alle nach außen hin zuversichtlich gaben. Das waren die Fakten.
“Es macht keinen Sinn mehr,” sagte er laut zu sich selbst, wie um sich selbst endgültig davon zu überzeugen hier das richtige zu tun, griff nun endgültig nach dem Reißverschluss und zog ihn mit Nachdruck zu. Zum Teufel mit ihnen allen. Zu Hause wartete seine Frau auf ihn, die sich, genau wie er, große Sorgen machte. Wobei bei Kristin noch die Sorge um ihren Ehemann hinzu kam, der am Telefon immer einsilbiger wurde und ihr klar zu verstehen gegeben hatte, dass sie hier nicht erwünscht war.
So sehr er sie auch liebte, aber er hätte in diesem Moment ihre Anwesenheit nicht ertragen, weil er dann hätte stark sein müssen. Weil er dann das, was immer wieder durch seinen Kopf jagte und ihn beinahe wahnsinnig machte, nicht mehr verstecken konnte. Sie hätte in ihm gelesen wie in einem offenen Buch und hätte ihm auf den Kopf zugesagt, dass ihn noch etwas anderes neben AJs Verschwinden beschäftigte. Aber er konnte das was er dachte nicht in Worte fassen. So weit war er noch nicht. Noch nicht.
Als er seufzend die Reisetasche vom Bett hievte, hämmerte es plötzlich an seine Zimmertür, was ihn erschrocken zusammen zucken lies.
“Kev?” hörte er Nick rufen.
“Ja, ich komm’ ja schon. Ein alter Mann ist doch kein D-Zug,” rief er aufgebracht zurück. Nick schwankte seit zwei Tagen, seit sie beschlossen hatten das Wochenende noch abzuwarten und dann nach Hause zu fahren, zwischen Freude endlich wieder zu seiner Familie und Freunden zurück zu können und der Angst und Sorge um AJ.
“Sie haben AJs Wagen gefunden,” kam es von der geschlossenen Tür zurück und augenblicklich begann Kevins Herzschlag zu rasen.
Die Reisetasche fiel unbeachtet zu Boden und er hastete zur Tür.
“Ist das wahr?” rief er, während er die Tür aufriss.
“Ja, es ist wahr. Komm’ mit. Die Polizei ist drüben bei Johnny,” informierte ihn Nick, während er sich bereits herumdrehte und mit langen Schritten den Gang hinunter lief.
Kevin folgte ihm auf den Fuß und konnte nicht verhindern, dass eine unbändige Welle der Hoffnung über ihn hinwegschappte. Sie hatten seinen Wagen! Das grenzte das Gebiet, in dem AJ sich aufhalten konnte immens ein. Oder … ?
Als sie das Zimmer ihres Managers betraten, hatten sich bereits alle versammelt, die noch nicht nach Hause gefahren waren. Dazu gehörten Brian und Howie, ihre Pressesprecherin, die Bodyguards und ein kleiner Teil der Crew, der noch etwa sieben Mann umfasste. Sie saßen auf den beiden Sofas und dem Sessel, die einen niedrigen Tisch umstanden, oder lehnten an der Wand gegenüber der breiten Fensterfront, durch die helles Sonnenlicht flutete. Zwei Polizisten standen mitten im Raum und schienen gerade Bericht zu erstatten.
“… kann also eigentlich nicht weit sein,” sagte der kleinere der beiden gerade und Kevin ärgerte sich, dass er zu spät kam.
“Was ist los?” fragte er deshalb atemlos.
“Sie haben AJs Wagen im Randgebiet des Nationalparks gefunden,” informierte ihn Howie.
“Und?” fragte Kevin nun ängstlich. Immerhin könnte es genau so gut sein, dass sie nicht nur den Wagen sondern auch AJs Leiche …
“Er war nicht mehr drin,” sagte Howie, als hätte er seine Gedanken mit angehört.
“Gott sei Dank,” entfuhr es ihm und mit zittrigen Knien lies er sich neben Johnny auf eines der üppigen Sofas fallen.
“Wie ich ihren Kollegen gerade erzählt habe, haben wir eine ganze Menge Blut im Wagen gefunden,” wandte sich der Beamte, der eben schon gesprochen hatte, an ihn. “Desweiteren vermuten wir, dass ihn jemand aus dem Wrack geborgen hat. Es fanden sich Schleifspuren im Inneren des Wagens. Demnach vermuten wir, dass sich Mr. McLean nicht sehr weit vom Fundort aufhält.”
“Das … ist gut, oder?” fragte Kevin vorsichtig.
Der Beamte nickte.
“Nun ja,” warf der andere der beiden ein. “Es kommt darauf an, wie schwer Mr. McLean verletzt war. Wir haben uns erkundigt … er ist in keinem der Krankenhäuser im Umkreis eingeliefert worden, was bei dem Sturm nicht wirklich verwunderlich ist.”
“Aber?” hakte Kevin nach.
“Es ist durchaus möglich, dass Mr. McLean schwer verletzt ist und wir wissen nicht, ob er versorgt wurde.”
“Aber sie sagten doch gerade, dass ihn jemand aus dem Auto heraus gezogen hat, oder? Warum sollte dieser Jemand das tun und ihn hinter sterben lassen?” Kevins Herz schlug ihm bis zum Hals. Endlich gab es eine Spur! Und er würde sich so lange weigern zu glauben, dass AJ etwas schlimmes zugestoßen war, bis er es schwarz auf weiß vor sich sah.
“Wie gesagt … ,” setzte der Beamte erneut an, doch sein Kollege unterbrach ihn.
“Im Moment können wir nur Vermutungen über seinen Zustand anstellen und davon halte ich sehr wenig. Wir konzentrieren uns jetzt darauf, ihn so schnell wie möglich zu finden. In der Nähe gibt es einen kleinen Ort, der leider immer noch fast gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten ist. Wir sind dabei die Straßen freizuräumen um dort eine mobile Einsatzzentrale einzurichten. Es gibt dort immer noch keinen Strom und kein Telefon. Es gestaltet sich also alles etwas schwierig.”
“Wenn wir irgendwie helfen können … ,” sagte Johnny.
“Dann lassen wir es sie wissen,” erwiderte der Polizist freundlich.
“Ich werde mit ihnen gehen,” sagte Kevin bestimmt, auch wenn er keine Ahnung hatte, wo dieser Gedanke plötzlich her kam.
“Das halte ich für keine gute Idee,” widersprach der Beamte sofort.
“Das verstehe ich, aber ich kann hier nicht weiter tatenlos herum sitzen. Wenn es sein muß, schlage ich mich alleine durch den Wald und suche ihn. Aber ich werde auf gar keinen Fall länger nutzlos hier herum sitzen.”
“Aber wir wissen doch gar nicht, ob sich Mr. McLean wirklich noch im Mystic Nationalpark aufhält. Er könnte … ,”
“Das ist mir egal!” fuhr Kevin auf.
“Kev, bitte,” sagte Johnny neben ihm und legte ihm beschwichtigend eine Hand auf den Arm. “Ich bin mir sicher, die Polizei tut alles was in ihrer Macht steht. Wir können uns nicht auch noch Sorgen um dich machen.”
“Ehrlich gesagt ist mir das ziemlich egal,” gab Kevin unnachgibig zurück. “Ich will ihn finden. Ich muß ihn finden!”
“Wir alle wollen ihn wiederhaben Kevin,” sagte Brian ruhig. “Aber bei diesem Wetter jetzt im Wald herum zu irren, bringt ihn uns auch nicht schneller zurück.”
“Das werden wir ja noch sehen,” gab Kevin heftig zurück und stand auf. “Ich werde da hin fahren. Ob mit oder ohne eure Hilfe.”
“Ich komme mit,” kam ihm unerwartet Nick zu Hilfe.
“Kinder, das geht nicht … ,” meldete sich Johnny erneut zu Wort.
“Ich komme auch mit,” sagte Howie und stand ebenfalls auf.
Brian zögerte kurz, dann seufte er abgrundtief. “Na, dann habe ich wohl keine andere Wahl, oder?” sagte er und die Resignation war ihm deutlich anzuhören.
“Du mußt nicht mitkommen,” sagte Kevin sanft. “Aber bitte versteh’, dass ich nicht anders kann.”
“Ja, ja, ja,” winkte Brian an. “Ich werde Leigh anrufen und ihr sagen, dass ich ein paar Tage später komme.”
Ein leises Lächeln schlich sich auf Kevins Gesichtszüge, etwas, was in letzter Zeit sehr selten vorgekommen war. “Danke,” sagte er schlicht.
“Nichts zu danken Mann. Einer für alle, alle für einen, oder wie war das?” grinste Brian schief.
“Und wenn ich euch hier festbinden muß, ihr werdet nicht … ,”
“Oh doch, wir werden,” sagte Kevin lächelnd aber mit Nachdruck, klopfte Johnny noch einmal auf die Schulter und machte sich dann auf den Weg in sein Zimmer, um wieder auszupacken und ein paar Dinge für ihre Unternehmung zusammen zu suchen.
Endlich! Endlich konnte er etwas tun und nichts und niemand würde ihn davon abbringen.

Kapitel 17