Kapitel 15
AJ erwachte am späten Vormittag aus einem tiefen, erholsamen Schlaf. Zum ersten Mal seit sehr, sehr langer Zeit hatten ihn Lillians Schreie nicht in seinen Träumen verfolgt, hatte er nicht ihren toten Körper vor sich gesehen.
Noch bevor er die Augen richtig auf hatte erinnerte er sich an letzte Nacht und er fühlte, dass das Bett neben ihm leer war. Für einen Moment blieb er noch liegen, schloss die Augen wieder und dachte an das Gefühl von Rachels bebendem Körper an seinem.
Als er ihr verzweifeltes Schluchzen gehört hatte, war er erst überrascht und dann äußerst besorgt gewesen. Für ihn hatte sie immer die Stärke verkörpert, die ihm im Moment fehlt und sie dann so verletzlich zu sehen, weckte sämtliche Beschützerinstinkte in ihm.
Ein wenig bereute er, dass er sie nicht mehr gestern Nacht gefragt hatte, was denn los sei. Er konnte sich gut vorstellen, dass sie ihn heute, im Licht des Tages, mit ein paar leeren Worten abspeisen würde, um sich wieder in die Tiefen ihres Selbst zurück zu ziehen.
Leise seufzend schlug er die Decke zurück und schwang die Beine über die Bettkante. Sein Bein schmerzte wie jeden Morgen. Im Laufe des Tages würde dieser Schmerz zu einem unangenehmen Kribbeln werden, bis er ihn schließlich kaum noch spürte. Er war inzwischen sehr dankbar, dass ihm nicht mehr passiert war und die Wunde so gut heilte. Nicht auszudenken was alles hätte passieren können, wenn er wirklich schwer verletzt gewesen wäre. Einen Arzt zu holen war schließlich unmöglich.
Umständlich zog er sich an, stützte sich dann schwer auf seinen Gehstock und humpelte hinaus in den Wohnraum. Rachel stand an der Spüle und schälte Kartoffeln für das Mittagessen. Die Wolken waren aufgebrochen und ein gleißender Strahl hellen Lichts umspielte ihr Haar. Für einen Moment blieb er fasziniert stehen und betrachtete sie. Sicherlich hatte sie ihn längst bemerkt, doch sie sah nicht auf, sondern widmete sich weiterhin mit Hingabe den Kartoffeln. Sein Herz klopfte viel zu schnell in seiner Brust und der Drang sie berühren zu wollen, wurde beinahe übermächtig.
Also schlufte er an ihr vorbei, murmelte im Vorbeigehen ein kurzes Guten Morgen und verschwand dann im Bad. Nachdem er sich mit dem eiskalten Wasser gewaschen und die Zähne geputzt hatte, ging er zurück zu ihr. Wie an einem unsichtbaren Faden, zog es ihn zu ihr hinüber.
Er lehnte seinen Stock gegen den Herd und umschloss sie von hinten mit seinen langen Armen. Während er sein Kinn auf ihre Schulter legte, genoss er das Gefühl ihrer Nähe und fragte sich dabei verwirrt, ob eine einzige Nacht tatsächlich so viel verändern konnte.
Gut geschlafen? fragte Rachel und um ihre Mundwinkel lag ein sanftes Lächeln.
Wie ein Stein, gestand er.
Das ist gut.
Und du?
Ebenfalls. Ich weiß nicht, liegt vielleicht an der Luft.
Hm, brummte er und war versucht die Augen zu schließen.
Im selben Moment überwältigte ihn ein so heftiges Schuldgefühl, dass er an sich halten mußte, um nicht vor Rachel zurück zu schrecken. Was tat er hier eigentlich? Konnte es sein, dass er Lillian so schnell vergessen hatte? Kaum war sie fort, suchte er sich bereits einen Ersatz?
Doch er konnte sich einfach nicht von dem warmen, festen Körper vor sich lösen. Im Gegenteil. Er zog sie noch ein Stückchen näher zu sich heran, was sie veranlasste leise zu kichern.
Was ist denn mit dir los? fragte sie.
Nichts. Ich glaube, ich habe einfach ein gehöriges Nähe-Defizit.
Nähe in welchem Sinne?
Nähe in jedem Sinn, entgegnete er und spürte, dass dies die volle Wahrheit war.
Das klingt mir schwer nach Lagerkoller, schmunzelte sie.
Das möchte ich nicht ausschließen, grinste er.
Der nächste Gedanke traf ihn bis ins Mark und er war sich nicht ganz sicher, ob er nicht tatsächlich zusammen zuckte. Sie waren nun fast drei Wochen hier. Niemand wußte, wo er war und ob er überhaupt noch lebte. Sie machten sich sicherlich große Sorgen um ihn. Die Presse
das Management
die Jungs
er wollte sich lieber gar nicht vorstellen, was im Moment da draußen in der realen Welt los war.
Woran denkst du? fragte Rachel und legte ihr Messer beiseite.
Wieso?
Du trippelst hier herum wie ne Ballerina, die dringend aufs Klo muß.
Oh. Tatsächlich?
Sie griff nach einem Handtuch, trocknete sich die Hände und gleich darauf fühlte er ihre warmen Finger auf seinen Unterarmen. Sofort bekam er eine Gänsehaut und atmete hörbar ein.
Du machst dir Sorgen, aber ich weiß nicht so genau worüber, stellte sie fest.
Was steht denn zur Auswahl? Er wollte das Ganze ins Lächerliche ziehen, doch es gelang ihm nicht wirklich.
Entweder Lillian, deine Freunde von der Band oder
, sie verstummte und zuckte mit den Schultern.
Oder du, vollendete er ihren Satz und fügte dann hinzu. Von allem etwas würde ich sagen.
Du brauchst dir keine Sorgen um mich machen, sagte sie leise, während sie sanft seine Unterarme streichelte.
So? Das sehe ich aber anders, er richtete sich auf und drehte sie zu sich herum. Sie senkte den Blick und traute sich scheinbar nicht, ihn anzusehen.
Was ist da gestern Nacht passiert? fragte er eindringlich.
Frag mich nicht, okay? Ich möchte
,
nicht darüber reden. Schon klar. Aber
wie du selbst weißt, tut das niemandem gut.
Lass es einfach, ja? Es
ist schon in Ordnung.
Das glaube ich dir nicht. Warum hast du dich gestern Nacht bei mir entschuldigt?
Er spürte, wie sie beinahe unmerklich in seinen Armen zusammen zuckte, dann machte sie einen Schritt rückwärts, doch die Spüle in ihrem Rücken stoppte sie. Es war mir einfach unangenehm. Ich habe dich geweckt, du bist extra aufgestanden
,
Es klang einleuchtend, doch er glaubte ihr kein Wort. Sie starrte immer noch auf irgendeinen Punkt zu seinen Füßen und alles in allem wirkte sie, als wünsche sie sich ganz weit weg.
Er seufzte. Wirklich, du bist ja schlimmer als ich und das will schon etwas heißen.
Endlich sah sie zu ihm auf und ein leises Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. Nein, das geht wirklich nicht. Du warst viel schlimmer. Du hast mir dauernd Beleidigungen an den Kopf geworfen und mich angebrüllt. Das ist eine ganz andere Kategorie.
Wahrscheinlich, gab er schmunzelnd zu.
Warum machst du dir Sorgen wegen deinen Freunden? fragte sie unvermittelt und auch wenn er dies sofort als Ablenkungsmanöver erkannte, so hatte sie damit doch Erfolg auf der ganzen Linie.
Sie wissen nicht wo ich bin und ob es mir gut geht. Ich befürchte, sie machen sich ziemlich große Sorgen um mich.
Das heißt dann wohl, dass unser Aufenthalt hier nur noch von kurzer Dauer ist, hm? fragte sie und er hörte das Bedauern in ihrer Stimme.
Er nickte statt einer Antwort.
Okay
wir
wir könnten essen und danach werde ich
,
Nein, unterbrach er sie und schüttelte den Kopf. Nicht so schnell. Vielleicht noch
ein paar Tage. Ich kann jetzt noch nicht zurück.
Aber vielleicht gibt es eine Möglichkeit ihnen einen Nachricht zukommen zu lassen. Dann wüssten sie wenigstens, dass es dir gut geht.
Erneut schüttelte er den Kopf. Wir wissen doch gar nicht, ob es hier in der Nähe überhaupt ein Telefon oder etwas ähnliches gibt und ich werde dich nicht einfach so auf Verdacht da hinaus schicken.
Aber irgendwann
,
Ja, irgendwann müssen wir gehen, unterbrach er sie. Aber bis dahin
, er ließ den Satz unvollendet. Eigentlich hatte er etwas sagen wollen wie bis dahin will ich dich noch ein bißchen für mich alleine haben, doch das schien ihm im Moment äußerst unangebracht.
Also gut, nickte sie schließlich. Deine Entscheidung.
Gibt es denn
niemanden der zu Hause auf dich wartet? fragte er vorsichtig.
Nein, sie schüttelte den Kopf. Und wie man jetzt mal wieder sieht, ist das ganz gut so, lächelte sie, doch es wirkte angestrengt und unecht.
Damit schien für sie die Unterhaltung beendet zu sein, denn sie wandte sich wieder um und griff nach dem Messer.
Wenn du heute noch etwas zu essen bekommen möchtest, solltest du mich langsam loslassen, sagte sie.
Uhm
ich weiß nicht, er trat einen Schritt näher und versenkte sein Gesicht in ihrem Haar. Wie sie das wohl machte, dass sie selbst hier, am Ende der Welt, noch so wundervoll duftete?
Sie kicherte leise und zog die Schulter hoch. Das kitzelt. Bitte AJ, es ist gut jetzt.
Männo, schmollte er, lies sie aber brav los und trat einige Schritte zurück.
Man soll aufhören wenn es am schönsten ist, grinste Rachel und er konnte dem nicht widersprechen.