Kapitel 14

Rachel lag auf dem unbeqeumen Sofa im Wohnraum und starrte in die noch leicht glimmende Glut des Kaminfeuers. Sie wartete sehnsüchtig auf den Morgen. In der Nacht, so schien es ihr, brachen sämtliche ihrer Schutzmechanismen zusammen. Sie sah Bilder aus der Vergangenheit, hörte Stimmen, die ihr hässliche Wahrheiten zuflüsterten und sie fühlte Emotionen, die aus den Tiefen ihres Herzes aufstiegen und ihr sämtlichen Lebensmut aus dem Körper saugten.
Sie versuchte an AJ zu denken, daran, wie er sich langsam Tag für Tag ein Stückchen weiter öffnete. Sie hörte ihn von Lillian erzählen, wie er sie kennengelernt und sich in sie verliebt hatte. Von ihrer ersten gemeinsamen Wohnung, von den vielen kleinen Dingen an ihr, die ihm jetzt so schmerzlich fehlten und von dem Gefühl der Leere in ihm, der Wut, dem Schmerz, der Trauer. Es schein, als hätte er sich in den letzten Tagen einiges von der Seele geredet und je mehr er von seinem Ballast los wurde, um so mehr türmte er sich auf Rachels Schultern auf.
Sie schloss die Augen und seufzte tief. Vielleicht sollte auch sie endlich die Gefühle und Ängst zulassen. Sollte sich dem stellen, was in ihrem Inneren wütete und mit aller Macht hinaus drängte.
Vorsichtig tastete sie sich zurück in die Vergangenheit, spulte ihr Leben zurück wie einen schlechten Film, den man normaler Weise nach nur fünf Minunten wieder abschaltete, weil die Bilder zu grausam, das Thema zu traurig und der verzweifelte Hauptcharakter zu eindimensional war. Niemand, so würde man denken, kann so viel Leid ertragen. Niemand hält das alles so lange aus, ohne sich zu wehren, ohne aufzubegehren oder der Situation zu entfliehen.
Das war nicht realitätsnah. Ein schlechtes Drehbuch.
Und doch … genau so hatte es sich abgespielt. Sie sah sich, wie sie in ihrem Haus von einer Ecke in die andere wuselte, den ganzen Tag damit beschäftigt, alles sauber zu halten. Zwei Mal am Tag hatte sie die hellen Dielenböden gewischt, mehrmals die eigentlich blitzblanke Theke in der Küche gewienert. Sie hatte Wäsche gewaschen, den Garten in Ordnung gehalten, eingekauft, gekocht und dann gewartet, bis ihr Ehemann nach Hause kam.
Und jedes Mal hatte sie feststellen müssen, dass all ihre Bemühungen zu nichts geführt hatten. Er fand immer irgendetwas: Die Betten waren nicht so akkurat gemacht, wie er das gerne hatte, das Essen schmeckte fad und er fand immer einen Fleck, den sie angeblich übersehen hatte und der eigentlich gar nicht da war. Er brauchte keinen Grund um auf sie wütend zu sein. Alleine ihre Anwesenheit reichte dafür aus.
Andererseits übersah er geflissentlich und höchstwahrscheinlich absichtlich, in welchen Sog sie geraten war. Er registrierte nicht ihre geweiteten Pupillen, wenn sie sich mal wieder eine Line Koks reingezogen hatte, er roch nicht den Akoholdunst, wenn sie wieder einmal zur Flasche gegriffen hatte und er überhörte ihr ersticktes Schluchzen in der Nacht, wenn sie nicht mehr ein noch aus wußte.
In einer dieser Nächte war sie plötzlich aufgestanden, hatte sich lautlos angezogen und war mit ihrem Wagen in die Nacht hinaus gefahren. Eigentlich konnte sie sich kaum auf den Beinen halten, so zugedröhnt war sie. Sie stellte die Anlage im Auto so laut, wie sie es gerade eben noch ertragen konnte, legte harte, hämmernde Rockmusik ein und gab Gas. Es war ihr egal, wo sie hinfuhr. Sie hatte kein bestimmtes Ziel. Sie wollte einfach nur so weit wie möglich von ihm weg.
Wenn sie heute darüber nachdachte, war sie wahrscheinlich nicht einmal vor ihm geflohen, sondern vor sich selbst. Vor dem Menschen, der sie geworden war und der sie anwiderte. Vor der Hülle, von der sie nicht wußte, warum sie überhaupt noch existierte und vor dem unselbständigen Häufchen Elend, das sie geworden war.
Als ein entgegenkommendes Fahrzeug sie blendete, nahm sie ganz langsam und ruhig die Hände vom Lenkrad und legte sie sich über die Augen. Sie atmete tief ein und wieder aus, trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch und lies sich einfach fallen. Das erste Mal nach langer Zeit kehrte in ihrem Inneren so etwas wie Ruhe ein. Sie fühlte sich plötzlich leichter wie Luft und es hätte nicht viel gefehlt und sie hätte vor Erleichterung angefangen zu lachen wie ein kleines Kind.
Der Aufprall kam unerwartet, schleuderte sie nach vorne und der einzige, bewußte Gedanke, der ihr in diesem Moment durch den Kopf schoss war “warum zum Henker habe ich den Sicherheitsgurt angelegt?”.
Sie erfuhr erst viel später, welchen Wagen sie da gerammt hatte ohne an die Konsequenzen zu denken. Sie sah es in den Nachrichten, da sie sich bei der Polizei nicht nach dem anderen Fahrer erkundigt hatte. Eigentlich hatte sie gar nicht viel gesagt. Sie hatte lediglich mit dem Kopf genickt, als man sie fragte, ob sie wußte, was sie getan hatte und zählte dann eine ganze Reihe von Babituraten, Medikamenten, Drogen und Wodkamarken auf, die sich zu diesem Zeitpunkt in ihrem Körper befunden hatten.
Man schickte sie daraufhin umgehend in eine Entziehungskur, ließ sie nur hinaus, um zur Gerichtsverhandlung zu gehen und die Bewährungsstrafe entgegen zu nehmen.
Ihr Ehemann hatte sie kein einziges Mal besucht, ließ ihr noch während der Therapie die Scheidungspapiere zukommen und als sie schließlich mittellos, ohne Job, Wohnung oder Zukunftsperspektive wieder hinaus in die Wirklichkeit entlassen wurde, war von dem früheren Wesen Rachel nicht mehr viel übrig.
Sie verkroch sich in ihrer Wohnung, die ihr vom Sozialamt zugewiesen wurde, betrank sich noch am Abend ihrer Entlassung hemmungslos und versuchte dabei die Bilder zu verscheuchen, die in ihrem Kopf herum wirbelten.
Sie sah AJ vor sich, wie er damals in den Nachrichten und später in den Klatschspalten aufgetaucht war. Unnatürlich blass, schweigsam und mit diesem leeren Blick, der sie bis ins Mark traf.
Sie hörte, dass er glücklich gewesen war, bevor sie sein Leben zerstörte. Dass er vorhatte Lillian zu heiraten, bevor sie ihm auf so grausame Weise genommen worden war und dass sämtliche Bandaktivitäten auf unbestimmte Zeit eingestellt worden seien.
Sie versuchte sich eine ganze Zeit lang einzureden, dass er schon darüber hinweg kommen würde, dass es einfach eine Weile dauerte, bis er wieder festen Boden unter den Füßen hatte und weiter leben konnte. Doch als sie seinen ersten Auftritt mit der Band nach fast einem Jahr im Fernsehen sah, mußte sie feststellen, dass er es nicht geschafft hatte.
Sie wußte nicht, ob es auch anderen aufgefallen war, ob sie vielleicht einfach zu tief in ihrem eigenen Schmerz steckte und deshalb nicht erkannte, dass es ihm besser ging, doch ihr kam es so vor, als stehe dort ein Geist auf der Bühne. Eine Marionette, die zwar funktionierte, der aber sämtliche Emotionen abhanden gekommen waren.
An diesem Abend beschloss sie, dass es keinen Sinn mehr machte, sich etwas vorzulügen. Ihr Leben hatte geendet, schon lange bevor sie aus der Therapie entlassen wurde, lange bevor sie sich das letzte bißchen Realität mit Drogen und Alkohl aus dem Körper spülte, noch bevor sie AJs Freundin tötete. Höchstwachscheinlich war es einfach ein Versehen, dass sie geboren worden war. Sie gehörte hier nicht hin. Hatte sie nie.
Sie fühlte keinen Schmerz, als das Messer tief in die weiche Haut ihres Handgelenkes schnitt. Fasziniert beobachtete sie, wie das Blut und damit das Leben aus ihr heraus strömte und wunderte sich fast darüber, dass das, was da heiß aus ihrem Körper sprudelte tatsächlich rot wie Blut war und nicht so schwarz und verdorben, wie es in ihrer Seele aussah.
Mit einem erstickten Laut schrak sie zusammen, als sie etwas an der Schulter berührte. Wie ein Pfeil schoss sie zurück an die Oberfläche ihrer Gedanken und damit zurück in die Realität. Sie bemerkte entsetzt, dass sie hemmungslos schluchzte und dass immer noch etwas auf ihrer Schulter lag.
“Komm,” sagte eine Stimme leise.
Sie schüttelte den Kopf.
“Nun komm schon,” drängte AJ erneut.
Sie wußte nicht so ganz genau, was er von ihr wollte, aber nachdem er eine Hand unter ihren Kopf schob und sie vorsichtig aufrichtete, dann ihre Hand nahm und sie ohne Umschweife von der Couch in die Höhe zog, hatte sie eine ungefähre Vorstellung.
Er führte sie hinter sich her hinüber ins Schlafzimmer, schlug die Decke zurück und drückte sie mit sanfter Gewalt hinunter auf das Bett. Dann umrundete er dieses und kroch unter leisem Ächzen zurück in die warmen Kissen.
Immernoch saß Rachel bewegungsunfähig auf der Bettkante mit dem Rücken zu ihm. Sie wollte nicht in seiner Nähe sein. Er erinnerte sie so schmerzhaft an ihre Vergangenheit. Seine Nettigkeit machte sie beinahe wahnsinnig. Wenn er wüsste …
Wieder legte sich seine Hand auf ihre Schulter und zwang sie mit sanfter Gewalt dazu, sich hinzulegen. Sie rutschte an die äußerste Bettkante, rollte sich als kleiner Ball zusammen und hörte auf zu atmen.
Sie hörte, wie die Laken raschelten und gleich darauf spürte sie, wie sich ein warmer, fester Körper an sie schmiegte. Ein Arm legte sich um ihre Hüfte und zog sie fest an sich.
“Es wird alles gut,” hörte sie ihn leise flüstern. “Ich bin hier.”
Sie konnte nur den Kopf schütteln und zischend entwich die Luft, die sie die ganze Zeit beinahe krampfhaft angehalten hatte.
Er zog sie noch etwas näher zu sich heran, so dass sie sein Kinn in ihrem Nacken spüren konnte und sein langsamer, gleichmäßiger Atem ihren Hals streifte.
“Es … es tut mir leid,” sagte sie beinahe unhörbar.
“Schhhhh,” sagte AJ leise. “Schließ die Augen. Schlaf. Ich bin hier und passe auf dich auf.”
“Aber … ,”
“Morgen,” unterbrach er sie leise. “Morgen haben wir jede Menge Zeit zum Reden.”
Rachel schwieg. Was hätte sie auch sagen sollen?
“Schließ die Augen,” sagte er erneut mit dieser ruhigen, rauchigen Stimme, die ihr Herz immer wieder höher schlagen lies. Sie war sich überdeutlich seines Körpers bewußt, der so nahe an ihrem lag, dass kaum ein Seite Zeitungspapier dazwischen gepasst hätte und fühlte, wie sich sein Brustkorb in ihrem Rücken langsam hob und senkte.
Langsam schloss sie die Augen. Sie spürte die bleierne Müdigkeit, die sich augenblicklich auf sie hinab senkte und kämpfte eine Weile dagegen an. Sie konnte doch unmöglich hier liegen und schlafen, während er ihr so nahe war. Noch während sie versuchte, sich einzureden, dass sie unmöglich hier bleiben konnte, driftete sie davon in das Schattenreich des Schlafes und ausnahmsweise verfolgten sie keine bösen Geister. Vielleicht, weil eine gute, reine Seele auf sie aufpasste.

Kapitel 15