Kapitel 13

In der 80 Meilen entfernten Blockhütte bekamen AJ und Rachel nichts von der ganzen Aufregung mit, die wie ein Lauffeuer durch das gesamte Land raste. Sämtliche Zeitungen, Radiosender und Fernsehkanäle hatten sich auf das Thema gestürzt und jeden Tag gab es neue Gerüchte und Horrormeldungen, von denen nicht einmal zehn Prozent der Wahrheit entsprachen.
Es war spät geworden. Rachel saß im Schneidersitz auf dem Boden vor dem Kamin, in dem die heiße Glut nur noch wenig Licht spendete und starrte regunglos vor sich hin. Sie überlegte, ob sie in den zwei Wochen, die sie mit AJ inzwischen hier eingeschlossen war, überhaupt schon etwas erreicht hatte.
Sicher, nachdem er sie vor einer Woche so unerwartet davon abgehalten hatte hinaus in den Sturm zu gehen um Hilfe zu holen, war er wesentlich verträglicher. Sie assen zusammen, sprachen dabei aber so gut wie gar nicht miteinander.
Sie sah ihn nur, wenn er sein Zimmer verließ um ins Badezimmer zu humpeln oder die Mahlzeiten mit ihr einzunehmen. Ansonsten verkroch er sich in seinem Bett und schien Seite um Seite des Schreibblocks zu füllen.
Rachel hätte alles dafür gegeben, wenn sie nur einmal in dem riesigen Berg zerknüllten Papiers hätte stöbern dürfen, der sich inzwischen hoch in der Zimmerecke auftürmte, doch das kam natürlich nicht in Frage.
Außerdem konnte sie ihr Gehirn nicht daran hindern, ungefähr alle zehn Minunten nachzurechnen, wie viel Zeit ihr noch blieb. Nur noch sechsundzwanzig Tage und die Zeit zerrann ihr zwischen den Fingern. Was sollte sie nur tun?
In diesem Moment wurde hinter ihr unvermittelt die Tür geöffnet und AJ trat heraus. Sie hatte ihm aus einem Ast einen behälfsmäßigen Gehstock gemacht, nachdem sie sich einen Nachmittag zu den Holzreserven an der Rückseite des Hauses durchgegraben hatte. Der Schnee lag eineinhalb Meter hoch um die gesammte Hütte herum, doch ohne Feuerholz hätten sie erfrieren müssen. Rachel begrüßte die harte Arbeit sogar. Sie spürte erst, wie sehr sie das herumsitzen zermürbt hatte, als sie schweißgebadet und nach Luft schnappend die ersten Meter freigeschaufelt hattte.
Der Sturm hatte sich inzwischen gelegt, doch immer noch hingen die Wolken tief und bedrohlich über dem Wald. Der Wind war schneidend und pfiff nachts immer noch unheimlich um den Dachfirst.
“Hey,” begrüßte sie nun AJ und beobachtete ihn, während er schwerfällig zu ihr hinüber humpelte und sich gleich darauf auf dem Sofa nieder lies.
“Hallo,” entgegnete er, brachte dann eines seiner seltenen Lächeln zustande und legte sein verletztes Bein auf den kleinen Tisch vor sich.
“Sag bloß du gibst dein Einsiedler-Dasein auf um dich mit mir zu unterhalten,” meinte sie nur halb im Spaß.
“Um ehrlich zu sein … mir ist furchtbar langweilig und in meinem Kopf drehen sich die Gedanken ausschließlich um etwas zu trinken. Also … nun ja … dachte ich mir, ich schaue mal bei dir vorbei und sehe nach, wie es dir so geht.”
Rachel war verblüfft. Das waren zum einen mehr Worte in einem Satz, als sie die letzten zwei Wochen von ihm gehört hatte, außerdem war er überraschend freundlich. Sie wurde misstrauisch.
“Alles in Ordnung? Brauchst du irgendetwas?”
“Nein,” er lächelte schon wieder, was Rachel nur noch mehr verwirrte. “Ich möchte mich ein bißchen mit dir unterhalten.”
“Okay, was hast du mit dem störrischen Mistkerl gemacht? Wer bist du?” scherzte Rachel und AJ lachte leise.
“Es tut mir wirklich leid. Ich glaube, als du mich … uhm … gefunden hast … ähm … war ich nicht ganz ich selbst.”
“Das kannst du allerdings laut sagen,” brummte Rachel und wandte ihren Blick wieder dem Kamin zu.
“Erzähl mir ein bißchen von dir,” bat er und Rachel zuckte zusammen.
“Ich … da gibt es nicht viel zu erzählen,” entgegnete sie ausweichend.
“Das sehe ich aber ganz anders,” widersprach AJ. “Wie hast du mich zum Beispiel gefunden? Das würde mich wirklich brennend interessieren.”
Wie sollte sie das nun erklären? Selbst wenn sie ihm die Wahrheit erzählte, würde er ihr nicht glauben. Welcher halbwegs vernünftige Mensch, der noch alle seine Sinne beisammen hatte, würde ihr abnehmen, dass sie ein Engel war?
“Sagen wir mal … ,” sagte sie langsam “ich war zur rechten Zeit am rechten Ort.”
“Das reicht mir nicht,” entgegnete er.
“Es wird dir aber reichen müssen,” sagte Rachel und drehte sich wieder zu ihm herum. Sein Blick ruhte ruhig auf ihr, sein Gesichtsausdruck wirkte freundlich, doch irgendwo dahinter lauerte der Abgrund, das konnte sie fühlen.
Sie stand auf und setzte sich zu ihm auf die Couch. Er rückte ein Stück von ihr ab, so, als sei sie ihm ungefragt zu nahe gekommen und auch Rachel zog sich weiter an das andere Ende des Sofas zurück. Sie hielt seinem Blick stand und dachte gar nicht daran, noch mehr von sich preis zu geben.
“Nun gut,” seufzte er schließlich, als offensichtlich war, dass er zu diesem Thema nicht mehr von ihr erfahren würde. “Dann erzähl mir von deiner Narbe.”
Rachel schluckte und wandte den Blick ab. Was würde er wohl sagen, wenn er wüsste, dass er nicht ganz unschuldig daran war? Dass seine leeren Augen nach dem Unfall sie nicht mehr los gelassen hatten?
“Was willst du denn wissen?” fragte sie also.
“Hm … wie ist es dazu gekommen?”
“Du willst es ganz genau wissen, was?” fragte sie entsetzt.
“Ja. Nein. Ich meine … ,” er schüttelte den Kopf und starrte in den Kamin. “Es ist nur … ich habe lange darüber nachgedacht, weißt du? Warum, wieso, weshalb. Das alles. Warum sind wir hier? Warum bin ich hier? Was ist mit dir passiert? Was ist mit mir passiert? Irgendwie glaube ich, wenn ich weiß, was dir passiert ist, kann ich besser verstehen, was mit mir passiert ist. Ist das … sehr abwegig?” Er sah wieder zu ihr hinüber und in Rachel breitete sich eine eisige Kälte aus. Hatte er einen Verdacht? Nein, das konnte nicht sein. Dann würde er hier nicht so ruhig neben ihr sitzen. Aber konnte sie ihre Geschichte erzählen, ohne dass er sofort wußte, was sie getan hatte?
“Ich weiß nicht,” sie schüttelte den Kopf.
“Versuch es wenigstens. Ich verspreche auch … ,” er stockte und senkte dann den Blick, so, als müsse er noch einmal in sich hinein hören ob er wirklich das sagen sollte, was er vor hatte zu sagen. “Ich verspreche auch,” setzte er schließlich noch einmal an und sah sie dabei wieder an “dass ich dir auch ein wenig über mich erzählen werde. Das willst du doch, oder?”
“Ja, das möchte ich,” nickte Rachel.
“Also?”
Rachel seufzte. Wenn es nur so möglich war den Eisblock, der sein Herz war, aufzutauen, dann mußte sie da wohl oder übel durch.
“Ich war, so lange ich mich zurück erinnern kann, nie wirklich ein Glückskind. Ich war weder in der Schule sehr beliebt, noch lief es später im Job besonders toll. Ich weiß auch nicht … manchmal kam es mir so vor, als würde ich von allen übersehen. Ich war einfach nicht wirklich existend. Wie ein Geist, verstehst du, wie ich das meine?”
AJ nickte neben ihr langsam. “Ja, ich weiß wie es ist, sich wie ein Geist zu fühlen.”
“Nun … irgendwann habe ich angefangen, auf mich aufmerksam zu machen. Mit den schlechtesten Mitteln, die man dafür wählen kann. Ich begann in irgendwelche Nachtclubs zu gehen und mich volllaufen zu lassen. Meinen ersten, richtigen Freund habe ich so kennen gelernt.”
“Schöner Freund,” schnaubte AJ neben ihr leise.
“Das kannst du laut sagen. Je schlimmer er wurde, umso mehr habe ich getrunken. Später kam dann Dope dazu. Ein ganz neuer Bewußtseinszustand. Du schwebst einfach davon und kannst … die Stimme in deinem Kopf, die dir immer wieder zuschreit, wie wenig du doch wert bist, für eine ganze Weile ruhig stellen.”
“Aber nur für eine kurze Weile,” nickte AJ.
“Ja, nur sehr kurz.”
“Und dann?” fragte AJ, nachdem Rachel nicht weiter sprach.
“Dann … ,” sie stockte und schloss für einen Moment die Augen. Sie hörte das Quitschen von Bremsen, das Bersten von Glas … “Dann habe ich einen großen Fehler gemacht und habe … mit meinem Leben dafür bezahlt.”
“Das … verstehe ich nicht,” sagte AJ langsam.
Sie öffnete wieder die Augen und sah zu ihm hinüber. Nein, sie konnte es ihm nicht sagen. Sie würde es nicht ertragen können, wenn er sie dann hasste. Mal ganz abgesehen davon, dass der Vater ihr gesagt hatte, dass AJ niemals erfahren würde, wer sie wirklich war. Nein, so ging das nicht.
“Sagen wir einfach, ich habe einen wirklich schrecklichen Fehler gemacht und danach … war mein Leben keinen Pfifferling mehr wert. Ich hasste mich dafür. So abgrundtief, dass ich es nicht ertragen konnte, mich jeden Morgen wieder aus dem Bett zu quälen, so sehr, dass ich es hasste, dass mein Körper immer noch atmen durfte, so sehr, dass ich eines schönen Tages in die Badewanne gestiegen bin und mir die Pulsadern aufschnitt.”
AJ schwieg einen Moment, in dem er sie so intensiv musterte, als wolle er in sie hinein sehen und ihre Gedanken lesen.
“Wer … wer hat dich gefunden?”
“Wie meinst du das?” fragte sie verständnislos.
“Naja … du sitzt heute hier, deine Wunde ist verheilt. Also muß dich ja wohl irgendjemand noch rechtzeitig gefunden haben.”
Mist. Wie sollte sie das jetzt erklären. Sie beschloss sich so nahe wie möglich an der Wahrheit zu halten, ohne ihm zu erzählen, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits tot war.
“Meine … Freundin hat sich … wohl Sorgen gemacht, als sie mich nicht erreichen konnte. Sie hat einen Schlüsseldienst kommen lassen und der hat meine Wohnungstür aufgebrochen.”
Sie sah vor sich, wie Klara das Badezimmer betrat. Sie hatte sie gesehen, wenn auch nicht mehr wirklich in der Realität, sondern schon auf dem Weg in die Zwischenebene, als sie noch nicht wußte, was da gerade eben eigentlich mit ihrem Körper und ihrer Seele passierte.
“Ich höre noch ihre Schreie und … ich weiß auch nicht … in diesem Moment habe ich es bereut … irgendwie. Ich meine … ich habe nur an mich gedacht verstehst du? Es war mir egal, ob noch mehr Menschen wegen mir leiden müssen. Ich dachte, dass es allen besser geht, wenn ich nicht mehr da bin, aber ich glaube, so ganz … hat das nicht geklappt.”
AJ nickte, als hätte er tatsächlich eine Vorstellung davon, was in diesem Moment in ihrem Kopf vorgegangen war und so ganz wollte Rachel dies auch nicht ausschließen.
“Ich frage mich manchmal,” sagte er leise “ob das vielleicht das ist, was mich die ganze Zeit von diesem letzten Schritt abgehalten hat. Der Gedanken daran, was ich zurück lasse. Trotz allem.”
“Trotz allem?” hakte Rachel nach.
AJ seufzte und richtete seinen Blick in die Ferne. “Ich habe meine Freundin vor zwei Jahren bei einem Autounfall verloren. Ich … ich habe sie geliebt, verstehst du? Wirklich geliebt. Und plötzlich war das Leben an sich nicht mehr existend für mich. Ich dachte, ein Leben, in dem es Lillian nicht mehr gibt, ist auch für mich nichts mehr wert.”
“Und heute?”
“Heute ist das immer noch ähnlich. Wobei … ,” er schüttelte erneut den Kopf und sah zu ihr hinüber. “Seit ich hier bin … es ist seltsam.”
Rachel konnte sich ein sanftes Lächeln nicht verkneifen. “Wieso seltsam? Vielleicht ist eben jetzt die richtige Zeit.”
“Die richtige Zeit wofür?”
“Sie loszulassen. Dich wieder auf das Leben einzulassen.”
“Ich … kann sie … ich meine … ich kann sie nicht loslassen. Das wäre, als töte ich sie ein weiteres Mal.”
“Was heißt ein weiteres Mal? Ich dachte du sagtest, es war ein Unfall?”
“Ja, aber … ich hätte es kommen sehen müssen. Ich hätte … besser aufpassen sollen, wirklich nachsehen, ob die anderen Autos an der Kreuzung anhalten und nicht einfach davon ausgehen, dass die anderen rot haben und auch stehen bleiben.”
Rachel schluckte. “Bist du … sehr wütend auf den anderen Fahrer?”
Er schien lange darüber nachzudenken. “Ja und nein. Ich hasse ihn dafür, oder besser gesagt sie, dass sie mir das angetan hat. Aber … ,” er schluckte. “Irgendwo tief in mir fühle ich auch so etwas wie … Gott, ich weiß nicht … so etwas wie “ich möchte ihr vergebe, es reicht, wenn zwei Leben zerstört wurden”. Zumindest so etwas in der Richtung.”
“Das ist sehr großzügig von dir,” sagte Rachel und fühlte sich mehr als unwohl. Innerlich schrie sie laut und anhaltend. Am liebsten wäre sie aufgestanden und davon gerannt, doch da es kein Weg hier hinaus gab, blieb sie einfach still sitzen.
“Ich weiß nicht. Ich befürchte, die Person hat genug zu leiden. Die Presse hat sich danach auf sie gestürzt, da war die Gerichtsverhandlung und ich habe gehört, sie sei danach nie wieder auf die Beine gekommen.”
“Hast du … mal mit ihr gesprochen?”
Er schüttelte vehement den Kopf. “Nein, und das möchte ich auch niemals. Ich glaube, ich würde wie ein wilder Stier auf sie losgehen und meine gesamte Wut in Form von Fausthieben an ihr auslassen.”
“Kann ich verstehen.”
Er zuckte mit den Schultern. “Es ist eben nicht einfach.”
Sie schwiegen beide. Rachel stand schließlich auf und legte ein weiteres Holzscheid nach. Die Flammen züngelten daran empor und mit lautem Knacken erwachte das Feuer zu neuem Leben.
“Das ich jetzt hier bin,” sagte AJ schließlich “ist, glaube ich, das beste, was mir passieren konnte. Mal ganz abgesehen davon, dass ich so gezwungen war, mich meinen Dorgenproblemen zu stellen … ich meine … ich hatte ziemlich viel Zeit zum Nachdenken, zum Fluchen, zum Weinen … irgendwie … fühle ich mich ein bißchen … freier. Der Druck in mir … er … er lässt langsam nach. Dafür … nun ja … möchte ich mich bei dir bedanken.”
“Das ist nicht … ,” setzte Rachel an, doch er unterbrach sie.
“Doch, das ist nötig. Ich möchte das gerne. Ich möchte mich für deine Geduld und deine Hilfe bedanken. Das ist mir sehr wichtig. Ohne dich hätte ich es sicherlich nicht bis hier her geschafft und auch … wenn ich noch einiges an Weg vor mir habe … ,” er schüttelte den Kopf, weil er scheinbar nicht erklären konnte, was er wirklich fühlte. Vielleicht wußte er das auch im Moment selbst noch nicht so genau.
“In Ordnung,” nickte Rachel langsam, immer noch vor dem Kamin knieend.
“Gut,” nickte auch AJ und ganz langsam erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht, das seinen Zügen die Härte und Verbitterung nahm und erahnen lies, was für ein glücklicher Mensch er einmal gewesen war.
Rachels Herz begann schneller zu schlagen. Vielleicht würde sie es doch schaffen können. Wenn er bereit war an sich und das Gute im Menschen zu glauben, dann war er vielleicht auch bereit, sich wieder dem Vater zuzuwenden und ihn um Verzeihung zu bitten.
Doch ein Schritt nach dem anderen.

Kapitel 14