Kapitel 12
Heute war also der große Tag. Kevin saß in einer Ecke des kleinen Nebenraums auf einem etwas wackeligen Plastikstuhl und drehte nervös eine Dose Pepsi in seinen Händen. Um ihn herum herrschte eine erwarungsvolle Spannung. Die Jungs standen mit der Crew in Grüppchen zusammen, unterhielten sich leise oder waren in kollektives Schweigen versunken. Niemand hatte bisher das bereitgestellte Buffet angerührt. Alleine der Geruch nach Essen verursachte Kevin bereits Übelkeit.
Nebenan, in dem großen Tagungsraum, war bereits alles vorbereitet. Er war heute morgen kurz hinüber gegangen und hatte sich das Podest angesehen, auf dem sie gleich Platz nehmen würden, hatte die endlosen Stuhlreihen für die Journalisten begutachtet und sich gefragt, wie um alles in der Welt er diese Pressekonferenz hinter sich bringen sollte, ohne dabei in Tränen auszubrechen, wütend zu werden oder einfach aufzustehen und zu gehen.
Natürlich war auch ihm klar, dass dies ihre letzte Chance war, irgendetwas über AJs Verschwinden heraus zu bekommen. Neun Tage war er nun fort. Spurlos verschwunden, als hätte ihn der Sturm verschluckt und an einem weit entfernten Ort wieder ausgespuckt. Doch ihm war unwohl bei dem Gedanken, sich in das Blitzlichtgewitter zu stellen und ab diesem Zeitpunkt wieder im Mittelpunkt des Interesses zu stehen.
Johnny Wright kam auf ihn zu und lies sich auf dem Stuhl zu seiner Rechten fallen. Seine Augen wirkten übernächtigt in dem schwarzen Gesicht und um seinen Mund hatten sich tiefe Falten eingegraben. Keine Frage, sein Manager hatte in den letzten Tagen wahrscheinlich noch weniger Schlaf gefunden als Kevin selbst und das sollte schon etwas heißen.
Bist du bereit? fragte Johnny und lehnte seinen Kopf müde gegen die Wand in seinem Rücken.
Natürlich, nickte Kevin, auch wenn dies eine glatte Lüge war.
Halte dich einfach an die Fakten, den Rest mache ich.
Mir wäre es trotzdem lieber, wenn die Polizei das übernommen hätte
, sagte Kevin und nahm einen Schluck von seiner Pepsi um Johnny nicht ansehen zu müssen.
Mir auch, aber du weißt doch wie das ist. Wenn die Polizei sich zu einem Fall äußert, geht die halbe Welt davon aus, dass es Streitereien gegeben hat, es werden Gerüchte in die Welt gesetzt, die wir im Moment überhaupt nicht gebrauchen können und noch dazu macht es die Fans auf der ganzen Welt nur noch verrückter.
Das mag ja sein
, Kevin schüttelte den Kopf und schwieg.
Ich weiß wie du dich fühlst, sagte Johnny, richtete sich wieder auf und legte ihm beinahe väterlich eine Hand auf die Schulter. Das hier ist alles, was wir noch tun können. Wenn wir unsere Sache gut machen, meldet sich vielleicht jemand, der etwas über AJ weiß.
Es ist so gefährlich sich an diese Hoffnung zu klammern, stellte Kevin fest. Was ist, wenn überhaupt kein brauchbarer Hinweis kommt? Wenn das hier alles nichts nützt? Was machen wir dann?
Die Verzweiflung, die jetzt schon über eine Woche in ihm brodelte, kam langsam an die Oberfläche. Er spürte, wie seine Augen brannten, seine Hände zu zittern begannen und sein Mund trocken wurde.
Was, wenn er nie mehr zurück kommt? Dieser Gedanke tauchte immer wieder in seinem Kopf auf und jedes Mal drängte er ihn erschrocken in den hintersten Winkel seines Gehirns zurück. Er durfte einfach nicht daran denken. Er durfte noch nicht einmal die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass AJ etwas zugestoßen war. Denn dann, das wußte er, würde die Welt um ihn herum zusammen brechen. Das wäre das Ende. Das Ende von allem.
Wir sollten vielleicht nicht darüber nachdenken was wäre wenn?. Geben wir unser bestes und hoffen darauf, dass alles gut wird, sagte Johnny in seine Gedanken hinein.
Kevin verkniff sich ein verächtliches Schnauben und nickte stattdessen. Johnny meinte es sicherlich nur gut, aber seine Worte klangen in Kevins Ohren so schal wie ein drei Tage altes Bier.
Die Verbindungstür zum Tagesraum öffnete sich unvermittelt und die Pressesprecherin der Backstreet Boys schob sich in den Raum. Lautes Gemurmel flutete herein, wie eine haushohe Welle, die sie alle drohte zu verschlingen. Gleich darauf wurde es wieder ruhig, als sie die Tür hinter sich wieder zuzog und dann mit entschlossenen Schritten auf Kevin und Johnny zukam.
Es ist soweit, verkündete sie. Da drüben ist bereits die Hölle los, also macht euch auf etwas gefasst.
Na prima, murmelte Kevin und erhob sich. Langsam ging er zu Nick, Brian und Howie hinüber. Dabei wurde ihm mal wieder schmerzhaft bewußt, dass einer aus ihrer Mitte fehlte und er schluckte schwer.
Geht es los? fragte Nick und wirkte noch blasser, als die letzten Tage. Dunkle Ringe hatten sich tief um seine sonst so lebendigen Augen gelegt. Inzwischen wirkten sie stumpf und hoffnungslos und Kevin spürte ein Ziehen in der Herzgegend. Wer würde den kleinen Nick beschützen, wenn er nicht mehr da war? Wer würde sich darum kümmern, dass es allen gut ging?
Ich glaube, ich muß nochmal aufs Klo, sagte Howie und verzog gequält das Gesicht.
Hey, wir schaffen das schon, sagte Kevin und legte Nick einen Arm um die Schulter. Die Presseleute da draußen sind unsere einzige Chance, etwas über AJ heraus zu finden. Also strengen wir uns an.
Brian schlang ihm einen Arm um die Hüfte und legte Howie den anderen um die Schulter. Der Kreis schloss sich und sie drängten sich eng aneinander, genossen für einen Moment das Gefühl der Stärke und der Geborgenheit, das von ihnen ausging wenn sie alle zusammen waren.
Wir werden es schaffen, sagte Brian leise.
Und wenn AJ zurück ist, möchte ich ihm bitte zu erst ein blaues Auge verpassen, fügte Nick hinzu.
Vorausgesetzt es ist noch etwas von ihm übrig, wenn ich mit ihm fertig bin, sagte Kevin grimmig und spürte, wie ein wehmütiges Lächeln auf seinem Gesicht erschien. Er würde das hier vermissen. Er würde seine Brüder vermissen. Er würde
was dachte er da eigentlich?
Also los, Johnny war hinter ihnen aufgetaucht und legte Brian und Howie eine Hand auf die Schultern. Geht da raus und zeigt ihnen, was in den Backstreet Boys steckt.
Eye, eye Sir, sagte Nick lahm, während er den Kreis verließ.
Kevin fröstelte, als er sich langsam herum drehte und auf die Tür starrte, die sie gleich hinüber in den Hexenkessel bringen würde. Selbst der Gedanke, dass er nicht ganz alleine dieser Meute gegenüber treten musste, konnte ihn jetzt nicht mehr bruhigen.
Wie eine Marionette setzte er einen Fuß vor den anderen und näherte sich damit immer weiter der Tür. In seinem Rücken konnte er die anderen Jungs spüren. Er hörte Nick leise mit Brian flüstern, hörte, wie Howie ein paar mal tief durchatmete und versuchte sich selbst auf das nun folgende vorzubereiten.
Die Tür schwang auf und sie traten hinein in pures Chaos. Ein Blitzlichtgewitter ging auf sie hernieder, so dass Kevin schützend die Hand vor die Augen halten musste, damit er nicht aus versehen über einen Stuhl oder ähnliches stolperte. Der Geräuschpegel war ohrenbetäubend laut, er hörte, wie aus mehreren Kehlen sein Name gerufen wurde, Fragen wurden ihnen entgegen geschleudert und den ganzen Weg hinauf auf das Podest fragte sich Kevin, was er eigentlich hier machte.
Die vier nahmen nebeneinander hinter einem langen Tisch Platz und auch Johnny gesellte sich zu ihnen. Vor jedem Platz stand ein schwarzes Mikrophon, irgendeine gute Seele hatte bereits Wassergläser bereit gestellt und Kevin grabschte als erstes danach um irgendetwas zu haben, an dem er sich festhalten konnte.
Johnny stand schließlich auf und hob die Hände um sich Gehör zu verschaffen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis endlich so etwas ähnliches wie Ruhe einkehrte, doch das Blitzlichgewitter lies nur unmerklich nach.
Guten Tag sehr verehrte Damen und Herren von der Presse, begann Johnny, dann setzte er sich wieder, zog das Mikrofon etwas näher zu sich heran und faltete die Hände auf der Tischplatte. Wir haben sie heute hier her eingeladen, weil wir ihre Hilfe benötigen.
In den vorderen Reihen stand eine junger Mann auf und rief Ist es wahr dass
, doch Johnny unterbrach ihn.
Lassen sie mich bitte erst diese Erklärung zu Ende bringen und dann können sie ihre Fragen stellen, in Ordnung?
Der Mann setzte sich wieder, offensichtlich wenig begeistert.
In letzter Zeit hat es immer wieder Gerüchte und Spekulationen um die Backstreet Boys gegeben. Unter anderem sicherlich auch, weil die letzten Konzerte ohne Angabe von Gründen abgesagt wurden. Dies hatte seine Gründe.
Leider müssen wir ihnen mitteilen, dass einer unserer Schützlinge AJ McLean seit neun Tagen spurlos verschwunden ist.
Ein Aufschrei ging durch die versammelten Pressevertreter, Chaos brach aus. Alles schrie durcheinander, das Blitzlichtgewitter flammte erneut auf, irgendwo in den hinteren Reihen kippte etwas schweres mit lautem Krachen um und die Sicherheitskräfte hatten alle Hände voll damit zu tun, die aufgeregte Menge in Schach zu halten.
Meine Damen und Herren, meldete sich Kevin nun zu Wort, doch es schien, als würde ihm niemand zuhören. MEINE DAMEN UND HERREN, versuchte er es also etwas lauter und stand von seinem Stuhl auf. Er nahm das Mikrophon vom Tisch und wartete. Nach und nach beruhigte sich die Menge. Niemand brachte es fertig, sich nach dieser Ankündigung wieder ruhig hinzusetzten, alle standen sie vor ihnen und starrten gespannt zu Kevin hinauf.
Wir alle, damit machte er eine ausholende Handbewegung, die das Podest und die an der Tür zum Nebenzimmer wartenden Crewmitglieder mit einschloss haben in den letzten Tagen die Hölle durchlebt. AJ ist vor neun Tagen einfach nicht zum Frühstück erschienen und wir haben leider absolut keine Ahung, wo er sich im Moment aufhält.
Die Polizeit hat bereits die Ermittlungen aufgenommen, doch diese ist mittlerweile auch am Ende ihres Lateins. Fest steht, dass AJ sich einen Mietwagen genommen hat und auf dem Weg in Richtung Mystic Nationalpark war. Leider verliert sich seine Spur auf diesem Weg.
Wir möchten sie und alle Bürger dieses Landes bitten, die Augen offen zu halten. Wenn sie etwas beobachtet haben, wenn sie ihn gesehen haben, wenn sie eine Vermutung haben, wo er sich im Moment aufhalten könnte
bitte, wenden sie sich an die örtliche Polizeidienststelle.
Wir alle vermissen ihn sehr und machen uns große Sorgen. Wir bitten sie hiermit inständig um ihre Mithilfe.
Kevin spürte, wie seine Knie zu zittern begannen. Langsam lies er sich zurück auf seinen Stuhl sinken und spürte, wie Brian, der neben ihm saß, ihm kurz den Oberschenkel tätschelte, so dass es niemand sehen konnte.
Für einen kurzen Moment herrschte atemlose Stille, dann prasselte ein wahrer Frageregen auf sie hinunter.
Nein, es hatte keine Lösegeldforderungen gegeben.
Nein, es war zu diesem Zeitpunkt nicht davon auszugehen, dass AJ einem Verbrechen zum Opfer gefallen war.
Nein, es hatte keine Streitigkeiten gegeben.
Nein, das ist nicht das Ende der Backstreet Boys.
Nein, es ist nicht sicher, ob AJ unter Drogeneinfluss stand.
Nein, sie konnten nicht sagen, ob diese Sache etwas mit dem Tot von AJs Freundin vor 2 Jahren zu tun hatte.
Nein, sie würden vorerst die Tour nicht fortsetzen.
Nein, es war noch nicht sicher, wie lange sie noch hier bleiben würden.
Und so weiter und so fort.
Noch einer Weile, die Kevin wie eine Ewigkeit vorkam, beendete Johnny die Pressekonferenz. Sie standen auf, stellten sich für eine letztes Gruppenfoto zusammen, legten sich die Arme um die Schultern und versuchten dabei die Tränen zurück zu halten. Das hier war das schlimmste, was Kevin in seiner gesamten Karriere hatte mitmachen müssen.
Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis sie die rettende Tür ins Nebenzimmer erreicht hatten. Erst als diese sich wieder hinter ihnen schloss und damit die Pressehölle aussperrte, fühlte er sich wieder einigermaßen sicher.
Wow, sprach Nick das aus, was sie alle dachten. Das war schlimmer, als erwartet.
Hoffen wir, dass es auch irgendetwas bringt, sagte Johnny neben ihnen und vier strafende Blicke durchbohrten ihn. Ja, ja, ich weiß, verteidigte sich dieser, hob die Hände und schüttelte den Kopf.
Wir werden ihn finden, sagte Kevin leise. Wir werden ihn finden und dann gnade ihm Gott.