Kapitel 11

Der Bleistifft kratzte wie verrückt über das Papier. Unzusammenhängende Worte formten sich darauf, erhielten Konturen, wurden wieder durchgestrichen und erneut aufgeschrieben.
SCHMERZ. Das Wort prangte groß in der Mitte, von kleinen Totenköpfen flankiert. Mit diesem Wort hatte AJ sich gestern fast einen halben Tag lang beschäftigt. Immer wieder hatte er die Buchstaben nachgemalt, hier noch einen Strich hinzugefügt, dort noch eine Ranke drum herum gemalt, hier noch ein paar Knochen eingefügt und dabei hatte er die ganze Zeit an Lillians hübsches Gesicht gedacht.
Jetzt kamen weitere Wörter hinzu:
Hass – eine drohende Wolke entstand um das Wort herum.
Liebe – er malte ein Herz und begann dann damit, die Worte und die Zeichnung mit schnellen Bleistiftstrichen zu übermalen, bis sich nicht mehr erahnen lies, was einmal dort gestanden hatte.
Engel – er hielt einen Moment inne und fragte sich, wie das Wort dort jetzt hingekommen war.
Die nächsten Worte folgten schnell hintereinander: Hitze, Schrei, Blut, Leere, Schwarz, Rot. Immer wieder wurde eine freie Stelle mit einem dieser Worte bedeckt, bis sie vor seinen Augen zu tanzen begannen.
Er weinte und hatte das Gefühl, er könne nie wieder damit aufhören. Wann hatte er das letzte Mal geweint? Vor einem Jahr? Vor zwei? Er wußte es nicht mehr. Er wußte gar nichts mehr. Sein Leben hatte mit Lillians geendet.
Und jetzt? Jetzt saß er hier und er spürte, wie das Leben langsam wieder zurück gekehrte und das machte ihm unbestreitbar eine Scheißangst. Es war so einfach gewesen, sich hinter seiner stummen Maske, hinter den Drogen und seiner Einsilbigkeit zu verstecken.
Doch jetzt war sie hier. RACHEL. Sein Bleistift hatte den Namen geschrieben, bevor er ihn aufhalten konnte. Er strich ihn durch, nur um ihn gleich darauf erneut aufzuschreiben.
Er malte ein großes Quadrat um ihren Namen und begann die noch leeren Flächen darin mit Attributen zu füllen, die sie am besten beschrieben.
Seltsamer Weise schrieb er zu erst das Wort “hübsch” hinein. Er schüttelte den Kopf. “Gefährlich” kam als nächstes, gefolgt von “Dickschädel” und “Nervensäge”. Danach hielt er einen Moment inne. Der Bleistift fing erneut an ohne sein Zutun über das Papier zu huschen und mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf das, was er geschrieben hatte:

Like an angel in the darkest night,
you’re standing by my side.
I try to hide the emptines inside,
but you don’t mind.
Feel my emotions,
grap them and squeez them,
make them go away.

“Bullshit,” murmelte er, riss das Blatt vom Block, formte es zu einem kompakten Ball und warf es in die Zimmerecke, wo bereits ein beträchtlicher Haufen zusammengeknüllter Blätter lag.
Er konnte den Anblick ihrer Narbe nicht vergessen. Es war, als trüge sie ein Bandmal. Seht hier, ich war verzweifelt. Seht her, ich habe versucht meinem Leid selbst ein Ende zu setzen.
Er konnte immer noch nicht fassen, dass sie es tatsächlich geschafft hatte. Wie oft war er um die Rasierklinge herumgeschlichen? Wie oft war die Wanne bereits voll mit warmen Wasser gewesen und wie oft hatte er den Stöpsel wieder gezogen und sich verzweifelt über seine Unfähigkeit ins Bett verkrochen?
Sie schien in jeder Beziehung stärker zu sein als er, was wahrscheinlich nicht wirklich schwierig war, doch diese Narbe zeugte davon, dass auch diese Stärke nur Show war. Tief in ihr saß die gleiche, schwarze Nebelwolke. Sie hatten etwas gemeinsam und diese Erkenntnis lies in schlucken.
Und er hatte Lillians Namen ausgesprochen. Es hatte sich seltsam angefühlt dieses, ihm so vertraute Wort, wieder auf seinen Zunger zu schmecken, es auf seinen Lippen zu fühlen und es mit seinen Ohren zu hören. Als hätte er sie aus einem dunklen Gefängnis heraus gelassen. Plötzlich stand sie wieder vor ihm, war beinahe zum Greifen nahe und doch fühlte er, wie sie sich ganz langsam von ihm entfernte.
Das war vielleicht sogar das Schlimmste an dem Ganzen: Er fing an, sie wirklich zu verlieren. Sie verblasste in seinen Erinnerungen. Er konnte sich noch an ihr Gesicht erinnern, aber ihr Geruch hatte sich bereits verflüchtigt.
Er wollte nicht, dass das passierte. Er wollte sie bei sich behalten. Für immer und ewig. Wenn er sie jetzt aus seinem Kopf entlies, hatte er sie ein zweites Mal verloren. Das erste Mal konnte er nicht wirklich etwas dafür. Ein Unfall. So versuchte er sich zumindest einzureden.
Doch dieses Mal war es ganz alleine seine Schuld. Wenn sie aufstand und ging, sich zurück zog in den dichten Nebel des Vergessens, dann blieb ihm nichts mehr. Dann würde er sterben, ohne sich die Pulsadern aufschneiden zu müssen.
Es klopfte leise an der Tür und sein Bleistifft schrieb “Herein” auf das noch weiße Papier auf seinem Schoß.
“Hau ab,” brüllte er, während er sich hektisch die Tränen aus dem Gesicht wischte.
Doch natürlich tat sie wie immer nicht das, was er sich wünschte. Die Tür wurde aufgeschoben und er zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe, als er sie erblickte. Sie trug ihren dicken Parker, auf dem Kopf seine Wollmütze und um die Hände wickelte sie sich gerade ein in Streifen gerissenes Geschirrhandtuch.
“Ich wollte dir nur sagen, dass ich jetzt hinaus gehe und zusehe, dass ich irgendwo Hilfe herbekomme. Essen steht drüben. Ich hoffe, ich bin schnell wieder zurück.” Sie sprach zu ihren Händen, sah kein einziges Mal auf und AJ wurde es mulmig.
“Hältst du das wirklich für eine gute Idee? Ich meine … da draußen geht die Welt unter und … ,”
“Na und, was kümmert es dich?” fragte sie und hob nun endlich den Blick. Sie hatte geweint. Das sah er von hier und in dem schummerigen Licht. Doch ihre gesamte Körperhaltung drückte Entschlossenheit aus. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er diesmal zu weit gegangen war und es erschreckte ihn noch mehr, dass ihm das etwas ausmachte.
“Nun ja … wenn du nicht mehr wieder kommst sitze ich hier auf immer und ewig fest.”
“Klar,” nickte sie und schüttelte den Kopf. “Weißt du, eigentlich war das hier ganz anders geplant. Ich dachte, ich könnte dir wirklich helfen. Dir zuhören, dich trösten, was auch immer. Aber … ich meine … sieh dich an. Sie deutete mit einer ihrer verbundenen Hände in seine Richtung. “Du verkriechst dich und … keine Ahnung wie du das machst, aber du bist so zum kotzen unfreundlich, dass ich einfach die Schnauze voll habe.”
Nur ganz langsam drangen ihre Worte zu ihm durch. Ihm zuhören? Ihn trösten? Er hatte lediglich einen Autounfall … Seine Augen wurden groß und richteten sich eisig auf sie.
“Heißt das, du bist nicht zufällig hier?”
Sie zuckte zusammen und sah augenblicklich sowas von schuldig aus, dass er am liebsten aus dem Bett gesprungen und ihr an die Gurgel gegangen wäre.
“Was?” fuhr er sie an. “Heißt das, du bist mir gefolgt? Bist du irgendso ein durchgeknallter Fan, der meint, sich als meine persönliche Retterin aufspielen zu müssen? Hä? Gott, ich bin ja sowas von dämlich. Natürlich. Das ist … ,”
“Hör auf damit,” fuhr sie an, durchquerte mit schnellen Schritten das Zimmer und beugte sich gefährlich nahe zu ihm hinunter, so dass er automatisch ein Stück vor ihr zurück wich. “Ich bin hier, weil ich dir helfen wollte. Ich habe dafür alles auf mich genommen, habe alles hinter mir gelassen. Ich bin kein Fan. Ich bin auch nicht verrückt. Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut, der sich Sorgen macht und der dir das Leben gerettet hat. Das solltest du besser nicht vergessen!”
Sie richtete sich wieder auf, starrte noch einen Moment auf ihn hinunter und drehte sich dann aprubt herum. “Warte nicht auf mich,” sagte sie, dann fiel die Schlafzimmertür hinter ihr ins Schloß.
Schneller, als er sich das mit seinem verletzten Bein zugetraut hätte war er aus dem Bett und durch das Zimmer gehumpelt. Er riss die Tür auf und rief “Warte!”
Sie hatte die Klinke der Eingangstür bereits in der Hand und hielt nun inne, ohne sich zu ihm umzudrehen.
“Es … es tut … also … es tut mir leid, okay?”
“Was tut dir leid?” fragte sie zurück und wandte ihm dabei immer noch den Rücken zu.
“Dass ich … also … naja … dass ich so … unausstehlich bin.” Mittlerweile mußte er sich am Türrahmen festklammern weil er nicht wußte, wie lange ihn seine zitternden Beine noch tragen würden. Warum stand er hier und versuchte sie zurück zu halten? Warum entschuldigte er sich bei ihr? Er sollte doch froh sein, dass dieses Martyrium hier bald vorbei war.
Doch im selben Moment spürte er, dass das nicht der Wahrheit entsprach. Wer auch immer Rachel war, was auch immer sie zu ihm geführt hatte und wie, Gott verdammt nochmal, er hier mit ihr gelandet war, er fühlte sich hier besser als die gesamten beiden letzten Jahre an irgendeinem anderen Ort.
Er hörte, wie Rachel abgrundtief seufzte. Dann schüttelte sie den Kopf und Angst grub sich in seine Eingeweide. Er wollte nicht von hier weg, denn es erschien ihm so, als sei dies der einzige Ort, an dem er wenigstens einigermaßen atmen konnte. Er wollte nicht zurück zu dieser Tour, zurück zu den Menschen, die ihn doch nur immer wieder mitleidig ansahen, zurück in den Trubel, der in seinem Kopf dröhnte und an ihm zerrte. Er wollte Frieden. Er wollte hier bleiben.
“Bitte,” flüsterte er. “Geh nicht.”
Ganz langsam drehte Rachel sich zu ihm herum, ihre seltsamen, blauen Augen hefteten sich auf ihn und unentschlossen stand sie an der Eingangstür.
“Wie lange wird dein Sinneswandel anhalten?” fragte sie.
“Ich weiß es nicht,” gab er ehrlich zu. “Aber so schizophren das auch klingen mag … ich will nicht von hier weg.”
“Das klingt wirklich schizophren,” sagte sie, doch zu seiner Erleichterung trat sie einige Schritte von der Tür zurück und begann damit, die Handtuchstreifen von ihren Händen zu wickeln.
“Ich weiß. Uhm … und? Ich meine … ,”
“Ich gebe dir noch eine Chance,” sagte sie. “Aber nur diese eine. Versuch dich wengistens ein bißchen zu benehmen.”
“Versprochen,” nickte er. Er sah ihr noch dabei zu, wie sie die Mütze vom Kopf nahm und registrierte, wie ihr Haar in dem diffusen Licht schimmerte, dann zog er sich zurück, schloss leise die Tür hinter sich und humpelte zurück zu seinem Bett.
Der Block lag immer noch aufgeschlagen auf der Bettdecke und nachdem er sich wieder in die Tagesdecke eingewickelt hatte, nahm er ihn zur Hand. Er griff danach, zögerte einen Moment und schrieb dann in die Mitte in großen Buchstaben HOFFNUNG. Er starrte eine Ewigkeiten auf die Buchstaben, malte sie mit seinem Finger nach, sagte es leise vor sich hin und richtete dann den Blick seiner brennenden Augen hinaus aus dem Fenster. Mittlerweile war es stockdunkel draußen. Nur noch vereinzelt konnte er die Schneeflocken am Fenster vorbei huschen sehen.
In ihm wuchs ein kleines Pflänzchen heran, kämpfte sich durch den harten, kalten Boden, der seine Seele war, hinaus ans Licht. Im Moment war diese Pflanze noch unglaublich winzig und zerbrechlich. Sie nannte sich Hoffnung und er war sich nicht sicher, ob er sie nun gießen oder lieber vertrocknen lassen sollte. Er hatte Angst davor, dass bald jemand daher kam und sie mit Gewalt ausriss. Noch einmal würde er das wahrscheinlich nicht überleben.

Kapitel 12