Kapitel 10

“Hey AJ. Alles klar da drin? Wie weit bist du?” Rachel stand vor der geschlossenen Badezimmertür und lauschte. Von drinnen war leises Geplätscher zu hören, ansonsten blieb es still. “AJ? Bist du ertrunken?”
“Kannst du mich nicht endlich in Ruhe lassen?” kam es gedämpft, aber trotzdem noch äußerst genervt von der anderen Seite der Tür.
Vor einer ganzen Weile hatte Rachel die Badewanne mit heißem Wasser gefüllt und AJ dann ins Badezimmer geholfen. Mittlerweile waren sie eine ganze Woche in dieser Hütte eingesperrt. Sein Bein heilte gut, außerdem hatte er die erste Phase des Entzugs hinter sich gebracht. Sein Körper war weitgehend entgiftet, was nicht hieß, dass ihn das irgendwie freundlicher gemacht hätte. Er war weiterhin darauf bedacht, sie auf Abstand zu halten, redete nur das nötigste mit ihr und war auch ansonsten unausstehlich.
“Du bist jetzt fast eine Stunde da drin. Das Wasser ist doch inzwischen bestimmt eiskalt.”
“Das ist meine Sache!” Giftete er zurück.
“Okay … dann werde ich die Spaghetti eben ganz alleine essen.”
Rachel lauschte aufmerksam, doch AJ gab keinen Ton mehr von sich. Sie seufzte. Was sollte sie nur tun? Sie war ihrem Ziel kein Stück näher gekommen. Im Gegenteil. Alles was sie tat und sagte, schien nach hinten los zu gehen. Sie hatte von ihm in der ganzen Zeit kein freundliches Wort gehört. Seine Wut, die bisher tief in ihm gesteckt hatte und die wahrscheinlich noch nicht einmal etwas mit ihr persönlich zu tun hatte, stand zwischen ihnen und sie wußte nicht, wie sie diese besänftigen sollte.
Ihr kam ein anderer Gedanken. “Kann es sein, dass du da nicht mehr alleine raus kommst?” fragte sie und drückte ihr Ohr an die Tür. Er hatte vorhin darauf bestanden sich alleine auszuziehen und ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben was passieren würde, wenn sie sich ungefragt wieder blicken lies.
Sie vernahm ein leises Grummeln.
“Bitte AJ, ich mache mir Sorgen,” versuchte sie es noch einmal.
“Ich bin kein kleines Kind mehr!” fuhr er sie erneut an.
“Gut. Dann sag mir, ob du alleine aus der Wanne kommst, oder ob ich dir helfen soll.”
“Ich komme nicht alleine hier raus und du wirst mir nicht helfen!” Brüllte er.
Entschlossen griff sie nach dem Türknauf, drückte die Tür auf und stand mit dem nächsten Schritt direkt vor der Wanne. Seinen entsetzten Blick ignorierte sie genau so wie seinen nakten Körper, der in dem trüben Wasser lag. Sein verletztes Bein hing über dem Badewannenrand und die Wunde an seiner Wade zierte eine dicke Kruste geronnenes Blut.
“Jetzt stell dich nicht so an, verdammt noch mal,” sagte sie und griff ihm beherzt unter die Arme.
“Warum tut eigentlich nie jemand, was ich ihm sage?” fragte er, immer noch aufgebracht, doch er lies sich anstandslos aufhelfen. Rachel reichte ihm ein kratziges Handtuch, das er sich sofort um den Körper schlang und gemeinsam schafften sie es, AJ aus der Wanne zu buxieren. Auf einem Bein stehend wischte er sich die Wassertropfen aus dem Gesicht.
“Jetzt zufrieden?” giftete er.
“Fast,” nickte Rachel. Sie nahm seine benutzten Kleider, verlies das Badezimmer und kam gleich darauf mit einem neuen, sauberen Stapel zurück. “Mach hin, es gibt gleich essen,” sagte sie noch, dann verlies sie das Badezimmer.
Es war zum Verrücktwerden. Sie hatte sich das alles irgendwie leichter vorgestellt. Er redete nicht mit ihr und wenn, dann warf er ihr lediglich irgendwelche Beleidigungen an den Kopf. Ihre Geduldsreserven waren beinahe aufgebraucht und sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. Vielleicht war diese Aufgabe einfach zu groß. Vielleicht sollte sie hinaus gehen, sich durch den immer noch anhaltenden Sturm kämpfen und Hilfe holen. Dann konnten sich andere mit ihm herum schlagen.
Während sie den kleinen Couchtisch deckte, noch einmal ein Holzscheid nachlegte und sich dann den Nudeln zuwandte, fragte sie sich zum wiederholten Male, wie sie sich das hier nur hatte antun können.
Hinter ihr ging die Badezimmertür auf und als sie sich herum drehte, wußte sie wieder warum. AJ kam aus dem Bad gehumpelt. Heute war der erste Tag, an dem er sich tatsächlich alleine bewegen konnte und auch wenn er bei jedem langsamen Schritt schmerzhaft das Gesicht verzog, so war ihm doch anzusehen, dass ihn das unglaublich erleichterte.
Rachels Herz begann schneller zu schlagen, als er zu ihr herüber kam und über ihre Schulter in die Töpfe sah. “Ich habe Hunger,” sagte er und es klang wie ein Befehl.
“Dann setz dich hin,” entgegnete Rachel freundlich und deutete auf das Sofa hinüber.
“Hey, ich werde nicht mehr ins Bett verbannt? Was ist passiert? Haben sie dich aus dem Klub der Teufelinnen ausgeschlossen oder was?”
“Nein,” sie schüttelte den Kopf. “Das ist ein Versuch, sich mit dir wie mit einem vernünftigen Menschen zu unterhalten.”
Er zuckte mit den Schultern. “Tu was du nicht lassen kannst.” Damit humpelte er langsam hinüber zum Sofa und lies sich leise stöhnend darauf sinken.
Rachel nahm die beiden gefüllten Teller, stellte einen vor ihn auf den Tisch und setzte sich dann in den Sessel zu seiner Linken.
Schweigend stopfte er sich die Spaghetti in den Mund und vermied es dabei, sie anzusehen.
“Wie fühlst du dich?” fragte Rachel.
Sie bekam keinen Antwort, lediglich AJs leises Schmatzen druchbrach die Stille.
“Schönes Wetter heute, was?” mumelte sie und sah auf ihren Teller hinunter. Plötzlich hatte sie überhaupt keinen Hunger mehr. Sie stand auf, kippte den Inhalt ihres Tellers in den Müll, stellte den Teller ins Spülbecken und blieb eine Zeit mit gesenktem Kopf davor stehen. Das hier war die Hölle, so viel stand fest.
Sie sehnte sich plötzlich nach Hause. Nicht in die Zwischenebene, wo sie inzwischen hingehörte, sondern nach Hause zu ihren Eltern.
Sie schloss die Augen und dachte an ihr Zimmer über der Garage, die Blumenwiese unter dem Fenster, den Geruch von frisch gemähtem Gras, an die Stimme ihrer Mutter, die ihr als kleines Mädchen immer Geschichten vorgelesen hatte und später so etwas wie ihre beste Freundin wurde, bis sie an Krebs starb. Damals war Rachel siebzehn und bis heute hatte sie diesen Verlust noch nicht ganz überwunden.
Als sie sich damals mit dem Entschluss, ihrem Elend selbst ein Ende zu setzen in die Badewanne legte hatte sie gehofft, ihre Mutter wieder zu sehen. Sie wollte sich in ihre Arme werfen und nie wieder daraus auftauchen.
Leider war dies nicht passiert. Stattdessen fand sie sich an einem Ort wieder, der nicht so paradiesisch war, wie sie sich das vielleicht vorgestellt hatte, der aber irgendwie zu ihrem neuen zu Hause geworden war. Ein Ort, an dem sie sich sicher fühlte.
Ein Räuspern lies sie aus ihren Gedanken aufschrecken. AJ stand neben ihr und hielt ihr seinen leeren Teller entgegen. “Das war gut,” sagte er und in seiner Stimme lag ausnahmsweise keinerlei Spott oder Geringschätzung.
“Danke,” brachte sie irgendwie heraus, nahm ihm den Teller ab und stellte ihn zu ihrem in die Spüle.
Eine Hand schoss vor und packte ihr Handgelenk. “Was … ?” setzte sie noch an, doch es war schon zu spät. Mit einem unsanften Ruck schob AJ den Ärmel ihres Pullovers nach oben und starrte dann mit weit aufgerissenen Augen auf die lange Narbe an ihrem Unterarm hinunter.
“Lass das,” fuhr sie ihn an, entriss ihm ihren Arm und schob den Ärmel mit Nachdruck wieder nach unten.
“Wie hast du das gemacht?” fragte er, als hätte er sie gar nicht gehört.
“Was … wie meinst du das?” Voller Unverständnis sah sie zu ihm hinüber.
“Das … ich … ,” er schüttelte den Kopf, taumelte einige Schritt rückwärts und lies sich schwer auf das Sofa fallen.
Rachel folgte ihm unbehaglich. Was kam jetzt? Er hatte das nicht sehen sollen. Es ging ihn nichts an.
Vorsichtig setzte sie sich neben ihn auf das Sofa, lies dabei aber so viel Abstand wie möglich zwischen sich und ihm.
AJ schien in dumpfes Brüten versunken zu sein, denn er starrte mit ausdruckslosem Gesicht vor sich hin.
Sie wartete, lehnte sich zurück und versuchte nicht zu ihm hinüber zu sehen. Seine Nähe machte sie nervös und dass er nun ihr Geheimnis kannte, machte es nicht wirklich besser.
“Ich habe es mal versucht,” flüsterte er plötzlich neben ihr und sie rutschte vorsichtig ein Stück an ihn heran um ihn besser verstehen zu können. “Ich habe … naja … wie man das im Fernsehen eben immer so sieht. Rasierklinge, heiße Badewanne und so.” Er schüttelte den Kopf, dann blickte er auf und der ernste Blick aus seinen dunklen Augen traf auf ihren. “Ich konnte es nicht. Ich meine … ich wollte es … ich wollte es wirklich … aber konnte es nicht tun.”
“Das ist sicherlich auch gut so. Es ist nur halb so romantisch wie man sich das vorstellt,” sagte Rachel leise.
AJ schüttelte den Kopf. “Nein. Es ist mir egal, ob es romantisch ist. Es … es sollte nur … es wäre das Ende gewesen. Verstehst du?”
“Das Ende wovon?”
“Von dem Schmerz und … dem Hass und … der Trauer und der … der Verzweiflung. Ich wollte einfach nur … Dunkelheit. Nichts spüren. Ich wollte … ich meine … ich will immer noch … ich will hier weg.”
Rachel seufzte. “Sich selbst zu verletzen oder gar umzubringen ändert leider gar nichts an deinen Problemen.”
AJ sah sie erstaunt an. “Aber … ,”
“Du meinst, man kommt danach in den Himmel, wird ein Engel und wird bis in alle Ewigkeiten glücklich und zufrieden im Paradies leben?”
“So in Etwa,” nickte er.
“Du vergisst eine winzige Kleinigkeit: Selbstmord ist eine Todsünde. Der da oben sieht das gar nicht gerne.”
Der da oben,” schnaubte AJ. “Der da oben hat absolut keine Ahnung. Oder sagen wir besser … der da oben existiert nicht. Demnach käme ich nicht in die Hölle oder sonstwohin, sondern würde einfach in der ewigen Dunkelheit versinken. Das würde mir gefallen.”
“Auch wenn das jetzt abgedroschen klingt, aber irgendwann kommt immer wieder das Licht. Es braucht seine Zeit, aber ich verspreche dir, dass … ,”
“Hör auf damit,” fuhr er sie an und erschrocken zuckte sie zurück. “Hör auf so zu tun, als hättest du auch nur ansatzweise eine Ahnung, wie es mir geht, was ich durchgemacht habe oder was ich brauche. Ich brauche DICH nicht, ich brauche meine Freunde nicht, ich brauche niemanden! Nichts wird wieder gut werden, kapierst du das?” Er hatte sich aufgerichtete und funkelte nun wütend auf sie hinunter. “Ich werde nicht vergessen, der Schmerz wird nicht aufhören, ich kann und will das nicht hinter mir lassen und ich werde verdammt noch mal nicht so tun, als hätte es Lilly niemals gegeben.” Er hielt erschrocken inne, biss sich auf die Unterlippe und wandte dann den Kopf von ihr ab.
“Wer ist sie?” fragte Rachel leise, auch wenn sie es bereits wußte.
“Meine Freundin. Meine tote Freundin um genauer zu sein,” seine Worte waren nicht mehr als ein Flüstern.
“Was ist passiert?”
Er fuhr zu ihr herum und in seinen Augen glitzerten Tränen, während er sie anfuhr. “Das geht dich überhaupt nichts an.”
“Tut mir leid. Ich dachte nur … ,”
“Ja, ja, ja. Ihr seid alle so toll im denken. Die ganze Zeit denkt ihr über mich und mein Seelenleben nach, versucht mich zu analysieren, mir zu helfen, euch in mein Leben einzumischen. Dabei denkt keiner auch nur eine Sekunde darüber nach, dass ich das überhaupt nicht will.”
“Aber warum nicht? Gefällt es dir zu leiden?”
Er brachte ein abfälliges Lachen zu stande. “Du hast doch keine Ahnung, was Leid überhaupt heißt.”
“So?” Rachels Augenbraue schoss in die Höhe. “Glaubst du das … ,” sie riss den Ärmel ihres Pullovers in die Höhe und hielt ihm anklagend die lange Narbe unter die Nase. “ … hat nichts mit Leid zu tun? Glaubst du du bist der einzige, der jemanden verloren hat? Der Einzige dem es erlaubt ist Schmerzen zu empfinden und daran zugrunde zu gehen? So ist das nämlich nicht mein Lieber. Die ganze Welt ist voller Leid und Schmerz. Manche tun etwas dagegen, andere geben auf und wieder andere verharren in ihrem Schmerz und werden damit zu einer Statue aus kaltem Stein, an die niemand mehr heran kommt. Möchtest du so sein? Möchtest du ewig in diesem Gefühl gefangen sein?”
“Nein,” er schüttelte den Kopf. “Ich habe vor langer Zeit aufgegeben, leider nicht so gründlich wie du.”
Mit diesen Worten erhob er sich schwerfällig von der Couch und taumelte mehr als das er ging hinüber ins Schlafzimmer. Die Tür fiel krachend hinter ihm ins Schloss und Rachel hatte am liebsten laut und anhaltenden geschrieen. Dieser Mann machte sie ganz eindeutig wahnsinnig!

Kapitel 11