Kapitel 9
Kevin saß alleine an der Hotelbar, die Stirn in die Handfläche gestüzt und den Blick starr in sein Bierglas gerichtet. Leise Klaviermusik sollte wohl so etwas wie eine Wohlfühlatmosphäre schaffen, aber Kevin konnte sich einfach nicht entspannen.
Drei Tage war AJ nun bereits verschwunden und er stand kurz davor die Beherrschung zu verlieren. Seine anfängliche Wut über den unzuverlässigen Bandkollegen hatte sich recht schnell in echte Sorge verwandelt. Ja, AJ konnte unmöglich sein, hielt sich in seinem momentanen Zustand weder an Abmachungen, Regeln noch an Zeitpläne, aber das hier war eindeutig eine Nummer zu groß, selbst für AJ.
Gott sei Dank waren alle dieser Meinung und so hatte auch niemand gezögert, die Polizei zu verständigen. Sie arbeiteten erstaunlich schnell und, was noch viel wichtiger war, diskret. Noch hatten die Aasgeier von Journalisten keinen Wind von AJs Verschwinden bekommen, aber wenn es soweit war, konnten sie sich auf einiges gefasst machen. Vielleicht lag es auch am Schneesturm, der draußen immer noch tobte, als wolle die Welt jeden Moment untergehen. Niemand, der nicht wirklich etwas sehr wichtiges zu tun hatte, verlies heute noch seine Wohnung. Die Supermärkte waren gestürmt, leergekauft und wieder verlassen worden. Das Leben hatte sich auf unbestimmte Zeit zurück gezogen und einer dunklen Leere Platz gemacht, die jedem schwer auf der Seele lag.
Ein paar kleine Puzzleteilchen hatten sich inzwischen zusammen gefügt. AJ hatte sich, nachdem er sich auf sein Zimmer zurück gezogen hatte, einen Mietwagen in die Tiefgarage bestellt. Bezahlt war er bereits für einen Tag, also hatte er nicht vorgehabt länger weg zu bleiben. Außerdem hatte die Polizei AJs letzte Telefongespäche zurück verfolgt. Darunter hatte sich auch die Nummer eines, bei der Polizei bestens bekannten Drogendealers befunden. Eine genauere Befragung des Mannes hatte leider nichts ergeben. Ja, AJ hatte vorbei kommen wollen. Nein, er war nicht aufgetaucht.
In Kevin war eine Welt zusammen gebrochen als er den Beweis schwarz auf weiß vor sich sah, dass AJ sich nicht nur dem Alkohol, sondern auch den Drogen wieder zugewandt hatte.
Wie hatte er, Kevin, nur so blind sein können? Hatte er nicht richtig hingesehen? Die Augen verschlossen vor dem Offensichtlichen? Oder hatte er es verdrängt, weil er gedanklich mit ganz anderen Dingen beschäftigt war?
Er seufzte leise und bestellte per Handzeichen beim Barkeeper ein weiteres Bier. Seine Welt war aus den Fugen gehoben und AJ hatte damit nur bedingt etwas zu tun. Ihn fröstelte wenn er daran dachte, welche Entscheidung noch vor ihm lag.
Nie im Leben hätte er daran gedacht, diese Band, die sein Leben war, zu verlassen. Diese Möglichkeit hatte nie existiert, weil er sich nicht vorstellen konnte, irgendetwas anderes zu machen und das dann auch so sehr zu lieben.
Doch seit den Aufnahmen für das letzte Album hatte sich etwas in ihm verschoben. Er konnte noch nicht den Finger darauf legen. Er wußte nicht, ob die äußeren Umstände sich verändert hatten, oder ob es irgendetwas in ihm selbst war.
Fakt war, dass er die Glut des Feuers nicht mehr spürte. Seine Arbeit war zu einem Job geworden. Etwas, das man tat um Geld zu verdienen und um nicht nur sinnlos zu Hause herum zu sitzen. Doch zum einen war er auf das Geld nicht mehr angewiesen und zum anderen gab es für ihn Unmengen von Beschäftigungen auch außerhalb der Band.
Das war allerdings nur eine Seite der Medaille. Die andere hatte unmittelbar mit seinen vier Bandkollegen zu tun. Er liebte sie und daran würde sich ganz bestimmt auch niemals etwas ändern. Konnte er sie wirklich so enttäuschen? Sie hängen lassen zu einer Zeit, in der es nicht mehr ganz so gut lief, wie in den letzten Jahren? Wie würden sie dann über ihn denken?
Und die unzähligen Fans, die über den ganzen Erdball verteilt waren? Was würden sie über ihn denken? Wären sie wütend? Enttäuscht? Traurig? Verzweifelt?
Mit diesem Job hatte er nicht nur die Vorteile des reich und berühmt seins übernommen, sondern auch Verantwortung für viele junge Menschen da draußen, die die ganzen Jahre über für sie da gewesen waren und sie unterstützt hatten. Konnte er das alles wirklich hinter sich lassen?
Er schüttelte den Kopf. Nein, das konnte er nicht. Nicht jetzt. Nicht, wenn einer seiner Brüder verschollen war. Nicht, wenn sie mitten in einer Tour steckten. Nicht, wenn alle um ihn herum Pläne für die Zukunft schmiedeten, in denen er eine nicht unbeträchtliche Rolle spielte. Da wurde von einem Unplugged-Konzert gesprochen. Von einer weiteren Tour durch Asien.
Er konnte nicht so einfach aufhören.
Dieser Gedanke schien ihm für einen Moment die Luft abzuschnüren. Er fühlte sich plötzlich eingesperrt, hinein gezwängt in eine Rolle, die ihm nicht mehr passte. War es wirklich so? Passte die Rolle des vernünftigen, großen Bruders in dieser Band nicht mehr zu ihm? Passte die Musik, die Band an sich oder dieses Leben nicht mehr zu ihm?
Wie lange redeten er und Kristin schon davon, endlich Kinder zu haben, eine Familie zu gründen? Aber zu einer Familie gehörte auch Zeit. Die hatte er im Moment nicht. Zumindest nicht ausreichend.
Er bewunderte Brian und Leigh dafür, wie sie mit Baylee umgingen. Wie sie ihn bereits als Teil dieses Bussines aufwachsen ließen. Doch das war nicht sein Weg, das wußte er. Er wollte in Ruhe seine Familie wachsen sehen. Er wollte dabei sein wenn sein Kind das erste Wort sagte, den ersten Schritt tat, es trösten, wenn es sich das erste Mal das Knie aufschlug. Er wollte ihm das Reiten bei bringen, wollte ihm Geschichten erzählen, wollte einfach bei ihm sein. Er konnte eine Familie und die Band beim besten Willen nicht unter einen Hut bringen.
Bisher hatte er sich immer zugunsten der Band entschieden. Er hatte die Enttäuschung in den Augen seiner Frau gesehen. Er hatte die eigene Enttäuschung tief in sich gefühlt. Aber die Musik und dieses Leben waren ihm immer als das einzig wahre erschienen.
Warum hatte sich das auf einmal geändert? War es nur eine Phase? Etwas, das vorbei ging? Etwas, was ihn nur jetzt so beschäftigte nachdem alles, auf das er bisher gesetzt hatte, wieder einmal dabei war den Bach hinunter zu gehen? Wie viel Kraft hatte er noch? Konnte er noch einmal das durchmachen, was sie vor vier Jahren bereits erlebt hatten? AJ dabei zu sehen, wie er sich ganz langsam ins Verderben soff? Ihn dann aus seinem Loch heraus holen und ihn wieder aufbauen? Für ihn da sein ohne wenn und aber?
Ja, er konnte für AJ da sein, aber er befürchtete, dass das nicht ging, so lange er in dieser Band war. So lange dieses anstrengende Leben seine Kraftreserven auffraß. So lange er immer wieder wochenlang von Kristin getrennt war. So lange er sich nach seinem zu Hause sehnte. So lange konnte er niemandem eine Hilfe sein, weil er viel zu sehr damit beschäftigt war, seine Gefühle im Zaum zu halten, anständig zu funktionieren und so zu tun, als wäre alles wie früher.
Irgendwo unterwegs war er aus diesem Busines herausgewachsen. Er wollte keiner Sekunde davon missen, aber er spürte ganz deutlich, dass das nicht mehr lange so weiter gehen konnte.
Hey Fremder. Howies Stimme riss ihn aus seinen dunklen Grübeleien und mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen sah er auf. Sein Freund setzte sich gerade auf den Barhocker neben ihn, bestellte beim Barkeeper einen Weißwein und wandte sich ihm dann zu. Wie geht es dir? Du machst dich ganz schön rar in letzer Zeit.
War das jetzt eine Frage oder ein Vorwurf? fragte Kevin ohne seinen Freund anzusehen und nippte an seinem Bier.
Hm
eher eine Frage würde ich sagen.
Ich mache mir Sorgen, so wie alle anderen auch. Ich kann es einfach nicht mehr ertragen dabei zu sitzen und mir die unmöglichsten Spekulationen über AJs Verschwinden anzuhören.
Das verstehe ich. Es ist nur
, Howie verstummte, was Kevin veranlasste, nun doch zu ihm hinüber zu blicken.
Es ist nur was?
Es ist nur
bisher haben wir immer alles zusammen überstanden, verstehst du? Das ist doch das, was uns in diesen 13 Jahren Achterbahnfahrt zusammen gehalten hat. Es ist einfach seltsam, wenn du dich plötzlich so zurück ziehst.
Ich brauche einfach ein bißchen Ruhe D., das hat mit euch gar nichts zu tun.
Bist du sicher?
Ganz sicher, nickte er, wagte es aber nicht, seinen Gegenüber dabei anzusehen. Howie kannte ihn nun schon Ewigkeiten. Er hätte sofort gesehen, dass er nicht wirklich so überzeugt von seinen Worten war, wie er vielleicht klang.
Diese Warterei
, sagte Howie und seufzte laut.
Ich weiß, nickte Kevin. Das ist das schlimmste überhaupt. Das wir hier sitzen und nichts tun können.
Die Polizei überlegt, ob wir die Presse einschalten sollten.
Kevins Kopf fuhr in die Höhe und er starrte Howie entsetzt an. Wie meinst du das?
Die Suche ist im Sande verlaufen. Es gibt keine Spuren mehr, die sie überprüfen könnten. Niemand weiß, wo AJ abgeblieben ist. Sie sind der Meinung, dass die Hilfe der Bevölkerung unvermeidlich ist.
Unvermeidlich? Gott Howie. Weißt du was das bedeutet?
Ja, sein Freund nickte langsam. Sie werden uns die Bude einrennen und die Hölle heiß machen. Kein unbeobachteter Schritt mehr. Keine Fehltritte. Die gläserne Band.
Ja. Nickte Kevin und wandte sich wieder seinem Bierglas zu. Ihm wurde übel und die Wände der Bar schienen auf ihn zuzukriechen. Die gläserne Band. Das war ein Scherz noch aus ihrer Anfangszeit, als sie wirklich keinen Schritt vor die Tür mehr machen konnten, ohne dass ein Reporter dabei war.
In der Zwischenzeit hatte sich das Gott sei Dank auf ein erträgliches Maß eingependelt. Man lies sie weitgehend in Ruhe. Nur bei öffentlichen Auftritten waren sie anwesend und natürlich verbreiteten sie weiterhin seltsame Gerüchte, von denen kein Wort stimmte. Doch jetzt wieder zu dem alten Zustand zurück zu kehren machte ihn unbestreitbar nervös. Wie sollte er seine Fassade aufrecht erhalten, wenn ihm die halbe Welt dabei zusah?
Wenn das der einzige Weg ist, um AJ zu finden, dann bin ich dabei, sagte Howie neben ihm leise. Ich würde alles dafür tun.
Natürlich, antwortete Kevin schnell. Natürlich, das steht ja wohl außer Frage. Es ist nur
,
Ich weiß, nickte sein Freund und legte ihm eine Hand auf den Arm.
Manchmal hasse ich es, murmelte Kevin leise.
Ich glaube, manchmal hassen wir es alle. Aber irgendwie geht es immer weiter. Egal was kommt.
Immer? fragte Kevin noch einmal nach.
Ja, immer. Zumindest so lange, wie wir alle noch Spaß an der eigentlichen Sache haben.
Kevin schwieg.
Du hast doch noch Spaß daran, oder?
Klar, wie kommst du denn auf sowas? Entgegnete Kevin erschrocken.
Ach, nur so. Ich glaube, wir sind seit AJs Verschwinden alle ganz schön durch den Wind.
Wem sagst du das? Ich bete so sehr, dass ihm nichts schlimmes passiert ist. Ich kann
ich
manchmal träume ich von ihm. Ich sehe ihn blutüberströmt in einer Gasse liegen. Ganz alleine und niemand ist da, der ihm hilft. Das macht mich fertig.
Ich weiß genau, was du meinst.
Es ist einfach nicht seine Art zu verschwinden ohne jemandem bescheid zu sagen.
Wahrscheinlicher ist eher, dass wir es bisher nur nicht bemerkt haben. Er hätte genau so gut heute morgen beim Frühstück erscheinen können und niemand von uns hätte auch nur den Verdacht gehabt, dass er die Nacht mit einem Mietwagen durch die Gegend gefahren ist.
Kevin nickte langsam. Du hast ja recht. Es ist nur
ich hasse es, so verdammt hilflos zu sein. Es kotzt mich an und am liebsten würde ich irgendetwas kurz und klein schlagen.
Unten im Keller gibt es einen Fitnessraum. Da hängt auch ein Sandsack. Vielleicht solltest du es für den Anfang damit versuchen bevor du auf unschuldige Bandmitglieder losgehst, entgegnete Howie schmunzelnd, während er auf Kevins geballte Fäuste auf der Theke wieß.
Ja, vielleicht mache ich das. Aber erst morgen. Ich bin müde, wenn ich auch nicht glaube, dass ich wirlich schlafen kann.
Johnny verteilt schon Schlafmittel an alle. Nick sieht auch furchtbar aus.
Hm, nickte Kevin und sah dann zu seinem Freund hinüber. Wie konnte er uns das nur antun? Kannst du mir das verraten?
Ich glaube kaum, dass AJ das absichtlich gemacht hat. Auch wenn ich mir das vielleicht sogar wünschen würde. Ich meine
wenn er einfach bei irgendeiner Braut untergekrochen ist und uns absichtlich nicht anruft, heißt das wenigstens, dass es ihm gut geht. An etwas anderes möchte ich im Moment gar nicht denken.
Ja, seufte Kevin und hiefte sich dann schwerfällig von seinem Barhocker. Gute Nacht D.. Wir sehen uns morgen.
Was meinst du denn zu der Pressegeschichte?
Ich werde darüber nachdenken, in Ordnung?
Klar, nickte Howie.
Sie verabschiedeten sich und Kevin schlurfte langsam in Richtung der Fahrstühle. Es tat gut wieder alleine zu sein, keine Fragen beantworten zu müssen und ein bißchen Ordnung in seine Gedanken zu bringen.
Eine Pressekonferenz um AJ zu finden. Er schüttelte den Kopf. Das mit ihm und der Band konnte nicht mehr lange gut gehen, so viel war sicher.