Kapitel 8
Während AJ im Nebenzimmer immer wieder von Schüttelfrost und Schweißausbrüchen heimgesucht wurde, besah sich Rachel die kleine Hütte etwas genauer.
Eine schmale Tür führte im hinteren Teil in ein kleines Badezimmer mit einem Waschbecken, einer Toilette und einer riesigen, altertümlichen Badewanne, die auf geschwungenen Klauenfüßen ruhte. Das Wasser schien direkt aus einem unterirdischen Brunnen zu kommen, denn zum einen gab es kein warmes Wasser und zum anderen war das, was da aus der Leitung kam, leicht trüb. Wenn Rachel also ein Bad nehmen wollte, mußte sie vorher eimerweise das Wasser auf dem alten Herd erhitzen.
Direkt neben dem Bad führte eine Klappe im Boden hinunter in die kühle Speisekammer, die sie vorhin schon entdeckt und lediglich einen kurzen Blick hinein geworfen hatte. Auch dort gab es kein elektrisches Licht, so dass Rachel mit einer flackernden Kerze vorsichtig die schiefen Treppenstufen hinunter steigen mußte. Unten angekommen stieß sie als erstes mit dem Kopf gegen etwas hartes, das laut schepperte und als sie die Kerze etwas anhob, baumelte eine Gaslaterne von einem der Deckenbalken.
Als sie den Docht entzündet und die Flamme reguliert hatte, sah sie sich einer ganzen Reihe von Regalen gegenüber, die bis oben hin mit allerlei Köstlichkeiten vollgestellt waren. Gläser mit eingelegtem Obst standen neben Battallionen von Konservendosen, in der hinteren Ecke hing ein geräucherter Schinken von der Decke und daneben befand sich ein ganzes Regal, das mit Nudel- und Reispackungen gefüllt war. Langsam schritt sie die Längsseite des kleinen Raumes ab, besah sich die Ettiketten der Konserven genauer und stellte im Kopf einen Essensplan auf. Sie würden mühelos einige Wochen hier drin überleben können, so viel war sicher.
Als sie schließlich die hinterste Ecke erreichte, wo der Schein der Lampe nur noch notdürftig den Inhalt der Regale aus der Dunkelheit hervorhob, hielt sie für einen Moment den Atem an. Sauber aufgereiht standen hier unendlich viele Flaschen von verschiedener Form und Größe. Zwanzig Jahre alter, schottischer Whisky, mit Staub bedeckte, fast altertümlich wirkende Rotweine, Literflaschen ohne Ettikett, in denen sich höchstwahrscheinlich selbstgebrannter Schnaps befand, die Reihe war endlos lang. Das hier durfte AJ auf keinen Fall erfahren. Er konnte zwar nicht laufen, aber höchstwahrscheinlich hätte er sich auf allen Vieren hier hinunter geschleppt. Rachel wußte nur zu gut, was diese Sucht aus einem Menschen machte konnte.
Leicht angewidert wandte sie sich von diesem Regal ab und überlegte dabei, dass dieser Raum das erste Anzeichen dafür war, dass diese Hütte nicht immer leer stand. Zum ersten Mal fragte sie sich, wer hier wohl normaler Weise seine Zeit verbrachte und was dieser Jemand wohl davon hielt, dass sie sich mit AJ hier eingenistet hatte.
Im Sommer mußte es hier herrlich sein. Mitten im Wald, weit weg von allem, was einen bedrückte, raus aus der engen, stickigen Stadt hinein in die Abgeschiedenheit des Nationalparks.
Andererseits konnte sie sich auch nicht vorstellen, dass der Besitzer dieser Hütte die ganzen Lebensmittel von weit her mitgebracht hatte. Vielleicht gab es in der Nähe so etwas wie eine Wohnsiedlung mit einem kleinen Supermarkt, in dem man sich mit frischen Nahrungsmitteln wie Gemüse, Obst und Fleisch eindecken konnte.
Rachel fühlte ein nervöses Flattern in ihrer Magengegend als sie daran dachte, was sie AJ versprochen hatte. Wenn der Schneefall nachlies, würde sie sich hinaus in den Wald wagen und versuchen, irgendwo Hilfe herzubekommen.
Der Vater hatte ihr 40 Tage zugestanden, aber so wie es aussah, hatte sie nicht einmal eine Woche um AJ davon zu überzeugen, einen anderen Weg einzuschlagen, der ihn weg von den Drogen und zurück in den väterlichen Schoß führen würde. Wie sollte sie das nur anstellen?
Ein Schritt nach dem anderen, murmelte sie, während sie noch einmal einen ausgiebigen Blick auf die vollgestellten Regale warf, danach die Laterne ausblies und sich wieder an den Aufstieg machte. Noch war es unmöglich sich hinaus in den Sturm zu wagen und die Zeit die ihr blieb, würde sie bestmöglichst nutzen.
Im Wohnraum angekommen widmete sie sich den Regalen, die sich links und rechts der Eingangstür an der Wand entlang zogen. Sie hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was AJ gerade im Moment durchmachte und da er ihr mehr als deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass er sie nicht bei sich haben wollte, suchte sie nach etwas, das ihn ablenken konnte. In diesem Bett zu liegen und nichts weiter zu tun zu haben als sich seinen trüben Gedanken und den Schmerzen zu widmen, mußte ihn ja über kurz oder lang wahnsinnig machen.
Sie fand ein altes, zerfleddertes Taschenbuch, einen Schreibblock, zwei Kugelschreiber, einen Bleistift und jede Menge abgegriffener Spielkarten. Nun ja, fürs erste musste das reichen.
Leise schob sie sich gleich darauf in AJs Zimmer. Im ersten Moment konnte sie ihn in dem großen Bett gar nicht ausmachen, da sich das Federbett wie ein riesiger Berg vor ihr auftürmte. Als sie lautlos um das Bett herumging, sah sie einen dunklen Haarschopf, der zwischen zwei voluminösen Kissen hervorlugte. Scheinbar war AJ in einen unruhigen Schlaf gefallen, denn er bewegte sich nicht, während sie das Tablett an sich nahm und die mitgebrachten Utensilien auf dem kleinen Nachtisch ablegte.
Seine Hände, die unter dem Federbett hervorlugten, zuckten ab und an nervös und sie meinte, leises Gemurmel aus dem Kissenberg zu vernehmen. Leise schlich sie wieder zurück und zog lautlos die Tür hinter sich zu. Schlaf war im Moment das Beste, was ihm passieren konnte und sie würde den Teufel tun, ihn jetzt zu wecken.
Sie drehte den Wasserhahn an der Spüle auf und füllte Wasser in einen großen Topf, den sie dann auf den Herd stellte. Während sich das Wasser ganz langsam erhitzte, suchte sie nach Spülmittel, welches sie schließlich auch in einem der Regale fand.
Vorsichtig goß sie schließlich das nun heiß sprudelnde Wasser in die Spüle und fügte noch etwas kaltes Wasser aus dem Hahn dazu. Das bisschen Geschirr war schnell in dem großen Keramikspülbecken verschwunden, auf dem nun eine duftende Schaumwolke schwamm und vorsichtig tauchte sie ihre Hände hinein.
Das warme Wasser zauberte ihr eine Gänsehaut auf die Unterarme und für einen Moment schloss sie genüsslich die Augen. Vielleicht sollte sie sich doch die Arbeit machen und die Badewanne mit heißem Wasser füllen. Das würde sowohl ihr als auch AJ gut tun.
Froh zumindest ansatzweise so etwas wie einen Plan zu haben, nahm sie die Hände aus dem Wasser und begann damit, die Ärmel des Holzfällerhemdes aufzukrempeln.
Doch nach nicht einmal zwei Sekunden hielt sie geschockt inne und starrte auf ihren Arm hinunter.
Wie hatte sie das nur vergessen können?
All der Schmerz.
All das Leid.
Verdrängt in den hintersten Winkel ihres Gehirns, weg geschlossen vor der Realität.
Vorsichtig strichen ihre Finger über die rote, wulstige Narbe, die sich von ihrem linken Handgelenk bis fast zur Mitte ihres Unterarms hinunter zog.
Damals war das ihre Fluchtmöglichkeit gewesen. Weg aus dem Leben, das sie nur quälte, ein Ende ihres Leidens, der Schuldgefühle und der Ängste, die sie nach und nach gefangen genommen und sie buchstäblich ans Haus gefesselt hatten.
Ja, damals war das ihr einziger Ausweg gewesen und auch der Grund, warum sie nicht sofort in die heiligen Hallen aufgenommen wurde, sondern in der Zwischenebene verharren mußte.
Heute, jetzt, hier, in dieser Hütte, umgeben von der Stille des Waldes und dem Heulen des Windes, war sie sich plötzlich nicht mehr sicher. Nein, eigentlich wußte sie es schon viel länger. Sie wußte es, seit sie das erste Mal wieder Kontakt zu den Menschen gehabt hatte, als sie in den riesigen See blickte, der die Welt dort unten mit der oberen verband.
Sie hatte es gewußte, als sie AJ beobachtete - seinen Kampf und sein Scheitern. Sie hatte es tief in sich gefühlt, während sie ihm dabei zusah, wie er litt, wie er sich vor seinen Mitmenschen verschloss und wie er seinen eigenen Ausweg suchte, ihn aber nicht wirklich fand.
Drogen und Alkohol, das hatte sie in ihrem früheren Leben gelernt, waren kein Ausweg, sie waren nur eine zeitweise Erleichterung. Sie betäubten den Schmerz und das klare Denken, sie gaukeltem einem eine annähernd heile Welt vor. Wollte man wirklich entkommen und all den Schmerz hinter sich lassen, gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder den Weg den sie damals gewählt hatte, in dem sie sich mit einem scharfen Küchemesser in die Badewanne legte, oder die Strecke, die noch vor AJ lag. Sich seinen Gefühlen und Problemen stellen und sie aus eigener Kraft überwinden.
Rachels Knie begannen zu zittern und sie machte ein paar unbeholfene Schritte, bevor sie sich schwer auf das Sofa fallen lies.
Wie hypnotisiert starrte sie auf ihr Handgelenk und fühlte, wie der Schmerz von damals wieder Einzug hielt in ihr Denken. Die Aufgabe, die sie sich selbst gestellt hatte, erschien ihr plötzlich viel zu groß. Wie sollte ausgerechnet sie AJ helfen? Ihrer beider Schicksale waren so eng miteinander verknüpft, ohne dass er etwas davon wußte. Würde sie wirklich in der Lage sein ihm zu helfen, ohne an ihren eigenen Wunden zu rühren?
In diesem Moment begriff sie, warum der Vater gezögert hatte, sie zurück auf die Erde und zu den Menschen zu schicken. Sie hatte in seinem Schoß erfahren was es hieß geliebt zu werden und sich selbst wieder zu lieben. Mit ihrem Schritt hinaus in die reale Welt, hatte sie diesen Schutz aufgegeben.
Es tut mir leid Vater, flüsterte sie, während sie immer wieder über die lange, hässliche Narbe strich. Ich hätte auf dich hören sollen.
Tränen brannten hinter ihren Augenlidern und sie versuchte nicht, sie zurück zu halten. Manchmal konnten sie reinigen, den Schmerz aus dem Körper spülen. Wie eine Reset-Taste, die alles wieder auf Anfang stellte und ihr eine neue Chance gab es noch einmal zu versuchen und es diesmal besser zu machen. Vielleicht war das der Schlüssel, auch wenn sie gerade im Moment nicht daran glauben konnte.