Kapitel 7
Das laute Heulen des Windes machte ihn beinahe wahnsinnig. Es schien, als habe sich dieses Geräusch direkt in seinem Kopf eingenistet und zog und zerrte nun an seinen Gehirnwindungen. Sein Kopf schmerzte, sein Herz schlug viel zu schnell und seine Hände zitterten unkontrolliert.
AJ wollte schnellstmöglich weg von hier. Raus aus diesem Bett, das zwar wesentlich bequemer war als der kalte Boden vor dem Kamin, aber für ihn alleine viel zu groß erschien.
Im angrenzenden Raum hörte er das Mädchen mit Töpfen und Geschirr klappern. Sie hatte ihn gestützt, während er versuchte mit zusammengebissenen Zähnen und unter brennenden Schmerzen in seinem Bein in den Schlafraum zu kommen. Im ersten Moment war er erleichtert, sich auf die weiche Matratze sinken lassen zu können, doch nachdem Rachel ihn zugedeckt und ein Glas Wasser auf den alten, schiefen Nachttisch gestellt hatte, war sie nach nebenan verschwunden und seine Gedanken konnten nun unkontrolliert ihre Kreise ziehen.
Natürlich hatte er nicht mehr nach Whisky gesucht. Er konnte sich ja noch nicht einmal alleine auf den Beinen halten. Doch gerade jetzt im Moment war alles was er wollte ein ordentlicher Schluck Alkohol, der seine Sinne und vor allen Dingen seine Gedanken benebelte.
Leise stöhnend schloss er die Augen. Alles drehte sich um ihn und zwischen den schwarzen Schlieren, die dieses Gefühl auf seiner Netzhaut hinterlies, sah er ein helles Licht, das auf ihn zugerast kam, Bremsen kreischten, Glas zerbarst und er hörte einen hohen, lauten Schrei.
Er riss die Augen auf und starrte schwer atmend an die Zimmerdecke. Nicht daran denken, murmelte er leise. Lenk dich ab. Denk an etwas anderes.
Doch je mehr er versuchte die Bilder zurück zu drängen, desto deutlicher standen sie ihm vor Augen. Er sah Lillian - seine wunderschöne Lillian - wie sie neben ihm auf dem Beifahrersitz saß und den Kopf in seine Richtung drehte. Ihr Lächeln hatte ihn immer gewärmt, hatte alle schweren Lasten des Tages von seinen Schultern genommen, doch jetzt, alleine wie er war, schnitt ihm dieses Lächeln direkt in sein Herz.
Sie sagte etwas zu ihm, doch er konnte es nicht hören, sah nur die Bewegungen ihrer anmutig geschwungenen Lippen.
Und dann kam das Licht. Direkt hinter ihr tauchte es auf, zauberte eine strahlende Korona um ihr langes Haar und raste mit unheimlicher Geschwindigkeit auf sie zu.
Am Anfang hatte er noch gedacht, sie würden es schaffen. Er trat das Gaspedal bis zum Boden durch, sie wurden beide in die Sitze gepresst und er war sich sicher, dass der herannahende Wagen sie höchstens am Heck streifen würde. Vielleicht würde sein Wagen danach Schrott sein, aber sie würden beide unbeschadet aus diesem Ereignis hervor gehen.
Der Moment in dem ihm klar wurde, dass es nicht so sein würde, konnte er bis heute nicht vergessen. Eine Eiseskälte umfasste augenblicklich sein Herz, seine Organe schrumpften auf die Größe einer Erbse zusammen und am liebsten hätte er laut und anhaltend geschrieen. Doch so weit kam er gar nicht mehr.
Der Knall, mit dem das fremde Auto seinen Wagen rammte, war noch nicht einmal so laut gewesen. Zumindest kam ihm das im Nachhinein so vor. Doch anstatt nur das Heck zu erwischen, prallte er ungebremst in die Beifahrerseite. Metall verbog sich unter lautem Kreischen, er hörte Lillian schreien und dieses Geräusch vermischte sich mit seinem eigenen, verzweifelten Stöhnen.
Danach lag für ihn alles im Dunkeln, was vielleicht ganz gut so war. Er hoffte noch heute, dass sie nicht hatte leiden müssen, dass der Tod schnell gekommen war und sie mit sich genommen hatte, noch bevor der Wagen wirklich zum Stillstand kam.
Er hatte sie erst im Krankenhaus wieder gesehen. Aufgebahrt in einem Raum, der so kalt wie eine Kühlkammer gewesen war. Ihr Gesicht war so blass gewesen, ihre Augen geschlossen, gerade so, als schliefe sie nur und würde jeden Moment zu ihm aufsehen und ihn fragen, warum um Gottes Willen er denn so verzweifelt weinte.
Er hatte ihr Haar gestreichelt, sie ein letztes Mal geküsst und war dann in den Armen seiner Mutter zusammen gebrochen.
Seit diesem Zeitpunkt war sein Leben vorbei, hatte es jeglichen Sinn für ihn verloren. Die Beerdigung zog wie ein schlechter Traum an ihm vorbei, ohne dass er irgendetwas hätte fühlen können. Es war ihm egal, dass es einen Prozess gab, in dem der Fahrer des anderen Wagens nur eine Bewährungsstrafe bekam. Nicht einmal die Fanpost, die zu dieser Zeit tonnenweise einging, nicht seine Freunde, seine Familie, niemand konnte ihn erreichen. Er hatte sich zurück gezogen in einen dunklen Winkel, einen Ort, der so weit von der Realität entfernt lag wie es nur ging. Das bißchen Leben, das noch in ihm steckte, war für ihn nichts mehr wert und die Erkenntnis, dass er zu feige war um dem selbst ein Ende zu setzen, hatte ihn noch weiter in die Verzweiflung getrieben.
Immerhin, er hatte sich gar nicht so schlecht geschlagen. Mit dem Trinken und den Drogen hatte er erst ein halbes Jahr später wieder angefangen. Bis dahin hatte er in einer Art Schattenreich gelebt. Doch dann wurde es langsam Zeit, wieder hinaus ins Licht zu treten.
Man war allgemein der Meinung, dass ihm die Arbeit gut tun würde. Sie würde ihn aus seinem dunklen Schlafzimmer heraus locken und ihm zeigen, dass es durchaus noch Dinge gab, für die es sich lohnte zu leben.
Doch er konnte diese andere, reale Welt nur ertragen, wenn er den Schmerz betäubte. Er funktionierte, aber das war auch schon alles. Er fühlte nichts. Keine Freude, keine Trauer, keinen Hass. Rein gar nichts. So war das nun einmal mit ihm. Er war einfach zu schwach und da es für ihn so etwas wie einen Gott oder eine höhere Macht nicht mehr gab, war da auch nichts mehr, an dem er sich in irgendeiner Weise festhalten konnte. Er war allein. Mutterseelenallein. Und daran würde sich auch so bald nichts ändern.
Die Tür zum Schlafraum wurde unvermittelt aufgeschoben und unterbrach damit seine verzweifelten Gedanken. Rachel kam herein. In den Händen balancierte sie ein Tablett, auf dem sich ein Teller und eine Tasse befanden, aus denen feine Dampfschwaden aufstiegen.
Also verhungern müssen wir nicht, sagte sie, während sie umständlich das Glas auf dem Nachttisch beiseite schob und das Tablett darauf abstellte. Es gibt hier eine Speisekammer und die ist bis oben hin voll mit Konserven.
AJ antwortete nicht. Es war ihm egal, ob sie genug zu essen hatten.
Ich habe dir mit meinen bescheidenen Möglichkeiten erst einmal eine Hühnerbrühe gemacht. Ich hoffe, sie schmeckt einigermaßen.
Immernoch blieb er stumm, so dass sie sich wohl veranlasst sah, einen genaueren Blick auf ihn zu werfen.
Als ihr Blick auf seinen traf, zuckte er innerlich zusammen. Irgendetwas war an ihren Augen seltsam. Er konnte nicht genau sagen was es war, aber sie schienen mühelos in ihn hinein blicken zu können. Vielleicht war es aber auch nur der mitfühlende Ausdruck, der jetzt auf ihrem Gesicht erschien, gerade so als wüsste sie, mit welch schauerlichen Gedanken er sich geplagt hatte, bevor sie herein gekommen war.
Wahrscheinlich hast du gar keinen Hunger, aber
nun ja
schaden kann es bestimmt nicht.
Ich will nichts essen, sagte er leise. Ich möchte alleine sein.
Hm. Sie sah immer noch auf ihn hinunter und schien zu überlegen, ob sie seinem Wunsch nachkommen sollte. Doch sie entschied sich dagegen.
Ich werde gehen, wenn du das hier wenigstens mal probiert hast, sagte sie und setzte sich dann auch noch zu ihm auf den Bettrand.
Er wußte nicht wo die Wut plötzlich herkam, aber sie explodierte förmlich in ihm und nahm rasendschnell von jeder Faser seines Körpers besitz.
Lass mich in Ruhe verdammt noch mal, brüllte er. Hau ab. Verschwinde. Ich brauche dich nicht!
Ich weiß, sagte sie sanft und seine Hände zuckten gefährlich. Wenn sie nicht sofort zusah, dass sie Land gewann, konnte er für nichts mehr garantieren. Hör zu. Ich weiß, dass das alles ist nicht wirklich einfach für dich ist. Ich möchte dir gerne helfen, aber dazu brauche ich deine Unterstützung.
Was soll denn schwierig für mich sein, hä? Ich hatte einen Unfall, und weiter? Wenn dieser beschissene Sturm endlich abzieht, werde ich
ich werde
, er verstummte, weil er nicht wußte, was er dann tun sollte. Er konnte nicht laufen. Unmöglich sich hinaus in den Schnee zu wagen um irgendwo Hilfe herzuholen. Zum ersten Mal ging ihm auf, dass er Rachel brauchte und dieser Gedanke war ihm so unglaublich zuwider, dass er für einen Moment wirklich der Meinung war, sich übergeben zu müssen.
Rachel seufzte. Ich verspreche dir, dass ich hinaus gehen und Hilfe holen werde, sobald der Sturm vorbei ist. Bis dahin sitzen wir hier zusammen fest und es wäre schön, wenn wir so lange irgendwie miteinander auskommen könnten.
Wenn du mich in Ruhe lässt ist das kein Problem, schnaubte er.
Für einen Moment schien sie noch zu überlegen, ob sie sich darauf einlassen sollte, doch dann nickte sie langsam.
In Ordnung, wenn du das so möchtest. Iss deine Suppe, danach geht es dir sicherlich schon etwas besser. Mit diesen Worten erhob sie sich und strebte der Tür in den Wohnraum zu. Dort angekommen drehte sie sich noch einmal zu ihm herum. Ich bin gleich nebenan, wenn du irgendetwas brauchst.
Danke, ich komme sehr gut alleine klar, gab er schneidend zurück und sah dann zu, wie sich die Tür hinter ihr schloss.
Er fühlte, wie ganz langsam die Anspannung in ihm nachlies, doch er fühlte keinen Erleichterung. Stattdessen wirkte dieses Zimmer auf ihn noch kälter und abweisender. Vielleicht hätte er sie doch nicht wegschicken sollen. Hier alleine zu liegen war wesentlich schlimmer, als ihre Anwesenheit ertragen zu müssen.
Leise stöhnend stemmte er sich in die Höhe, versuchte sein schmerzendes Bein zu ignorieren und griff umständlich nach dem Tablett. Nach einer ganzen Weile schaffte er es, dieses einigermaßen bequem auf seine Beine zu stellen. Er nahm einen Löffel und tauchte ihn in die Suppe, die angenehm duftete und seinen Magen knurren lies. Vorsichtig blies er ein paar Mal auf den Löffel und nippte dann vorsichtig daran.
Die Suppe lief angenehm heiß seine Kehle hinunter und nistete sich friedlich, wie ein wärmendes Kissen in seinem Magen ein. Gar nicht mal so übel. Nach dem vierten Löffel fühlte er sich schon wesentlich besser, was er aber Rachel gegenüber sicherlich niemals zugegeben hätte.