Kapitel 6

In dem weitläufigen Frühstücksraum, gute 80 Meilen entfernt von der Hütte, in der Rachel gerade versuchte den widerspenstigen AJ irgendwie ins Bett zu buxieren, war die steigende Spannung inzwischen beinahe mit Händen zu greifen. Kevin Richardson fuhr sich gerade zum hundersten Mal durch das dichte, dunkle Haar und schüttelte den Kopf.
Wieder einmal hatte AJ sie enttäuscht. Wieder einmal hatte er alles versprochen und nichts davon gehalten.
Kevin erinnerte sich noch gut an das Gespräch vom vergangenen Abend. “Wirklich Kev, ich schwöre, ich bin morgen pünktlich beim Frühstück. Alles läuft bestens,” hatte AJ versichert und Kevin hatte ihm nur zu gerne glauben wollen. Doch eigentlich war ihm gestern schon klar gewesen, dass AJ log. Nichts lief bestens. Im Gegenteil. Die Anzeichen waren eindeutig: AJs ständig steigende Unzuverlässigkeit, die unnatürlich glänzenden Augen, seine Stimmungsschwankungen. Das alles kannte Kevin nun schon zu Genüge. Doch bis heute Morgen hatte er versucht sich einzureden, dass die Erklärung für AJs seltsames Verhalten eine andere war. Dass er noch unter seinem Verlust litt, dass er deshalb so einsilbig war und dass er sich deshalb meistens aus der Gemeischaft davon stahl.
Doch AJ war mittlerweile über eine Stunde zu spät, das Frühstück war eigentlich schon beendet und in nicht einmal einer viertel Stunde wurden sie von einem Fernsehsender abgeholt. Und auch wenn noch nicht ganz klar war, ob sie bei dem heftigen Schneefall überhaupt in der Lage waren das Hotel zu verlassen, so war AJs Anwesenheit trotzdem erforderlich.
“Jetzt reicht es,” sagte Kevin schließlich und seine Wut schäumte über. “Wenn ich den feinen Herrn eigenhändig aus dem Bett prügeln muß, dann soll es so sein. Ich lass mich doch von ihm nicht zum Narren halten.”
“Ganz ruhig Kev,” sagte Brian, der neben ihm an einem der runden Tische saß und bis eben an seinem Kaffee genippt hatte. “AJ wird sicherlich gleich herunter kommen, uns erklären, dass er mal wieder verschlafen hat oder erst eines seiner Betthäschen nach Hause schicken mußte und dann kann es los gehen.”
“Bist du blind?” fuhr Kevin genervt auf. “Wir haben das alles schon einmal mitgemacht Bri. So geht das nicht. Das ist weder gut für uns, noch bringt es AJ irgendetwas wenn wir alle so tun, als sei alles in bester Ordnung mit ihm. Er trinkt wieder. Das weißt du, das weiß ich und das weiß auch der Rest der Mannschaft.”
“Ich weiß nicht … ,” Brian schüttelte seinen blonden Haarschopf und seine saphierblauen Augen huschten über die Anwesenden an den Nachbartischen. “Bist du dir wirklich sicher? Immerhin hat er einiges durchgemacht und es auch ohne Alkohol und Drogen überwunden.”
“Von Überwindung kann keine Rede sein Brian und das weißt du genau so gut wie ich. Er trauert immer noch um Lillian. Nur hat er jetzt wohl beschlossen, seinen Trost nicht mehr bei uns oder seinen Freunden zu suchen, sondern auf dem Boden einer Whiskyflasche. Bin ich denn der einzige, der das so sieht?”
“Nein,” bekam er unerwartet Hilfe von Nick, der unbemerkt neben ihm aufgetaucht war. “Ich glaube auch, dass AJ ein massives Problem hat. Ich bin mir nicht sicher, aber er hat sich gestern sehr auffallend nach dem Wetterbericht erkundigt.”
“Was willst du damit sagen?” hakte Brian verständnislos nach.
“Ich befürchte, er wollte nochmal weg. Irgendwas besorgen,” gab Nick zurück.
“In Ordnung. Ich muß es jetzt wissen,” sagte Kevin, erhob sich und durchquerte den Frühstücksraum mit langen Schritten. Nick und Brian folgten ihm eilig. Man wußte nie was passierte, wenn zwei so überschäumende Temperamente wie Kevin und AJ aufeinander trafen. Da war es besser, schnell zur Stelle zu sein, sollte das Ganze eskalieren.
Sie fuhren hinauf in den zehnten Stock, schritten den lagen Hotelflur hinunter und hielten dann vor Zimmer Nummer 112.
Ohne noch einmal darüber nachzudenken hämmerte Kevin mit der geballten Faust gegen AJs Zimmertür. “AJ?” rief er aufgebracht.
“Wenn du aufhören würdest so viel Krach zu machen, würden wir vielleicht auch was von ihm hören,” gab Nick zu bedenken und trat erschrocken einen Schritt zurück, als ihn Kevins erboster Blick traf.
“Alexander James McLean. Wenn du nicht sofort diese Tür aufmachst schwöre ich dir, dass ich dich persönlich dort heraus hole.”
Er hatte mittlerweile aufgehört gegen die Tür zu hämmern und lauschte, doch von drinnen hörten sie keinen Mucks.
“Okay, was zu viel ist, ist zu viel,” sagte Kevin, zog sein Handy aus der Hosentasche und rief unten an der Rezeption an. Man versprach ihm, sofort jemanden mit einem Zweitschlüssel herauf zu schicken und etwas ruhiger beendete er das Gespräch. Inzwischen machte er sich wirklich Sorgen um seinen Freund. So konnte das doch nicht weitergehen!
“Gnade dir Gott McLean,” murmelte er. “Gnade dir Gott.”

Nicht einmal fünf Minuten später kam einer der Hotelangestellten den Gang hinunter. Mittlerweile hatten sich auch noch andere Mitglieder der Crew um Kevin, Brian und Nick versammelt und das aufgeregte Gemurmel verstummte augenblicklich, als der hochgewachsene Mann in ihre Mitte trat.
“Normaler Weise machen wir so etwas nicht,” sagte er mit gekräuselter Stirn und ganz offensichtlichem Widerwillen auf dem Gesicht, während er ein goldenes Plastikkärtchen aus seiner Hosentasche hervorzog.
“Das verstehe ich,” nickte Kevin. “Aber das hier ist wirklich ein Notfall.”
“Das will ich für sie hoffen.”
Der Schließmechanismus gab ein leises Klicken von sich und noch bevor ein anderer reagieren konnte, hatte sich Kevin bereits in das Halbdunkel hinter der Tür geschoben.
“AJ? Verdammt noch mal wir warten auf dich. Steh endlich auf,” rief er in den Raum hinein, während er sich langsam dem Bett näherte, das hinter einem der zugezogenen Vorhänge im Dunkeln lag. Die andere Hälfte der deckenhohen Fenster gewährte einen Blick in einen grauen Morgen. Schneeflocken wirbelten wild herum, so dass man meinen konnte, die Welt höre hinter den kalten Glasscheiben auf zu existierten. “Als befänden wir uns in einer dieser Schneekugeln,” schoss es Kevin unzusammenhängend durch den Kopf, während er immer weiter auf das Bett zu ging. Nichts rührte sich, kein Laut drang an sein Ohr. Kein Schnarchen, kein Murmeln. Rein gar nichts.
Noch bevor er wirklich erkennen konnte, dass das Bett vor ihm leer und vor allen Dingen unbenutzt war, wußte er es. Etwas war passiert. Sie kamen zu spät.
Trotzdem trat er an das Fenster heran, zog mit Nachdruck den Vorhang zurück und wandte sich danach wieder dem Bett zu. Es war frisch gemacht, die Laken nicht zerknittert und auf dem Kopfkissen lag immer noch das kleine Stückchen Schokolade, das er sich so gerne noch in den Mund schob, bevor er sich die Zähne putzen ging.
“War das Zimmermädchen heute schon hier?” wandte er sich an den Hotelangestellten, der etwas Abseits stand und das Geschehen interessiert verfolgte.
“Nein. Für diesen Stock wurde elf Uhr vereinbart, da man davon ausgeht, dass sie dann alle außer Haus sind.”
Kevin nickte. Er hatte nichts anderes erwartet.
“Was ist hier los?” Aha, die Nachricht war also auch schon bis zum Management durchgedrungen, denn Johnny Wright schob sich gerade mit Nachdruck durch die Menschenansammlung, die ratlos vor AJs leerem Bett stand.
“AJ ist verschwunden,” antwortete Kevin wahrheitsgemäß und spürte, wie sich sein Magen augenblicklich verknotete. Mit AJ hatten sie in den letzten Jahren ja wirklich schon viel erlebt, aber das hier war etwas ganz neues.

Kapitel 7