Kapitel 5
Als AJ das nächste Mal aufwachte, hatte er das Gefühl, erstaunlich klar im Kopf zu sein. Allerdings erstreckte sich dieses Wohlbefinden nicht auf seinen gesamten Körper. Alleine das vorsichtige Drehen seines Kopfes schickte bereits Salven von stechendem Schmerz durch seine Gliedmaßen.
Trotzdem versuchte er so viel wie möglich von seiner Umgebung wahr zu nehmen. Viel gab es allerdings nicht zu sehen, wenn auch das Bißchen, das er sehen konnte, eher verwirrend war.
Zu seiner Linken traf sein Blick auf die Tischbeine eines runden Couchtisches und dahinter auf eine alte Couch, unter der sich dicke Staubflusen gesammelt hatten. Zu seiner Rechten verströmte die Glut von einigen Holzscheiten in einem gemauerten Kamin eine angenehme Wärme und als er vorsichtig und mit vor Schmerz verzogenem Gesicht den Kopf hob, konnte er über ein monströses Federbett hinweg raue Holzwände und ein vollgestelltes Regal ausmachen. Wo war er? Und was war passiert?
Ein Geräusch irgendwo hinter ihm lies ihn zusammen zucken.
Guten Morgen, hörte er eine weibliche Stimme und dann Schritte, die sich ihm auf rauen Holzdielen näherten.
Neben ihm erschienen ein paar Füße, die in groben Wollsocken steckten und die der Trägerin um einiges zu groß waren, dann ging das Mädchen neben ihm in die Hocke und er konnte einen ausgiebigen Blick in ihr Gesicht werfen.
Das dunkle Haar hatte sie sich zu einem Pferdeschwanz gebunden, hellblaue Augen musterten ihn besorgt unter langen, geschwungenen Wimpern und volle Lippen lächelten nun mitfühlend, als er ebenfalls ein kaum verständliches Guten Morgen, murmelte.
Wie fühlst du dich? fragte sie.
Wie durch den Fleischwolf gedreht, antwortete er wahrheitsgemäß.
Ich bin froh, dass dir nicht mehr passiert ist, sagte sie und lies sich neben ihm im Schneidersitz nieder. Vorsichtig streckte sie die Hand aus und legte sie auf seine Stirn. Die Berührung fühlte sich angenehm sanft und kühl an und er schloss für einen Moment die Augen.
Fieber hast du Gott sei Dank keines. Das hat mir schon ein bißchen Sorgen gemacht. Immerhin hast du eine ganze Weile in der Kälte da draußen zugebracht und dein Bein sieht auch ganz schön schlimm aus.
Ehrlich gesagt weiß ich immer noch nicht so genau, was da eigentlich passiert ist, gestand er und blickte wieder zu ihr auf. Er erinnerte sich an letzte Nacht, dass er kurz aufgewacht war und geglaubt hatte, Lillian wäre wieder bei ihm. Beim Gedanken an sie mußte er unwillkürlich schlucken, was wiederum eine weitere Erinnerung herauf beschwor.
Du warst
, setzte das Mädchen an, doch er unterbrach sie.
Ich möchte aufstehen, sagte er, winkelte seine Arme an und stemmte sich unter Ächzen und Stöhnen in die Höhe. Sie streckte die Arme aus um ihm zu helfen, doch er schüttelte sie unwirsch ab. Ich kann das alleine.
In Ordnung, nickte sie und sah ihm dabei zu, wie er sich abmühte in eine aufrechte Position zu kommen.
Schließlich saß er vorneübergebeugt da und versuchte das Schwindelgefühl nieder zu kämpfen, das ihn mit einem Mal überkommen hatte. Da hatte er sich ja mal wieder in eine schöne Scheiße hineingeritten. Er lag hier verletzt in einer Hütte mit einem Mädchen, das er nicht kannte und niemand wußte, wo er war. Ob sie sich bereits Sorgen um ihn machten?
Wie viel Uhr ist es? fragte er.
Kurz nach neun.
Ja, sie machten sich Sorgen.
Ich muß auf dem schnellsten Wege zurück in mein Hotel. Hast du einen Wagen?
Er war bereits dabei das schwere Federbett und die Tagesdecke von sich herunter zu schieben, als er zum einen bemerke, dass er nichts anhatte und zum anderen, dass das Mädchen neben ihm mit dem Kopf schüttelte.
Selbst wenn ich einen Wagen hätte, würden wir nicht weit kommen. Draußen tobt ein Schneesturm, die Straßen sind alle unpassierbar.
In meiner Jacke ist ein Telefon. Könntest du
? setzte er an, während er versuchte sich umständlich in der Tagesdecke einzuwickeln.
Hab ich schon versucht. Das Handy ist hin, entgegnete sie ganz ruhig und so langsam wurde er wütend.
Was soll das? Ich habe Termine, ich kann nicht hier bleiben. Verdammt noch mal!
Fluchen bringt dich auch nicht weiter, entgegnete sie kopfschüttelnd. Du solltest dich mit dem Gedanken anfreunden, dass du noch eine Weile mit mir hier festsitzt. Ob dir das nun passt oder nicht.
Wer bist du überhaupt? raunzte er sie an. Das hier war keine Katastrophe, das war die Apokalypse. Wenn seine Freunde nach den Ereignissen der letzten Zeit und seinem nicht gerade geringen Alkoholkonsum nicht sowieso schon überlegten ihn aus der Band zu werfen, dann waren sie nach dieser Aktion spätestens der Meinung, dass er untragbar für sie geworden war. Einen Termin zu verschlafen war eine Sache, spurlos zu verschwinden eine ganz andere.
Ich bin Rachel, entgegnete das Mädchen und ihre ruhige Art stachelte seine Wut nur noch mehr an. Ich habe deinen demolierten Wagen gefunden und dich hier in diese Hütte geschleift und dafür gesorgt, dass du nicht erfrierst oder verblutest. Sie breitete die Hände aus so, als gäbe es ansonsten nichts mehr zu sagen.
Falls du jetzt ein Danke erwartetst muß ich dich leider enttäuschen, gab er zurück und versuchte umständlich aufzustehen. Er brauchte einen Wagen, frische Klamotten und einen ordentlichen Schluck Whisky. Und das Ganze in umgekehrter Reihenfolge.
Rachel blieb seelenruhig neben ihm sitzen und gleich darauf wußte er auch warum. In dem Moment in dem er versuchte sein verletztes Bein zu bewegen, hatte er das Gefühl, es würde ihm abgerissen. Er stöhnte auf, lies sich nach hinten sinken und schloss die Augen.
Nachdem wir damit sämtliche Fluchtpläne ausgeschlossen haben, sagte Rachel neben ihm würde ich vorschlagen, wir bringen dich irgendwie hinüber ins Bett. Da ist es sicherlich bequemer.
Nein, gab er unwirsch zurück. Als aller erstes bekomme ich einen ordentlichen Schluck Whisky und es ist mir scheißegal, ob das nun gesund oder ungesund für mich ist. Außerdem will ich meine Kleider wieder haben.
Es gibt leider keinen Alkohol hier drin. Ich habe auch schon danach gesucht um deine Wunde damit zu desinfizieren. Was deine Kleider betrifft kann ich dir allerdings weiter helfen. Deine eigenen Klamotten sind noch nass, aber das hier sollte für den Anfang reichen.
Sie drehte sich herum und zog vom Sofa ein Bündel zu sich heran.
Soll ich dir helfen, oder schaffst du es allein?
Ich kann mich seit gut fünfundzwanzig Jahren alleine anziehen, danke, schnaubte er, riss ihr das Kleiderbündel aus der Hand und überlegte dann, wie verflucht nochmal er in die Hosen kommen sollte.
Fein, nickte sie neben ihm. Ich werde uns dann mal was zu essen machen. Mit diesen Worten stand sie auf und AJ konnte nicht umhin seinen Blick länger als schicklich auf ihrem wohlgeformten Hinterteil ruhen zu lassen. Na, wenigstens hatte er ansprechende Gesellschaft. Vielleicht war es gar nicht so schlecht mit ihr hier eine Weile eingeschneit zu sein. Keine Termine. Keine Verpflichtungen. Was konnte er denn dafür, dass draußen ein Schneesturm tobte? Und ein Bett schien es ihren Worten nach ja auch zu geben.
Und wenn du endlich aufhören würdest sie wie den letzten Dreck zu behandeln, sagte er zu sich selbst schaffst du es vielleicht auch, das kleine Krankenschwestermäuschen dort hinein zu kriegen.
Er grinste selbstgefällig, während er einen Arm in das dicke Holzfällerhemd steckte. Doch sofort erstarb dieses wieder, als ihm einfiel, was sie noch gesagt hatte. Kein Alkohol in dieser Hütte. Das war nicht gut. Das war gar nicht gut. Er fühlte, wie so etwas wie Panik in ihm aufstieg und sein Herz beinahe schmerzhaft gegen seine Rippen hämmerte. Wie auf Kommando begannen seinen Hände zu zittern und er fühlte, wie er zu schwitzen begann. Ganz ruhig, murmelte er, während er umständlich in den anderen Ärmel schlüpfte. Sie hat bestimmt nicht richtig nachgesehen.
Also erst anziehen, dann Whisky und dann sehen, was er mit seiner selbsternannten Krankenschwester anfangen konnte. Guter Plan. Aber warum fühlte er sich dann noch keinen Deut besser?