Kapitel 4
AJ hatte das Gefühl, als kämpfe er sich vom Grunde eines tiefen, dunklen Sees an die Oberfläche. Dort oben war rettender Sauerstoff, dort erwartete ihn Wärme und Geborgenheit, dort würden die schrecklichen Bilder, die unaufhörlich in seinem Kopf kreisten, endlich verschwinden.
Ein letztes Mal gab er sich einen Ruck und strebte unaufhaltsam dem Erwachen entgegen. Seine Augenlider fühlten sich an, als würden sie tausende Tonnen wiegen und nur mit großer Mühe konnte er sie einen Spalt öffnen. Geblendet von dem hellen Licht um ihn herum, versuchte er blinzelnd irgendetwas zu erkennen.
Ein Gesicht beugte sich über ihn, dunkles Haar streifte seine Wange und der Geruch einer blühenden Sommerwiese, vermischt mit dem herben Aroma von brennendem Fichtenholz drang in seine Nase.
Lillian? flüsterte er kaum hörbar und konnte nicht glauben, dass sie tatsächlich hier bei ihm war.
Schhhh, es wird alles gut, entgegnete sie leise und er fühlte, wie sich ein warmes Glücksgefühl über seinen Körper und sein Denken legte.
Ich dachte
, krächzte er, befeuchtete seine Lippen mit der Zunge und setzte noch einmal an. Ich dachte, ich hätte dich verloren.
Mein Name ist Rachel, sagte die Gestalt, die immer noch in helles Licht getaucht schien und damit alles um ihn herum in einem warmen Glanz erstrahlen lies. Du hattest einen Unfall.
Aber
Er versuchte seinen Blick zu schärfen und begann sich unruhig zu bewegen. Das war Lillian. Seine geliebte Lillian. Ihr Gesicht hätte er unter tausenden wieder erkannt.
Nicht, hörte er die Stimme erneut, die so sehr nach Lillians Stimme klang. Du solltest dich nicht bewegen. Dein Bein
, etwas legte sich auf seine Brust und drückte ihn unnachgiebig wieder nach unten.
Für einen Moment schloss er die Augen, versuchte Kraft zu sammeln um sich gegen das Gewicht zu stemmen, das immer noch auf seiner Brust lag.
Lillian
ich muß
Erneut öffnete er die Augen. Das strahlende Leuchten war verschwunden und es roch nach muffigem Stoff und brennendem Holz. Die Konturen des Gesichts, das immer noch über ihm zu schweben schien, stellten sich aprubt scharf und er sah in ein paar Augen, die er noch nie zuvor gesehen hatte.
Augenblicklich versteifte er sich und die Verzweiflung und der Schmerz, die ihn in den Tiefen seiner Bewußtlosigkeit verfolgt hatten, waren wieder da.
Du bist nicht Lillian, stellte er verzweifelt fest.
Nein, das Mädchen über ihm schüttelte den Kopf. Ich bin Rachel. Du hattest einen Unfall.
Einen Unfall? Das hatte sie jetzt schon zwei Mal gesagt. Dejavù? Nein, das konnte nicht sein. Sollte er nicht eigentlich in irgendeinem Hotel in einem warmen Bett liegen?
Was
was ist passiert? fragte er.
Du scheinst von der Straße abgekommen zu sein. Das Auto ist nur noch Schrott und
nun ja
ich habe dich hier her gebracht. Dein Bein hat etwas abbekommen, alles andere sind nur kleine Kratzer.
Er fühlte, wie Müdigkeit sich seines klaren Denkens bemächtigte.
Ein Unfall.
Er war verletzt.
Und Lillian nicht bei ihm.
So wie damals, wenn auch anders.
Ein Seufzer entrang sich seiner Kehler, ein Schmerzenslaut der, wenn er noch etwas Kraft in sich gefunden hätte, sicherlich zu einem lauten Schrei angeschwollen wäre. Doch so schloss er einfach die Augen wieder und driftete davon in die Dunkelheit, die ihm nun sehr willkommen erschien. Es gab nichts dort oben an der Oberfläche. Nichts, wofür es sich zu kämpfen lohnte.
Die Stimme des unbekannten Mädchens drang noch einmal in sein Bewußtsein. Es wird alles wieder gut. Das verspreche ich dir.
Sie hatte keine Ahnung. Nichts würde wieder gut werden.
Und so verkroch er sich in einem dunklen Winkel seiner Seele, hockte sich in eine Ecke, schlang die Arme um seine angewinkelten Knie und begann leise zu weinen.
Rachel sah mitfühlend auf AJs blasses Gesicht hinunter. Eine Träne bahnte sich den Weg von seinem Augenwinkel über die Wange hinunter zu seinem Mundwinkel und vorsichtig wischte sie sie mit dem Zeigefinger weg.
Er hatte sie für Lillian gehalten und sie konnte sich nur ansatzweise vorstellen, wie schmerzhaft es für ihn gewesen sein mußte zu erkennen, dass sie eine andere war.
Sie hatte Lillian nie kennen gelernt. Doch sie war AJ begegnet.
Sie schloss für einen Moment die Augen und dachte zurück an die Party, die für ihre Begriffe schon Jahrmillionen zurücklag. Eine Freundin hatte sie mitgeschleppt in das riesige Haus, in dem sich Rachel vollkommen fehl am Platz und verloren gefühlt hatte. Überall waren Menschen gewesen, die sich scheinbar prächtig zu amüsieren schienen. Sie kannte kein einziges der Gesichter, die beinahe körperlos an ihr vorbei schwebten, sie manchmal sogar mit einem flüchtigen Blick musterten, sie aber ansonsten nicht wirklich wahr zu nehmen schienen.
Also hatte sie sich mit einer Flasche Bier hinaus in den riesigen Garten verzogen. Im hintersten Winkel, versteckt hinter einigen Büschen, die die Form von Tieren hatten, hing eine alte, verwitterte Schaukel vom dicken Ast eines Baumes und vorsichtig hatte sie sich darauf nieder gelassen. Die Musik drang gedämpft vom Haus herüber und während sie ganz leise Im a looser baby, so why dont you kill me vor sich hin sang, begann sie sachte auf der Schaukel hin und her zu schwingen.
Sie dachte über ihr Leben nach, das zu diesem Zeitpunkt in einer Sackgasse steckte und, wie sich später heraus stellen sollte, auch nie wieder in geregelten Bahnen verlaufen würde, und fragte sich, wie sie eigentlich hier her gekommen war. An welchem Punkt ihres Lebens hatte es angefangen schief zu laufen?
Sie fand keine Antwort auf diese Frage, denn in diesem Moment begann der Busch vor ihr zu rascheln und zu wackeln und gleich darauf torkelte ein offensichtlich schwer angetrunkener AJ um die Ecke. Er blieb einen Moment heftig schwankend stehen, so als überlege er, was er eigentlich hier draußen gewollt hatte, öffnete dann den Reißverschluss seiner Jeans und begann gegen den Strauch zu urinieren.
Rachels vor Schreck wummerndes Herz beruhigte sich langsam wieder und sie versuchte nicht zu offensichtlich zu dem Mann hinüber zu starren, der nun, immer noch schwankend, seinen Hosenstall wieder schloss und danach einen tiefen, erleichterten Seufzer von sich gab. Im gleichen Moment entdeckte er sie und ein strahlendes Leuchten erhellte sein Gesicht.
Hey, sagte er und kam auf sie zugetorkelt.
Hallo, entgegnete Rachel und wäre am liebsten davon gelaufen.
Ne schöne Nacht, was? sagte er, griff nach einem der Seile, mit dem die Schaukel am Baum befestigt war und hielt sich daran schwankend aufrecht, so dass Rachel beinahe herunter gefallen wäre.
Ja, super, gab sie ironisch zurück und hoffte, dass sich dieser Freak so schnell wie möglich wieder verziehen würde. Doch er dachte gar nicht daran. Ungeschickt lies er sich auf den Boden sinken und lehnte sich mit dem Rücken gegen den rauen Baumstamm.
Und? Ganz alleine? fragte er weiter und streckte dann die Hand nach ihr aus. Im ersten Moment verstand sie nicht so ganz, was er von ihr wollte, doch sein begehrlicher Blick, der an ihrer Bierflasche festzukleben schien, half ihr auf die Sprünge. Bereitwillig gab sie ihm die Flasche und hoffte, dass er damit endlich zufrieden war und verschwinden würde. Er setzte die Flasche an, trank sie in einem Zug leer, rülpste dann laut und vernehmlich und leckte sich über die Lippen.
Ich bin AJ, sagte er, als würde das alles über seine Person aussagen.
Rachel, entgegnete sie knapp.
Was macht eine schöne Frau wie Du alleine auf der Schaukel?
Schaukeln? Alleine sein? gab sie missmutig zurück.
Ohhhh, versteeeeeehe. Er dehnte die Worte ins unendliche, was er selbst wohl ziemlich komisch fand, denn er kicherte belustigt.
Hab dich noch nie hier gesehn, nuschelte er, während er interessiert seine schwarz lackierten Fingernägel betrachtete als spräche er zu ihnen.
Kann vorkommen.
Hm, er nickte, als erkläre dies alles.
Ich werde dann wohl mal
, setzte Rachel an und erhob sich von der Schaukel.
Heeeee, wir sind doch gerade dabei ein Gespräch zu führen, da kannst du mich doch hier nicht einfach so sitzen lassen! Mit einiger Mühe stemmte er sich in die Höhe und stützte sich dabei mit der Hand am Baum ab.
Nun, unser Gespräch ist hiermit wohl zu ende, entgegnete Rachel und wollte schon an ihm vorbei zurück ins Haus gehen, als er sie unvermittelt und mit erstaunlich festem Griff am Arm packte.
Rachel erschrak und versuchte ängstlich, sich aus seinem Griff zu befreien, doch sie hatte keine Chance.
Weist du, murmelte er, während er sie nahe zu sich heran zog, so dass sie seine Alkoholfahne riechen konnte. Eigentlich bin ich ein ganz netter Kerl. Nur leider
nur leider
haben das die meisten vergessen. Inklusive mir, wie ich hinzu fügen möchte.
Sie stand nun ganz nah vor ihm und das erste Mal konnte sie seine Augen richtig erkennen. Wie versteinert starrte sie in sein Gesicht. In seinem Blick lag eine tiefe und grenzenlose Leere, die sie frösteln lies und augenblicklich keimte so etwas wie Mitleid in ihr auf.
Vielleicht sollte ich dich lieber wieder zurück bringen, was meinst du?
Ja, nickte er wie ein folgsames Kind. Bring mich zurück. Dahin, wo alles noch schön und gut war, ja?
Ich befürchte, das wird etwas schwierig, entgegnete Rachel und ein leichtes Lächeln hatte sich auf ihre Lippen gelegt.
Meinst du? fragte er und legte den Kopf leicht schief. Dann zuckte er mit den Schultern. Ich komm trotzdem mit.
An der Hand führte sie AJ zurück zu dem hellerleuchteten Haus, passte dabei auf, dass er nicht aus Versehen stolperte und der Länge nach hinschlug, und schob ihn wenig später durch die geöffnete Terrassentür.
Von irgendwoher rief jemand seinen Namen und als wäre er aus einer Art Trance erwacht richtete er sich ein Stück auf, sah sich suchend nach der Stimme um und verschwand dann ohne ein weiteres Wort und auf Nimmerwiedersehen in der Menschenmenge, die das Wohnzimmer bevölkerte.
Rachel öffnete die Augen und ihr Herz weitete sich, als sie nun auf AJ hinunter sah. Sie versuchte sich darüber klar zu werden, dass diese Zeit weit hinter ihr lag, dass seitdem so unglaublich viel passiert war, und dass es ein buchstäbliches Wunder war, das sie hier in dieser Nacht wieder vereint hatte.
Sie war sich ziemlich sicher, dass AJ sich nicht mehr an sie erinnerte, doch sie hatte ihn niemals vergessen. Der traurige Blick aus seinen dunklen Augen, sein betrunkenes Lächeln und seine raue, männliche Stimme, die ihr ein angenehmes Prickeln über den Rücken schickte.
Bilder aus einer anderen Nacht tauchten vor ihrem geistigen Auge auf. Die Nacht, die ihr Leben und auch seins grundlegend verändert hatte. Sie schüttelte den Kopf. Daran sollte sie jetzt nicht denken. Es war zu schmerzhaft und würde sie doch nur von ihrer Mission ablenken.
Schlaf, flüsterte sie, während sie ihm sanft über das Haar strich. Wir haben noch ein bißchen Zeit.
Leise stand sie auf und setzte sich mit untergeschlagenen Beinen auf das Sofa. Ihr Blick ruhte auf seinem Gesicht und schien jedes Detail in sich aufzusaugen. Er mußte einfach wieder gesund werden und er mußte verstehen, dass die Welt sich weiter drehte und das gut so war. Doch um dies zu erkennen, würde es eine Weile brauchen. Er hatte irgendwo auf seinem Weg sämtliche Hoffnung verloren, den Vater verflucht und sich von ihm abgewandt. Dieses Vertrauen wieder herzustellen und ihm damit wieder Mut und Kraft zu geben war ihre Aufgabe und auch wenn sie noch keinen blassen Schimmer davon hatte, wie sie dies bewerkstelligen sollte, so war sie doch zuversichtlich. Es mußte einfach funktionieren. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Weder für sie, noch für ihn.