Kapitel 3

Mühsam rappelte Rachel sich auf und blickte sich um. Das Schneetreiben war so dicht, dass sie kaum fünf Meter weit sehen konnte. Alles um sie herum war weiß und schien duch die dicke Schneeschicht sämtliche Konturen verloren zu haben.
Sie trug Jeans, viel zu dünne Turnschuhe und Gott sei Dank einen dicken Parker, der im Moment noch einen einigermaßen guten Schutz gegen die Kälte bot. Doch ihre Füße, Hände und das Gesicht waren bereits dabei, taub zu werden.
Sie drehte sich einmal im Kreis, registrierte dabei den Geruch nach feuchtem Neuschnee und Kiefernnadeln und hielt verzweifelt nach AJs Wagen Ausschau. Er mußte hier doch irgendwo sein.
Schließlich stapfte sie einfach los und versank bereits beim ersten Schritt bis zu den Knien im tiefen Schnee. Mühsam kämpfte sie sich vorwärts, stieß keuchend den Atem aus und spürte, wie ihre Muskeln unter der ungewohnten Anstrengung zitterten.
Noch gestattete sie sich nicht daran zu denken was sie tun sollte, wenn sie AJ gefunden hatte. Ein Schritt nach dem anderen.
Aus der Dunkelheit vor ihr schälte sich eine Erhebung, die nicht so recht in die restliche Umgebung passen wollte. Die neu gewonnene Hoffnung verlieh ihr zusätzlich Kraft und sie verdoppelte ihre Anstrengungen.
Gleich darauf hatte sie den Wagen erreicht. Er lag auf dem Dach, sämtliche Fensterscheiben zersplittert und die Karosserie verbeult. Auf der Fahrerseite lies sie sich auf die Knie fallen und schaufelte mit bloßen Händen den Schnee zur Seite. Sie konnte eine blutverschmierte Hand erkennen, die wie ein stummer Hilfeschrei in ihre Richtung ausgestreckt da lag und ihr Herz begann hektisch und laut in ihrer Brust zu schlagen.
Ohne weiter darüber nachzudenken schob sie sich durch das kaputte Seitenfenster. AJ hing kopfüber in seinem Sicherheitsgurt. Das Blut, das über sein Gesicht gelaufen war, begann an einigen Stellen bereits zu gefrieren. Sein Gesicht war unnatürlich blass nur seine Lippen hatten ein mattes Blau angenommen und Angst grub sich in Rachels Eingeweide. Vielleicht hatte sie zu lange gewartet. Vielleicht kam sie zu spät!
Sie rieb ihre Hände aneinander, um wieder so etwas wie Leben in sie hinein zu bringen, und tastete dann ängstlich und mit angehaltenem Atem nach AJs Puls. Ihr wurde übel, als sie ihn nicht finden konnte. Hektisch tasteten ihre Finger über seinen Hals, bis sie schließlich doch noch einen kaum wahrzunehmendes Pochen spürte. Es war noch nicht zu spät!
Sie schob eine Arm unter seinen Kopf und tastete mit der freien Hand nach dem Verschluss des Sicherheitsgurtes. Beim dritten Versuch schaffte sie es endlich ihn zu öffnen und wie ein nasser Sack glitt AJ in ihre Arme.
Sie kreuzte seine Arme über seiner Brust und robbte dann unter einiger Anstrengung rückwärts aus dem Wagen, während sie ihn hinter sich her ins Freie schleifte.
Diese Porzedur schien ewig zu dauern. Er war unheimlich schwer, seine Kleider bereits mit Feuchtigkeit und Kälte vollgesogen und ihre Muskeln ächzten unter dieser ungewohnten Anstrengung.
Doch schließlich hatte sie es geschafft. Sie zögerte kurz, doch dann zog sie ihren Parker aus und breitete ihn über seinem reglosen Körper aus. Augenblicklich fuhr der schneidende Wind durch ihren Pullover und sie begann unkontrolliert zu zittern. Für einen winzigen Moment gestattete sie sich einen Blick in sein hübsches Gesicht. Das dunkle Haar lugte unter einer Wollmütze hervor, seine schmalen Lippen waren leicht geöffent, seine wunderschönen, haselnussbraunen Augen geschlossen.
Und jetzt? Dachte sie verzweifelt und schaute sich um. Nirgends konnte sie einen Hinweis auf Leben entdecken. Kein Licht blitzte zwischen den dunklen Bäumen auf, kein Laut drang an ihr Ohr. Sie hätte genau so gut der einzige, existierende Mensch auf der Welt sein können.
“Vater bitte, helft mir,” flüsterte sie. “Ich schwöre, das ist das letzte Mal, dass ich euch um etwas bitte.”
Doch sie bekam keine Antwort. Wie auch. Sie war nicht mehr auf der Zwischenebene. Sie war auf der Erde - in der wirklichen Welt - und hier war selbst Seine Macht begrenzt.
Zurück zur Straße oder weiter in den Wald hinein? überlegte sie. Es war ziemlich unwahrscheinlich, dass sich bei diesem Wetter und um diese Uhrzeit jemand in diesen Teil des Parks verirrte. Jeder annähernd vernünftigdenkende Mensch saß jetzt zu Hause vor einem wärmenden Feuer.
“Also in den Wald,” sagte sie laut zu sich selbst. Sie mußte sich unbedingt bewegen, sonst würde sie hier in kürzester Zeit erfrieren. Und AJ mit ihr.
Sie schlang die Arme um seinen schmalen Oberkörper, griff nach den immer noch gekreuzten Armen auf seiner Brust und begann ihn rückwärts über die dichte Schneedecke zu ziehen, immer tiefer in den Wald hinein.
Je weiter sie unter das schützende Blätterdach der Bäume kamen, um so weniger behinderte sie der dichte Schneefall und umso mehr konnte sie um sich herum erkennen.
Das Gestrüpp wurde nach und nach immer dichter, die Stämme der Bäume umfangreicher und die gesamte Umgebung immer unheimlicher. Ab und an hörte sie ein Knacken im Geäst und jedes Mal blieb ihr Herz vor Schreck beinahe stehen. Sicherlich handelte es sich hierbei nur um ein Tier, das in letzter Minute noch einen Unterschlupf vor dem unwirtlichen Wetter suchte oder um dünnere Äste, die unter der Schneelast nachgaben, doch Rachels Fantasie malte schreckliche Kreaturen in die langsam näher kriechenden Schatten der Bäume.
Sie spürte, wie ihre Kräfte rasend schnell schwanden. Lange würde sie nicht mehr durchhalten können. Als ihre Beine das erste Mal nachgaben, sie nach hinten auf ihren Hosenboden plumbste und den immer noch reglosen AJ dabei mit sich zog, war sie den Tränen nahe. So durfte das hier einfach nicht enden. Sie war doch hier um seine Seele zu retten und wie sollte sie das bewerkstelligen, wenn sie es noch nicht einmal schaffte, ihn vor der Kälte in Sicherheit zu bringen?
Sie verschnaufte eine Minute, dann richtete sie sich wieder auf und begann weiter zu taumeln, mittlerweile ohne zu wissen, in welche Richtung sie sich bewegte oder ob das hier noch irgendeinen Sinn ergab.
Als sie schließlich bemerkte, dass die Bäume langsam zurück wichen und sie sich auf einer Art Schneise durch den Wald befanden, keimte neue Hoffnung in ihr auf. Noch einmal sammelte sie die letzten Kraftreserven, die sich in ihrem schmalen Körper finden ließen.
Einige Meter weiter knickte sie erneut ein. Keine Frage, sie konnte nicht mehr weiter. AJ war zu schwer und sie zu erschöpft. Sie bettete seinen Kopf in ihren Schoß und lies ihren Blick verzweifelt über die Bäume am Wegesrand schweifen. Was hatte Er sich nur dabei gedacht? Hätte Er ihr nicht sagen müssen, dass sie keine Chance hatte, selbst wenn sie AJ aus dem Wagen heraus bekam? Aber hätte es einen Unterschied gemacht? Wahrscheinlich nicht.
Ihr Blick wanderte über ihre Schulter und ein erleichtertes Schluchzen entrang sich ihrer Kehle, als sie die kleine Blockhütte entdeckte, die nicht einmal fünfzig Meter von ihr entfernt stand. Das Schneetreiben hatte etwas nachgelassen und das bisschen Licht, dass durch die Baumkronen auf den Boden gelangte reichte aus, um die dunkle Silouhette zu erkennen.
Für einen Moment war sie sich nicht sicher, ob sie es schaffen würde noch einmal aufzustehen und AJ bis zur Hütte zu ziehen, doch irgendwie kam sie wieder auf die Füße. Sie schloss die Augen und zog und zerrte mit letzer Kraft an dem reglosen Körper.
Erst als sie mit dem Rücken gegen harte, unnachgiebige Holzbohlen stieß, hielt sie inne. Sie hatte es geschafft!
Für einige Sekunden blieb sie noch sitzen, versuchte wieder zu Atem zu kommen, dann rappelte sie sich umständlich auf, stützte sich mit der Hand an der Hauswand ab und taumelte langsam um die Hütte herum. Die Eingangstür befand sich an der linken Schmalseite und als sie die Klinke herunter drückte, öffnete sie sich wie durch Geisterhand. Vielleicht hatte Er sie doch gehört?
Sie stieß die Tür weit auf und rannte dann zurück zu AJ, der immer noch reglos im Schnee lag. Sie schleifte ihn um die Hütte herum und durch die Eingangstür hinein in den kleinen, dunklen Wohnraum.
Sie legte ihn vorsichtig vor dem großen, kalten Kamin auf einem zerschlissenen, runden Teppich ab und ging dann zurück um die Eingangstür zu schließen. Hastig sah sie sich um. Neben dem Kamin entdeckte sie einen großen Korb mit Holzscheiten, kleineren Holzstückchen und Zeitungspapier zum Anfeuern. Sie knüllte das Papier zusammen und schichtete darauf ein wenig Anfeuerholz. Auf dem Kaminsims fand sie eine Schachtel Streichhölzer. Beim vierten Versuch schaffte sie es schließlich mit ihren heftig zitternden Händen ein Streichholz zu entzünden und es an das Papier zu halten. Langsam leckten die Flammen daran, fraßen sich durch das Papier und entzündeten gleich darauf das dünne Anfeuerholz. Vorsichtig legte Rachel noch einen größeren Holzscheid darüber und genoss für einen Moment die Wärme, die das Feuer verströmte.
Sie zog ihre Schuhe aus, stellte sie neben den Kamin und sah sich dann suchend um.
Die Hütte bestand aus zwei Räumen. Im Wohnraum befand sich eine alte, verschlissene Couch und ein ebenso ramponierter Sessel. Davor stand ein kleiner, runder Holztisch. Zu ihrer Linken neben der Eingangstür hingen Regale an der Wand, die mit jeder Meng Geschirr und Krimskrams vollgestellt waren. Zu ihrer Rechten befand sich eine kleine Kochnische mit zwei Herdplatten, auf denen zwei verbeulte Töpfe standen.
Direkt daneben ging es in den angrenzenden Schlafraum. Mit tauben Füßen und freuchte Spuren hinterlassend lief sie zu dem breiten Bett hinüber und zog die Tagesdecke herunter. Darunter kam ein dickes Daunenfederbett und ein Kopfkissen zum Vorschein. Auch das klemmte sie sich unter den Arm und lief zurück zu AJ.
Die nächsten zehn Minuten war sie damit beschäftigt ihn unter einiger Anstrengung seiner Kleidung zu entledigen. Sie schob ihm das Kissen untern den Kopf, breitete die Tagesdecke über seinem, nun bis auf die Unterhose nackten Körper aus und besah sich die Wunde an seinem Bein genauer. Es schien eine üble Fleichwunde zu sein, aber gebrochen war wohl Gott sei Dank nichts.
Sie fand einen Verbandskasten im Regal neben der Tür und nachdem sie sowohl sein Bein, als auch die Schnitte in seinem Gesicht versorgt hatte wickelte sie ihn fest in die Tagesdecke ein und breitete das Federbett über ihm aus.
Sie hoffte, dass das reichen würde, um ihn einigermaßen warm zu halten. Das Feuer knisterte inzwischen munter im Kamin und verströmte eine angenehme Wärme in der kleinen Hütte.
Nun gestattete sie sich endlich, ihre eigenen nassen Kleider auszuziehen. In einem kleinen Schrank im Schlafraum fand sie trockene Sachen, die ihr zwar zu groß waren, die sich aber angenehm warm und trocken auf ihrer Haut anfühlten.
Schließlich ging sie wieder zurück in den Wohnraum und kniete sich neben AJ auf den Boden. In sein Gesicht war wieder ein wenig Farbe zurück gekehrt und das ungesunde Blau war aus seinen Lippen gewichen. Vorsichtig strich sie ihm über die Stirn, die sich angenehm warm unter ihren Fingern anfühlte.
“Wir kriegen das wieder hin,” flüsterte sie, auch wenn ihr klar war, dass er sie nicht hören konnte. “Ich verspreche dir, dass alles wieder gut wird. Ich bin nämlich ein Engel, weißt du? Nun ja … kein wirklich richtiger Engel … mir … mir fehlen noch die Flügel aber … aber ich bin hier, um dir zu zeigen, dass das Leben noch mehr zu bieten hat als Drogen und Alkohol.”
Vorsichtig beugte sie sich über ihn und hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. “Wir schaffen das,” flüsterte sie und fühlte, wie ihr Körper erneut anfing zu zittern. Doch diesmal nicht vor Kälte.

Kapitel 4