Kapitel 2
Rachel rannte mit wehenden Haaren und nackten Füßen den langen Korridor entlang. Es durfte nicht sein. Nicht jetzt. Nicht heute Nacht. Er war noch viel zu jung zum sterben! Angst hatte sich ihrer Eingeweide bemächtigt und ihr Herz schlug wie ein wildgewordener Schmetterling in ihrer Brust.
Wie hatte Er das nur zulassen können? Er hatte doch gewußt, wie es um ihn stand. Jeder hier wußte das. Zumindest jene, die sich auch nur ein bißchen für die Welt und die Menschen darin interessierten. Spielte denn die Entfernung wirklich eine Rolle?
Auch wenn dies hier ihre neue Heimat war, so hatte sie doch nie vergessen, was sie erlebt hatte, war ihr immer noch bewußt was es bedeutete Gefühle zu haben - sterblich zu sein.
Keuchend erreichte sie das Ende des Ganges und wandte sich nach rechts. Die großen, filigran verzierten Portale an dessen Ende waren geschlossen. Sie erhoben sich golden und verheißungsvoll, überstrahlten mit ihrer atemberaubenden Präsenz alles um sie herum. Dies war ihr Ziel und der letzte Ausweg. Würde man ihr den Eintritt verwehren, so würde sie mit ihm sterben endgültig sterben - so viel war sicher.
Ihr Hände griffen nach der schweren Türklinke und mit einiger Kraftanstrengung schaffte sie es, sie nach unten zu drücken. Sie warf sich mit ihrem gesamten Gewicht gegen die großen Flügeltüren und drückte sie Stück für Stück ein bißchen weiter auf.
Durch den so entstehenden Türspalt flutete gleißendes Licht in den dunklen Korridor. Stimmen drangen an ihr Ohr. Aufgeregt murmelten sie durcheinander, so dass Rachel kein einziges Wort davon verstehen konnte. Hoffentlich kam sie nicht zu spät.
Mit letzter Kraft drückte sie das Tor so weit auf, dass sie hindurch schlüpfen konnte. Die Helligkeit dahinter lies sie für einen Moment blinzeln und die Augen, die noch nicht ganz vom Schlaf befreit waren, fest zusammen kneifen. Als sie sie vorsichtig wieder öffnete, sah sie sich einer kleinen Gruppe von Menschen gegenüber. Sie trugen ausnahmslos weiße, wallende Gewänder. Die Gesichter der zumeist älteren Männer zierten weiße Vollbärte, den Frauen fielen die langen Haare bis zur Hüfte und alle hatten sie sich dem einen Mann in ihrer Mitte zugewandt.
Er war es, der an dieser Situation etwas ändern konnte. Er hatte die Macht. Nur Er allein und Rachel hoffte inbrünstig, dass Er sie erhören würde.
In diesem Moment wurde sie bemerkt und das Murmeln verstummte augenblicklich. Alle Augen richteten sich auf sie. Sie sah in einigen offene Missbilligung, aber auch Verständnis und so etwas wie Mitleid.
Vater, sagte sie, drängelte sich durch die herum stehenden Menschen und warf sich vor ihm auf den Boden. Vater bitte, ihr dürft ihn nicht sterben lassen. Er hat noch so viel vor sich.
Rachel, die Stimme schwebte durch die Luft, brachte ihre Ohren zum Klingeln und lies alles um sie herum in einem feinen Singsang vibrieren. Rachel mein Kind. Wir können nichts dagegen tun. Er hat seinen Weg ganz alleine gewählt und er wird ihn auch bis zum Ende gehen müssen.
Aber das ist nicht gerecht, begehrte Rachel auf. Ihr habt ihm seinen Schutzengel genommen. Er hatte doch keine Chance!
Auch das hat er selbst zu verantworten und das weißt du.
Bitte, lasst mich ihm helfen. Ich verspreche auch, danach zu gehen wohin ihr mich schickt. Ich werde ein vorbildlicher Engel sein und euch keinen Kummer machen, aber bitte, BITTE, lasst ihn nicht sterben!
Rachel, das hat doch keinen Sinn. Ich kann nichts tun. Er
,
Das ist nicht wahr! Rachel war aufgesprungen und baute sich vor dem Mann auf, der mit mildem Blick auf sie hinunter sah. Als sie ihn das erste Mal traf hatte er sie vor die Wahl gestellt: Sie konnte hier, in dieser Zwischenwelt bleiben und ihr bestes tun, um irgendwann in den Himmel aufzusteigen, oder sie konnte so weiter machen wie bisher und er würde ihre Seele damit in die Hände eines anderen legen. Rachel hatte nicht lange überlegen müssen.
Doch heute war ihr egal was mit ihr passierte. Sollte Er doch zu dem Entschluss kommen, dass aus ihr niemals ein guter, mitfühlender und tadelloser Engel werden konnte. Es ging hier um mehr. Um viel mehr!
Ihr könnt etwas tun, sagte sie nun und wagte es nicht, ihn direkt anzusehen. Man erzählte sich, dass dies nur reine Seelen durften und sie war meilenweit davon entfernt rein zu sein. Schickt mich hinunter. Lasst mich ihm helfen.
Ausgerechnet du? Es lag keinerlei Spott in seiner Stimme und doch fühlte sie, wie sich etwas in ihr zusammen zog. Im Grunde hatte er recht. Sie war wahrscheinlich am wenigsten dafür geeignet, jemandem eine reine Seele zurück zu geben, aber sie mußte es einfach versuchen. Sie hatte keine andere Wahl.
Bitte. Ich schwöre bei meiner Familie, dass ich alles tun werde, was ihr verlangt. Bitte!
Sie sank erneut auf die Knie und versuchte die Tränen zurück zu halten, die unaufhaltsam ihre Kehle hinauf krabbelten.
Hm. Der gesamte Saal schien den Atem an zu halten, während Er über ihren Vorschlag nachdachte. Und du bist dir sicher?
Ich bin mir ganz sicher Vater. Wirklich! Lasst es mich versuchen.
Was versprichst du dir davon? Einen Platz im Himmel?
Nein, sie schüttelte den Kopf, immer noch gebeugt vor ihm hockend. Nein. Ich verspreche mir nichts für mich. Ich wünsche mir nur, dass er wieder glücklich wird. Ich möchte
ihm sein Leben zurück geben, das ich
das ich ihm
genommen habe.
Eine Buße? Du weißt, dass das so nicht funktioniert, oder? Er kann dir nur aus freien Stücken vergeben und er wird niemals erfahren, wer du wirklich bist.
Das weiß ich. Ich möchte nur
ich möchte ihm helfen. Bitte, lasst es mich versuchen.
Erneut kehrte bleierne Stille ein, dann spürte sie, wie Er sich bewegte, aufstand und einen Schritt auf sie zutrat. Eine Hand tauchte in ihrem Blickfeld auf, so gleißend hell, dass sie die Augen schließen mußte, weil es wehtat sie anzusehen.
So soll es sein, hörte sie ihn sagen und vor Erleichterung entrang sich ihr ein trockenes Schluchzen. Sie griff nach der Hand und lies sich aufhelfen, immer noch die Augen geschlossen. 40 Tage. Mehr nicht. Wenn er bis dahin nicht eingesehen hat, welches Geschenk ich ihm gemacht habe, dann werdet ihr beide am eigenen Leib erfahren was es heißt, mich nicht zu ehren.
Danke Vater. Vielen, vielen Dank. Ihr werdet es nicht bereuen, das verspreche ich euch!
Schon gut. Ich wünsche dir viel Erfolg, auch wenn ich, ehrlich gesagt bezweifle, dass er noch zu retten ist. Seine Seele ist so schwarz wie die Nacht. Für ihn kommt jede Hilfe zu spät.
Ich werde mein bestes geben, entgegnete Rachel fest.
Gut.
Um sie herum erhoben sich Stimmen. Einige schienen mit dieser Abmachung nicht einverstanden zu sein, doch das kümmerte Rachel nicht. Sie hatte noch eine Chance erhalten und noch einmal würde sie diese nicht verstreichen lassen.
Sie fühlte ein leises Prickeln, das zwischen ihren Zehen begann und sich langsam ihren Körper hinauf arbeitete.
Ab jetzt bist du auf dich alleine gestellt, hörte sie Ihn sagen, dann wurde das Licht um sie herum langsam schwächer, das Prickeln verstärkte sich und ein ungeheurer Sog erfasste sie, riss an ihrem Haar und ihrem Umhang.
Und denk daran, hörte sie Seine Stimme ein letztes Mal und von weit her. 40 Tage, keine Sekunde länger.
Dann wurde es endgültig dunkel um sie herum und sie fühlte, wie sie in einen Strudel hinein gesogen wurde, der sie herumwirbelte und immer tiefer hinab zog.
Sie wehrte sich nicht, kreuzte die Arme über der Brust und gab sich ganz dem Gefühl hin, ihren Körper erwachen zu spüren. Es fühlte sich an, als pumpe jemand wieder Leben in sie hinein. Die Fesseln, die sie die ganze Zeit um ihr Herz und ihre Seele gefühlt hatte, wurden gesprengt und davon geweht, ihr Blut begann wieder zu pulsieren und sich ihrer Gliedmaßen zu bemächtigen und tief in sich fühlte sie, wie der Schmerz wieder Einzug in ihr Herz hielt. Sie hatte schon fast vergessen, wie sich das anfühlte und der Schock raubte ihr für einen Moment die Luft zum atmen.
Gerade als sie glaubte es nicht mehr aushalten zu können und sie ernsthaft darüber nachdachte, ob sie hier wirklich das richtige tat, ging ein ungeheurer Ruck durch ihren Körper. Sie drehte sich ein letztes Mal um sich selbst und schlug gleich darauf hart auf dem Boden auf. Die Luft wurde aus ihren neu erwachten Lungen gepresst und sofort bemächtigte sich eine eisige Kälte ihres Körpers. Etwas nasses, kaltes legte sich auf ihr Gesicht und als sie erschrocken die Augen aufriss, blickte sie in einen nachtschwarzen Himmel, von dem Schneeflocken lautlos auf sie herab rieselten.
Sie hatte es geschafft! Sie war wieder auf der Erde! Und diesmal würde sie es besser machen. Ganz bestimmt.