Kapitel 1
Die Nacht senkte sich schwer wie Blei über die Welt, während AJ McLean seinen Wagen durch die ersten Ausläufer des Mystic Nationalparks lenkte. Das einzige Geräusch, das die Stille im Wagen durchdrang, war das leise Sirren der Scheibenwischer, während sie versuchten, die dicken, feuchten Schneeflocken beiseite zu wischen. In der letzten halben Stunde fielen die Flocken immer dichter und er hatte Mühe, irgendetwas jenseits der Windschutzscheibe zu erkennen.
Schon seit einer Weile fühlte er, wie die sich ständig steigende Unruhe in ihm sein Herz in einen harten, unnachgiebigen Griff gefangen nahm. Es war von Anfang an eine absolut dämliche Idee gewesen bei diesem Wetter noch einmal vor die Tür zu gehen. Jeder hatte ihm davon abgeraten. Der Wetterdienst hatte einen Blizzard vorher gesagt und eigentlich sollte er jetzt in seinem warmen, weichen Bett liegen.
Doch schon seit einer ganzen Weile vermittelte ihm ein Bett nicht mehr das Wohlbehagen und die Zuflucht, die es einmal gewesen war. Früher, ja früher war er nach einem anstrengenden Tag nach Hause oder in ein Hotelzimmer gekommen, hatte sich wohlig seufzend in die Decken gekuschelt, die Augen geschlossen und manchmal mit einem Lächeln auf den Lippen an den vergangenen Tag zurück gedacht. Tage die ausgefüllt waren mit Musik, sinnvollen Tätigkeiten, guten Freunden und seiner Familie.
Heute verursachte ihm schon alleine der Anblick eines Bettes Übelkeit. Sich in ein Bett zu legen bedeutete heute, dass er sich nicht mehr ablenken oder belügen konnte. Dass er gezwungen war, sich den Realitäten zu stellen.
Die Wahrheit war, dass er nicht mehr wußte, wer er eigentlich war, warum er jeden Morgen aufstand und warum er überhaupt noch atmete.
Hätte er sich getraut tiefer in sich hinein zu blicken, dann hätte er gesehen, wie tief der Abgrund war, in den er gerade hinein stürzte. Dann wäre er niemals in diesen Wagen gestiegen, hätte sich niemals auf die Suche nach dieser Blockhütte gemacht und sicherlich wäre dann auch nie das passiert, was nicht einmal fünf Minuten vom jetzigen Zeitpunkt entfernt lag.
Doch noch ahnte er nichts von dem, was da unaufhaltsam auf ihn zukam. Noch fluchte er leise auf dieses Mistwetter, noch beseelte ihn nur der eine Gedanke diese Blockhütte zu finden, wo der Typ mit der dunklen, unfreundlichen Stimme auf ihn wartete und das Gegenmittel für seine, sich rasend schnell drehenden Gedanken parat hatte.
Ich gehe bei diesem Wetter garantiert nicht mehr vor die Tür, hatte der Typ am Telefon gesagt. Zu diesem Zeitpunkt war die Verbindung zwar schon schlecht gewesen, aber er hatte ihn trotzdem noch verstanden.
Wenn du was willst, komm vorbei. Lass uns ne kleine Party schmeißen. Nur du und ich.
Er hatte zugestimmt, ohne darüber nachzudenken. Alles was er jetzt brauchte, befand sich in dieser beschissenen Hütte und wenn er sie nicht bald erreichte, würde sich das Zittern seiner Hände verstärken, würden seine Probleme mit einem Paukenschlag zurück kehren und die alles verzehrenden Schmerzen wieder Einzug halten in sein Herz, dass er doch eigentlich so gut abgeschottet hatte.
Ohne richtig hinzusehen nahm er die braune Papiertüte vom Beifahrersitz, klemmte sie sich zwischen die Knie und drehte umständlich den Verschluss der Flasche auf, die sich darin befand.
Als er die Flasche ansetzte und der Whisky beruhigend heiß und brennend seine Kehle hinab lief, fühlte er sich schon ein bißchen besser. Es war nicht mehr weit, zumindest wenn er der Beschreibung des Typs glauben schenken konnte.
Zu seiner Linken erhoben sich inzwischen hohe Felswände, vom immer dichter fallenden Schnee wie mit Puderzucker bestäubt, zu seiner Rechten ging es metertief eine steile Böschung hinunter. Hier lag der Schnee bereits so hoch, dass er die kleinen Büsche und Wurzeln der Bäume bereits zugedeckt hatte.
Gott, wenn er nur endlich bei dieser Hütte ankäme. Er brauchte dringend ein bißchen von dem weißen Pulverwundermittel, ein wärmendes Kaminfeuer und einen Menschen, der keine Fragen stellte sondern sich sogar noch über die Hand voll Dollars freute, die AJ in der Tasche seines Anoracks verstaut hatte. Ja, genau das brauchte er jetzt.
In diesem Moment sprang irgendetwas von der linken Fahrbahnseite auf die kaum noch zu erkennende Straße. Erschrocken lies AJ die Flasche fallen und versuchte seine Hände wieder beide ans Lenkrad zu bekommen. Gleichzeitig trat er mit beiden Füßen kräftig auf die Bremse.
Der Wagen schlingerte, brach hinten aus und schlitterte weiter, ohne merklich langsamer zu werden. AJ nahm die Füße von der Bremse und kurbelte wie wild in die andere Richtung, ohne, dass sich irgendetwas nennenswertes getan hätte. Unaufhaltsam rutschte der Wagen weiter. Das Reh oder Wildschwein oder was auch immer da so plötzlich aufgetaucht war, war nirgends zu sehen, doch der Abgrund kam immer näher.
Verzweifelt trat er erneut auf die Bremse und erkannte zu spät, dass er das Gaspedal erwischt hatte. Der Wagen jaulte auf und schoss wie eine Kanonenkugel unaufhaltsam auf den Abhang zu.
AJ schrie auf, nahm die Hände vom Lenkrad und schlang die Arme schützend um seinen Kopf. In diesem Moment wurde der Wagen über den Rand der Böschung katapuliert. Für einen Moment flog er durch die Luft, die Welt schien still zu stehen. AJ fühlte, wie sein Magen sich verknotete und sein Körper gegen den Sicherheitsgurt gedrückt wurde, dann senkte sich die Schnauze des schweren Mercedes und er wurde nach vorne gerissen.
Mit einem explosionsartigen Knall traf die Motorhaube auf einen, unter dem Schnee verborgenen Felsbrocken, der Airbag löste aus, der Wagen wurde herum geschleudert, krachte mit dem Heck gegen einen Baum, vollführte eine halbe Drehung und landete auf dem Dach. Glas splitterte, Metall verbog sich unter lautem Kreischen, etwas traf AJs Stirn und er schrie erneut auf.
Der Wagen drehte sich nun wie ein verrückt gewordenes Karussel und rutschte in rasender Geschwindigkeit auf dem Dach den Abhang hinunter. Immer wieder krachte er gegen Bäume, wurde herum geschleudert und bäumte sich auf. Die Wände des Wagens kamen beunruhigend schnell auf AJ zugekrochen und schienen ihn zerquetschen zu wollen.
Etwas bohrte sich mit gleißendem Schmerz in sein Bein, die Welt verschwamm vor seinen Augen und als der Wagen schließlich mit einem letzten, ohrenbetäubenden Knall gegen eine massive Felswand prallte, schlug er sich den Kopf so hart am Türrahmen an, dass er Sterne sah.
Urplötzlich war es still geworden. Totenstill. Er hing verdreht und mit dem Kopf nach unten im Sicherheitsgurt, die Windschutzscheibe war komplett zerborsten und Schnee drang unaufhaltsam in den Inneraum. Seine Atmung ging hektisch, er schmeckte Blut in seinem Mund und jeder Knochen im Leib tat ihm weh.
Er versuchte sich aufzurichten, doch diese Bewegung schickte eine Salve von solch beißendem Schmerz durch seinen gesamten Körper, dass ihm auf der Stelle übel wurde. Noch bevor er sich wirklich bewußt werden konnte, was da gerade eben passiert war und welche Konsequenzen das haben würde, fühlte er Dunkelheit auf sich zukriechen.
Sein letzter, bewußter Gedanke galt seinen Freunden, die in einem Hotel, gute 70 Meilen von hier entfernt friedlich in ihren Betten schliefen und keine Ahnung davon hatten, dass er nicht in seinem Bett lag sondern sich heimlich aus dem Hotel geschlichen hatte, dann wurde es endgültig dunkel um ihn herum und er sackte in sich zusammen.
Kälte griff mit langen, dünnen Fingern nach den offenen Fenstern, schlängelte sich in den Innenraum und schien nach ihm zu tasten und die Stellen auszumachen, an denen er am verwundbarsten war. Langsam bemächtigte sie sich seines Körpers, drang durch seinen geöffneten Mund in ihn ein und begann damit, sein Herz zu umfassen und es dazu zu zwingen, immer langsamer zu schlagen.