Kapitel 47

Am Tag von Heathers Abschied waren sie nicht mehr sehr weit gefahren, da AJ nach etwa 100 Meilen beinahe am Steuer einschlief. Ihm fehlte eine Nacht Schlaf und Cassandra ging es nicht anders.
Kurz bevor er endgültig in dem bequemen Bett eines Mittelklasse Hotels einschlief fragte er „was hältst Du davon, wenn wir morgen nach Hause fahren? Also ich meine ... nach LA?“
Cassandra rieb für einen Moment ihren Kopf an seiner Schulter, dann küsste sie seine nackte Brust und antwortete leise „ich würde sehr gerne nach Hause fahren.“
Als er nun in die Auffahrt zu seinem Haus einbog, fragte er sich wohl zum hundertsten Mal, ob ihr bewußt gewesen war, was sie da gesagt hatte. Würde sie L.A. jemals als ihr wirkliches zu Hause betrachten können? Auch wenn sein Haus etwas abseits lag, so war das hier doch eine Großstadt mit allem was dazu gehörte. Er konnte sich die schüchterne Cassandra nur schwer in dieser Umgebung vorstellen, einmal ganz abgesehen von dem rauen Klima, das hier zwischen den Menschen herrschte.
Sicherlich, wenn man nur die Oberfläche betrachtete, dann sah hier alles so harmonisch aus, wie der Sonnenschein, der sich glitzernd auf den Wellen des Pazifiks brach. Friedlich, gemächlich, entspannt.
Aber sobald man ein wenig an dieser zur Schau getragenen Gelassenheit kratzte, bekam man eine Ahnung von den Abgründen, die sich gerade hier in L.A. auftaten. Die meisten Menschen, und das hatte er selbst schmerzhaft am eigenen Leib erfahren müssen, waren nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Jeder zweite in dieser Stadt war ein Künstler. Ob Schauspieler, Sänger, Maler oder nur Hauptdarsteller im eigenen Lebensfilm ... hier schien jeder die Ellenbogen schon aus Gewohnheit aus zu fahren und er hatte Angst, dass Casssandra damit nicht würde umgehen können.
„Woran denkst Du?“ fragte Cassandra in seine Gedanken hinein und er zuckte erschrocken zusammen.
„Nichts. Gar nichts.“
„Du hast schon einmal besser gelogen,“ entgegnete sie mit gerunzelter Stirn.
„Es ist nur ... ich habe mich nur gerade gefragt ...,“ in diesem Moment erreichten sie das Ende der Auffahrt und er hielt vor dem Eingang zu seiner Villa an. Eigentlich hatte er erwartet, dass Cassandra mit offenem Mund staunend neben ihm sitzen würde, immerhin war er sich fast sicher, dass sie solche Gebäude nur aus Hochglanzmagazinen kannte, doch sie wandte ihren Blick keine Sekunde von seinem Gesicht ab und so würde er um eine Antwort wohl nicht herum kommen.
„Was hast Du Dich gefragt?“ hakte sie nach, nachdem er nicht weiter sprach.
„Na ja ... ob es Dir hier wohl gefallen wird. Ich befürchte, ich könnte es nicht ertragen, wenn Du hier unglücklich wärst.“
Sie seufzte leise neben ihm, beugte sich dann zu ihm hinüber und legte ihren Kopf auf seine Schulter.
Zärtlich strich er ihr durch das Haar und schloss für einen Moment die Augen. War es nicht eigentlich egal, wo sie sich befanden? Wenn es sein mußte, würde er mit ihr bis ans Ende der Welt gehen. Sie war seine Heimat, egal wo sie sich gerade aufhielten.
„Ich bin mir sicher, dass es mir hier gefallen wird,“ sagte sie leise und klang dabei so, als läge ein Lächeln auf ihrem Gesicht.
„Wie kannst Du Dir da so sicher sein?“
„Weil ich Dich kenne,“ gab sie schlicht zurück und er schluckte.
„Vielleicht hast Du meine hässlichen Seiten noch gar nicht kennen gelernt.“
Sie richtete sich auf, sah für einen Moment auf das riesige Haus vor sich und dann zurück zu ihm.
„Wir haben jetzt fast zwei Wochen Tag und Nacht zusammen verbracht. Egal was in Zukunft auf uns zukommen wird, wir ... wir sind zusammen, verstehst Du? Und irgendwie ... nun ja ... bin ich der Meinung, dass das unsere besten Eigenschaften zum Vorschein bringt. Dieses Haus, diese Stadt ... ,“ sie schüttelte lächelnd den Kopf „das bist genau so Du, wie Dein warmes Lächeln, wie das Gefühl das ich habe, wenn Du mich in den Arm nimmst. Es kann nichts schlechtes daran sein.“
„Hat Dir schon einmal jemand gesagt, wie wundervoll Du bist?“ hauchte er und küsste sie zärtlich.
„Hm ... die letzten zwei Stunden, glaube ich, nicht,“ grinste sie.
„Nun ... Du bist einfach wundervoll,“ lächelte er und für einen Moment schien die Zeit stehen zu bleiben. Sie saßen immer noch ganz dicht beieinander im Inneren des Jeeps, tauchten in die Augen des anderen ein und vergaßen alles um sich herum.
„Ich glaube,“ sagte AJ nach einer Weile mit einem breiten Grinsen „wir sollten langsam mal aussteigen. Hier drinnen wird es mir eindeutig zu heiß.“
„So?“ fragte Casssandra in gespieltem Erstaunen „ich habe doch gar nichts gemacht.“
Er lachte leise „wenn ich Dich ansehe ist es egal, was Du tust. Am liebsten würde ich über Dich herfallen ... ,“ dabei zog er sie noch ein Stück näher zu sich heran und biss sacht in ihren Hals.
Sie kicherte leicht verlegen „das macht mir ja fast Angst.“
„Das sollte es auch,“ gab er schmunzelnd zurück. Ein letztes mal küsste er sie zärtlich auf den Mund, dann öffnete er die Wagentür und trat hinaus in strahlendes Sonnenlicht.

28. November 2001

Wir sind also in LA angekommen. Irgendwie erscheint es mir so, als sei mein ganzes Leben nur darauf ausgerichtet gewesen, hier her zu kommen.
Und wer weiß? Vielleicht stimmt das ja sogar. Vielleicht hatte es einen tieferen Sinn, das meine Mutter eine Säuferin war, dass ich Foster begegnen musste, dass mich all die Umstände in meinem bisherigen Leben dazu gebracht haben, Tagebuch zu schreiben und vielleicht ... aber wirklich nur vielleicht ... hat irgendeine höhere Macht dafür gesorgt, dass Alex mein Tagebuch in Alabama findet.
Höchstwahrscheinlich werden wir nie heraus bekommen, wie es da eigentlich hingekommen ist und so werde ich es eben als Wink des Schicksals betrachten.

Ich habe noch nicht sehr viel von LA gesehen (wie auch, ich bin ja gerade mal einen Tag hier), aber Alex’s Haus ist einfach wundervoll. So groß, so hell ... irgendwie friedlich.
Er hat mir erzählt, dass das hier sein Rückzugsort ist, neben seinem Elternhaus einer der wenigen Orte, wo er sich wirklich sicher und zu Hause fühlt und ich finde, das merkt man in jedem Raum, an jedem Gegenstand der sich darin befindet und auch an ihm.
Ich kann nicht wirklich sagen, dass er sich verändert hätte, aber ich sehe, wie die Angst und die Unsicherheit der letzten zwei Wochen langsam von ihm abfallen.

Manchmal wünsche ich mir seine Gelassenheit und seine Stärke (auch wenn er sie selbst nicht sehen kann). In der letzten Nacht lag ich lange wach. Ich hörte seinen ruhigen Atemzügen neben mir zu, genoss den Gedanken, dass ich ihn einfach berühren kann, wenn ich das will und irgendwann musste ich einfach aufstehen um auf den Balkon zu treten.
Ich habe meinen Blick über den riesigen Pool schweifen lassen, sog jeden Quadratmeter dieses großen Geländes in mich auf und habe dann festgestellt, dass mir das alles überhaupt nichts bedeutet. Alles was ich will ist er. Ob er nun reich und berühmt oder arm wie eine Kirchenmaus ist ... ist mir völlig egal. Hauptsache, ich kann in seiner Nähe sein.
Und anders als sonst hat mich dieser Gedanke nicht in Angst und Schrecken versetzt.
Alex hat mal gesagt, dass nichts schlimmes daran ist, jemanden zu brauchen und das es vollkommen in Ordnung ist, sich fallen zu lassen.
Im Moment habe ich immer noch Bedenken, irgendwann hart auf dem Boden der Realität auf zu schlagen, aber selbst wenn dem so sein sollte ... niemand kann mir das nehmen, was ich im Moment empfinde. Jedes Opfer, alles, was noch auf mich zu kommen wird, war es wert in dieser Nacht auf diesem Balkon zu stehen und mir des Umstandes bewußt zu sein, dass ich geliebt werde und dass ich ebenfalls liebe.

Vielleicht ist es an der Zeit meine Gedanken nicht mehr nur auf zu schreiben, sondern sie mit jemandem zu teilen ... mit ihm zu teilen. Vielleicht wird es Zeit, die Last der Vergangenheit ab zu legen und nach vorne zu blicken und vielleicht sollte ich langsam anfangen daran zu glauben, dass ich nicht träume, sondern dies hier alles äußerst real ist ... ich es anfassen, riechen, schmecken kann und dass ich diesen Umstand nur einem einzigen Menschen zu verdanken habe.

Ich höre gerade die Haustür. Alex war einkaufen. Ich wollte ihn davon abhalten für mich zu kochen, aber ...


„ ... aber er wollte sich einfach nicht davon abbringen lassen,“ beendete AJ grinsend den Satz, umschlang Cassandra mit seinen Armen und drückte ihr einen Kuss auf das Haar.
„Ja, wie meistens, wenn sich Mr. McLean etwas in den Kopf gesetzt hat,“ kicherte Casssandra und blickte zu ihm auf.
„Im Moment ist in meinem Kopf nur Platz für Dich und ich kann Dir gar nicht sagen, wie gut sich das anfühlt.“
„Ich weiß ganz genau was Du meinst,“ lächelte Cassandra.
LaBelle kam angetrottet und legte Cassandra den breiten Kopf auf die Knie.
„Wenn man sich das so ansieht,“ meinte AJ schmunzelnd und ging neben Cassandras Stuhl in die Hocke, wo er zärtlich LaBelle hinter den Ohren kraulte „sind wir eine richtige, glückliche, kleine Familie.“
„Ja, das sind wir,“ hauchte Cassandra.
„Für immer und ewig,“ gab AJ ebenso leise zurück.
„Ja, für immer und ewig.“

The End

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