Kapitel 45
Irgendwann in den frühen Morgenstunden war Cassandra in ihr Zimmer zurück gegangen. Sämtliches Betteln, Flehen und alle noch so ausgefallenen Überredungsversuche seinerseits hatten nichts genützt.
A.J. verstand zwar, dass sie nach LaBelle sehen mußte und er konnte sogar ihren Wunsch nach voll ziehen, für eine Weile alleine sein zu wollen um das glückliche Chaos in ihrem Kopf zu ordnen, trotzdem war ihm noch nie ein Raum so leer und sein Bett so kalt vorgekommen.
Für eine Weile wälzte er sich von einer Seite auf die andere, vergrub seinen Kopf im Kopfkissen und sog tief ihren Duft ein, dann stand er schließlich auf, duschte ausgiebig und überlegte, was er jetzt tun sollte.
Bis zu ihrem verabredeten Frühstück, das sie auf seinem Zimmer zusammen mit Heather einnehmen wollten, blieben ihm noch drei Stunden.
Schließlich erinnerte er sich daran, dass er sich in Las Vegas befand und dort die Casinos, Restaurants und Bars niemals schlossen. Er schnappte sich seinen Zimmerschlüssel, öffnete seine Zimmertür, widerstand dem Drang den Gang hinunter zu gehen und an Cassandras Tür zu klopfen, und fuhr mit dem Fahrstuhl hinunter in die Lobby.
Es war weniger Betrieb als heute Nachmittag als sie angekommen waren, trotzdem tummelten sich einige Nachtschwärmer und Frühaufsteher in der riesigen Eingangshalle. Er wandte sich in Richtung Casino, schlenderte eine Weile an den immer noch gut besuchten Spieltischen entlang und lies sich schließlich an einem Black Jack Tisch nieder.
Er reichte dem Groupie ein paar Scheine, bekam dafür seine Chips und verbrachte dann die nächste halbe Stunde damit, an Cassandra zu denken, während er sein Geld nach und nach an die Bank verlor.
So wird niemals etwas aus Deinem Vermögen werden, holte ihn schließlich eine vertraute Stimme in die Wirklichkeit zurück.
Heather setzte sich neben ihn auf den gerade frei gewordenen Platz und lächelte ihn an.
Weißt Du, sagte er, während seine letzten Chips eingezogen wurden im Moment ist mir das sowas von egal ... ,
Lass mich raten, sagte Heather grinsend und legte einen Finger an ihr Kinn Du hattest einen richtig schönen Abend mit Cassandra und getragen von dem ganzen Glück bringst Du jetzt Dein Geld unter die Leute.
So könnte man es ausdrücken, schmunzelte er.
O.k. ... bevor Du mir jetzt die ganze Geschichte haarklein erzählen wirst, muß ich Dir etwas geben.
Interessiert blickte er zu ihr hinüber, während sie in ihrer Tasche kramte. Schließlich zog sie ein Bündel Geldscheine hervor und legte es vor ihn auf den grünen Filz des Spieltisches.
Ihr Einsatz? fragte der Groupie sofort und A.J. beeilte sich, die Scheine an sich zu nehmen.
Sag bloß, Du hast gewonnen, fragte er ungläubig und starrte auf das Geld in seiner Hand.
Genau 15.450 Dollar, jubelte sie und fiel ihm überschwänglich um den Hals.
Oh Mann, brachte er irgendwie hervor, während er sich bemühte nicht durch Heathers Schwung vom Stuhl zu fallen.
Ahhhhh, ich kann es noch gar nicht glauben, lachte sie und lies sich wieder neben ihn auf den Stuhl fallen.
Lass uns wo anders hingehen, entgegnete er grinsend, stand auf, nahm ihre Hand und führte sie von dem Spieltisch und dem mittlerweile düster drein blickenden Groupie fort.
Ich fasse es einfach nicht, sagte er, während sie sich einen Weg durch die Spieltische bahnten. Ich habe schon so viel Geld hier gesetzt und niemals auch nur annährend so viel gewonnen.
Ich bin eben ein Glückskind, grinste Heather und deutete auf ein Cafe lass uns da rein gehen. Ich spendiere Dir einen leckeren Kaffee mit allem Drum und Dran.
Da sage ich doch nicht nein, entgegnete er.
Wenig später saßen sie an einem kleinen Tisch, vor sich jeweils eine dampfende Tasse guten, starken Kaffees und fingen beide gleichzeitig an zu reden.
Herzliches Gelächter folgte.
Du zu erst, sagte Heather.
Nein, erzähl erst mal. Wie hast Du das nur gemacht? Ich meine ... 15.000 Dollar ... meine Güte.
Ich habe ein wenig Black Jack gespielt, aber irgendwie lief das nicht so, berichtete sie und dann bin ich zu einem dieser Roulettetischen gegangen. Ich habe alles auf die 12 gesetzt, das ist mein Geburtstag. Jedenfalls ... das Rad dreht sich, nichts geht mehr und als das Rad stehen bleibt ... ,
liegt die Kugel in der 12.
Schlaues Kerlchen, kicherte Heather.
Und das war es schon?
Nein, natürlich nicht. Ich habe dann auf die 6 gesetzt und verloren. Eigentlich wollte ich dann aufhören. Immerhin hatte ich noch knapp 500 Dollar übrig. Aber dann ... na ja ... ich dachte mir, man lebt nur einmal. Also habe ich noch einmal alles auf die 12 gesetzt und siehe da ... ich war reich.
Sie lachte erneut, ihre Wangen waren vor Glück und Aufregung gerötet und ihre Augen leuchteten wie zwei funkelnde Sterne am Himmel.
Was hast Du dann bis jetzt gemacht? Ich meine ... das klingt doch, als hätte sich das innerhalb von einer Stunde abgespielt.
Nun ja ... sagen wir mal so ... neben mir am Tisch saß ein sehr netter junger Mann und der hat mich auf einen Cocktail eingeladen und wir kamen ins Gespräch und ... nun ja ... das hat sich etwas ... ähm ... in die Länge gezogen.
Ihr habt doch nicht etwa ... , fragte A.J. ungläubig.
Neiiiin ... na ja ... nicht so direkt. Wir haben uns ein bißchen die Stadt angesehen und ein wenig in dunklen Ecken geschmust, gestand sie und das Rot auf ihren Wangen vertiefte sich.
Und jetzt? Er hatte seinen Kaffee komplett vergessen, sogar das Bedürfnis ihr sofort von ihm und Cassandra zu erzählen, war in den Hintergrund getreten. Er freute sich wahnsinnig, sie so glücklich zu sehen und es schien ihm, als würde sein eigenes Glück diesen Eindruck noch verstärken.
Ob Du es glaubst oder nicht, Andy kommt tatsächlich aus San Francisco.
Ist nicht wahr? A.J.s Augen wurden noch eine Spur größer.
Doch! Der einzige Nachteil an der Geschichte ... na ja ... so wie es aussieht, werde ich Euch heute Mittag verlassen.
Oh nein! Wirklich? er machte sich nicht die Mühe, seine Enttäuschung zu verbergen. Irgendwie hatte er sich an Heather gewöhnt und sie in sein Herz geschlossen. Der Gedanken, sich früher als geplant von ihr verabschieden zu müssen, tat ihm mehr weh, als er es für möglich gehalten hätte.
Na ja ... er fährt heute zurück und hat mir angeboten, mich mit zu nehmen. Mal abgesehen davon, dass ich natürlich gerne noch etwas Zeit mit ihm verbringen möchte, finde ich es an der Zeit, Euch beide endlich nicht mehr zur Last zu fallen.
Du bist uns nie ... , widersprach er sofort, doch sie unterbrach ihn.
Ja, ja, ich weiß. Trotzdem. Ihr hattet Euren Urlaub zu zweit geplant und habt ihn im Endeffekt zu dritt verbracht. Ich bin Euch wirklich unglaublich dankbar, aber irgendwann kommt einfach der Punkt an dem man Lebe Wohl sagen muß.
Der eine Teil in ihm war unsagbar traurig, doch der andere freute sich darüber. So sehr es ihm auch leid tat, sich von Heather verabschieden zu müssen, so sehr freute er sich doch darauf, mit Cassandra noch ein paar Tage alleine sein zu können. Vielleicht würde es ihm so gelingen, ihr Vertrauen in sich und ihn zu festigen und ihr zu zeigen, wie wichtig sie ihm war und wie sehr er sie liebte.
Du siehst aus, als könntest Du Dich nicht entscheiden, ob Du traurig oder glücklich darüber sein sollst, grinste Heather.
Du kennst mich einfach zu gut, entgegnete er und senkte seinen Blick in den Kaffeebecher.
Wie ist es mit Cassandra gelaufen? Gibt es endlich Hoffnung am Liebeshorizont? fragte Heather und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee.
Er blickte wieder auf und konnte nicht verhindern, dass ein seliges Lächeln auf seinem Gesicht erschien.
Oh, oh, lachte Heather das sieht ja nach Erfolg auf der ganzen Linie aus.
Hm, stimmte A.J. ihr zu.
Jetzt erzähl schon, sonst platze ich hier auf der Stelle.
Langsam begann er ihr von dem Abend mit Cassandra zu erzählen: Der Spaziergang durch die Stadt, der riesige Springbrunnen, ihre Begegnung mit Foster, wobei er versuchte die Kaffeetasse nicht einfach vor Wut zwischen seinen Fingern zu zerbröseln, berichtete, wie er Cassandra schließlich auf der Wiese kauernd vorgefunden hatte und von ihrem ersten, schüchternen Kuß, wobei er ungefähr zu diesem Zeitpunkt gedanklich das Cafe und Heather verlies um auf einer rosaroten Wolke davon zu schweben.
Als er schließlich geendet hatte, blieb es eine Weile still. Schließlich blinzelte er und wurde sich des Umstandes bewußt, dass er immer noch in Las Vegas in einem Cafe saß und ihm gegenüber Heather mit einem breiten, liebevollen Lächeln darauf wartete, dass er wieder aus seinen Gedanken auftauchte.
Das ist sooooo romantisch, hauchte sie und er mußte leise lachen.
Ja, das lässt sich wohl nicht leugnen. Und das beste daran ist, dass es sich auch noch so anfühlt.
Ihr habt es verdient endlich glücklich zu sein, sagte sie und er nickte langsam.
Ja ... es ist ... tatsächlich eine Weile her, dass ich mich so gefühlt habe.
Das ist doch schön.
Ja, schon.
Aber?
Nun ja ... kennst Du das ... ich meine ... wenn alles einfach perfekt läuft und Du glücklich bist, dann wartest Du eigentlich nur darauf, dass Du aus diesem Traum aufwachst und irgendetwas schlimmes passiert.
Ich weiß was Du meinst. Denkst Du, sie liebt Dich nicht?
Ich weiß nicht ... oder ... doch, schon irgendwie ... aber ... hm ... sie ist selbst so unglaublich unsicher und ich glaube, sie kann sich nicht vorstellen, dass ich sie wirklich liebe. Ich habe Angst, dass sie irgendetwas unüberlegtes tut.
Zum Beispiel?
Ich weiß nicht. Davon laufen vielleicht. Das kann sie wirklich gut.
Ich befürchte, Du kannst nichts anderes tun, als ihr immer wieder die Sicherheit zu geben, die sie braucht.
Ich weiß. Ich habe nur keine Ahnung, ob das reichen wird.
So schlimm wie das jetzt auch klingt, aber wenn es nicht reicht, dann kannst Du überhaupt nichts dagegen tun.
Genau das ist der springende Punkt, nickte er und spürte, wie sich sein Glücksgefühl langsam in Hoffnungslosigkeit verwandelte.
Hey Romeo, jetzt mal ganz langsam, sagte Heather und eine warme Hand legte sich auf seinen Unterarm. Sie liebt Dich, o.k.? Das ist so klar, wie das Amen in der Kirche. Ihr bekommt das schon hin, davon bin ich überzeugt.
Deine Gewissheit möchte ich haben.
Vertrau mir. Ihr werdet heiraten, viele, süße kleine A.J.s und Cassys in die Welt setzen und glücklich und zufrieden bis ans Ende Eurer Tage zusammen leben.
Ich hoffe, Du hast recht, sagte er leise.
Natürlich habe ich recht, gab sie in gespielter Entrüstung zurück und er konnte schon wieder lächeln.
Natürlich, was sonst.
Eben, sag ich doch.