Kapitel 44

A.J. hatte träge die Augen geschlossen und genoss das Gefühl von Cassandras weicher Haut unter seinen Fingern. In ihrem Zimmer herrschte ein angenehmes Halbdunkel, die Vorhänge waren zu gezogen und sperrten damit den größten Teil der hellen Lichter von Las Vegas aus.
„Wenn mir jemand am Anfang erzählt hätte, dass das mit uns so enden würde, hätte ich ihm nicht geglaubt,“ sagte Cassandra leise, während sie mit ihren Fingern die Konturen seiner Brust nachmalte.
„Na, ich hoffe doch, dass das hier der Anfang und nicht das Ende ist,“ schmunzelte er und zog sie noch etwas näher zu sich heran.
Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er sich das letzte Mal so wohl gefühlt hatte. Die ganze Welt schien plötzlich in Ordnung zu sein und erstrahlte in leuchtenden Farben. Er fühlte sich ... zufrieden ... ja, das war wohl das Wort, das er suchte ... ausgeglichen, glücklich, stark und gleichzeitig so angenehm schwach.
„Aber der Anfang von was? Ich meine ... ,“ sie richtete sich in seinen Arm auf und blickte auf ihn hinunter „ ... objektiv betrachtet passen wir überhaupt nicht zusammen. Deine Welt ist so weit von meiner entfernt. Ich kann einfach nicht glauben, dass ich Dir irgendetwas geben könnte.“
Er schüttelte nachsichtig den Kopf, umfasste ihre Taille und rollte sich mit ihr zur Seite. Er genoss das Gefühl ihres warmen Körpers unter ihm, die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich an ihn schmiegte und das prickelnde Gefühl, dass ihre Finger auf seinem Rücken hinterließen.
„Du bist mein Licht im Dunkeln, verstehst Du? Alles um mich herum ist manchmal so ... ich weiß auch nicht ... so bedrohlich für mich. Ich fühle mich nicht wohl, denke, dass mir mein Leben irgendwie nicht passt. Wie ein zu enger Anzug ... in den man sich irgendwie hinein quetscht, dabei aber unglaublich lächerlich aussieht und sich einfach eingesperrt und unwohl fühlt.
Wenn ich mit Dir zusammen bin, dann ist es, als würde ich in mein Lieblings-T-Shirt schlüpfen. Ich kann wieder atmen und fühle mich sicher. Dieses Gefühl ist mir vor sehr langer Zeit abhanden gekommen und Du hast es auf wundersame Weise zu mir zurück gebracht.“
„Ich bin also ein T-Shirt,“ stellte sie mit gerunzelter Stirn fest und er seufzte.
„Ich befürchte, ich kann es nicht wirklich richtig ausdrücken.“
Sie kicherte „ich habe schon verstanden, was Du mir sagen willst und ich ... nun ja ... ,“ sie machte eine kleine Pause, in der sie aufmerksam sein Gesicht musterte, dann flüsterte sie „ ... ich kann Dir gar nicht sagen, wie gut es sich anfühlt, Dein T-Shirt zu sein.“
Ein strahlendes Lächeln legte sich auf sein Gesicht und er versenkte gleich darauf seinen Kopf in ihrer Halsbeuge.
„Da bin ich aber froh,“ murmelte er gedämpft an ihrem Hals, was sie erneut zum Kichern brachte.
„Das kitzelt!“
„So?“ gab er in unschuldigem Ton zurück und lies dann seine Lippen sanft an ihrem Hals hinauf zu ihrem Ohrläppchen wandern.
„Das auch?“ fragte er und spürte, wie sich ihr Körper unter ihm anspannte.
„Nein, ganz und gar nicht,“ schnurrte sie.
Seine Hand wanderte unter der Decke über ihren Oberschenkel und ihre Taille, strich dann sanft über ihren flachen Bauch und wanderte dann weiter nach oben.
Kurz bevor er ihre Brust erreicht hatte, hielt sie seine Hand fest. Als er den Kopf hob und ihre Augen sah, bemerkte er dort einen unsicheren Ausdruck.
„Das hier ... ist aber nicht so eine ... na ja ... Spaß-haben-für-eine-Nacht-Geschichte, oder?“
„Darf ich Dich daran erinnern, dass DU MICH verführt hast?“ versuchte er zu scherzen, doch sie ging nicht darauf ein, sondern starrte ihn lediglich weiterhin aus ihren großen Augen an.
„Hey,“ sagte er sanft, entzog ihr seine Hand und strich damit zärtlich durch ihr Haar „ich würde noch nicht einmal auf den Gedanken kommen, dass das hier nur eine vorübergehende Sache ist.“
„Bist Du Dir sicher? Ich meine ... es gibt so viel andere Frauen, die ... ,“
Er verschloss ihren Mund mit einem sanften Kuß und als er ihr wieder in die Augen blickte, war der unsichere Ausdruck daraus verschwunden.
„Andere Frauen interessieren mich nicht,“ sagte er „ich habe Dich, mehr brauche ich nicht.“
„Ich befürchte, es wird noch eine Weile dauern, bis ich das wirklich ... glauben kann,“ gab sie zu und verschränkte dann ihre Hände in seinem Nacken.
„Weißt Du, was mich wirklich wütend macht?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Dass Dir jeder, den Du bisher gekannt hast, eingeredet hat, dass Du nicht dazu gehörst, dass irgendetwas mit Dir nicht stimmt. Ich verstehe, dass man irgendwann anfängt, diesen Menschen zu glauben, doch sie hatten alle keine Ahnung.“
„Ich weiß nicht. Irgendetwas muß doch dran sein ... ich meine ...“
„Genau das ist eben nicht so,“ unterbrach er sie. „Du bist eine wundervolle Frau, warmherzig, intelligent und so unglaublich ... hm ... verführerisch,“ er grinste leicht und küsste sie.
„Ich glaube,“ entgegnete sie mit geschlossenen Augen „ich werde mich in Zukunft von morgens bis abends von Dir überzeugen lassen.“
„Oh, diese Aufgabe werde ich mit Freuden übernehmen,“ lachte er.
„Wo Foster jetzt wohl ist,“ sagte sie unvermittelt und er spürte, wie sofort die alt bekannte Wut auf diesen Mann in ihm hoch stieg.
„Ich habe keine Ahnung. Ich hoffe, in einem dunklen Loch ohne Fenster, in dem das Wasser von den Wänden läuft und ihn niemand hören kann,“ entgegnete er grimmig und lies sich wieder auf die Seite fallen.
„Als ich ihn in diesem Casino sah, da dachte ich ... uhm ... ich weiß eigentlich gar nicht was ich gedacht habe ... es war so ... ,“ sie stockte und er wandte den Kopf. Ihr Blick war an die Decke gerichtet und schien durch sie hindurch an einen weit entfernten Ort gerichtet zu sein.
„Ich hatte Angst und gleichzeitig ... ich glaube, wenn ich in diesem Moment ein Messer bei mir gehabt hätte, wäre ich auf ihn losgegangen.“ Die letzten Worte hatte sie nur noch geflüstert. Er streckte seine Arme aus und sagte leise „komm’ her.“
Sie rutschte zu ihm hinüber und legte ihren Kopf wieder auf seine Brust. Zärtlich schlang er seine Arme um sie und küsste ihr Haar.
„Ich werde dafür sorgen, dass Dir dieser Mensch nie wieder weh tun wird,“ sagte er leise.
„Dann verbanne ihn aus meinen Gedanken,“ flüsterte sie „nimm’ ihn aus meinen Kopf und damit auch die ganzen schrecklichen Bilder, die ich einfach nicht vergessen kann, so sehr ich mich auch anstrenge.“
Er zog sie noch etwas enger an sich und schwieg. Was hätte er darauf auch sagen können?

26. November 2001

Nach 12 Stunden mit Alex bin ich wieder alleine. Na ja ... sagen wir mal ... ich bin körperlich wieder alleine – ohne ihn. LaBelle liegt hier neben mir auf dem Bett und schnuppert die ganze Zeit an mir herum, als könnte sie ihn riechen (was sie höchstwahrscheinlich auch kann und das obwohl ich geduscht habe).
Es fällt mir im Moment sehr schwer meine Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen. Immer, wenn sich in meinem Kopf Gedanken formen, erscheint sein Gesicht vor mir, mit diesen wunderschönen Augen und seinem warmen Lächeln.

Aber vielleicht sollte ich einfach von vorne Anfangen:
Ich habe heute Foster wieder gesehen. Dieses Schwein ... hat doch tatsächlich so getan, als sei nichts gewesen. Er hat mich begrüßt, als wären wir alte Freunde und mehr als alles andere hat mich das so unglaublich wütend gemacht.
Und als wäre Alex meine Waffe gewesen, ist er wie ein Wilder auf ihn los gegangen. Und dann kam die Angst. Wie eine schwarze, bedrohliche Decke hat sie sich über mich gelegt. Angst vor Foster, Angst davor, dass Alex irgendetwas passieren könnte, Angst vor meinem eigenen Ich, dass in mir glücklich aufgeschrieen hat, als Alexs Faust Fosters Gesicht traf.
Ich konnte nicht dort bleiben. Ich bin, mal wieder, einfach davon gelaufen und habe doch tatsächlich für einen Moment geglaubt, dass ich so alles hinter mir lassen könnte. Wie oft man sich doch selbst belügt.
Ich kam keine hundert Meter weit, da habe ich mich schon dauernd umgesehen und mich gefragt, wo Foster jetzt wohl ist, was mit Alex passiert und ob ich ihn wohl jemals wieder sehen werde.

Irgendwann haben sich meine Beine einfach nicht mehr in die Richtung bewegt, in die ich gehen wollte, also habe ich mich ins Gras gesetzt und gewartet. Auf was, kann ich noch nicht einmal wirklich sagen, ich saß einfach nur da und habe immer wieder gesehen, wie Alex auf Foster zu stürzt, habe beobachtet, wie Fosters Lippe aufgeplatzt ist und versucht, mich nicht mehr darüber zu freuen. Hat leider nicht wirklich geklappt.

Und dann war Alex plötzlich da und ich kann überhaupt nicht beschreiben, was in diesem Moment in mir vorgegangen ist. Vor allen Dingen wohl unendliche Erleichterung und der übermächtige Wunsch, dass er mich in den Arm nimmt. Im Endeffekt hat er das auch getan und ich werde immer noch ganz rot, wenn ich daran denke, was wir in dieser Nacht alles getan haben!

Als wir sein dunkles Hotelzimmer betraten, hatte ich Angst (mal wieder). Ich wußte nicht, wie ich mich verhalten sollte, was er von mir erwartete. Würde ich alles richtig machen? Und überhaupt ... wollte ich überhaupt, dass er mich berührte? Ich meine ... das mit Foster schwirrt immer noch in meinem Kopf herum. Schmerzen, Ekel, unbändige Angst ... doch Alex war so wahnsinnig ... sanft und zärtlich ... und geduldig. Er sagte immer wieder, dass wir sofort aufhören können und dass er niemals etwas tun würde, dass ich nicht wollte.
Als ich hinterher geweint habe, hat er mich in den Arm genommen und war tot unglücklich, weil er dachte, er hätte mir weh getan. Aber das war es nicht. Ich war einfach nur so unglaublich glücklich und ich hatte die Möglichkeit, entweder laut schreiend und singend durch das Zimmer zu springen, oder einfach in seinen Armen zu bleiben und zu weinen.

Im Grunde meines Herzens kann ich mir immer noch nicht vorstellen, dass das mit uns länger als diesen Urlaub anhält, aber ich nehme das jetzt einfach erst einmal so hin. Er scheint tatsächlich in mich verknallt zu sein. Er hat es nicht gesagt (ich im Übrigen auch nicht), aber ich habe es gespürt. „Ich lieb Dich“ sind doch im Prinzip nur drei Worte, die jeder Idiot benutzen kann, egal ob er sie so meint oder nicht.
Seine Liebeserklärung klang etwas anders, aber noch nie hat mir jemand so etwas schönes gesagt. Auch wenn es vielleicht nicht gerade romantisch klingt wenn ich sagen kann, dass ich sein T-Shirt bin, aber ich habe verstanden, was er mir damit sagen will. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich für jemanden so wichtig bin und das ich solch eine Wirkung auf jemanden haben könnte.
Er fühlt sich bei mir wohl ... ich meine ... wie verquer ist das denn? Aber ich befürchte, er wird noch früh genug dahinter kommen, dass er sich geirrt hat und das manchmal der Schein trügt. Aber da er mir nicht glaubt, wenn ich ihm das versuche klar zu machen, muß er wohl seine eigenen Erfahrungen mit mir machen. Bisher habe ich noch jeden davon überzeugt, dass ich nicht liebenswert bin, wie auch immer ich das angestellt habe.

Klinge ich gerade destruktiv? Ich versuche einfach nicht meine ganze Hoffnung in ihn zu setzen.
What goes up, must come down

Kapitel 45