Kapitel 43

„Hören Sie. Hier ist meine Kreditkarte. Buchen Sie davon ab, was nötig ist und lassen Sie mich bitte endlich gehen.“
A.J. war der Verzweiflung nahe. Seit einer halben Stunde saß er hier im Büro des Managers und versuchte sich so weit es ging zu entschuldigen. Er mußte hier raus und Cassandra suchen. Sie war bestimmt total verängstigt und brauchte ihn jetzt. Verdammt! Warum hatte er auch nicht vorher nachgedacht? Sie hatte doch gesagt, er solle Foster in Ruhe lassen.
Aber dieses Schwein hatte es verdient, dass man ihm mal gehörig die Meinung sagte!
Er hatte Foster recht bald nachdem die Security Leute ihn durch die Lobby zu einem der fünf Fahrstühle geführt hatten, aus den Augen verloren. Höchstwahrscheinlich wartete er in einem der angrenzenden Räume auf die Polizei, den Manager oder wen auch immer.
„Mr. McLean. Sie haben gerade die Hälfte meines Casinos lahm gelegt, meine Gäste zu Tode erschreckt und einen Roulettetisch demoliert. Einmal ganz abgesehen von Mr. Riddles Kiefer, der im Moment auf ungefähr das doppelte seiner ursprünglichen Größe angeschwollen ist.“
„Aber das habe ich Ihnen doch schon erklärt. Er ist ein Verbrecher, jemand mußte ihm zeigen, dass er so nicht weiter machen kann.“
„Dafür gibt es Gesetze und die Polizei. Was würde denn passieren wenn jeder durch die Gegend laufen und Selbstjustiz üben würde?“
„Ich verstehe Sie ja Mr. Wallace. Wirklich, es tut mir leid. Ich bitte sie doch lediglich, mich den Schaden bezahlen und dann gehen zu lassen. Meine Freundin braucht mich jetzt.“
„Das hätten sie sich vielleicht überlegen sollen, bevor sie wie ein Wahnsinniger auf Mr. Riddle los gegangen sind und mein Casino verwüstet haben,“ gab Wallace unbeeindruckt zurück und stützte den Kopf auf seine gefalteten Hände. Seine dunklen Augen in dem schmalen Gesicht musterten A.J. aufmerksam. Hinter ihm standen die beiden Security Männer und beäugten A.J. misstrauisch, als erwarteten sie, dass er jeden Moment aufspringen und davon laufen könnte.
„Was mache ich also mit ihnen?“ fragte Wallace mehr zu sich selbst und A.J. wäre am liebsten über den Schreibtisch gesprungen und hätte ihn erwürgt.
„Ich weiß es nicht. Sagen sie es mir,“ gab er stattdessen zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Blick viel auf die große Standuhr in der Ecke. Die Zeit zerrann ihm zwischen den Fingern, Cassandra war einfach verschwunden und er saß hier fest.
„Nun gut, wollen wir mal nicht so sein,“ sagte Wallace schließlich zu A.J.s großer Erleichterung.
„Das wir uns richtig verstehen,“ Wallace erhob sich, schloss den Knopf an seinem maß geschneiderten Jackett und kam um den Schreibtisch herum. Er setzte sich vor A.J. auf die Schreibtischkante und sah auf ihn hinunter.
„Sie werden den gesamten Schaden alleine tragen?“
A.J. nickte.
„Und sie werden mein Casino nie wieder betreten?“
A.J. nickte erneut.
„Gut. Gehen sie raus zu meiner Sekretärin und lassen sie sich die genaue Summe geben. Sollte der Betrag nicht innerhalb von drei Tagen auf meinem Konto sein, werde ich mich um sie kümmern. Und glauben sie mir, dagegen war diese Schlägerei von eben nur eine kleine Schulhofprügelei, haben wir uns verstanden?“
A.J. sprang auf, streckte Wallace seine Hand entgegen, die dieser allerdings nicht ergriff, drehte sich dann auf dem Absatz herum und stürmte aus dem Zimmer.
Eine junge Frau saß hinter einem ausladenden Mahagoni-Schreibtisch und blickte ihm entgegen.
„Die Rechnung bitte,“ sagte A.J. und sah sich immer wieder nach der geschlossenen Tür des Casino-Managers um. Vielleicht würde er es sich ja doch noch anders überlegen und die Polizei einschalten.
Andererseits war sich A.J. fast sicher, dass er das nicht tun würde. Durch die Schlägerei hatte es schon genug schlechte Publicity gegeben. Wenn jetzt auch noch ein Heer von uniformierten Beamten auftauchte, würde das das Fass endgültig zum Überlaufen bringen.
Die Sekretärin reichte ihm schließlich einen Zettel, auf dem eine horrend hohe Summe stand. Ohne mit der Wimper zu zucken reichte er ihr seine Kreditkarte und zehn Minuten später hastete er die Treppen in die Eingangshalle hinunter.

Noch während er den Strip hinunter lief, wählte er die Nummer von Cassandras Hotelzimmer. Als allerdings nach dem 20. Klingeln immer noch niemand abgenommen hatte, gab er schließlich auf. Entweder sie war nicht da, oder sie wollte niemanden sehen. Beide Alternativen gefielen ihm nicht besonders.
Beinahe wäre er an dem riesigen Springbrunnen vorbei gelaufen, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
„Es ist ein bißchen wie Ballet,“ hörte er Cassandras Stimme in seinem Kopf und unbewußt wurde er langsamer.
Rechts neben dem Brunnen schloss sich ein kleiner, grasbewachsener Hügel an. Er konnte einige Menschen erkennen, die sich gemütlich auf dem Rasen ausgestreckt hatten, sich unterhielten oder, wie er und Cassandra vor nicht einmal einer Stunde, genüsslich ein Eis aßen.
Mittendrin saß eine zusammengekauerte Gestalt, die Arme um die angezogenen Knie geschlungen und den Blick starr auf die Fontänen des Brunnens gerichtet. Er mußte kein zweites Mal hinsehen. Cassandras Silhouette war ihm mittlerweile so sehr vertraut, dass er sie unter Tausenden hätte heraus finden können.
Aufgeregt bahnte er sich einen Weg durch die Touristen, die fasziniert die Fontänen bestaunten und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, wieder in seinem Traum zu sein. Er würde Cassandra niemals erreichen, vorher würde sich ihm irgendetwas – oder irgendjemand – in den Weg stellen, würde ihn daran hindern zu ihr zu kommen und ihr zu helfen.
Doch natürlich passierte nichts dergleichen. Er lies das letzte Grüppchen von Menschen hinter sich und steuerte zielstrebig auf Cassandra zu. Die letzten Meter wurde er immer langsamer. Sie sah so unglaublich verloren aus, wie sie da so völlig unbeteiligt zwischen all diesen Leuten saß, so weit weg von der Welt die er kannte und das erste Mal befiel ihn Angst.
Was, wenn sie ihn jetzt nicht mehr in ihrer Nähe haben wollte? Immerhin hatte sie ihn ausdrücklich darum gebeten, Foster in Ruhe zu lassen.
Was, wenn ihr seine Reaktion so viel Angst gemacht hatte, dass sie in dem Moment, in dem sie ihn bemerkte einfach aufsprang und davon lief?
Das Band, das sie beide zusammen hielt war so unglaublich dünn und brüchig und ohne nach zu denken hatte er diese Verbindung aufs Spiel gesetzt, als er wie ein Verrückter und getrieben von seiner Wut einfach auf diesen Mistkerl los gegangen war.
Gewalt erzeugt Gegengewalt wo hatte er das nur schon einmal gehört?
Schließlich hatte er sie erreicht. Vorsichtig ging er vor ihr in die Hocke und versuchte, ihren Blick ein zu fangen, doch es schien, als bemerke sie ihn gar nicht.
„Cass?“ sagte er deshalb leise und umfasste ihre Knie.
Scheinbar widerwillig wandte sie ihren Blick von dem Brunnen vor ihr ab und richtetet ihre großen, grauen Augen auf ihn.
„Wie geht es Dir?“ fragte er.
„Du hättest das nicht tun sollen,“ gab sie statt einer Antwort zurück. Ihre Stimme klang, als käme sie von ganz weit her und A.J.s Sorge um sie und ihre Beziehung steigerte sich ins unermessliche.
„Ich weiß. Es war nur ... ich konnte einfach nicht anders, verstehst Du das?“
Sie schüttelte langsam den Kopf, dann stockte sie und nickte stattdessen.
„Irgendwie kann ich es schon verstehen ... aber ... ich weiß auch nicht ... Du hast Dich mit ihm auf eine Stufe gestellt. Er ist brutal und Du warst es auch.“
„Ich weiß.“ Er spürte, wie sich in seinem Hals ein Kloß von der Größe eines Fußballes festsetzte und versuchte vergeblich, ihn hinunter zu schlucken.
„Gleichzeitig,“ fuhr sie fort „hat sich noch niemand so für mich eingesetzt. Es ist ... ein komisches Gefühl zu wissen, dass da jemand ist, der mich im Notfall so verteidigen würde, wie Du es getan hast.“
„Ist das jetzt gut oder schlecht?“ fragte er ängstlich und der Ansatz eines Lächelns huschte über ihr blasses Gesicht.
„Ich würde sagen, es ist auf jeden Fall nicht wirklich schlecht ... aber es fühlt sich auch nicht wirklich ... richtig an.“
„Wenn ich Dir verspreche, dass das eine einmalige Sache war, glaubst Du, Du könntest mir verzeihen?“
Sie schüttelte den Kopf und sein Magen krampfte sich erschrocken zusammen.
„Da gibt es nichts zu verzeihen,“ sagte sie „und ich möchte auch nicht, dass Du mir versprichst, es nie wieder zu tun. Du hast, mit Deinen Augen gesehen, etwas sehr ... na ja ... heldenhaftes getan, auch wenn mir die Art und Weise vielleicht nicht ganz passt. Es ist ... wie soll ich sagen ... es ist in Ordnung, so wie es gelaufen ist.“
Ungläubig starrte er sie an.
„Muß ich das jetzt verstehen?“ fragte er und ihr Lächeln vertiefte sich.
„Nein.“
„Gut, ich habe mir nämlich schon Sorgen gemacht.“
Und wie er sich Sorgen gemacht hatte! Mit allem hatte er gerechnet, nur nicht damit, dass sie hier so gefasst saß und ihm sagte, dass alles in Ordnung war.
Eine warme Hand legte sich plötzlich über seine auf ihrem Knie.
„Ich bin froh, dass Du da bist,“ sagte sie leise und starrte dabei auf ihre Finger, die sich wie von selbst in einander verschlungen hatten.
„Ich bin auch froh, dass Du hier bei mir bist,“ gab er beinahe flüsternd zurück.
Er löste seine andere Hand von ihrem Knie und strich ihr sanft über die Wange, was dazu führte, dass sie die Augen schloss und ihr Gesicht in seine Handfläche lehnte.
A.J.s Herz klopfte zum zerspringen. Alles was er wahr nahm waren ihre wundervoll geschwungenen Lippen und der zufriedene Ausdruck, der auf ihrem Gesicht lag. Ganz langsam näherte er sich ihr, strich mit seiner Nase über ihre Stirn und ihre Wange und hauchte schließlich einen Kuss darauf.
Als hätte sie nur darauf gewartet, drehte sie den Kopf ein wenig, so dass seine Lippen die ihren streiften.
„Eigentlich sollten wir das nicht tun,“ murmelte sie.
„Warum nicht,“ gab er atemlos zurück.
„Weil das niemals gut gehen wird.“
„Da wäre ich mir an Deiner Stelle nicht so sicher.“
Ganz langsam öffnete sie die Augen und sah ihn an.
„Ehrlich gesagt, ist mir das im Moment auch ziemlich egal,“ gab sie zu.
Erneut beugte er sich vor und küsste sie. Sanft fuhren seine Lippen über ihr Mundwinkel, knabberten dann kurz an ihrer Unterlippe um sich kurz darauf wieder von ihr zu lösen.
Ihre Hand legte sich in seinen Nacken und zog ihn näher zu sich heran.
Als sie sich diesmal küssten, lag so viel Leidenschaft darin, das ihm beinahe schwindlig wurde.
„Lass uns wo anders hingehen,“ hauchte sie schließlich und er kam dieser Aufforderung nur zu gerne nach.

Kapitel 44