Kapitel 42

A.J. war eigentlich der Meinung gewesen, Las Vegas wie seine Westentasche zu kennen. Er war unzählige Male in dieser kleinen Oase mitten in der Wüste gewesen, hatte sich etliche Nächte mit Freunden um die Ohren geschlagen, jede Menge Geld in den Casinos und Bars ausgegeben und er konnte die Reihenfolge der Hotels am Strip auswendig aufsagen.
Doch mit Cassandra an seiner Seite schien er diese Stadt ganz neu zu entdecken. Die vielen, überdimensionalen Leuchtreklamen hatte er nie wirklich beachtet. Sicherlich: Sie waren da und sie waren auch beeindruckend, doch wirklich hingesehen hatte er nie. Bisher waren andere Dinge wichtiger gewesen. Er war ja schließlich erwachsen und souverän. Es passte einfach nicht zu seinem Image mit offenem Mund staunend vor einem Casino zu stehen und minutenlang dabei zu zu sehen, wie kleine Glühbirnen in sämtlichen Regenbogenfarben nacheinander aufleuchteten und damit ein Bild von so beeindruckender Größe und Pracht schafften, dass man sich kaum davon losreißen konnte.
Cassandra schaffte es irgendwie, dass er die Welt für eine Weile durch ihre Augen wahrnahm und das was er sah, gefiel ihm außerordentlich gut. Es schien, als bestünde ihre Welt aus kleinen Wundern, die es an jeder Ecke zu entdecken galt.
Sie schlenderten von einem Hotel zum nächsten, bewunderten die Leuchtreklamen und die riesigen Springbrunnen mit ihren Fontänen und Lightshows. Ein anderes Mal konnte Cassandra sich für die riesigen Figuren aus Stein begeistern, die den Eingang eines Hotels flankierten. Erst als sie wirklich daneben standen bekam er das erste Mal ein Gefühl, für die wahre Größe dieser Statuen und zum wiederholten Male fragte er sich, wie er bisher so blind hatte durch sein Leben gehen können.
An einem besonders großen Springbrunnen, der diese Bezeichnung ob seiner Größe eigentlich gar nicht mehr verdient hatte, legten sie schließlich eine kleine Pause ein.
Sie hatten sich unterwegs ein Softeis gekauft und standen nun an der Brüstung, die den Brunnen umgab. Immer wieder spritzten Fontänen in die Höhe, drehten sich dabei einmal um sich selbst und fielen lautlos wieder in sich zusammen. Bunte Strahler beleuchteten das Ganze von unten und entführten sie langsam aber sich in eine ganz eigenen Welt.
„Es ist ein bißchen wie Ballet, findest Du nicht?“ fragte Cassandra neben ihm, während sie genüsslich an ihrem Eis leckte.
„Ballet?“
„Na ja ... es hat eine gewisse Grazie, ist präzise und sieht so unglaublich leicht aus, aber ich könnte wetten, wenn Du unter diesen Brunnen schaust, dann sieht man erst einmal welche Arbeit dahinter steckt.“
„Ich glaube, ich will das gar nicht sehen,“ schmunzelte A.J..
„Ich auch nicht, weil es die Illusionen nimmt. Aber genau so ist es wohl beim Ballet. Wenn man sich die ganzen Trainingsstunden anschauen würden, den Schweiß, die Schmerzen und die Tränen, dann weiß man die Vorstellung auf der Bühne erst richtig zu schätzen.“
„Vielleicht. Ich hatte jedenfalls nie viel für Ballette übrig.“
„Ich sehe mir das nun auch nicht jeden Tag an, aber wenn, dann ist es unglaublich beeindruckend und ... ich weiß auch nicht ... so ... rein ... verstehst Du was ich meine?“
Er sah für einen Moment zu ihr hinüber. Ihr Blick war auf die Fontänen vor ihr gerichtet, ihre Augen folgten dem Auf und Ab des Wassers und das Licht spiegelte sich in sämtlichen Regenbogenfarben in ihrem hübschen Gesicht.
„Ja, ich weiß was Du meinst,“ sagte er mehr zu sich selbst und dachte dabei keine Sekunde an Ballet oder Wasserfontänen.
Unvermittelt schaute sie zu ihm hinüber und als sie seinen Blick bemerkte legte sich ein warmes Lächeln auf ihr Gesicht.
„Ich rede ganz schönen Unsinn, was?“
„Nein, überhaupt nicht,“ gab er zurück und jedes einzelne Wort kam aus den Tiefen seines Herzens.
Für eine Weile standen sie einfach so da und es schien ihm, als seien sie die einzigen Menschen auf dieser Welt. Erst als ihm sein Eis klebrig und inzwischen warum über seine Finger lief, fand er in das Hier und Jetzt zurück.
„Sollen wir weiter gehen?“ fragte er, während er sich die Finger ableckte und dabei belustigt bemerkte, dass auch Cassandras Eis inzwischen unbemerkt geschmolzen war.
„Gerne,“ gab sie zurück „sollen wir uns mal eines der Casinos ansehen? Ich bin schon ganz gespannt, wie das so ist.“
„Aber klar doch.“
Gemeinsam schlenderten sie die Straße entlang, sahen sich die verschiedenen Leute an, unter denen sich teilweise sehr skurrilen Gestalten befanden, und dachten sich fantastische Lebensgeschichten für sie aus.
Schließlich führte A.J. Cassandra in eines der besten Casinos am Platz. Selbst in Vegas gab es die Trennung zwischen Arm und Reich: Während ein großer Teil der Casinos und Hotels sich auf die normal Touristen und Spieler eingestellt hatte und dort die Mindesteinsätze selten über 10 Doller kletterten, brauchte man sich hier gar nicht erst an einen Tisch setzen, wenn man nicht bereit war, mindestens eine Summe von 100 Dollar als Mindesteinsatz zu akzeptieren.
Entsprechend gediegen war das Casino eingerichtet. Sie gingen auf rotem Samtteppich, der jedes Geräusch schluckte, vorbei an Spieltischen, hinter denen gut angezogene Groupies saßen und rechteckige, bunte Chips auf den, mit grünem Filz bezogenen Roulettetischen hin und her schoben, unter goldenen und prunkvollen Kronleuchtern hindurch und bestaunten die Reichen und Schönen dieser Welt.
„Ich fühle mich gerade ziemlich fehl am Platz,“ flüsterte Cassandra ihm zu.
„Du mußt Dir nur immer wieder sagen, dass diese Menschen auch nicht besser sind als Du,“ gab A.J. zurück. „Nur weil sie ein paar Dollars mehr auf dem Konto haben, macht sie das noch nicht zu besseren Menschen.“
„Es fällt mir irgendwie schwer, mir das vor zu stellen,“ schmunzelte Cassandra neben ihm. „Die sehen alle so ... ,“
„So was?“ fragte A.J. grinsend, als sie nicht weiter sprach und drehte sich zu ihr herum.
Sie war mitten in der Bewegung erstarrt. Den Mund halb geöffnet, die Augen weit aufgerissen und mit einer unnatürlichen Blässe im Gesicht stand sie wie festgewachsen zwei Schritte hinter ihm und starrte knapp an seiner Schulter vorbei auf einen Punkt, irgendwo hinter ihm.
Sofort drehte er sich wieder um und suchte nach dem Auslöser für Cassandras Erstarrung, doch der Roulettetisch, der scheinbar ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, war so gut besucht, dass er nicht ausmachen konnte, was sie genau erschreckt hatte.
Schnell machte er zwei Schritte auf sie zu und berührte sie leicht am Arm.
„Cass? Alles in Ordnung?“ fragte er, obwohl ganz offensichtlich war, dass bei ihr rein gar nichts „in Ordnung“ war.
Sie antwortete auch nicht, sondern starrte weiterhin an ihm vorbei, scheinbar unfähig, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen.
„Cassandra? Hey,“ er stellte sich so, dass ihr der Blick, auf was auch immer, versperrt wurde und ging ein wenig in die Knie um ihr direkt in die Augen sehen zu können.
„Hallo? Bist Du noch da?“
Sie blinzelte kurz, sah ihn dann mit einem unendlich verwirrten Ausdruck in den Augen an und murmelte dann „ich glaube, ich möchte gehen.“
„Kein Problem,“ entgegnete er sofort, legte ihr fürsorglich einen Arm um die Schulter und dirigierte sie in Richtung Ausgang.
In diesem Moment entstand Bewegung in seinem Rücken.
„Cassy?“ hörte er hinter sich eine männliche Stimme und gleichzeitig spürte er, wie Cassandra neben ihm zusammen zuckte.
Mehr aus Reflex blieb er stehen, doch Cassandra packte ihn sofort am Arm und zog ihn weiter.
„Ich will gehen,“ sagte sie noch einmal mit Nachdruck.
„Hey Cassy, bleib doch stehen.“
Die Stimme war näher gekommen.
„Verrätst Du mir, was hier abgeht?“ fragte er besorgt, während er hinter ihr her stolperte.
„Später,“ sagte sie, während ihr Blick starr auf den Ausgang gerichtet blieb.
„Cassy, so warte doch,“ hörten sie die Stimme erneut hinter ihnen und wie aus dem Nichts griff plötzlich eine Hand an A.J. vorbei und hielt Cassandra an der Schulter fest.
Sie wirbelte herum und schlug in der gleichen Bewegung den Arm zur Seite.
„Lass mich in Ruhe!“ fuhr sie den unbekannten Mann an, der A.J. um einen halben Kopf überragte und jetzt freundlich lächelnd vor ihnen stand.
A.J. schob sich schützend vor Cassandra und funkelte den Mann böse an.
„Ich denke, es ist besser, wenn sie uns in Ruhe lassen,“ sagte er, nicht wissend, wen er da vor sich hatte oder warum Cassandra so heftig auf ihn reagierte. Doch der Ausdruck von Angst in ihren Augen hatte ihm genügt. Niemand würde ihr zu nahe kommen ... nur über seine Leiche.
„Aber Cassy, behandelt man so alte Freunde?“ fragte der Fremde und lächelte.
„Ich könnte mich nicht daran erinnern, das wir jemals Freunde gewesen wären Foster,“ entgegnete Cassandra und als A.J. diesen Namen hörte, verstand er endlich, was hier vor sich ging.
„Foster?“ fragte er gefährlich leise und spürte, wie in seinen Adern das Blut vor Wut zu pulsieren begann.
„Ja, Foster Riddle, angenehm,“ sagte der Mann und streckte ihm, immer noch lächelnd, die Hand entgegen.
A.J. warf Cassandra einen schnellen Seitenblick zu. Sie schüttelte den Kopf, so als wolle sie sagen „tu jetzt nichts Unüberlegtes“, fasste ihn dann wieder am Arm und zog ihn weiter Richtung Ausgang.
„Du wirst ihn in Ruhe lassen, hast Du gehört?“ zischte sie ihm zu.
„Aber ...“
„Nichts aber. Ich habe diesen Menschen vor langer Zeit aus meinem Gedächtnis gestrichen und er wird jetzt nicht wieder darin auftauchen.“
„Aber er ist schon DA,“ entgegnete A.J. heftig, der Fosters Präsenz förmlich in seinem Rücken spüren konnte.
„Aber Cassy,“ hörte er Foster wieder „wir hatten doch damals so viel Spaß!“
Das gehässige Lachen, das diesem Ausspruch folgte, war zu viel für A.J.s angespannte Nerven. Er riss sich von Cassandra los und stürzte sich Wut schnaubend auf Foster, der im ersten Moment scheinbar überhaupt keine Ahnung hatte, was da mit ihm passierte.
A.J. bekam ihn am Kragen zu fassen und getrieben von seinem eigenen Schwung stolperte er mit ihm vorwärts.
„Hey! Was ... ,“ setzte Foster verblüfft an, als sie plötzlich von der Kante des Roulettetisches gebremst wurden.
Foster kippte hinten über, wobei sich seine Hände in A.J.s Hemd krallten und diesen somit mit sich zogen.
Bunte Spielchips stoben davon, die Gäste, die gerade noch lachend um den Spieltisch herum gesessen hatten, sprangen schreiend auf und brachten sich in Sicherheit.
A.J. holte aus und zielsicher traf seine Faust Fosters Wange. In einem Gewirr aus Armen und Beinen stürzten sie schließlich vom Spieltisch. Die Kante eines Stuhles bohrte sich schmerzhaft in A.J.s Seite, was seine Wut nur noch mehr anfachte.
Dieser Mistkerl! Wie hatte er Cassandra nur weh tun können? Und jetzt tat er auch noch so, als sei das alles ein riesiger Spaß gewesen!
Niemand erneut sauste seine Faust auf Foster hinunter.
Tat etwas hartes traf ihn in der Magengegend und er stöhnte auf.
Cassandra er versuchte erneut Foster zu treffen, doch dieser hob dieses Mal schützend die Arme vor das Gesicht.
Weh!!
Ein paar Arme packten ihn und unsanft wurde er von Foster herunter und in die Höhe gerissen.
„Komm‘ her Du Schwein,“ brüllte er und versuchte sich aus dem festen Griff, der ihn unbarmherzig fest hielt, zu befreien.
„Liebend gerne,“ schrie Foster zurück. Aus seiner aufgeplatzten Lippe tropfte Blut und in seinen Augen glitzerte die pure Mordlust, doch auch er wurde von zwei kräftigen Security Leuten in dunklen Anzügen festgehalten.
„Genug jetzt!“ hörte er eine befehlsgewohnte Stimme irgendwo hinter sich, doch durch den roten Schleier seiner Wut drang das Gesagte nicht bis zu seinem Gehirn durch. Er wollte diesem Foster das Genick brechen ... ach was ... er würde sich jeden Knochen einzeln vornehmen und ihm zum Schluß genüsslich seine Kronjuwelen mit einem stumpfen Gegenstand entfernen. Er würde ...
Erneut versuchte er sich zu befreien, doch kaum hatte er ein paar Zentimeter an Boden gewonnen, wurde er auch schon wieder brutal nach hinten gerissen.
„Jetzt reicht es Mister,“ hörte er erneut die Stimme hinter sich „wenn Sie sich nicht augenblicklich beruhigen rufe ich die Polizei. Die legen ihnen Handschellen an und sie werden den Rest des Abends in einer Zelle verbringen, habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt?“
In einer Zelle? Das erste Mal, seit er auf Foster los gegangen war, dachte er wieder bewußt an Cassandra. Wo war sie?
Mit einem schnellen Blick sah er sich um – zumindest so weit, wie es die starken Arme in seinem Rücken zu ließen. Er konnte sie allerdings nirgends entdecken.

Kapitel 43