Kapitel 40

Heather saß ein ganzes Stück von ihrer Lagerstelle entfernt auf einem Felsen. Sie hatte ihm den Rücken zu gedreht, doch er konnte im silbrigen Licht des Mondes ganz deutlich ihre zuckenden Schultern erkennen.
Je näher er kam, um so deutlicher wurde ihr herzzerreißendes Schluchzen. Als er sie schließlich erreicht hatte, setzte er sich vorsichtig neben sie und schlang die Arme um seine angezogenen Knie. Dann wartete er, bis das Schluchzen neben ihm leiser wurde und schließlich ganz verstummte.
„Was ist los?“ fragte er sanft und sah ihr das erste Mal direkt in die Augen.
„Nichts ... es ist ... Nichts,“ sie schüttelte den Kopf und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Als sie ihn wieder anblickte, verrieten nur noch ihre geröteten Augen, was eben geschehen war. Ansonsten wirkte sie wieder so ausgeglichen und gelassen wie die gesamte letzte Woche.
„Das kannst Du wirklich gut,“ meinte A.J. verblüfft.
„Was?“ Heather schien irritiert.
„Na, Dein Gesicht so aussehen zu lassen, als sei alles in Ordnung.“
Sie starrte ihn an ohne eine Miene zu verziehen, dann stahl sich ein leichtes Lächeln auf ihre Gesichtszüge und A.J. mußte einmal kurz blinzeln um sich ihre Verzweiflung vor nicht einmal einer Minuten ins Gedächtnis zu rufen.
„Jahrelanges Training,“ antwortete sie, immer noch mit diesem Lächeln auf dem Gesicht, das ihn unendlich verwirrte. „Außerdem ist ja auch nichts weltbewegendes passiert. Wir Frauen müssen wohl nur ab und zu mal etwas Dampf ablassen.“
Er war versucht ihr zu glauben, doch seine innere Stimme widersprach vehement.
„Können wir uns nun wieder von der Bühne herunter begeben und ehrlich miteinander reden?“ fragte er deshalb.
Sie runzelte die Stirn und lachte dann freudlos.
„Hör’ zu: Meine Probleme gehen Dich gar nichts an und würden Dich im Übrigen sowieso nicht interessieren. Also warum machen wir nicht einfach so weiter wie bisher. Das hat doch wunderbar funktioniert.“
„Erstens interessieren mich Deine Probleme sehr wohl und zweitens kann ich nicht so weiter machen wie bisher. Wenn wir ehrlich sind, hat das auch nur oberflächlich funktioniert.“
„Wie meinst Du das denn jetzt?“
„Komm’ schon. Seit der Nacht in Montreal benehmen wir uns beide manchmal ... nun ja ... sagen wir mal ... etwas verkrampft. Ich möchte das gerne aus der Welt schaffen. Außerdem, ob Du es glaubst oder nicht, liegt mir sehr viel an Dir. Ich mag es nicht, wenn meine Freunde traurig sind und mir nicht einmal die Chance geben, ihnen zu helfen.“
Heather wandte ihren Blick von ihm ab und sah hinauf zum Mond.
„Verkrampft, ja?“
„Bist Du anderer Meinung?“
„Nein, eigentlich nicht.“
„Also?“
„Was also?“
„Warum sagst Du mir nicht einfach, was los ist.“
„Du glaubst, dass meine Heulerei etwas mit Dir zu tun hat?“ Sie versuchte spöttisch zu klingen, doch inzwischen etwas sensibler geworden hörte er ganz deutlich den ängstlichen Unterton in ihrer Stimme.
„Ist es etwa nicht so?“
Sie schwieg lange, den Kopf in den Nacken gelegt, die Hände in ihrem Rücken auf den Felsen gestützt und in ihrem Gesicht nicht einmal den Ansatz einer Gefühlsregung. Langsam wurde ihm mulmig.
„Ich gebe zu, dass es schon etwas mit Dir zu tun hat, aber ... ,“ sie setzte sich wieder auf und sah ihn nun an „ ... nicht so wie Du denkst. Ich bin nicht verliebt, falls Du das hören möchtest.“
„Ich möchte nur die Wahrheit hören, mehr nicht.“
Nur ist gut,“ murmelte sie.
„Hey, ich reiße Dir nicht den Kopf ab. Ich bin auf Deiner Seite.“
„Niemand ist auf meiner Seite,“ entgegnete sie und die Heftigkeit, mit der sie diese Worte hervor schleuderte, überraschte ihn.
„Ich habe das Gefühl, dass jeder auf irgendeiner Seite steht, aber nicht auf meiner. Ich meine ... was habe ich denn für ein Leben? Immer heimatlos, immer wieder an die falschen Kerle geraten, die Menschen, die mich wirklich kennen gelernt haben, wollten bald nichts mehr mit mir zu tun haben und jetzt ... ich meine ... jetzt ... ,“ sie stockte und seufzte laut und frustriert.
„Was ist jetzt?“ fragte er leise und griff vorsichtig nach ihrer Hand.
„Jetzt sind da zwei Menschen in mein Leben getreten, die so überaus einzigartig sind, dass ich es kaum fassen kann. Ich meine ... schau’ Euch beide doch einmal an. Die personifizierte Harmonie. Euch kann nie etwas passieren, weil ihr füreinander da seid, zuhört und so ekelhaft ... nett zu einander seid. Dazwischen habe ich keine Platz, verstehst Du?“
„Ich verstehe, was Du damit sagen willst, aber ich sehe das vollkommen anders.“
„Na, da bin ich aber mal gespannt.“ Sie entzog ihm ihre Hand und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Cassandra und ich ... nun ja ... ich gebe zu, dass wir irgendwie eine sehr ... einzigartige Beziehung haben. Wie auch immer die aussieht, wie gesagt, habe ich davon nur eine sehr vage Vorstellung.
Aber ... Du gehörst da irgendwie dazu. Wenn uns nichts an Dir liegen würde, hätte ich Dich spätestens nach der Aktion in Montreal irgendwo abgesetzt.
Ich glaube, wir schauen beide irgendwie zu Dir auf. Cassandra, weil Du genau das verkörperst, was sie nicht ist: Selbstbewußt, ungebunden, mutig und stark ... und ich ... ich glaube, ich mag an Dir am meisten Deine Art zu sagen, was Du denkst. Du versteckst Dich nicht ... zumindest dachte ich das bis eben.“
Er warf ihr einen vorsichtig Seitenblick zu und fing ihren überraschten Blick auf.
„Das ist jetzt nicht Dein Ernst, oder? Das sagst Du nur um ... nett zu sein oder so.“
„Nein. Das ist mein voller Ernst!“
Ihr Mund klappte auf und wieder zu, dann überzog eine leichte Röte ihr Gesicht.
„Du meinst das wirklich ernst?“ Sie klang immer noch so, als glaubte sie ihm kein Wort.
„Ja. Hey, warum sollte ich das sonst sagen? Du bist eine unglaublich nette und witzige Person. Manchmal vielleicht etwas zu redselig, aber jeder muß wohl mit einem Laster leben.
Hast Du Dir Cassandra in der letzten Zeit mal angesehen? Ich erkenne sie kaum wieder und das alles nur, weil sie mit Dir zusammen ist. Dich mit zu nehmen war auf jeden Fall eine grandiose Entscheidung und ich habe sie nie bereut.“
Er bemerkte, wie sich erneut Tränen in ihren Augenwinkeln sammelten, doch sie schluckte sie erfolgreich hinunter.
„Das ist das netteste, was seit langer Zeit jemand zu mir gesagt hat,“ erwiderte sie leise.
„Und noch dazu ist es die volle Wahrheit,“ ergänzte er. „Du wirst sehen, bald sind wir in San Francisco, Du wirst nach Hause zu Deinen Eltern zurück kehren, sie werden sich wie die Schneekönige freuen, dass sie Dich endlich wieder haben und Du kannst ein ganz neues Leben beginnen. Noch dazu ist L.A. gar nicht weit entfernt.“ Bei den letzten Worten hatte sich ein liebevolles Lächeln auf sein Gesicht gelegt, das sie jetzt schüchtern erwiderte.
„Hat Dir schon einmal jemand gesagt, dass Du ein ganz wundervoller Mensch bist?“ fragte sie dann und rutschte ein Stück an ihn heran. Wie selbstverständlich legte sie ihren Kopf auf seine Schulter und ausnahmsweise war ihm diese Berührung nicht unangenehm, weil er spürte, dass es eine rein freundschaftliche Geste war.
„Uhm ... ist schon ne Weile her. Ich könnte mich jedenfalls daran gewöhnen,“ schmunzelte er und sie lachte leise.
„Cassandra kann sich wirklich glücklich schätzen.“
„Wir sind nur Freunde,“ sagte er ohne genau zu wissen warum.
„Wenn ihr nur Freunde seid, dann sind wir beide nur flüchtige Bekannte,“ kicherte Heather.
„Was willst Du damit sagen?“ Sein Herz hatte begonnen schneller zu schlagen und als Heather sich neben ihm wieder aufrichtete und ihn nun mit funkelnden Augen ansah, suchte er unbewußt in ihrem Gesicht nach irgendeinem Hinweis. Hatte Cassandra vielleicht etwas zu ihr gesagt?
„Hey, das ist doch ganz offensichtlich. Ist Dir nie aufgefallen, wie sie Dich ansieht? Meine Güte, da kann man die Herzchen ja schon direkt über ihrem Kopf kreisen sehen.“
„Das ist nicht Dein Ernst, oder?“
„Oh doch Mr. McLean und wenn ich Dich ansehe, schweben da genau die gleichen Herzen über Deiner Stirn.“
Verlegen senkte er den Blick. Eigentlich war er der Meinung gewesen, sich besser im Griff zu haben.
„Mach’ Dir nichts draus. Ich wette, sie hat davon noch überhaupt nichts mitbekommen. Es würde mich sogar wundern, wenn sie sich über ihre eigenen Gefühle im Klaren wäre. In Gefühlsangelegenheiten scheint sie, gelinde ausgedrückt, etwas naiv zu sein.“
„Das stimmt allerdings. Aber das ist genau das, was ich an ihr so sehr mag. Sie wirkt manchmal wie ein neugieriges Kind, das die Welt neu entdeckt. Ich ... ,“ er breitete die Arme aus und suchte nach Worten um aus zu drücken, was ihm gerade durch den Kopf ging „ ... ich meine ... sie ist so ... vorurteilsfrei, offen für alles, vielleicht manchmal ein bißchen ängstlich und in manchen Dingen natürlich auch naiv ... aber ... wenn sie mich ansieht dann ... ,“ er schüttelte den Kopf. Er konnte einfach nicht ausdrücken, wie ihm zumute war, wenn sie ihm mit ihren großen, grauen Augen auf den Grund seiner Seele blickte.
Es war, als würde er auf einer großen, weichen Wolke davon schweben, leichter als Luft, eingehüllt in ihr süßes Lächeln und ihre wundervolle Stimme. Er war dann der Meinung, wirklich und vollkommen er selbst zu sein, dass er sich nicht verstecken mußte. Alle seine Probleme, und davon hatte er ja nun wirklich genug, verblassten zu unwichtigen Kleinigkeiten, weil sie bei ihm war und ihn auffangen würde, wenn er fiel.
„Sie ist eben der Hammer,“ stellte Heather neben ihm fest und er musste lachen.
„So hätte ich es zwar nicht ausgedrückt, aber ich denke, das kommt der Wahrheit schon sehr nahe.“
„Ich werde Dir helfen,“ verkündete Heather und stand unvermittelt auf.
„Was ... ? Wie ... ? Hey ... ,“ er griff nach ihrer Hand, weil er plötzlich Angst bekam, sie würde etwas Unüberlegtes tun.
„Keine Panik,“ lachte sie und zog ihn ebenfalls in die Höhe. „Ich werde ganz sanft und diplomatisch vorgehen. Sie wird noch nicht einmal merken, wie ich ihr die Informationen aus der Nase ziehe. Aber glaub mir, bevor wir aus Vegas abfahren habe ich Euch beide zusammen gebracht. So war ich Heather Susanna Shelby heiße!“

25. November 2001

Ich befinde mich gerade mitten im Grand Canyon an einem prasselnden Lagerfeuer. Um mich herum zirpen Grillen und ab und zu schreit ein Käuzchen. LaBelle liegt neben mir auf dieser äußerst bequemen Isomatte und Alex ist gerade nach Heather sehen gegangen.

Ich lese, was ich gerade geschrieben habe und wenn ich nicht die Wärme des Feuers auf meinen Wangen spüren und der Wind nicht ab und zu über mein Gesicht streichen würde, könnte ich meinen, ich lese die Gedanken einer Fremden. Es ist alles so verdammt unwirklich – Glensdale ist so weit weg – und ich bin glücklich. Wirklich unfassbar.

Der Grand Canyon ist wirklich eine Offenbarung in jeder Hinsicht. Ich fühle mich hier so frei wie noch niemals in meinem Leben. Es scheint mir, als hätte ich alles Schlechte hinter mir gelassen. Hier kann ich atmen, hier kann ich sogar von Mutter erzählen, ohne dass hinterher dieser schale Geschmack in meinem Mund zurück bleibt. Hier kann ich mich sogar an Alex lehnen, ohne innerlich schon wieder Abstand zu ihm zu suchen. Es ist wirklich seltsam.

Überhaupt ... dieser Mann gibt mir immer neue Rätsel auf. Ich sehe ihn an und verspüre eine Art Sehnsucht, wie ich sie vorher noch nie kannte. Ich wünsche mir, dass er mich in den Arm nimmt, dass er mich ansieht und dass er mir irgendetwas Nettes sagt. Verrückt, oder? Ich meine ... ich bin ja nun nicht ganz doof und auch ich habe mittlerweile erkannt, dass ich vielleicht doch etwas mehr als nur reine Freundschaft für ihn empfinde ... aber ein Mann wie ER ... und jemand wie ICH. Nie im Leben!

Ich frage mich manchmal, warum er so unsicher ist. Er zeigt es nicht besonders oft, da er (wie die meisten Männer) gerne den starken Retter und Beschützer spielt (und ich noch dazu der Überzeugung bin, dass er sich ganz gut in dieser Rolle gefällt, auch wenn er es manchmal, wie in Montreal, ein wenig übertreibt). Doch manchmal, wenn er sich unbeobachtet fühlt oder einfach nicht mehr in der Lage ist, sich zu verstecken, dann sehe ich das Flackern in seinen Augen. Diesen Ausdruck, als wenn er gerade überhaupt nicht wüsste, was er tun soll.
Dabei hat er das überhaupt nicht nötig. Aber vielleicht ist das einfach ein Irrglaube. So wie damals als Kind, als ich glaubte, dass Erwachsene immer wissen, was das Richtige ist, niemals Angst haben und keine Schmerzen verspüren, einfach nur, weil sie sich das niemals anmerken ließen. Wie dumm und naiv ich doch damals war und vielleicht bin ich das heute einfach auch noch.

Libby hat einmal zu mir gesagt, dass ich eine Gabe habe gewisse Zusammenhänge blitzschnell zu erkennen und entsprechend zu handeln. Aber vielleicht versagt hier und bei ihm mein Urteilsvermögen. Meist bin ich geblendet von seiner Art mit mir um zu gehen, wenn ich ihn ansehe und der Meinung bin, meinen Blick nie wieder von ihm abwenden zu können ... ich glaube, dann bin ich viel zu weit weg von der Realität um irgendetwas klar und rational einschätzen zu können.

Wie diese Sache mit Heather. Ich war wirklich der Meinung, dass er in sie verliebt ist, oder zumindest dabei ist, sich zu verlieben. Aber er sagt, dass er sie nicht liebt.
Vielleicht sollte ich mich doch lieber zurück nach Glensdale wünschen. Die Welt der Anderen ist so schrecklich kompliziert. Beziehungen sind kompliziert. Man hat so unendlich viele Gelegenheiten etwas falsch zu machen und meist tut man auch genau das Falsche.

Heather ist vorhin einfach aufgestanden und gegangen als Alex und ich über Mutter geredet haben. Ich frage mich die ganze Zeit wieso? Lag es an mir und meiner Erzählung? Oder kommt sie damit vielleicht nicht klar, dass ich mich mit ihm so gut verstehe? Immerhin hat er mich wieder in den Arm genommen und ich habe es bereitwillig geschehen lassen.
Ich könnte ihr niemals weh tun, aber vielleicht habe ich das gerade getan, ohne es zu merken?
Da sieht man mal wieder: Ich bringe den Menschen um mich herum nichts als Ärger.

Ich glaube, sie kommen zurück. Ich sollte Schluß machen.

Kapitel 41