Kapitel 39

Ganz gemütlich hatten sie schließlich ein provisorisches Lager errichtet, trockene Äste und Zweige für ein Lagerfeuer zusammen gesammelt, die Isomatten und die Schlafsäcke darum verteilt und ohne große Mühe ein Feuer entzündet.
Die Sonne ging langsam direkt vor ihren Augen unter und A.J. war der Meinung, noch nie etwas so wundervolles gesehen zu haben. Der Himmel wurde in die unmöglichsten Schattierungen von rot und violett getaucht, die die Wände des Canyon schillernd zurück warfen, über ihnen schwebte ab und zu ein Adler, als wolle er nach sehen, wer sich da so einfach in sein Jagdrevier eingenistet hatte und aus dem Autoradio drang leise Musik zu ihnen hinüber.
„Jetzt könnte ich meinetwegen sterben,“ sagte Cassandra neben ihm leise.
„Untersteh’ Dich. Es gibt noch so viel für Dich zu sehen,“ gab A.J. zurück.
„Noch schöner kann es gar nicht werden,“ beharrte sie und A.J. mußte über ihren verträumten Tonfall schmunzeln.
„Tut mir leid, wenn ich Eure Euphorie etwas bremsen muß, aber gibt es hier draußen auch etwas zu Essen?“ meldete sich Heather zu Wort.
„Kein Problem,“ gab A.J. zurück, stand auf und begann in den Tüten zu wühlen, die er aus dem Gemischtwarenladen mit gebracht hatte.
„Wir hätten hier Bohneneintopf oder Ravioli, außerdem habe ich Würstchen gekauft, die können wir an Stöcken über das Feuer halten,“ meinte er und kam mit den Dosen und den eingeschweißten Würstchen zu ihnen zurück.
„Ich will Würstchen,“ riefen Cassandra und Heather gleichzeitig und lachten.

Nach einer guten Stunde waren sie alle miteinander rund herum satt und zufrieden, die letzten Sonnenstrahlen waren inzwischen verschwunden und eine samtene Dunkelheit hatte sich über sie gelegt. Am Himmel glitzerten Millionen von Sternen und sie lagen auf dem Rücken um sich dieses grandiose Schauspiel an zu sehen. LaBelle hatte sich an Cassandra gekuschelt und schien, völlig unbeeindruckt von der Schönheit um sie herum, tief und fest zu schlafen.
„Dass es tatsächlich Menschen gibt, die all diese Sterne katalogisiert haben,“ überlegte Cassandra laut, während sie geistesabwesend den Kopf der Hündin kraulte. „Das muß man sich mal vorstellen, die können jedem Stern da oben einen Namen geben. Ist es nicht unglaublich, dass sie sich dabei nicht vertun? Ich meine ... von hier sehen die sich zumindest ziemlich ähnlich.“
„Dafür gibt es doch Teleskope Dummerchen,“ entgegnete Heather gutmütig.
„Bei uns zu Hause kann man die Sterne nicht so gut sehen. Es scheint fast so, als wäre ein Riese hier zwei Mal vorbei gegangen um Sterne an den Himmel zu werfen.“
„Dann hat er L.A. wohl komplett vergessen,“ schmunzelte A.J..
„Gibt es da keine Sterne?“
„Mann kann sie eigentlich nur außerhalb der Stadt wirklich sehen. Ansonsten ist es da immer zu hell, einfach zu viele Lichter.“
„Und wo wohnst Du?“
„Ein wenig außerhalb, am Meer,“ gab er zurück und es überkam ihn beinahe so etwas wie Heimweh. Es war schon eine ganze Weile her, dass er das Meer gesehen hatte. Das vermisste er beinahe noch mehr als sein zu Hause.
„So etwas habe ich mir immer gewünscht,“ sagte Cassandra neben ihm leise „ein Haus am Meer, den Strand direkt vor der Haustür ... Ruhe, Abgeschiedenheit ... viel Platz für LaBelle ... und niemand, der mir das Leben schwer macht.“
A.J. hätte gerne etwas erwidert, doch er spürte, dass sie noch mehr sagen wollte. Innerlich betete er, dass Heather nicht anfangen würde einen ihrer langen Monologe zu halten, doch ausnahmsweise hielt sie den Mund.
„Es ist schon sehr seltsam, wie wenig ich Glensdale vermisse. Ich habe mir nie vorstellen können, auch nur einen Tag außerhalb zu verbringen und jetzt bin ich schon über eine Woche fort und es gibt rein gar nichts, was in meinem Herzen nach mir schreit. Eigentlich sollte doch da wenigstens etwas sein, findest Du nicht?“
Sie drehte den Kopf in seine Richtung und sah ihn fragend an.
„Ich weiß nicht. Es scheint einfach nichts dort zu geben, an dem Dir wirklich etwas liegt.“
„Hm,“ sie wandte ihren Blick wieder hinauf in den Sternenhimmel. „Ich habe mich so oft so weit weg gewünscht und bin trotzdem dort geblieben. Wenn ich mir das heute so betrachte war das ein unverzeihlicher Fehler.“
„Das finde ich nicht,“ schaltete sich plötzlich Heather ein und A.J. kam es so vor, als hätte sie unbefugt einen Schritt in seine und Cassandras Privatsphäre gemacht. Er biss sich auf die Zunge, um nicht einen entsprechenden Kommentar ab zu geben.
„Ich meine,“ fuhr Heather fort „ich habe ja nun keine Ahnung, was da wirklich abgelaufen ist, aber wirklich nett scheinen sie Dich dort ja nicht behandelt zu haben. Man kann sich nicht nach etwas zurück sehnen, dass man im Grunde verabscheut, kann aber auch gleichzeitig nicht wissen, wie es wo anders ist. Es hätte genau so gut passieren können, dass Dir das, was Du außerhalb Deiner Welt antriffst, auch nicht gefällt. Wie sagt man so schön? Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“
„Du bist doch aber auch gegangen. Das ist also keine wirkliche Ausrede,“ gab Cassandra zu bedenken.
„Wir sind aber zwei ganz verschiedene Persönlichkeiten, das kannst Du nicht vergleichen.“
„Ehrlich gesagt bewundere ich die Art, mit der Du Dein Leben dort ertragen hast,“ sagte A.J. an Cassandra gewandt.
„Ich hatte doch keine andere Wahl,“ gab Cassandra zurück „es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder dort bleiben und das beste daraus machen oder fort gehen und meine Mutter alleine lassen. Möglichkeit zwei kam für mich nie in Frage.“
„Warum konntest Du sie nicht alleine lassen?“ fragte A.J. und hielt gleich darauf die Luft an. Die Spannung die in der Luft lag, war beinahe greifbar und erschrocken fragte er sich, ob er sich gerade zu weit vorgewagt hatte.
„Sie ... kam alleine nicht wirklich zurecht. Ich habe das Geld verdient, mich um sie gekümmert, dafür gesorgt, dass sie gegessen und nicht nur gesoffen hat, dass sie ab und zu am normalen Leben teil nimmt und sie nicht ganz vereinsamt irgendwann stirbt.“
„Das klingt nicht schön,“ bemerkte Heather mitfühlend.
„War es auch nicht. Den größten Teil meines Lebens habe ich damit verbracht, mich um ihres zu kümmern. Zumindest sehe ich es manchmal heute so. Sie war ... ,“ Cassandra stockte und A.J. hörte, wie sie tief Luft holte „ ... sie war kein wirklich einfacher Mensch. Als sie aus dem Gefängnis kam, fing sie ziemlich bald mit dem Trinken an. Ab da ging es bergab. Sie war reizbar und immer so ... so ... wütend ... auf alles und jeden und am liebsten auf mich.“
A.J. rückte ein Stück zu ihr hinüber und wie selbstverständlich hob sie den Kopf und legte ihn auf seine Brust. Fürsorglich legte er einen Arm um sie und lehnte sein Kinn an ihre Stirn. Heather hatte er total vergessen und scheinbar schien sie zu merken, dass sie bei diesem Gespräch nichts zu suchen hatte, denn sie gab keinen Mucks mehr von sich.
„Ich kann mich an so vieles aus meiner Kindheit erinnern und das meiste davon ist nicht wirklich erfreulich. Sie hat mich, ohne es zu wissen, mit in die Dunkelheit hinunter gezogen. Ich war immer zu Hause, durfte nicht mit den anderen Kindern spielen. Sie hat mich zu Hause unterrichtet ... na ja ... das meiste habe ich mir aus irgendwelchen Büchern selbst beigebracht. Ich habe ... keinen wirklichen Schulabschluß und als ich alt genug war, habe ich mich schließlich durchgesetzt und habe mir einen Job gesucht.
Nun ja ... die Arbeit im Cafe ist nun nicht wirklich anspruchsvoll, aber ich hatte endlich das Gefühl, dass es noch mehr Gründe auf dieser Welt gibt als der Prügelknabe meiner Mutter zu sein.“
Für eine Weile legte sich eine drückende Stille über sie, nur ab und an unterbrochen von dem Knistern des Feuers. Geistesabwesend beobachtete A.J., wie Funken in den dunklen Nachthimmel hinauf stoben und dabei kleine, glühende Fäden hinter sich her zogen, die sich in seine Netzhaut ein zu brennen schienen.
„Manchmal,“ fuhr Cassandra beinahe flüsternd fort „sehe ich ihr Gesicht vor mir, wenn ich Dich ansehe.“
Er spürte, wie sich alles ihn ihm verkrampfte. Er hatte es gewußt! Irgendwann würde ihn seine Vergangenheit einholen und genau jetzt, schlug sie mit unerbittlicher Macht zu.
„Ich frage mich, warum Du es geschafft hast und sie nicht. Ich meine ... was habe ich falsch gemacht? Hätte ich hartnäckiger sein müssen? Mich mehr gegen sie behaupten? Aber ich war schließlich noch ein Kind. Ich habe erst so spät verstanden, was wirklich los war und da war es schon zu spät. Ich ... ,“ sie hielt abrupt inne und er spürte, wie sie in seinen Armen zitterte.
„Hey,“ sagte er sanft und zog sie noch ein Stückchen näher zu sich heran „Du kannst nichts dafür. Jeder muß seinen eigenen Weg gehen und es gibt so viele, die es nicht schaffen. Ich hatte das Glück, dass sich sehr starke Menschen um mich gekümmert haben, sie alle gemeinsam haben das geschafft, was für einen einzelnen vielleicht unmöglich war. Und Du warst noch ein Kind. Du brauchst Dir keine Vorwürfe machen.“
„Aber ... ,“ sie schluckte und sprach dann nicht weiter. Als er den Kopf ein wenig hob, glitzerten Tränen auf ihren Wangen. Undeutlich nahm er wahr, wie sich Heather neben ihnen erhob und sich von ihrem Lager entfernte.
LaBelle hob kurz den Kopf, blickte für einen Moment Heather hinterher, warf dann einen traurigen Blick auf ihr Frauchen und legte dann den Kopf schnaubend wieder auf ihre Pfoten.
Cassandra drehte sich auf die Seite und vergrub ihren Kopf an seiner Brust.
„Ich hätte ihr helfen müssen,“ brach es undeutlich aus ihr heraus „ich hätte irgendetwas tun könne, ganz bestimmt.“
„Schhhhh,“ sagte A.J. leise, streichelte sanft ihren Rücken und hielt sie ganz fest in seinen Armen „es ist o.k.. Nicht weinen. Sie hat Dir Unrecht getan, nicht Du ihr. Sie war die Erwachsene, Du das Kind. Du hättest nichts tun können.“
Eine ganze Weile hielt er sie einfach nur fest, wiegte sie sanft hin und her und küsste immer wieder vorsichtig ihre Stirn oder ihr Haar.
Ganz langsam schien sie sich zu beruhigen. Er spürte, wie sie sich etwas entspannte und schließlich ganz ruhig in seinen Armen liegen blieb.
„Es tut mir leid,“ flüsterte sie schließlich.
„Was tut Dir leid?“
„Dass Du Dir das hier alles anhören musstest und dass ich hier rumheule wie ein kleines Kind.“
„Hey, jeder hat das Recht sich seinen Kummer von der Seele zu reden. Dafür sind Freunde doch da.“
Sie entwand sich vorsichtig aus seiner Umarmung und setzte sich auf. Ihr Gesicht war vom vielen Weinen gerötet und mit fahrigen Bewegungen wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht, dann kramte sie in ihrer Hosentasche nach einem zerknüllten Taschentuch und schnäuzte sich ausgiebig.
Dann sah sie auf ihn hinunter.
„Danke, dass Du da bist.“
„Jeder Zeit.“
Sie nickte und blickte sich dann suchend um.
„Wo ist Heather hin verschwunden?“
Er konnte sich des Eindruckes nicht erwähren, dass sie, recht erfolgreich wie er zugeben musste, vom eigentlichen Thema ablenkte.
„Ich weiß es nicht, aber ehrlich gesagt interessiert mich das im Moment nicht so sehr,“ gab er deshalb zurück.
„Was ist zwischen Euch passiert?“ fragte Cassandra und legte sich wieder, allerdings mit etwas Abstand, neben ihn.
Sein Herz machte einen erschrockenen Satz und jetzt war es an ihm, sich auf zu setzen. Er zog die Knie an und umschlang sie mit seinen Armen. Plötzlich war ihm kalt und fröstelnd legte er sich den Schlafsack um die Schultern.
„Ich glaube, sie wollte etwas von mir, was ich nicht bereit war zu geben.“
„Und das wäre?“
Er sah auf sie hinunter und frage sich, ob sie tatsächlich so unschuldig war, wie sie gerade tat.
„Nun ja. Sie wollte mich küssen ... also ... genauer gesagt ... hat sie das sogar. Ich ... also eigentlich war mir das nicht so recht ... ,“
„Warum hast Du es dann geschehen lassen?“
„Gute Frage. Ich weiß nicht ... ich befürchte, Männer denken tatsächlich öfter mal mit dem falschen Körperteil.“
Sie kicherte leise und wieder sah er auf sie hinunter. Ihr Lächeln und der liebevolle Blick halfen ihm dabei, sich nicht mehr ganz so elend zu fühlen und zaghaft erwiderte er ihr Lächeln.
„Hast Du mit ihr darüber geredet?“
Er schüttelte den Kopf.
„Deshalb seid ihr beide so komisch die letzten Tage.“
„Scheint so.“
„Du solltest wirklich mit ihr reden.“
„Ich weiß,“ seufzte er.
„Warum wolltest Du sie nicht küssen? Ich meine ... ihr versteht Euch doch gut, passt gut zusammen ... was hat Dich also daran gehindert?“
„Ich liebe sie nicht,“ gab er schlicht zurück.
„Ich dachte immer, Liebe und Sex könnt ihr Männer hervorragend trennen?“
Verblüfft starrte er auf sie hinunter.
„Jetzt schau mich nicht so an. Komplett ahnungslos bin ich nun auch nicht.“
„Ich dachte immer ... ,“ dann biss er sich auf die Zunge. Eigentlich hatte er sie auf Foster ansprechen wollen, doch das wäre wohl mehr als unklug gewesen. Er wollte ihr um nichts auf der Welt weh tun.
Sie starrte mit großen Augen und unergründlichem Blick zurück und so langsam begann er sich unwohl zu fühlen.
„Warum beenden wir dieses Thema hier nicht einfach? Die Nacht ist viel zu schön um sich über solche Dinge Gedanken zu machen.“
Sie schwieg noch einen Moment und er konnte förmlich dabei zu sehen, wie sie darüber nachdachte, ob sie die Sache tatsächlich auf sich beruhen lassen sollte. Schließlich schien sie sich entschieden zu haben.
„Gehst Du nach ihr sehen, oder soll ich das machen?“
„Nein, ich gehe schon,“ gab er zurück, lies den Schlafsack von seinen Schultern gleiten und stand auf.
„Ich bin gleich wieder da, o.k.?“
„Hm. Verlauf Dich nicht.“
„Ich werde es versuchen,“ gab er grinsend zurück, dann machte er sich auf die Suche nach Heather, immer noch ganz unter dem Eindruck des gerade geführten Gespräches.
„Vielleicht,“ überlegte er „sollte ich Heather in der nächsten Stadt absetzen. Vielleicht hätten Cassandra und ich dann doch eine Chance.“
Doch als er Heather schließlich erreicht hatte, verwarf er diesen Gedanken sofort wieder.

Kapitel 40