Kapitel 38

Die nächsten Tagen fuhren sie Meile um Meile in den Sommer hinein. Je weiter nach Westen sie kamen, um so wärmer wurde es. Die Kälte und die frühe Dunkelheit hatten zeitweise schwer auf A.J.s Gemüt gelastet.
So sehr er auch die Gesellschaft der beiden Mädchen genoss, er vermisste trotzdem die Sonne und das warme Wetter.
Und so fuhren sie durch Toronto, am Ufer des Lake Ontario entlang, weiter nach Green Bay und legten in Minneapolis einen Tag Pause ein um die größte Shopping Mal Amerikas mit dem sinnigen Namen „Mall of America“ in Bloomington zu besuchen. Er gab eine Unmenge von Geld so wohl für sich als auch für Cassandra aus, während Heather sich weigerte, auch nur ein T-Shirt von ihm an zu nehmen.
Seit dem Abend in Montreal hatte sie sich ihm nicht mehr genährt, hatte im Gegenteil so getan, als sei nie etwas passiert und hielt zu jeder Zeit einen gewissen Sicherheitsabstand ein. Manchmal wirkte das Ganze schon so grotesk, dass er sich mehr als einmal überlegte, mit ihr darüber zu reden, doch bisher hatte sich der richtige Zeitpunkt einfach noch nicht ergeben.
Manchmal fragte er sich, was Cassandra sich wohl dachte. Er kannte sie mittlerweile so gut, dass er wußte, dass ihr die Spannung zwischen ihm und Heather nicht entgangen war. Doch sie sagte kein Wort und so lies er die Sache schließlich ebenfalls auf sich beruhen. Es brachte nichts, schlafende Hunde zu wecken.
Sie fuhren weiter über Sacramento, wo sie sich eine alte, gut erhaltene Goldgräberstadt ansahen und erreichten schließlich, nach insgesamt fünf Tagen, den Grand Canyon.
Zu erst wurde die Vegetation links und rechts des Weges spärlicher, bis schließlich nur noch einige wenige Bäume und verkrüppelte Sträucher an ihnen vorbei rauschten. Dafür wurde der Boden mit jeder Meile sandiger, verfärbte sich von dem normalen Staubbraun in dunkles Karmesinrot und zum Schluß tauchten die riesigen Felsmassive am Horizont auf.
Je näher sie dem Canyon kamen, desto weiter rückte Cassandra an die Windschutzscheibe heran. Zum Schluß hatte sie die Arme auf die Konsole gelegt und das Kinn ruhte auf ihren Händen. Mit großen Augen und einem verträumten Lächeln auf dem Gesicht beobachtete sie, wie die Berge immer näher kamen.
Kurz bevor sie wirklich in die Schluchten und Felsvorsprünge einfuhren, hielt A.J. noch einmal an um zu tanken und noch etwas Proviant ein zu kaufen. Scheinbar gab es nicht viele Tankstellen auf dem Weg durch den Canyon, denn die Tankstelle war zum einen gut besucht und zum anderen schloß sich daran ein kleiner Gemischtwarenladen an, der auch Campingausrüstungen verkaufte. Als A.J. einen Blick in das Schaufenster warf, kam ihm plötzlich eine Idee. Er drückte Heather den Tankstutzen und genügen Geld für eine Tankfüllung und ausreichend Proviant in die Hand und entschuldigte sich dann kurz.
Gleich darauf betrat er den kleine Laden.
Als er schwer beladen zurück zum Wagen kam, war von den beiden Frauen noch nichts zu sehen. LaBelle saß brav vor der Tür des kleinen Tankstellengebäudes und so hatte A.J. Zeit, seine Einkäufe unbemerkt im Kofferraum des Jeeps zu verstaune.
Als die beiden Frauen mit zwei großen Papiertüten zum Auto zurück kamen, saß er bereits wieder hinter dem Steuer und grinste unergründlich.
„Was heckst Du wieder aus?“ fragte Cassandra lächelnd und setzte sich neben ihn auf den Beifahrersitz.
„Nichts,“ gab er unschuldig zurück.
„So wie Du „nichts“ sagst, ist ganz bestimmt etwas im Busch,“ bemerkte Heather von der Rückbank.
„Lasst Euch überraschen,“ gab A.J. geheimnisvoll zurück und startete den Wagen.
Wenig später fuhren sie in die ersten Ausläufer des Grand Canyon hinein.

Es wurde für A.J. immer schwieriger sich auf die Straße zu konzentrieren, so sehr wurde sein Blick von den beeindruckenden Felsformationen um ihn herum angezogen. Jeder Meter hielt neue Überraschungen für sie bereit, jeder neue Felsvorsprung, jedes Plateau und jede Schlucht wurde von ihnen mit großen Augen bewundert, Heather drückte sich die Nase an der Scheibe platt und Cassandra schien ihre Umwelt vollkommen vergessen zu haben.
Er benötigte drei Anläufe um sich bemerkbar zu machen, dann endlich drehte sie beim Klang ihres Namens erschrocken den Kopf in seine Richtung.
„Was hast Du gesagt?“
„Ich habe Dich gefragt, ob Du mit einer Pause einverstanden bist,“ schmunzelte er und sie nickte sofort.
„Klar bin ich das. Ist das nicht fantastisch ... ich meine ... ich könnte sicherlich tausende von Jahren hier verbringen und hätte mich immer noch nicht satt gesehen.“
„Ich muß zugeben, daneben verblassen Texas und New York sofort,“ entgegnete Heather.
Er fuhr noch einige Minuten die staubige Straße entlang und bog schließlich vom Weg ab. Der Jeep holperte über unebene Steppe und kleinere Felsbrocken, doch mit seinem Vierrad Antrieb schien ihm dieses schwierige Gelände überhaupt nichts aus zu machen.
Schließlich hielt A.J. in der Nähe einer Schlucht und stellte den Motor ab. Nacheinander kletterten sie alle drei aus dem Wagen, gefolgt von LaBelle, die sich mehr für die wenigen Büsche als für den grandiosen Ausblick zu interessieren schien. Gemeinsam gingen A.J., Cassandra und Heather hinüber zu der Felskante, hinter der es steil bergab ging. Unter ihnen schlängelte sich ein Fluss in wunderschönen Türkistönen durch die Schlucht, links und rechts davon erhoben sich die glatten, roten Wände des Canyon, die schließlich abrupt abflachten, als hätte jemand mit einem riesigen Tortenmesser die Gipfel abgeschnitten.
An den Boden des Canyon reichte das Licht nicht mehr, da die Sonne bereits tief stand und alles um sie herum in warmes, goldenes Licht tauchte.
Hier draußen war es, abgesehen vom Rauschen des Flusses, fast beängstigend still und A.J. sog tief die klare Luft ein.
Hier kann man seinen Frieden finden dachte er bei sich und er spürte, wie sein Herz vor lauter Glück und Zufriedenheit schneller zu schlagen begann.
„Am liebsten würde ich hier bleiben,“ hörte er Cassandra leise sagen und ein breites Grinsen erhellte sein Gesicht.
„Nichts leichter als das,“ gab er zurück, drehte sich herum und ging zurück zum Wagen.
„Sollen wir etwa alle im Auto übernachten?“ hörte er Heather hinter sich.
„Nein, viel besser,“ gab er zurück und öffnete den Kofferraum.
Hastig kamen die Frauen zu ihm hinüber gelaufen und steckten schließlich neugierig ihre Köpfe in den Kofferraum.
„Schlafsäcke?“ fragte Cassandra entzückt.
„Yep. Während ihr getankt habt, habe ich ein wenig Geld ausgegeben und die hier erstanden,“ sagte A.J. und unverhohlener Stolz schwang in seiner Stimme mit.
„Und ... ,“ fügte er hinzu, während er die Schlafsäcke neben den Wagen stellte und sich erneut dem Kofferraum zuwandte „ ... nicht nur das. Hier haben wir Isomatten, Kochgeschirr und noch so ein paar nützliche Kleinigkeiten. Alles da.“
„Wow,“ Heather schien beeindruckt, während Cassandra einen freudigen Laut ausstieß und ihm unvermittelt um den Hals fiel.
„Du bist wirklich der Beste,“ sagte sie leise und drückte ihn fest an sich.
„Merkst Du das jetzt erst?“ neckte er sie und schloss für einen Moment die Augen. Auch wenn er die gesamte, kommende Nacht auf einem Stein verbringen musste, der sich ihm in den Rücken bohren und ihn nicht schlafen lassen würde, so hatte sich seine Investition alleine für diesen Moment gelohnt.

Kapitel 39