Kapitel 37
20. November 2001
Irgendetwas geht zwischen Heather und Alex vor. Ich bemerke, wie sie sich ansehen, wie sie versuchen so zu tun, als wäre alles ganz normal und dabei so offensichtlich nicht normal sind, dass man beinahe darüber lachen könnte, wenn es nicht so traurig wäre.
Der gestrige Abend war einfach wunderschön. Wir waren in Montreal etwas essen und danach noch in einer Bar, haben Musik gehört und ich habe Heather und Alex beim Tanzen beobachtete. Ich hätte tausende von Bilder malen können, aber da ich Angst hatte, in meine eigene Welt ab zu tauchen, habe ich es lieber gelassen.
Manchmal ist es ganz gut, wenn man sich nicht zurück zieht sondern mit offenen Augen die Zeit genießt ... auch wenn man davor Angst hat. Zumindest hat es sich gestern Abend gelohnt.
Doch auch gestern schon war da diese Spannung zwischen den beiden fast greifbar. Ich glaube, sie haben sich geküsst, bin mir aber nicht ganz sicher, da ich im entscheidenden Moment dann doch lieber auf die Toilette verschwunden bin.
Ich bin überrascht, wie seltsam es sich angefühlt hat, Heather und Alex zusammen zu sehen. Da war so ein Stechen in meiner Brust und am liebsten hätte ich mich irgendwo verkrochen und nur noch geheult. Ich verstehe das gar nicht.
Alex und ich sind nur Freunde. Mehr wird da nie sein. Ich will keinen Mann. Mir geht es gut alleine. Ich kann tun und lassen was ich will, niemand macht mir Vorschriften und keiner kann mir weh tun.
Einmal ganz abgesehen davon, dass ein Alkoholiker das Letzte ist, was ich gebrauchen kann. Manchmal, wenn ich ihn ansehe, sehe ich Mutter vor mir. Das aufgedunsene Gesicht, die glasigen Augen und dann höre ich ihre schleppende, nuschelnde Stimme. Ich spüre ihre Verachtung für mich, diesen Hass, von dem ich nicht weiß, woher er kommt. Wahrscheinlich macht sie mich dafür verantwortlich, dass Dad uns verlassen hat und dass sie dieses Kind überfahren hat. Es ist so einfach auf jemand anderen wütend zu sein, als auf sich selbst.
Obwohl ... wenn man bedenkt, mit welcher Systematik und Ausdauer sie sich selbst zu Grunde gerichtet hat, dann hatte sie wohl auch eine gehörige Portion Selbsthass entwickelt.
Im Grunde weiß ich, dass er nicht so ist. Doch die Angst, und manchmal auch die Vorsicht, bleibt.
Außerdem ist es erschreckend, wie nahe er mir schon gekommen ist. Er hat mich doch tatsächlich gestern Abend in den Arm genommen! Ich meine ... so richtig lange und irgendwie ... zärtlich. Es hat sich für eine ganze Weile richtig gut angefühlt. Unglaublich ungewohnt, so, als würde ich das erste Mal in meinem Leben von einem anderen Menschen in den Arm genommen werden. Das letzte Mal ist ja nun auch schon eine Weile her. Ich glaube es war Libby, als sie mir dieses Jahr zum Geburtstag gratulier hat und selbst das war eher eine verschüchterte, unangenehme und sehr gezwungene Geste. Wir sind beide solche körperliche Nähe nicht gewohnt.
Doch gestern Abend war es irgendwie das Natürlichste von der Welt. Ich fühlte mich beschützt und irgendwie geliebt und dieses Gefühl hat mein Herz schneller schlagen lassen und meine Knie weich gemacht.
Ich frage mich, ob es ihm auch so gegangen ist. Höchstwahrscheinlich nicht, da er körperliche Nähe ja nun eher gewohnt ist als ich.
Außerdem hat er mir versprochen, dass wir immer Freunde sein werden, was mich auf eine Art beruhigt, die ich nur schwer in Worte fassen kann. Ich habe einen wirklichen, echten Freund, das muß man sich mal vorstellen!
Jemand, der für mich da ist und für den ich auch da sein kann.
Jemand, der mir zu hört.
Jemand, dem ich nicht egal bin.
Jemand, der mich tatsächlich mag, so wie ich bin.
Ehrlich gesagt, bin ich mir noch nicht so ganz sicher, ob das auch nach unserer Reise noch so sein wird. Im Moment ist das ja alles recht einfach. Wir sehen uns jeden Tag, kommen uns irgendwie näher.
Was wird wohl sein, wenn dieser Urlaub zu ende ist? Wenn jeder wieder seiner Wege geht. Er wird nach Japan fliegen und ich ...
Mir kommt gerade der erschreckende Gedanke, dass mein eigentliches zu Hause in Glensdale liegt. Ich bin gerade mal drei Tage von dort fort und kann mir jetzt schon kaum vorstellen, zurück in mein altes Leben zu gehen. So viel ist passiert ... auch mit mir.
Ich hätte niemals gedacht, dass ich außerhalb von Glensdale überhaupt existieren könnte, dass ich mich dort wohl fühlen würde.
Im Moment erscheint es mir beinahe, als hätte ich mich von unsichtbaren Ketten befreit, die mich jahrelang an diesen Ort gebunden und mir langsam aber sicher mein Fleisch zerschunden und meinen Willen gebrochen haben.
Jetzt habe ich plötzlich begonnen zu leben, ich bin mir meiner selbst bewußt. Mir und meinen Wünschen und ich beginne langsam zu begreifen, dass ich eine Wahl habe. Ein unglaublich erschreckender Gedanke ... ich kann selbst entscheiden, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. Ich glaube, darüber möchte ich im Moment lieber nicht ausführlich nachdenken.
Wir waren heute an den Niagara-Wasserfällen. Alex hat mir gestanden, dass er ein wenig Angst hatte, es könnte heute schneien und somit die Aussichtsplattform über den Wasserfällen geschlossen sein könnte. Er meinte, dass er so gespannt darauf war, mein Gesicht zu sehen, dass das für ihn das eigentliche Ereignis war. Ich weiß nicht so genau, ob ich mich darüber freuen soll, habe es aber erst einmal so zur Kenntnis genommen.
Jedenfalls war das Wetter heute ganz angenehm. In der Nacht hatte es geregnet und als ich heute Morgen aufgewacht bin, lag strahlender Sonnenschein über Montreal.
Die Wasserfälle waren einfach grandios! Wir haben alle drei solche blauen Regencapes bekommen, in denen wir aussahen wie Schlümpfe, und haben uns dann die Wasserfälle erst einmal von oben angesehen. Die Plattform schwebt mehr oder weniger über dem tiefen Abgrund, über den das Wasser hinunter donnert. Es war teilweise so unglaublich laut, dass wir uns nur schreiend verständigen konnten.
Wobei ich eigentlich gar nichts sagen konnte. Dieser Anblick war so ... unglaublich. Wirklich atemberaubend. Es ist immer wieder erstaunlich, welche Wunder die Natur hervor bringt. Nicht einmal der geschickteste Baumeister hätte so etwas planen können. Wirklich wunderschön!
Wir sind danach tatsächlich auf ein Boot gestiegen und haben uns ganz nahe an die Wasserfälle heran fahren lassen. Das hat mir dann doch Angst gemacht. Von oben wirkte das Ganze ja schon sehr beeindruckend, aber von unten ... ich bin mir so unglaublich winzig vor gekommen und das Wasser hätte mich einfach so unter sich begraben können. Da hilft kein Betteln und kein Flehen. Wenn man erst einmal im Wasser ist, war es das.
Jede Menge Hinweisschilder um die Anlegestelle und auch im Boot haben das sehr plastisch dargestellt und ich habe versucht, mich so weit wie möglich in das Boot zurück zu ziehen. Nur keine Angriffsfläche bieten!
Heather und Alex standen allerdings ganz verzückt an der Reling und haben Unmengen von Fotos geschossen (Alex hat so eine Einwegkamera an einem Souvenirstand gekauft).
Und da war wieder dieses Gefühl, dass die beiden eigentlich wie für einander gemacht sind und das ich in ihrer Mitte nichts zu suchen habe.
Ich hasse den Gedanken, dass irgendjemand auf mich Rücksicht nehmen muß. Ich bin kein Kleinkind mehr und trotzdem komme ich manchmal alleine nicht zurecht. Das ist nicht fair!
Morgen geht es weiter in das Landesinnere hinein. Alex meinte, er hätte genug von der Kälte und es würde Zeit, weiter Richtung Westen zu fahren. Er hat mich gefragt, ob ich Lust hätte zu sehen wie er lebt ... in L.A.! Natürlich will ich das sehen! Wobei ich auch ein wenig Angst davor habe. Ich befürchte, ich passe dort noch weniger hinein als in ein Boot, das gerade unter den größten Wasserfällen der Welt hindurch schippert.