Kapitel 35
Hektisch löste er sich aus Heathers Umarmung und drängte sich durch die tanzenden Körper. Wo war Cassandra hin? Hatte sie gesehen, wie Heather versucht hatte, ihn zu küssen? War sie deshalb verschwunden? Oder hatte sie womöglich die Angst gepackt und war einfach gegangen?
Als er ihren Tisch erreichte, war ihre Tasche nicht mehr da, allerdings lag der Block noch auf dem Tisch und der Bleistift lag quer darüber. Er schob ihn zur Seite und erblickte sein Gesicht im Profil. Sein Blick war auf Heather gerichtet, die zu ihm aufsah. Alles in allem strahlte dieses Bild so viel erotische Spannung aus, dass ihm beinahe übel wurde. Sie hatte sicherlich die Situation komplett falsch interpretiert.
Suchend blickte er sich in der Bar um, doch in dem dämmrigen Licht konnte er so gut wie gar nichts erkennen. Die Gesichter verschmolzen vor seinen Augen, überall bewegte sich etwas und er spürte, wie ihn langsam so etwas wie Angst erfasste.
Sie kommt bestimmt gleich wieder, hörte er Heather hinter sich, die ganz langsam ihre Hand über seinen Rücken gleiten lies.
Lass das, sagte er schärfer als beabsichtigt und trat einen Schritt zur Seite.
Hey, ganz ruhig. Ich will Dir nichts tun, entgegnete Heather und in ihrer Stimme lag ein beleidigter Unterton.
Lass uns lieber Cassandra suchen.
Sag mal, Du tust gerade so als sei sie 4 und nicht 24. Ob Du es glaubst oder nicht, sie kann alleine auf sich aufpassen.
Wer kann alleine auf sich aufpassen? hörten sie plötzlich eine Stimme hinter sich und A.J. wirbelte herum. Noch nie im Leben war er so erleichtert gewesen, Cassandras Gesicht zu sehen. Sie schaute interessiert von einem zum anderen, schob sich dann an Heather vorbei und setzte sich wieder auf ihren Platz.
Ach, Mr. McLean war besorgt Du könntest Dich verlaufen haben, entgegnete Heather und lies sich ebenfalls auf ihren Stuhl sinken.
Ich war lediglich mal für kleine Mädchen, gab Cassandra zurück und sah dann stirnrunzelnd zu A.J. auf. In diesem Moment verfluchte er sich innerlich für seine überstürzte Reaktion. Er hatte sich gerade sehr erfolgreich zum Idioten des Abends gemacht und er schämte sich.
In diesem Moment begann das nächste Lied.
Im not supposed to be scared of anything
But I dont no where I am
Hey, das ist mein Lied! strahlte Cassandra und blickte zu A.J. auf.
Hm, gab er lediglich zurück und wußte nicht so genau, was er tun sollte. Er beschloss, dass ihm ein wenig frische Luft nicht schaden konnte.
Ich bin mal kurz draußen. Bin gleich wieder da, ja? sagte er deshalb, drückte Cassandra kurz die Schulter und strebte dann dem Ausgang zu.
Als er hinaus in die Kälte trat, schlang er fröstelnd die Arme um seinen Körper. Er hätte daran denken sollen, seine Jacke mit zu nehmen. Kanada war eben nicht Kalifornien.
Er lief noch eine Weile die Straße hinunter, blieb schließlich in einem Hauseingang stehen, der ihn zumindest vor dem schneidenden Wind schützte und fischte ein zerknittertes Päckchen Zigaretten aus seiner Hosentasche. Als er die erste Wolke grauen Rauches in die Luft blies, fühlte er sich schon wieder etwas besser.
Wie hatte er auch nur so überstürzt und panisch reagieren können? Es war überhaupt nichts passiert! Cassandra war lediglich auf der Toilette gewesen und Heather hätte er sich auch vom Hals halten können, wenn er nur einmal richtig nachgedacht hätte. War es nicht sogar ziemlich vermessen von ihm davon aus zu gehen, dass es Cassandra überhaupt etwas ausmachen könnte, wenn er mit Heather flirtete? Sie hatte ihm doch nun mehr als deutlich zu verstehen gegeben, dass sie lediglich Freunde waren.
Seine Zähne schlugen inzwischen laut aufeinander und sein ganzer Körper bebte vor Kälte. Verdammt, warum hatte er auch nicht an seine Jacke gedacht?
Du wirst Dir hier draußen noch den Tod holen, hörte er plötzlich Cassandras Stimme und wie aus dem Nichts schwebte seine Jacke in sein Blickfeld.
Mit zitternden Hände griff er danach und schlüpfte hinein.
Vielen Dank. Du hast mich vor dem Erfrieren bewahrt, sagte er erleichtert.
Gerne geschehen.
Für einen Moment schwiegen sie und er traute sich dabei nicht, sie an zu sehen.
Ist alles in Ordnung? fragte Cassandra schließlich leise und er sah auf sie hinunter.
Klar. Mir war nur so warm ... und na ja ... ich hielt frische Luft für einen gute Idee.
Er versuchte zu lächeln, doch er hatte das Gefühl, dass sein gesamtes Gesicht bereits eingefroren war.
Ich habe nichts dagegen wenn Du und Heather ... na ja ... Du weißt schon, sagte Cassandra unvermittelt und starrte dabei angestrengt auf ihre Schuhspitzen hinunter.
Du hättest nichts dagegen? ein schmerzhaftes Stechen breitete sich in seiner Herzgegend aus.
Sie ist eine attraktive Frau und ... na ja ... sie mag Dich sehr.
Ich mag sie auch ... aber das heißt ja noch nicht, dass ich mich gleich von ihr küssen lassen muß, oder?
Es sah aber so aus, als hättest Du nicht wirklich etwas dagegen, erwiderte Cassandra und hob endlich den Blick. Ihr Gesichtsausdruck war ruhig und gefasst - kein Schmerz, kein Bedauern. Scheinbar meinte sie jedes Wort genau so, wie sie es gesagt hatte.
Du meinst also, es würde Dir überhaupt nichts ausmachen? hakte er nach.
Nein. Warum sollte es?
Ja, warum sollte es, wiederholte er leise und versuchte den pelzigen Geschmack in seinem Mund irgendwie los zu werden.
Eine Bedingung hätte ich da allerdings, fuhr sie fort und endlich konnte er eine Spur von Unsicherheit in ihrer Stimme feststellen.
Die da wäre?
Versprichst Du mir, dass Du mich nicht ganz vergisst? Ich meine ... also ... irgendwie ... , sie stockte und senkte erneut den Blick.
Hey, sagte er sanft und streichelte ihren Arm wie könnte ich Dich jemals vergessen?
Es ist nur ... weißt Du ... unsere Freundschaft ist mir sehr wichtig. Ich möchte, dass Du glücklich bist und ... na ja ... Heather ist wirklich unglaublich nett und ihr würdet gut zusammen passen. Es wäre nur einfach schön, wenn wir trotzdem Freunde bleiben könnten.
Egal was auch passiert, wir werden immer Freunde bleiben, sagte er leise und zog sie noch ein Stück näher zu sich heran.
Versprichst Du es? flüsterte sie.
Großes Pfadfinderehrenwort, entgegnete er und schlang seine Arme vorsichtig um sie.
Sie lehnte den Kopf an seine Schulter und seine Lippen streiften wie selbstverständlich ihr Haar. Plötzlich war ihm überhaupt nicht mehr kalt. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er ewig so hier stehen bleiben können. Ihr Körper fühlte sich so unglaublich weich an und er meinte, ihre Herzen im gleichen Takt schlagen zu hören, was eigentlich unmöglich war, da sein eigener Herzschlag unglaublich laut und schnell in seinen Ohren rauschte.
Viel zu früh, für seinen Geschmack, löste sie sich wieder von ihm.
Wir sollten wieder rein gehen. Heather vermisst uns sicherlich schon.
Wieso gehst Du nicht schon einmal vor? Ich rauche noch meine Zigarette zu ende und dann komme ich nach.
Eigentlich hätte er sie gerne begleitet, doch er fühlte sich im Moment außer Stande auch nur einen Schritt zu tun. Seine Beine fühlten sich weich wie Pudding an und er hätte nicht gewußt, wie er im Moment Heather gegenüber treten sollte. Sie würde ihm sofort an der Nasenspitze ansehen, was gerade mit ihm geschehen war. Er hatte sich verliebt. In dieses Mädchen, von der er zwei Jahre ihres Lebens bis ins kleinste Detail kannte und doch keine Ahnung davon hatte, wer sie wirklich war.
Cassandra nickte zögerlich in Ordnung. Aber wenn Du in fünf Minuten nicht da bist komme ich Dich holen und glaub mir, das ist eine Drohung!
Er mußte über ihren ernsten Gesichtsausdruck lachen.
Jawohl mein General, entgegnete er und Cassandra kicherte leise.
Dann bis gleich.
Ja, bis gleich.
Er sah ihr nach wie sie, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben und mit gesengtem Kopf, die Straße entlang ging, gleich darauf die Tür zur Bar aufzog und darin verschwand.
Augenblicklich begann er erneut zu frieren und mit einem geübten Schnipser, beförderte er seinen Zigarettenstummel in hohem Bogen in den Rinnstein. Er hatte es mal wieder geschafft, sich in eine unmögliche Situation zu bringen und bis jetzt hatte er noch keine blassen Schimmer, wie er sich da wieder hinaus manövrieren sollte.