Kapitel 34
Wußtet Ihr, dass in Kanada niemand seine Haustür abschließt?
Nicht abschließt? Du meinst also ... die sind ... offen? Cassandra sah nicht so aus, als würde sie Heather auch nur ein Wort glauben.
Genau das. Rein theoretisch könnten wir jetzt aus dieser Bar gehen und bei dem Nächstbesten in die Wohnung spazieren.
Warum tun die so etwas? fragte Cassandra und sog an ihrem Strohhalm. Das große Glas hatte sich bereits merklich geleert und A.J. beobachtete interessiert, wie sich Cassandras Wangen röteten und ihre Augen einen glasigen Schimmer bekamen.
Keine Ahnung. Scheinbar haben sie keine Angst vor Einbrechern.
Abgesehen davon kommen Einbrecher sowieso ins Haus wenn sie das wirklich wollen, entgegnete A.J. also ist es eigentlich angenehmer, wenn sie wenigstens die Haustür heil lassen und nur die Inneneinrichtung mitnehmen.
Ist bei Dir schon einmal eingebrochen worden? fragte Cassandra interessiert.
Nein, bisher Gott sei Dank noch nicht. Immerhin habe ich viel Geld für eine Hightech-Alarmanlage ausgegeben. Irgendwie muß sich das viele Geld ja rentieren.
Höchstwahrscheinlich übernachten die Mädels vor Deiner Haustür, was? fragte Heather und der Blick, den sie ihm dabei zu warf war schwer zu deuten. Es schien fast so, als versuchte sie mit ihm zu flirten.
Die Zeiten sind vorbei, gab er etwas unbehaglich zurück und außerdem ist das auch nicht wirklich angenehm.
Das kann ich mir vorstellen, meinte Cassandra mitfühlend.
Ach ich weiß nicht. Muß doch toll sein, wenn man sich aus einer ganzen Horde das richtige Mädel aussuchen kann, fuhr Heather nachdenklich fort.
Bei uns ist schon zwei Mal eingebrochen worden, sagte Cassandra schnell und A.J. sah überrascht zu ihr hinüber. Wollte sie tatsächlich etwas persönliches erzählen?
Echt? fragte Heather auch sofort. Haben sie viel mitgehen lassen?
Nein. Eigentlich haben sie nur die Einrichtung verwüstet und Beschimpfungen an die Wände geschmiert.
Das ist ja wohl das Letzte! ereiferte sich Heather.
Ich hoffe, ihr wart nicht zu Hause, meinte A.J. erschrocken.
Meine Mutter war zu Hause, hat aber Gott sei Dank im oberen Stock geschlafen und das so fest, dass sie überhaupt nichts mitbekommen hat.
Wie kann man denn so etwas verschlafen? Die müssen doch einen wahnsinnigen Krach gemacht haben?
Das Gleiche hatte A.J. sich auch gerade gefragt, doch er hätte Cassandra wohl niemals diese Frage gestellt, da er Angst hatte, sie würde sich sofort wieder in ihr Schneckenhaus zurück ziehen. Doch scheinbar hatte der Alkohol einige von ihren Hemmungen hinweggespült.
Sie war vollkommen betrunken. Glaubt mir, die hätte noch nicht einmal mit bekommen, wenn sie aus dem Haus getragen worden wäre.
Und wo warst Du? fragte A.J., der sich durch Cassandras Worte unangenehm an seine Vergangenheit erinnert fühlte.
Ich war arbeiten. Irgendjemand mußte ja das Geld verdienen, sagte Cassandra und klang dabei so, als sei das das Normalste von der Welt, doch an ihren leicht hoch gezogenen Schultern konnte er erkennen, wie schwer es ihr trotz allem fiel, darüber zu sprechen.
Tja, wir haben es wohl alle nicht so leicht im Leben, stellte Heather fest und begann dann in ihrer Tasche zu kramen.
Ich werde uns jetzt, verkündete sie schließlich ein wenig richtig gute Musik spendieren, sofern sich so etwas in diesem altertümlichen Gerät befindet.
Au ja, darf ich auch etwas aussuchen? fragte Cassandra aufgeregt.
Aber klar doch. Heather hatte sich bereits erhoben und Cassandra schob ebenfalls ihren Stuhl zurück.
Kommst Du mit? fragte sie an A.J. gewandt, doch er schüttelte den Kopf.
Macht ihr das ruhig alleine. Aber etwas Anständiges wenn ich bitten darf.
Wir werden uns bemühen, kicherte Heather, faste Cassandra an der Hand und zog sie hinter sich her direkt in ein Getümmel von Menschen hinein. Innerhalb von Sekunden waren sie aus A.J.s Blickfeld verschwunden.
Nachdenklich nahm er einen Schluck von seinem Cocktail. Er betrachtete das eben Gehörte von allen Seiten und versuchte sich ein Bild von Cassandras Lebenssituation zu machen.
War es eine Ausnahme gewesen, dass ihre Mutter zu betrunken gewesen war um die Eindringlinge zu bemerken? Was meinte Cassandra damit, dass schließlich einer das Geld verdienen mußte?
In seinem Inneren regte sich ein schrecklicher Verdacht und unbehaglich sah er sich nach den beiden Frauen um. Sie standen mittlerweile tief über die Jukebox gebeugt und schienen sich angeregt über die diversen Titel zu unterhalten. Cassandra versuchte immer wieder ein paar Knöpfe zu drücken, was Heather lachend abwehrte und scheinbar darauf bestand, erst einmal alle Titel zu sichten. Während er so zu ihnen hinüber starrte und sich ein leises Grinsen auf sein Gesicht legte, schaute Cassandra unvermittelt auf und zu ihm hinüber.
Sie grinste, zeigte dann auf Heather und lies den Zeigefinger an ihrer Stirn kreisen. Ja, Heather war tatsächlich verrückt, aber irgendwie mochte er sie.
Er breitete die Arme aus, so als wollte er sagen ich kann nichts dafür, Du wolltest sie mitnehmen woraufhin Cassandra in gespielter Verzweiflung mit den Augen rollte und sich dann lachend wieder der Jukebox zuwandte.
Schließlich hatten die beiden wohl ihre Wohl getroffen. Ein paar Mal drückten sie noch auf den Knöpfen herum und bahnten sich dann mit zufriedenem Gesichtsausdruck einen Weg zu ihm zurück.
Sie hatten kaum den Tisch erreicht, als auch schon das nächste Lied begann.
Hey das ging aber schnell, rief Heather begeistert und fasste nach A.J.s Hand komm, lass uns tanzen.
Er stolperte mehr als er lief und im Vorbeigehen fasste er nach Cassandras Hand. Doch diese zog sie schnell wieder zurück.
Macht ihr nur, ich sehe Euch lieber zu.
Bist Du Dir sicher? A.J. stemmte die Füße in den Boden und ignorierte die nervös zappelnde Heather an seinem Arm.
Tanzen ist nicht so meine Welt, gab Cassandra zu und scheuchte ihn dann mit einer Handbewegung und einem freundlichen Lächeln in Richtung Tanzfläche. Eher widerwillig folgte A.J. Heather, die sich zwischen einigen Grüppchen tanzender Menschen hindurch schob und schließlich in der Mitte der Tanzfläche stehen blieb.
Zu den Klängen von Chaka Khans Aint nobody begann sie sich aufreizend zu bewegen und ganz automatisch passte er sich ihrem Rhythmus an.
Er mußte zugeben, dass sie wirklich wußte, was sie tat. Kleine Strahler tanzenden Lichts umschmeichelten immer wieder ihre schmale Silhouette und als sie sich noch näher an ihn heran schob und ihm schließlich ihre Arme um den Nacken schlang, genoss er das Gefühl ihrer Nähe.
Ein leises Lächeln lag auf ihren Gesichtszügen und keine Sekunde lies sie ihn aus den Augen.
Für einen Moment warf er einen Blick zurück an ihren Tisch. Cassandra hatte sich tief über den Tisch gebeugt und hielt einen Bleistift in der Hand, der zügig und mit geschmeidigem Schwung über einen kleine Stenoblock wirbelte. Sie schien ihn, Heather und die komplette Bar um sich herum vergessen zu haben.
Darf ich Dich etwas fragen? sagte Heather plötzlich dicht an seinem Ohr und er nickte ganz automatisch.
Cassy und Du ... ich meine ... seit ihr zusammen ... also ... so zu sagen ... ein Paar?
Als sein Blick auf ihren traf, wirkte sie vollkommen ernst. Kein Lächeln, keine gerunzelte, nachdenkliche Stirn, einfach nur der gespannte Ausdruck ihrer dunklen Augen.
Wir sind kein Paar, nein. Aber irgendwie ... , wieder wanderte sein Blick zurück zu Cassy, die den Kopf gehoben hatte und nun zu ihnen herüber starrte ... aber irgendwie sind wir auch zusammen. Frag mich nicht, das ist ziemlich kompliziert.
Er fand, dass er seine Beziehung zu Cassandra eigentlich ganz gut erklärt hatte, doch Heather schien sich nicht damit zufrieden geben zu wollen.
Das heißt also, dass Du nicht vergeben bist?
Das heißt, dass ich das nicht so genau weiß. Ich habe Cassandra sehr gern und ich werde nichts tun, was ihr weh tun könnte.
Denkst Du, es würde ihr etwas ausmachen wenn ich ... nun ja ... wenn ich Dich jetzt küsse? dabei kam ihr Gesicht dem seinen ganz nahe und für einen kurzen, köstlichen Moment war er versucht diesem Angebot nach zu geben. Sie wirkte so verführerisch, wie sie sich an ihn schmiegte, ihre Arme noch etwas fester um seinen Nacken schlang und ihre leicht geöffneten Lippen sich seinen näherten.
Unbeabsichtigt huschte sein Blick erneut zurück zu ihrem Tisch. Cassandras Platz war leer.