Kapitel 33

Sie fuhren eine Weile durch die Stadt, die jetzt im Dunkeln mit ihren hunderten von Lichtern anheimelnd und einladend wirkte.
Die Frauen waren in einer aufgekratzten Stimmung und A.J. stellte fest, dass er Cassandra noch sie so ausgelassen erlebt hatte.
Allerdings konnte er sich dabei manchmal nicht des Eindrucks erwehren, dass etwas unter der Oberfläche ihrer Heiterkeit schlummerte, was ganz und gar nicht ausgelassen und lustig war.
Manchmal, wenn sie glaubte, dass sie niemand beobachtete, schweifte ihr Blick nach draußen und wanderte an den Hochhäusern des Finanzdistriktes hinauf und in ihrem Gesicht lag dabei ein Ausdruck, den er nur schwer deuten konnte. Sie wirkte dann so ernst und in sich gekehrt, was so gar nicht zu ihrer Ausgelassenheit passen wollte.
Sie entschieden sich schließlich für ein Steakhaus, das mitten im Zentrum der Stadt lag und augenscheinlich gut besucht war.
Bevor man ihnen einen Tisch zuteilen konnte, mußten sie noch ungefähr eine Stunde an der Bar verbringen.
Als sie sich auf den Barhockern nieder ließen, fühlte er sich augenblicklich unwohl. Links von ihm saß ein junges Paar, das sich gemeinsam eine Flasche Rotwein schmecken lies und er bildete sich ein, dass er das Bukett riechen konnte, obwohl er dafür eigentlich zu weit weg saß - aber eben nicht weit genug.
Immer wieder wurde sein Blick wie magisch von der dunkelroten Flüssigkeit in den bauchigen, langstieligen Gläsern angezogen, so dass er teilweise noch nicht einmal der Unterhaltung von Cassandra und Heather folgen konnte.
Er drehte sein Glas Mineralwasser nervös in den Händen, nippte ab und zu daran und war dabei der Meinung, noch nie etwas faderes getrunken zu haben.
Zu allem Überfluß war das Rauchen selbst hier an der Bar verboten und er wünschte sich nichts sehnlicher, als dass sie endlich an ihren Tisch geführt wurden und er somit dem verlockenden Duft des Alkohols entkommen konnte.
Irgendwann spürte er, wie sich ein Arm um seine Schulter legte und Cassandra ganz nahe an seinem Ohr flüsterte „wenn Du noch weiter so auffällig diesen Rotwein anstarrst, werden Dich die Leute bald einladen oder verprügeln.“
„Ist das so offensichtlich?“ fragte er, ohne sie an zu sehen, wohl wissend, dass diese Frage keiner Antwort bedurfte.
„Nun ja ... sagen wir mal so ... über was haben Heather und ich uns die letzten fünf Minuten unterhalten?“
„Keine Ahnung,“ gab er zu und wagte es immer noch nicht sie anzusehen, weil er Angst hatte den Ausdruck von Abscheu in ihren Augen zu lesen.
Sanft umfasste Cassandras Hand sein Kinn und drehte so seinen Kopf zu sich herum.
„Wir haben gerade darüber gesprochen, was für ein toller Kerl Du doch bist und wie liebenswert und das es höchstwahrscheinlich keinen zweiten auf der Welt gibt, der uns so lange zusammen erträgt.“
Da war keine Abscheu, kein Tadel, kein Spott, keine Herablassung sondern einfach ein liebevolles Lächeln, dass sein Herz schneller schlagen lies und die Gedanken an einen genüsslichen Schluck Rotwein verdrängte.
„Ich würde sagen, ich bin hier der Glückliche,“ gab er zurück und ein vorsichtiges Lächeln stahl sich dabei auf sein Gesicht.
„Wenn Du es so sehen möchtest,“ lachte Cassandra leise und wandte sich wieder ihrem Kirschsaft zu.
In diesem Moment kam der Ober und bedeutete ihnen, ihm zu folgen. Er führte sie durch das halbe Lokal und wies ihnen schließlich einen großen, runden Tisch am Fenster zu, aus dem sie einen fantastischen Blick über die Stadt genossen und den A.J. vorher mit einem großzügigen Trinkgeld bestellt hatte.
Sofort fühlte er sich um einiges besser und entspannt griff er nach der Speisekarte.

Einer der Kellner hatte ihnen eine Bar empfohlen, die nicht weit von dem Restaurant entfernt lag und in der man um diese Uhrzeit noch ohne Probleme einen Platz bekommen konnte.
A.J. schlenderte mit Cassandra und Heather am Arm die Straße hinunter, wobei sie alle Drei interessierte Blicke in die Schaufenster warfen und sich ausmahlten, was sie alles kaufen würden, wenn die Läden noch geöffnet hätten.
Schließlich erreichten sie die Bar. Große Fenster gingen auf die Straße hinaus und die Kerzen die auf den Tischen flackerten erschienen ihnen wie kleine, losgelöste Irrlichter im dahinter liegenden Dunkel der Bar.
Als sie nacheinander durch die leicht quitschende Eingangstür traten, umfing sie das leise Gemurmel von Gesprächen und Musik, die sich samtweich über die Anwesenden legten.
A.J. gefiel es hier auf Anhieb und als er sich zu Heather umdrehte, sah er dort den gleich Ausdruck von Zufriedenheit. Cassandra schien sich noch nicht ganz entschieden zu haben. Unruhig huschte ihr Blick von einer Ecke in die andere. Sie musterte jedes Gesicht, jedes der kleinen Blechschilder an den Wänden und die Paare, die sich auf einer kleinen Tanzfläche im hinteren Teil der Bar zu den langsamen Klängen einer Jukebox bewegten.
„Ist das hier o.k. für Dich?“ fragte er so leise, dass Heather es nicht hören konnte und Cassandra nickte sofort.
„Alles bestens,“ sagte sie und ihre Mundwinkel huschten dabei flüchtig nach oben.
„Das mit dem Lügen musst Du noch üben,“ sagte er sanft.
„Es ist wirklich in Ordnung,“ entgegnete Cassandra nun schon etwas entspannter „gib mir einfach einen Moment um mich daran zu gewöhnen, o.k.?“
„In Ordnung. Aber wenn das hier nicht das richtige für Dich ist, sagst Du bescheid, ja?“
„Mach’ ich,“ nickte Cassandra „und jetzt hör’ auf, Dir dauernd Gedanken darum zu machen, ob es mir gut geht. Ich habe einen Mund und den kann ich auch benutzen, wenn es nötig sein sollte.“
Eine leichte Schärfe schwang in ihren Worten mit und etwas verblüfft wandte er sich ab.
Heather, die von alldem nichts mitbekommen hatte, bahnte sich einen Weg durch die, um die Theke herum stehenden Gäste und strebte einem Tisch im hinteren Teil an, der sich nahe der Tanzfläche befand und von dem sich gerade eine Gruppe von Menschen erhob und ihre Jacken überzogen.
„Glück muß man haben,“ grinste sie, als A.J. und Cassandra sie erreichten und sich zu ihr setzten.
„Das hast Du gut gemacht,“ lobte Cassandra und schlug dabei elegant ihre Beine übereinander. Von ihrer anfänglichen Unsicherheit war nichts mehr zu spüren.
„O.k.,“ sagte Heather und klatschte in die Hände „lasst uns etwas trinken.“
Sie zog die Cocktailkarte zu sich heran und begann sie eingehend zu studieren.
„Hey, hier gibt es Cocktails für mehrere Personen. Sollen wir uns so einen teilen? Wie wäre es mit einem „Southern Beach“ mit Wodka, Granmanie und Limonensanft? Oder ... ,“
„Ich hätte gerne etwas ohne Alkohol,“ unterbrach sie A.J. und Heather blickte auf.
„Ach ja richtig, Du mußt ja fahren.“
A.J. machte sich nicht die Mühe diese Aussage zu korrigieren. Hauptsache, er wurde nicht noch einmal dazu aufgefordert, Alkohol zu trinken. Die Versuchung war groß, aber im Moment konnte er sein Verlangen recht gut im Zaum halten.
„Was ist mir Dir Cassy? Trinkst Du einen „Southern Beach“ mit mir?“
„Ich ... glaube ...also ... ich weiß nicht.“
Fragend sah Cassandra zu A.J. hinüber.
„Macht ihr zwei nur,“ grinste A.J. „ich bin sehr gespannt, wer von Euch zu erst singend auf dem Tisch tanzt.“
„Ich nicht,“ sagten Heather und Cassandra wie aus einem Mund und lachten dann.
Am Ende bestellten sie tatsächlich einen „Southern Beach“ für zwei Personen und für A.J. einen „Sweet Dreams“ ohne Alkohol.
Als die beiden riesigen Gefäße auf dem kleinen Tisch standen, hatte noch nicht einmal mehr ein Aschenbecher darauf Platz und genüsslich schlürfend beugten sich alle drei über ihre Getränke.

Kapitel 34